k° >.■■ ■! Msrgen-Veilage der Wiesbadener Tagblatts.
Nr. 147.
Sonntag» 27. Juni.
1915
•(24. Fortschung.)
Um die Beute.
Kriminalroman von Meinhold Ortmann,
(Nachdruck verboten.)
Wie er nicht anders erwartet hatte, befand. sich Heinrich Wendriner nicht imter diesen wenigen Krrch- hofbesuchern. Schon Hanna hatte ja vorausgesagt, Laß ihr Vater lediglich die Dunkelheit der Nacht zur Ausführung seines Vorhabens benutzen könne, da er nur dann vor lästigen Beobachtern sicher war.
Erst als der Abend hercinbrach, kehrte Hartmann dar-itnr zu der um diese Zeit von jedem gemiedenen Ruhestätte der Toten zurück. Er fand die in der Mauer angebrachte Gittertür bereits verschlossen. Aber nachdem er sich überzengt hatte, daß kein menschliches Wesen in der Nähe sei, überstieg er ohne Mühe die niedrige Mauer und wählte sich zwischen zwei kapellen- artigcn Gruftbauten ein Versteck, das ihm gestattete, den nach der Stadt führenden Weg zu überblicken, soweit die Finsternis der Nacht es eben zuließ.
In der fast inmitten des Friedhofes gelegenen Wohnung des Totengräbers brannte noch Licht, und von Zeit zu Zeit wurde von dorther das Gekläff eines Hundes vernehmlich. Diese Nähe belebter Wesen war einigermaßen störend, aber sie war es ja für Wendriner in demselben Maße wie für seinen Verfolger, und der auf einen Diebstahl Ausgehende hatte eine Überrumpelung jedenfalls ungleich mehr zu fürchten als sein Beobachter.
Wahrscheinlich geschah es denn auch mit Rücksicht auf das bewohnte Totengräbevhaus, daß Wendriner erst gegen Mitternacht, wo er die Insassen im festen Schlafe glauben konnte, an der Gitterpforte erschien. Auch er versuchte vergeblich, sie zu öffnen, und auch er mußte sich entschließen, den Wag über die Mauer zu nahmen. Er hatte sich für sein unheimliches nächtliches Merck anscheinend mit Überschuhen aus Guinmi oder Filz ausgerüstet, denn vollkommen lautlos huschte er zwischen den Gräbern dahin. In einer Entfernung, die er in Anbetracht der durch die Bäume noch der- michrten Dunkelheit nicht zn ängstlich abznmessen brauchte, folgte ihm Bruno Hartnrann nach. Ein paarmal, wenn er mit leisem Knacken ein Zweig unter seinem Schritt zerbrach, oder wenn sein Fuß ein paar dürre Blätter raschelnd beiseite schob, fürchtete er, daß der andere aufmercksam toerden könnte, aber Wendriner war offenbar so ganz von dam Gedanken an sein Vorhaben beherrscht, daß er der geringfügigen Geräusche Nicht achtete. Er urußte sich bei seinem Morgenbesuch gut orientiert haben, denn er blieb nicht ein einziges Mal in ungawissam Zandern stehen. Der Teil des Friedhofes, dem er sich zuwandte, war jedenfalls der älteste, denn das Strauchwerk auf und neben den Gräbern war hier stellenweise zu einer beinahe undurchdringlichen Mauer verwachsen.
Hartmann mußte seine scharfen Sinne auf das äußerste anstrengen, um den Verfolgten nicht aus dem Gasicht zu verlieren und sich doch nicht durch zu kühne Annäherung zu verraten. Aber cs geschah in seiner Laufbahn nicht zum ersten Male, daß er sich so aus den
Spuren eines menschlichen Wildes befand, und er bewies die Vorsicht und Kaltblütigkeit eines Indianers.
Als er gewahrte, daß Wendriner neben einem halb eingesunkenen Grabhügel stehen blieb, duckte er sich auf der Stelle nieder, iwo er sich eben befand, kaum um ein Dutzend Schritte von dem anderen entfernt. Tastend überzeugte er sich, daß sich sowohl die kleine elektrische Taschenlampe, die durch den Truck aus einen Knopf zum Leuchten gebracht wurde, als der kurze, lederumsponnene Totschläger, den er für den äußersten Notfall zu sich gesteckt hatte, im Griffbereich seiner Hände befand. Dann harrte er lautlos der weiteren Entwicklung der Dinge.
Wendriner hatte offenbar seine Vorbereitungen ebenfalls nach bestem Vermögen getroffen, aber er besaß doch nicht die nötige Umsicht und Schulung. Sonst würde er vor allom wohl mit der kleinen Blendlaterne, die er jetzt unter seinem Überrock zum Vorschein brachte, ettvas vorsichtiger hantiert und sie nicht so auf de» Hügel gestellt haben, daß ihr Lichtschein wie der Schimmer eines großen Leuchtkäfers weithin sichtbar sein mußte. Auch hätte er sich vielleicht mit einein geeigneten Werkzeug versehen, um den jchiveren Stern, unter dem P-aul Grevenbergs schätze verborgen sein sollten, bequem von der Stelle zu rücken. Nun war er hafllr lediglich auf die Kraft seiner Hände angewiesen, und es war augenscheinlich, ldaß seine der körperlichen Arbeit ^ungewohnten Muskeln dieser Aufgabe kaum gewachsen tvaren. Deutlich hörte Hartmann das keuchende Atmen seiner Brust und die leisen Verwünschungen, ivelche die vergebliche Anstrengung ihm erpreßte. Fast war er in Versuchung, aüfzuspringen, und ihm seine Hilfe anzubieten, aber noch schien ihm der geeignete Zeitpunkt nicht gekommen, urub er empfand sogar eine Art von satanischem Vergnügen bei dem Gedanken an die furchtbare Enttäuschung, die den gar zu Klugen erwartete, wenn er sich in dom Augenblick, da er das Ziel seiner Wünsche erreicht glaubte, um die heiß ersehnte Beute geprellt sah.
Di achte er sich immerhin noch ein wenig Plagen, denn weshalb sollte er ihm die begonnene Arbeit erleichtern!
Minute ans Minute verrann. Ein kalter Nacht- wind strich über den einsamen Kirchhof hin und rauschte unheimlich in den herbstlichen Baumwipfeln. Gespenstisch weiß blinkten in unsicheren Umrissen die großen und kleinen Gmbkreuze in der Finsternis auf. Lautlosen Flugs huschte eine Flädermaus dicht über dem Kopse Hartmanns durch die Lust, und der klagende Schrei eines Käuzchens, der weither aus der Richtung des Totengräberhau jes ertönte, ließ den furchtlosen Mann, der noch kaum je in seinem Läoett das Gefühl des Grauens kennen gelernt hatte, unwillkürlich erschauern.
Die Situation fing doch an, ihm unbehaglich U werden. Im Grunde war es ja auch Torheit, Noch
