Seilnge zum Mesduilener Tugblatl.
Uo. 13. MorgenAnsgake.
Donnerstag, de» 9. Januar.
50. Jahrgang. 1902.
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Sri irafmerffam, empfinde nichts umfanft, messe und j* vergleiche — das ist das ganze Gesetz der Philosophie. x
Lichtenberg. £
(40. Fortsetzung.)
(Nachdruck verboten.)
Dornenkronen.
Stammt von Ada Aoy-Ktz.
Zwei Minuten später trat Rodenbach aus dem Hause. Nr war nicht im Bett, sondern mit der Ordnung seiner Angelegenheiten zur Abreise -beschäftigt gewesen. „Sie find es, Sophie? Ja, was hat's denn wieder gegeben?" >,Ach, ich weiß es nicht. Fräulein sitzt im Wagen, ist außer sich und behauptet, ihr Bräutigam wolle sich tödten!" erzählte Sophie, neben ihm herlausend. Rodenbach ging mit Riesenschritten zum Wagen. Er startd auf dem Rinnstein, neigte seinm Oberkörper m den Wagen hinein und ergriff Melittas Hände. „Kinder", sagte er bekiimmert, '„Ihr setzt noch die Welt in Brand. Etwas mehr Maß würde schöner sein. Was ist's mit Juan?" Melitta fühlte sich schon durch Rodenbachs Nähe beruhigt. „Er kam, wie wir ihn gebeten, heute Abend zu mir", erzählte sie, „er kam sehr spät und war so sonderbar, wie ich ihn nie gesehen. Aber dann — dann — o Konstantin, wir warm so glücklich, aber nur auf einm Augenblick, dann war er schrecklich verändert. Und ich lag zu seinm Füßen und sprach — ich weiß nicht was und bat — ich weiß nicht was. Aber seine kranke Seele hat da den Todesstoß mrpfangen, dmn meine unseligen Lippm sprvchm, was Desdemona spricht. Er stieß mich fort und er sprach vom Tod. O Konstantin, retten Sie Juan!" Me brach wieder in Thränen aus. „Ruhig, liebe Melitta, ruhig!" mahnte er, obschon auch ihm allerlei bange Ver- mnthungen kamen. Er sann einige Augenblicke nach. „Ich werde mit Ihnen fahren. Wir lassen den Wagen langsam durch die Uhlandstraße gehm, in: Borbeipassiren sehen wir, ob in Juans Simnter Licht ist. Wenn das der Fall ist, könnm Sie mich ruhig einige Häuser weiterhin aussteigen lassei: und heimkehren, denn dann werde ich, so oder so, zu ihm zu dringen wissm! bin ich aber an seiner Seite, ist er geborgen. Wenn es drobm aber dunkel sein sollte, sind wir' außer Stande, das Mindeste zu unternehmen. Denn daß wir die Hartmanns nicht wegm einer vielleicht in der Raserei der Leidmschaft gemachten Amtzerung Juans alarmirm könnm, sehm Sie wohl ein; schon deshalb werden Sie das einsehm, weil auch die Hartmanns sa nicht im Stande wärm, zu rathen und zu helfen,, wenn Juan nicht im Hause ist. Ruth aber hätte dann dm unnützenLärm auszubaden." Melitta mußte ihrn beistimmen. So stieg er dmn zu ihr und dem Mädchen ein und nahm Melittas zittemde Hand fest zwischm feine Fingm. Er fühlte voll Mitleid das Klopfen ihrer Pulse. Seine Seele war von großer Unruhe besangen. Wmn die arme Ruth an dem exaltirtm Bruder ein Unglück erlebm sollte! „Sie zittern selbst", flüsterte Melitta nach einm Weile. „Nein, das ist Täuschung", log Rodenbach. Dm Wagen fuhr plötzlich langsam.
„Wir sind in der Uhlandstraße", sagte Melitta tonlos. Rodenbach bückte sich tief und spähte an den Häusern hinauf. „Seine Fenster sind hell." „Ah!" Es war ein tiefer Herzenston der Erleichterung, der von Melittas Lippen kann Dm Wagen hielt. Rodenbach sprang hmaus. „Sagm Sie ihm milde und schöne Worte. Ver- lassm Sie ihn nicht!" flehte Melitta. Rodenbach küßte noch die kleine Hand und schritt die kurze Strecke zurück, indeß Melitta beruhigter heimfuhr.
Richtig — er hatte sich nicht getäuscht, drobm glühten still zwei helle Fenster in die Mainacht hinaus, auf dm tveißlichm Rouleaur wuchsen die Tropenpflanzen in brauner Malerei von der Grmze der Rouleauxstange empor. Rodenbach kannte diese Palmen und Farne und die Vögel, die mit gleich Türkensäbeln geschweiften Schwänzen darauf zuflogm, er hatte sie oft genug unter Scherzen in Juans Stube herabgezogen. Eine Weile stand er an: Gartmgitter und schaute hinaus, ob sich
drobm nicht ein SchattM bewege. Nichts rührte sich. Er klatschte leise in die Hände. Umsonst. Er wiederholte dm Versuch. Kein Zeichm, daß man ihn höre. Juans Zimmer stieß ja aber an das Speisezimmer/ welches eine Äalkonthüre hatte. Rodmbach war oft gmug das Treppchen hintm am Hause emporgeklommm, um auf diesem Weg mit Juan in sein Gemach zu gelangen. Juan benützte diesm Weg immer, wmn er spät heimkam; ohne Zweifel hatte er ihn auch hmte benützt, vielleicht die Zwifchmthür vom Speisezimmer nach seiner Stt:be aufgelassen, so konnte denn Konstantin nur einfach an die Balkonthür pochm und Juan mußte ihn bemerkm. Ohne Weiteres ttat er in dm Garten, ging um das Haus und schritt vorsichttg das schmale Treppchen hinan, das unter seinm Trittm wiederklang. Oben auf dm Stufm lag ein tveißes Tuch. Er hob es aus. Seine Vermuthung war nicht ganz irrig gewesen; ein schmaler Lichtstreis quoll aus einm: Thürspalt und spann sein blasses Band bis hinaus auf dm Balkon, dessm Fläche er scharf und schmal dnrchschnitt. Konstantin pochte leise. Gewiß zu leise, dmn die Thürspalts vergrößerte sich nicht, zum Zeichm, daß Jemand lauschmd öffne. Ungeduldig faßte er der: Drücker, siehe da. er gab nach, die Thür war nicht verschlossen; der Schlüssel stak sogar, wie Rodmbach nun weiter fühlte, von außm im Schlüsselloch. Gewiß ein Zeichm, daß Juan ganz gedankenverwirrt nach Hause gekommen und vergessen hatte, von innen zu schließen. Mit behutsamen Schrittm durchmaß der nächtliche Gast das Speisezimmer.
„Erschrick nicht, Juan, es ist Dein Konstantin", sagte er gedämpft, während er die nur angelehnte Thür vor sich aufstieß. .Kein Laut. Das Zimmer war leer. Die Lampe brannte auf dem Tisch dicht bei der Thür. Ein Zettel, der daneben lag, fiel Rodmbach sogleich ins Auge. Er nahm das Blatt und las: „Meine arme, treue
Schwester! Die Flügel sind geschmolzen, Ikarus stürzt. Ter Traum ist ausgettäumt. Was vorher schon beschlossen war, sei nun ausgeführt. Ich gehe, ich gehe für immer. Forsche dm Spurm meines Weges nicht nach, er führt ins Elend, dmn ich habe keinm Glauben mehr an Glück. Und auch Du — Du trägst eine Dornenkrone! Möge sie Deine Stim nicht zu blutig machen. Lebe wohl! Dein Juan."
Die Feder, die jene Worte geschrieben, warf sonst kleine fließende Buchstaben auf das Papier. Diese Buchstaben warm groß, rauh. Das Blatt entfiel Rodenbachs Händen, sein Herzschlag stockte, er dachte an Ruths Jammer, wmn sie morgen dies lesm würde. Er sah sich um, da fiel sein Auge auf die Staffelei, welcher er zuvor dm Rücken gekehrt. Ein Laken lag davor am Boden, das Bild war enthüllt. Ein Ausruf, vielleicht des Schreckms, vielleicht der Wonne kam über seine Lippm. „Ruth, das ist von ihr!!" stcnnmelte er. Er schaute lange auf das Bild. Die tiefste Bewegung fmchtete sein Auge, er neigte sein Haupt auf dm Bildrand, um der Nacht selbst die Thräne in seinem Auge zu verbergen. Er vernahm nicht den leichten Schritt, der durch das Speisezimmer nahte, er war der Welt mtrückt. Hart und dumpf fiel hinter ihm etwas zu Boden. Er fuhr hemm. Seine entsetzten Augm wurzelten in den schreckens- starrm Blicken Ruths. Der Lmchter, dm sie getragen, rollte mit verlöschtem Licht am Bodm.
„Ruth!" stammelte er noch einmal. Ihre Arme hingen schlaff am Leibe nieder, jede Spur von Farbe war aus ihrem Antlitz gewichen. Aber schwer und hörbar ging ihr Athem aus und ein. „Ich kam zu dieser nächtigen Stunde, um Juan zu suchm", begann Konstantin, wäh- rmd sein ganzer kraftvoller Körper bebte und sein Auge schm sich von ihr fort irrte, „Melitta, die von ihm in trauriger Erregung schied, wollte wichtige Botschaft an ihn sendm. Wohl fand ich jme Thür geöffnet und dies Zimmer hell, aber von ihm keine Spur, als dieses Tuch auf der Treppe und hier dieses Blatt auf dem Tisch." Er gab ihr Beides. Ruth Hatte noch einige Sekunden nöthig, bis ihre Sprache ihrem Willm gehorchte. „Juan — war vorhin hier", begann sie in Absätzen, „ich hörte ihn laut mit sich sprechen, und da er mich hmte Morgen erregt verlasse:: . . ." Sie schwankte. Konstantin wollte sie stützen. Aber vor seiner Bewegung wich sie zurück und ihre
Augm brannten auf seinem Gesicht in einer flehenden Bitte. „. . . erregt verlassm", fuhr sie mühsam stuck, „so ging ich zu ihm und sah, daß ich ihn beim Schreiben störte. Ich sah, da er litt, ich kühlte mit diesem Tuch seine perlende Stirn, er süeß mich muh fort. Haben Sie es gefunden — draußen — so hat er es verloren, ft> hat er noch einmal das Haus verlassm. Ich habe das nicht gehört, ich lauschte lange und vermchm nichts. Endlich wagte ich einzutreten und fand ..."
„Einm Verbrecher!" sagte Konstantin dumpf. einm Verbrecher! Mich! Q, wie bin ich irre gegangen. Meine Hand hätte Sie zurückreißm sollm von dem Weg, dm Sie in Verblendung bettatm. Und meine Hand zögerte — das ist mein Verbrechen; könnm Sie ver- zeihm?" „Es ist nichts zu verzeihm", flüsterte Ruth, „ich bin — ja garnicht — auf falschen — Wegm. Ich bin — ganz zufrieden." Sie nahm das Blatt und las, „Mein Bruder!" schrie sie auf und Konstantin mußte sie nun doch in seinm Armen auffangm und sie dann sanft zum Sopha geleitm. „Soll ich auch ihn verlierm — den einzigen Trost! Die einzige Stätte, wo :ch weinen durfte!" „Also doch weinen", sprach er, traurig auf sie herabblickend, „weinm — diese Augm, Dir . . o Ruth!" Sie hob das Haupt und sah ihn an.
„Konstantin Rodenbach- wird bedenkm, daß er sich in dem Hause eines Mannes befindet, dem ich Dankbarkeit und Achtung schulde! Konstanttn Rodenbach wird nicht wagm, auszusprechm, was jetzt auf seine Lippm wollte, denn er weiß es, daß Ruth eher sterbm, als ihrm Gatten beleidigen wird!" Ihre Stimme klang klar und fest. Er sank überwälttgt vor ihr nieder und nah m ihr« Hände. „Heilige, Du", sprach er mit zitternder Stimme, „ich weiß es. Aber dies eine Wort, das letzte, was ich zu Dir in diesem Leben sprechm werde, kannst Du nicht verweigern, zu härm: Lebe wohl und wenn Du vermagst — vergiß, und wmn Du vermagst — sei glücklich!" Ev küßte voll Ehrfurcht ihre Hände, stand auf und trat von ihr zurück. „Lebe wohl!" flüsterte Ruth mit vergehen- den Sinnm.
Und dann ging er mit lautet:, festen Schrittm und sah nicht einmal nach ihr um, obschon er wußte, _ daß sie hinter ihm ohnmächtig zusammenfiel. Er ging als Sieger! Ein Blick zurück, ein zaudernder Gedanke, und er und sie unterlagm. Stolz und aufrecht hob Kon- stanttn sein Haupt und sah nicht um und zauderte nicht. Druntm erst schaute er noch einmal zu dm hellm Fmstern empor. „Ich liebe Dich, Ruth", sprach er leise, es ist keine Schuld. Für die Leidenschaften, die gegen uns anstürmm, sind wir nicht verantwortlich. Aber für Sieg oder Niederlage gegen solchen Feind wird mit uns gerechnet. Sei ruhig, geliebtes Weib, ich bin bewaffnet, und Du bist es auch. Wir werden ehrlich siegm." Und oste sein Auge sich von den Fenstern niederwärts smkte, streifte es unwillkürlich die Fenster des Parterrege- schosses. Tödüicher Schreck rann ihm durch alle Glieder, Die Straßenlaterne beleuchtete grell das häßlich verzerrte Gesicht der altm Frau Hartmann, die hinter dm Scheiben lauerte.
17. Kapitel.
Hans Norden hatte alle Anlagm zum Tyrannen,, Niemand hätte das je hinter seiner heiteren Gutmüthig- keit vermuthet, die sämmtlichen Damen der Familie fanden sein Benehmen empörmd :ind die „arn:e" Mimr wurde bedauert, denn mit ihrer Jugend und ihrem fteim' Willm war es nun vorbei. Gab es irgendwo einen, Damenthee, zu dem man Mimi geladm, verbot Hans ihr, hinzugehen. „Das einzige Vergnügen dieser Zusammenkünfte ist Klatsch, und der Klatsch soll Dir kein Vergnügen sein." Mimi wagte nicht zu wideffprechen, schluckte in solchem Fall einige Thränm hinunter und kam sich vor wie ein Opferlamm. Aber allemal zeigte es sich nachher, daß Hans ihr ein besseres Vergnügm bereitete, sie dafür in das Theater oder in Konzerte führte, einen schönen Spaziergang mst ihr machte, und schließlich begriff Mimi, daß es ganz verkehrt sei, nur einen betrübten Gedankm zu haben, und fröhlich zog das Verträum in ihr junges Herz, daß Hans ihr keineswegs die Jugendfreuden raubm wolle.
(Fortsetzung folgt.)
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