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so Jahrgang.

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Mt». 16. Redaktions-Fernsprecher No. 52.

Freilag, den 10. Januar.

VerlagS-Fernsprcchcr No: 2266. 1902.

Abend-Ausgabe.

MLrd der Dreibund erneuert werden?

„Ter Dreibund ist eine strategische Stellung, die an­gesichts der zur Zeit seines Abschlusses drohenden Ge­fahren rathscun und unter den obwaltenden Verhältnissen zu erreichen war. Er ist von Zeit zu Zeit verlängert' worden, und es mag gelingen, ihn weiter zu verlängern. Aber ewige Dauer ist keinem Vertrage zwischen Groß-- machten gesichert, und es wäre unweise, ihn als sichere Grundlage für alle Möglichkeiten betrachten zu wollen, durch die in Zukunft die Verhältnisse, Bedürfnisse und Stimmungeil verändert werden können, unter denen, er zu Staude gebracht wurde .... Er dispensirt nicht voll dam toujours en vedette . . . ."

So hat Fürst Bismarck m seinen „Gedanken und Er­innerungen" gesagt, und diese Worte erregten, als jenes großartige historische Dokument veröffentlicht wurde, all- gemeiues Aufsehen. Klingen die Worte, welche der Reichskanzler Graf B ii I o w vorgestern im R e i ch s - tage über beu Dreibund gesprochen hat, nicht wie die logische Fortsetzung jener Bismarck'schen Worte, wie die Bestätigung jenes Satzes, lvie die Nutzanwendung aus ihm? Der Reichskanzler Graf Bülow fing in seiner vorgestrigen, unerwartet gekommenen Rede vom Kleinen an und kam zum Großen, er begann mit Chamberlain und schloß mit dem Dreibund, mit der internationalen Konstellation überhaupt. Fast möchten wir sagen, cs ging dem Grafen Bülow wie Saul, welcher ausging, einen Esel zll suchen, und eiir Königreich fand, aber wir wollen uns ilicht jener Unhöflichkeit schuldig machen, welche den. ^englischen Minister Chamberlain auszeichuet.

Die Abfertigung, welche Graf Bülow dem englischen Minister Chamberlain hat zu Theil werden lassen, war ebenso würdig gehalten, wie sie unzweideutig war; und das deutsche Volk kann nach dieser Abfertigung von berufener Stelle über die läppischen Aeußerungen Chamberlains, die, wie Graf Bülow richtig bemerkte, an das deutsche Heer nicht heranreichen, zur Tagesordnung übergehen. Wenn Graf Bülow seiner Abfertigung Chaniberlains die Bemerkung hinzufügte, daß die unver­minderte Fortdauer freundschaftlicher Beziehungen zwischen Deutschland und England gleichmäßig den Interessen beider Theile entspreche, so bedeutete das nicht nur ein Pflaster auf die Wunde, sondern noch mehr eine Mahnung an die Adresse Englands, nicht leichtfertig die Feindschaft Deutschlands herauszufordern, denn England hat an Gegnern gerade keinen Mangel.

Noch weit bedeutsamer aber war, was der Reichs­kanzler gestern über den Dreibund ausführte, über dessen Erneuerung oder Nichterneuerung in naher Zeit 'entschieden werden wird. Zuweilen hatte man bei der

8. Fortsetzung. Nachdruck verboten.

Frei für die Ehre!

Ein Roman aus dem Paffeier von M. v. Ocrtzen.

Und so begann der Klausenhofbauer

„Es war einmal ein Bauer auf dem Klausenhof, der war reich und ledig. Obwohl er schon die Vierzig g habt hat, immer noch ledig. Das Diandl, mit dem er in seiner Jugend versprochen war, ist ihm auf dem Jausenpaß zwischen Sperzing und deui Passeier bei einer Wallfahrt dersrorstr, und eben sehn's Diandl hat er nie vergess n können. Er hat so recht und schlecht g'lcbt, eine Andere hat er nit mögen. In der Zeit hat ein junges Ding aus Welschtirol, ich mein' aus Arco, um Arbeit Lei ihm nachgefucht. Gewandert ist es kommen ohne Schuah und Strümps', das G'wandl verrissen, a halb's Kind. Drei Tag' hat's nichts gegessen g'habt — wie ich mich noch besinn', ob ich's nehmen soll oder zum Karaten schicken, sagt der Tonerl, mein Knecht, mir ms Ohr. „Meül Bauer, das Diandl könnt' beim tauben helfn, sakrisch viel Arbeit hätten wir twch zu verrichten!" So Hab' ich das Diandl behalten. Der Tonerl aber war ein gewaltthätiger Ateirsch, vorbestraft wegen Raufen und hitzig, wie Pulver — sonst fleißig und brav. Den Weibsen hat er nie nachg'schaut, doch die Annamaria Hals rhni völlig anthan und ich Hab' im Stillen gehofft, sie werd' ihn am Bandl halten und aus den zwei wird einmal ein Paar. Anstatt dessen sein die Streitereien im Torf wieder angegangen, der Tonerl war eifersüchtig bis zum Wahnsinn — und das Diandl hat ihn noch vollends verrucht gemacht. Am End' — ja, am End — Hab ich ihm und ihr aufkündet ... da — in der Nacht, eh der Tonerl fort sollt, — kommt er heim — und weckt nuch beim Raufen halt' er den Schullehrer erschlag'n — um Christi willen sollt' ich das Diandl behalt'n — er muß ngch Bapern hinüber — wohl, und so is 's gescheh n. Nur

vorgestrigen Rede den Eindruck, als wollte Graf Bülow den Dreibund „fortloben", wie man zu sagen pflegt. Er ertheilte ihm alles Lob. Er bezeichnete ihn als im höchsten Maße werthvoll und als verstärkte Garantie fiic_ den Frieden und den statu« quo, und er gab der Hoffnung Ausdruck, daß der schon, so oft mW so hartnäckig todt ge­sägte Dreibund nur desto länger leben werde, wie er sich denn auch gegenwärtig des besten Wohlseins erfreue. Aber der Refrain dieser Lobeshymnc bestand doch in der Erklärung, die weithin Aufsehen erregen wird, daß der Dreibund „für uns nicht gerade eine absolute Noth- wendigkeit mehr ist."

lind trotzdem will Gras Bülow den Dreibund nicht „fortloben", aber er hält offenbar das offene Aussprechen dessen, was ohnehin die Spritzen von den Dächern pfeife», für das beste Mittel, die Erneuerung des Dreibundes zu sichern. Gegenüber den Stimmen, die in Italien den Dreibund gern durch ein Zusammengehen mit Frankreich ablösen inöchten, und gegenüber beit polnisch-tschechischen Umtrieben in Oesterreich gegen den Dreibund hat cs der Leiter der deutscheil Politik offenbar für nothwendig ge­halten, den Verantwortlichen Staatsmännern in jenen Ländern zu Gemüthe zu führen, daß der Dreibund für sie mindestens so nothwendig ist,' als für uns, ja daß Deutschland den Dreibund überhaupt nicht mehr als eine „absolute Nothwendigkeit" ansieht. „Wir laufen Nie­mandem nach!" so erklärte schon Fürst Bismarck.

Die Mahnungen des Grafen Bülow werden an den Stellen, an die sie gerichtet sind, ihre Wirkung voraus­sichtlich nicht verfehlen. Am 6. Mai nächsten Jahres läuft der Vertrag Deutschlands mit Italien ab. Viel­leicht wird man sich bis dahin in Italien darüber klar werden, daß ein Bündnis; mit Frankreich Italien zu einem Staate zweiten Ranges Herabdrücken, das Mittelmeer zu einem französischen See machen würde. In Oesterreich aber sind die Staatsmänner wohl noch niemals, oder wenigstens nur sehr vorübergehend, rin Zweifel darüber gewesen, daß Oesterreich seine Positiorr im Orient dem. Bündnis; mit Deutschland verdankt. Endlich wird man irr beiden Ländern nicht über die Thatsache hinwegsehen können, das; die Möglichkeit eines Zusammengehens Deutschlands mit den« Zweibund heute jedenfalls mit mehr Ernsthaftigkeit diskutirt wird, als man das für! möglich gehalten hätte. Auf alle Fälle wird inan auf das Echo gespannt feilt müssen, welches die Bülow'sche Rede in Oesterreich-Ungarn und iir Italien sinder.

Deutscher Reichstag.

Berlin, 9. Januar.

Tagesordnung: Fortsetzung der ersten Lesung des Etats. Abg. Bachem (Centr.) bespricht die Finanzlage des Reiches, wobei er das Anwachsen der Reichsschulden binnen 12 Jahren um 2 Milliarden beleuchtet. Daß sparsamer gewirthschaftet werden muffe, sei zweifellos. An der gegenwärtigen Finanz-

daß der Schullehrer nit todt war. Und daß sie ihn doch kriegt hab'n, den Tonerl, auf'm selben Jausenpaß."

Ter Bauer legte eine Hand auf die Kniee des Burschen, dem eine Blutwhlle in die Schläfe stieg.

„Es ist lang her, irimm Dir's nit Harb für. Er hat viele Jahr' im Zuchthaus arbeiten müssen, eh' er frei kommen is. Und dann — ist es halt immer schlimmer mit ihm geworden — das Trinken —- imd dann die Schleichwege im Gebirg' mit Wildern und Schmuggeln."

„Er lebt noch", fragte heiser der Paule.

„Freilich wohl. Nit gar weit von hier. Und was jetzt das Diandl angeht — drei Tag war's wie todt — dann hat's wieder geschafft und gelacht, wie früher. Und an Peter Paill ist ein Büble g'lcgen droben in der Kammer. Das Büble warst Du. Ich hab's dem Toner! schreiben lassen, er hat tue kein Antwort itit geb'n. Die Leut' im Dorf hab'n mir zugeredet, der Annamaria auf- zttkünden. Ich aber Hab' g'merkt, daß mir das Kindl ait's Herz gewachsen tvar, daß ich mich nit von ihm trennen könnt! Des Nachts hat's mich plagt: „Tu bist eilt alleiniger Mann und hast Niemand auf der Welt, der Bua, der arm' Hascher, hat keilten Vater und keinen Namen. Thut's Euch zttsamlnen, Du wirst a Freud' hab'n an dem frischen Buam! Deine Braut selig wird's segnen im Himmel." Und so Hab' ich die Annamaria ge­fragt, ob sie mich lnöcht' und sie hat gleich ja g'sagt. Für eine brenileilde Lieb', wie dem Tonerl seine, war ich zwar nimmer jung genug und Hab' schon zu schweres Kreuz getrag'n iin Leben — doch do hat sie auch nintmer drauf schauen dürfen, und wir alle zwei haben's gewußt: Wir tbun's für das Kind. Manches Mal später hat sie mich gedauert. Deine Mutter. — Jugend will Halter aus­tob en. —

Er hielt verdüstert inne. Sein eigenes Leid über­kam ihn, so daß er für einen Moment die Herzensangst des Burschen nebeit ihm vergaß.

„Uild — der Vater?" mahnte ihn der Paule sogleich.

„Ter Tonerl? Vor wenig Jahren hat man von ihm

läge treffe auch den Reichstag einen Theil der Schuld, die Haupt­schuld aber treffe den Bundesrath, denn dieser sei es hauptsäch­lich, der zu immer weiterer Steigerung der Ausgaben hinge­drängt habe. Was den Rückgang der Ucberschllffe bei der Post- verwaltung anlange, so treffe die Post der Vorwurf, daß die Geschäftsführung jetzt noch etwas large sei im Gegensatz zu der früheren soliden Geschäftsgebahrung. Allerdings treffe dieser Vorwurf nicht den jetzigen Staatssekretär des Postwesens, son­dern seinen Vorgänger. Daß jetzt ca. 20 Millionen für Post- üauten, neue Telephon-Anlagen ec. auf das Extra-Qrdinarium und auf Anleihe übernommen würden, dem sei nur zuzustimmcn. Redner wendet sich dann gegen den Abg. Suedekum, der gestern von der China-Expedition als von einem China-Abenteuer ge­sprochen habe. Die Herstellung unserer Ehre in China sei durch­aus nöthig aewesen. Zu bedauern sei allerdings die Mitnahme der astronomischen Instrumente. Dazu sei kein Recht vorhanden gewesen und es hätte sich gehört, den Rücktransport der Instru­mente auf Deutschlands Kosten zu bewirken. Es fei das ein wunder Punkt im Andenken an die China-Expedition. Redner behandelt dann die Frage der Deckung der 35 Millionen Defizit im ordentlichen Etat durch Anleihe, um eine entsprechende Er­höhung der Matritular-Umlagen zu vermeiden. Um die letzteren herabzumindern, sollte man versuchen, Abstriche im Ordinarium vorzunehmen. Weiter bekämpft Redner den Laband'schen Vor­schlag zur Reichs-Finanzreform, Abschaffung der Frankenstein- schen Klausel. Wenn gestern Bier- und Tabaksteuer-Erhöhung an die Wand gemalt worden sei, so müffe dies natürlich eine starke Beunruhigung Hervorrufen. Bolle Befriedigung hätte seine Partei gestern empfunden bei den Aeußerungen des Reichs­kanzlers über Herrn Chamberlain. Wenn der Herr Reichs­kanzler bei dieser Gelegenheit über die nationalenErrungenschaften von 1870 gesprochen, dann habe er hoffentlich dabei nur an die deutschen Errungenschaften und nicht auch an die Wegnahme Roms und des Kirchenstaates gedacht. Diese werde heute noch schmerzlich bedauert von den deutschen Katholiken, die in dem Papst immer noch den Souverain erblickten. (Beifall im * Centrum.) — Staatssekretär K r ä t k e entgegnet dem Vor­redner, daß seinen Amtsvorgänger bezüglich des Rückganges der Ueberschüffe bei der Postverwaltung keine Schuld treffe. — Abg. Richter (freist Bolksp.) meint bezüglich der Angelegen­heit Chamberlain sei schon genug geschehen. Man habe wahr­lich Anderes zu thun, als sich mit den Entgleisungen des rede­seligen englischen Ministers zu beschäftigen. Ganz unverständ- l ch blieb mir der Satz des Reichskanzlers, daß mit der Aus­dehnung der Politik und unserer Beziehungen auf den ganzen Erdball die Zahl der Völker wächst, welche auch ohne Vertrag einander näher gerückt sind. Ich habe es in der Schule ge­rade immer umgekehrt gelernt, daß mit der V e r g r ö ß e r u n g der R e i b f l ä ch e die Wahrscheinlichkeit der Reibungen

wächst. (Sehr gut! links.) Er, Redner, wolle doch

feststellen, daß auch Fürst Bismarck Sinn für

die Bedeutung der Kolonieen und Schutzgebiete gehabt habe. Aber er habe dafür auch jederzeit das richtige Augenmaß gehabt. Ob dies auch bei der heutigen Regierung der Fall sei. sei doch nicht so ganz sicher. Gegen eine eventuelle Erhöhung der Tabak- und Biersteuer müffe Front gemacht werden. Die geschäftliche Krise sei zweifellos verstärkt worden durch das Börsengesetz und durch den Differenz-Einwand. Redner geht nunmehr auf den Post-

aus'm Vintschgau gehört. Er thut kein gut. Und, Bua —daß ich Dir's sag' ... er hat fein Recht verwirkt. Deine Mutter hat mich geheirathet und Dil bist mein Sohn geworden. Von dieser Stund' ab reden wir nie mehr von ihnt oder von der alten Zeit. Die Wenigsten wissen es im Dorf und die haben genug Eigenes, als daß sie die vergesseneil G'schichten aufbringen. Was hat der Bua?"

Der Paule war aufgesprungen. Seine Brust keuchte, seine Augen loderten.

„Und is er ein Lunip, so bin ich sein Sohn. Weiß jetzt, was mir oft in den Kopf fliegt und in die Häud' sticht, daß ich einen gerad', wie neulich den Ändert, an­packen muß. Heut' hat -nir Eitler auf der Straßen den Weg versperrt — da ist mir's wieder in den Kopf ge- flogeit uild ich Hab' ihn herausg'fordert — ist aber davon gelaufen. Wenn die Hitzen kommt, kenn' ich mich nimmer. —" . , .

„Vergreif' Dich nie an einem Menschen", jagte der Bauer ernst. „Thu' lieber ein Gelöbniß deswegen."

„Sehen will ich ihll, meinen Vätern", stieß der Bursch jäh hervor.

Der Bauer fuhr mit cineni Ruck in die Hohe.

„Bist narrisch word'n? Hab' ich Dir nit g'sagt, wer jetzt Teilt Vater is?"

„Sehen will ich ihn!" wiederholte der Paule verstockt. „Vater sag'it will ich ein einzig's Mal zu ihm!"

Der Bauer wandte sich ab und starrte in die Gluthen auf dem Herde.

Also das war die Frucht des jahrelangen Kampfes, des Elends, das ihm die Frau täglich ins Hmis brachte — die Frucht aller Mühen, die er sich um das „Kind" ausgeladen. ^ ^ rr .

Für den Buben war's geschehen und der schrie nach einem andern Vater, nach dem Vater, der ihn verlerignet, von sich gestoßen, nie sich um ihn gekümmert!

„Fremde Kinder, ja, fremde Kinder!" murmelte er bitter. Laut fügte er hinzu: „Ich denk' Du wirst Dich