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Beilage zum Wiesbadener Tagblaü.

Uo. 11. Morgen-Ausgabe.

Mittwoch, den 8. Januar.

30. Jahrgang. 1902.

Wissenschaftliche Beschäftigungen nähren die Jugend, sie ergötzen das Alter, verschönren das Glück, sind Zuflucht und Trost im Unglück. Cicero.

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(39. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)

Dornenkronen.

Roman von Zda Moy-Hd.

Aber Juan hörte nicht. Er ftürmtc fort. Aber er sing nicht zu Rodenbach. Nienmnd sah ihn mr jenem Lage; erst viel später erfuhr Ruth, wo er die Stunden »nd mit wem verbracht. Mit banger Sorge wartete sie nnsonst auf seine Heimkehr. Auch Melitta wartete am llbend Stunde um Stunde vergebens; mit gewaltsam er- ningener Fassung harrte sie; jeder rollende Wagen, jeder Schritt enif dem Trottoir liest eilt Frösteln durch ihre Glieder schauern. Es schlug Acht — Neun! _ Sie sandte ihre treue Sophie ans, diese sollte einen Wvgen nehmen, zu Ruth fahret: und fragen, wo Juan bleibe, ob er gar erkrankt sei. Nahezu eine schreckliche Stunde verging, dann kann Sophie mit der Meldung, daß .der junge Herr Vormittags die Wohnung verlassen und bis dahin noch nicht wieder gesehen worden sei. Melitta fiel fast ohnmächtig zusammen. „Es ist gleich zahlt Uhr, gnädiges Fräulein", sagte die mitleidige Zofe sanft. „Sie sollten sich zit Bett legen." Schnell lind lang tönte in diesem Augenblick das elektrische Geläute an der Korri­dorthür. Melitta fuhr lviid empor. „Er!" rief sie, „er kommt!" Ultd eine Minute später stand er auf der Schwelle, leichenblaß, mit zerzaustem Haar, mit stolzen und feindlichen Blicken. Melitta eilte ihrn entgegen.

„Du — so spät — und warum so spät?" rief sie. '„Tie Sonne sollte mir die Flügel nicht schmelzen, des­halb wartete ich auf die Nacht." „Wie bist Du so sonder­bar!" klagte sie, ihn umklammernd. „Schau' mich nicht an, Melitta! Flammen in deit Augen, keine Flammen in der Seele! Schau' mich nicht an, Melitta — ich Thor vergaß, daß solche Sonnen gerade Nachsts ani schlimm­sten sengen! Schau mich nicht an, Melitta!" nmrmelte er. Sie zog ihn von der Schwelle fort, sie badete sein Angesicht mit ihren Thränen. „Wenn Du denn an meine Thronen, >m mein Lächeln und meine Blicke nicht glaubst — glaube an die Glutb nieiner Küsse! Tie Thränen und das Lächeln und die Blicke sind die Rüstzeuge meiner Kunst. Mein Kuß aber ist «dem für Dich!!" Flammend brannten ihre Lippen auf seinen: Mund. Und jäh er­wachte unter ihren Küssen die Leidenschaft in seinem süd­lich wilden BItit. „Glaubst Du nun an mich?" hauchte Melitta, unter seinen Liebkosungen erbebend; einen Augenblick schien es, als wollten die uitseligeit Zweifel

von ihm weichen, aber nur einen Augenblick, dann wen- dete er sich plötzlich von ihr ab; Melitta sank vor der Chaiselongue nieder :md barg ihr tiefgebeugtes Haupt in dem Sitzpolster. Er stand am Kamin und beschattete seine Augen mit der Hand.

Langes Schweigen brütete in dem Gemach. Endlich erhob Melitta sich langsam. Sie war bleich, eine unbe­schreibliche Verklärung sanfter Demuth über ihr Gesicht verbreitet. „Mein Juan", sagte sie leise ntit einein Lächeln, zugleich voll Glück iiitdErgebenhe.it, „uns scheidet nur der Tod. Wir wollen das Vergangene vergessen und morgen von einer schönen Zukunft reden." Er fuhr auf und sah sie gramvoll an. „Morgen?" fragte er tonlos. „Habe ich ein Anrecht auf ein Morgen?" „Juan", flehte sie, „sei muthvoll und gläubig!" Er sah sie immerfort starr an. Morgen? Zukunft? Hat ein Mensch Rechte, eine Zukunft zu erhoffen, der an dem Morgen in diesem Lande keine Stätte hat, sein Haupt hinzulegen, keinen Bissen Brod, seinen Hunger zu füllen? Morgen? Zukunft? Hat ein Mann das Recht, ein Weib zu umarmen, an das er — nicht glaubt? In alle Zu­kunft hinein doch ttje glauben kann? Ihre Küsse -— nein., die hatten nicht gelogen, aber sie waren den Thränen und dem Lächeln als Krönung gefolgt. Wer goß den Wunder­glauben in sein Herz, daß sie nicht auch Andere küssen werde, wie sie Anderen gelächelt? Ter Taumel der letz­ten Mnute stand gleich einem schrecklicheit Gespenst vor ihm auf und drohte ihm! Er stöhnte und stieß Melitta, die bang an seinen stieren Blicken gehangen, von sich. Sie sank vor ihnt nieder und umklammerte seine Knie. „Was brütest Du", rief sie, „Deine Augen sind stier. Dein Mund zuckt! Das sind Vorzeichen — ich hoffe, sie deuten nicht auf mich!"

Eine schreckliche Veränderung ging in seinem Gesicht vor. Er beugte sich wie lauschend nieder. Lallend sprach er die Worte nach: „Das sind Vorzeichen — ich hoffe, ich hoffe, sie deuten nicht auf mich." Was gegen seine Er­innerung dräuend herangeschwebt kam, näherte sich — war ganz nahe — ganz erkennbar. „Tesdemona!" schrie er mir. „Selbst in dieser Stunde nicht ihr Ich! Nun ist es genug — es ist der Tod!" Melitta starrte zu ihm auf, begriff/ daß sie Worte gesprochen, die auch Desdemona sagt, und mit einemSeufzer sank sie bewußtlos zusammen, aber nur für wenige Minuten. Ihre tastenden Hände griffen am Boden nach Halt, fanden ihn am nächsten Stuhl, und klammerte sich an demselben langsam höher, den kraftlosen Körper mühsam nachziehend. Schwankend stand Melitta dann aufrecht, strich mit der Rechten die Haare aus dem Gesicht und hielt mit der Linken die Lehne des Stuhles noch fest. Und sie schaute um — langsam

— plötzlich mit voller Kraft und rasch suchenden Augen

— und sie blieb sekundenlang wie gelähmt vor Schreck. „Sophie!" gellte es durch den Raum.

Ter Schnelleintretenden flog Melitta mit auSge- streckten Armen entgegen. „Er ist fort", rief sie, „fort!" „Ja, Fräulein, er stürmte nur so hinaus." „Sophie, er geht, sich zu tödten — Sophie — ich verliere den Ver­stand." Sie preßte die Hände gegen die Schläfe; und sah das Mädchen irr an. „Aber Fräulein", sagte die treue Sophie weinend, „regen Sie sich doch nicht so auf. Ach, mein Gott, was fangen wir an? Wenn nur der Herr Rodenbach hier tväre!" „Rodenbach", sagte Melitta, init dem Kopf nickend, „ja. ja!" Und mit plötzlich er- wachender Willenskraft: „Wir wollen zu ihm — komm', Sophie — er soll helfen — er soll ihn bewachen -— er sprach vom Tod." „Aber Fräulein — es ist ja gleich elf Uhr", sagte Sophie rathlos. „Fragt man nach der Stunde, wenn es gilt, ein geliebtes Leben zu retten! Eilen wir."

Zugleich sank sie wieder fast ohnmächtig in den Süihl. Die Dienerin trug den Mantel herbei, sandte die Köchin nach entern Wagen aus und rieb die Schläfe ihrer Herrin mit erfrischenden Essenzen. Wie eine Bewußtlose ließ Melitta sich in den Wagen bringen: erst das Gerüttel auf den Steinei: erweckte ihre Lebensgeister. Eine verzehrende Ungeduld durchfieberte sie, sie preßte die Stirn an die kalten Scheiben, um getimt den Weg zu verfolgen :md immer neu zn seufzen, daß Rodenbachs Haus ttoch nicht erreicht sei. Ihre Gedanken waren wieder in voller und klarer Thätigkeit. Als die Häuser in den die Straßen begrenzenden Gärten ihr anzeigten, daß man dem Ziele nahe, wandte sie sich 31t Sophie und sprach: „Rodenbach tvird gewiß noch wach sein. Er wohnt in der zweiter Etage. Am Portal sind Klingelzüge für jeden Stock; läute, lind wenn man oben ans dem Fenster fragt, wer da sei, bittest Du. daß Rodenbach herunterkomme. Nenne aber meinen Namen nicht, im Hause wohnen mehr Leute, man könnte es hören."

Sophie kletterte hurtig aus dein Wagen und fand im Schein der Gaslaterne, die neben dem Portal brannte, den richtigen Glockenknopf. Nicht auf das erste Läuten, erst auf das dritte öffnete sich oben ein Fenster. „Zum Donnerwetter, wer untersteht sich da, bei nachtschlafen­der Zeit zu läuten, als ob es brenne?" brummte eine Stimme herunter. Sophie erkannte, daß es diejenige Rodenbachs war. Sie legte den Kopf weit zuruck ttnd die. Handflächen als Schalltrichter an ihren Mund. „Kommen Sie sofort herab. ES ist Jemand im Wagen hier und muß Sie sprechen." Ein Frauenzimmer mit w witder- barer Botschaft, Abends itach elf Uhr? Die Geschichte war ihm zu abenteuerlich. Erbost rief er: „Hat wohl Zeit'" und wollte das Fenster schließen. „Herrll sagte Sophie mit glücklicher Eingebung. „Hallo!" horte sie droben erschreckt rufen.

(Fortsetzung folgt.)

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