so. Jahrgang.
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Morgen-Ausgabe.
Jut Eröffmz des NmWeii LwdiW.
Am Mittwoch wird die neue Session des preußischen Landtags mit der Verlesung einer Thronrede nicht durch den Kaiser selbst^ sondern durch den Ministerpräsidenten Grafen v. Bülow eröffnet werden. Die diesmalrge LandtagsjMon erhält ihr Gepräge nicht durch diejenigen Gesetzesvorlagen, welche sie bringt, sondern durch jene, welche sie nicht bringt. Dementsprechend sind auch von der anr Mittwoch zur Verlesung gelangenden Thronrede keinerlei Ueberraschungen zu erwarten, denir dre eme Überraschung, daß die Kanalvorlage nicht kommt, oder wie Graf Bülow sich so vielsagend im Reichstag ausgedrückt hat, sich „mit der Zeit realisiren" soll, ist langst keine Ueberraschung mehr.
Me Geschichte der preußischen Kmmlvorlage entwickelt sich immer mehr zu einer echten und rechten Tragikomödie, und zwar ergeht es der preußischen Regierung hierbei wie dem Tragikomödiendichter Gerhart Haupt- mann, dessen „Biberpelz" bei seiner Fortsetzung in Gestalt des „Rothen Hahns" eine wesentlrche Qualitats- verschlechterung erfuhr. Auch der zweite Theil der Kanalschlacht, die sich in der vorigen Session abspielte, verlief noch wesentlich unglücklicher als der erste, in der Session 1899 zum Austrag gekommene. Damals, am 29. August 1899, wurde die Landtagssession, nachdem die Kanalvorlage gefallen war, mit der feierlichen Erklärung geschlossen, daß die Regierrmg an dem großen Werke unverbrüchlich feschalte, und daß sie hosfe, in der nächsten Session bereits eine Verständigung darüber mit den: Landtag herbeizuführen. Die Vorlage kam zwar nicht in der nächsten, sondern erst in der übernächsten Session, aber sie kam doch immerhin.
Me in der Session 1900 als wefentltch erweiterte „wasserwirchschaftliche Vorlage" eingebrachte Kanalvorlage erfuhr indeß dasselbe Schicksal wre chre Vorgängerin, nur daß die Regierung diesmal nicht abwartete, bis Konservative und Centrum der Vorlage ein feierliches Begräbniß bereiteten. Am 3. Mai v. I. schloß sie plötzlich den Landtag, da sie des Spiels, welches die kanal- gegnerischen Parteien mit der Vorlage trieben, müde war. Eine feierliche Versicherung, wie sie amSchlutz der Session 1899 abgegeben worden war, blieb diesmal aus. Dagegen mußte derjenige Minister, dem nicht ohne Grund in erster Linie die Schuld an der Mederlage der Regre- rung beigemessen wurde, Herr v.Miguel, sein Porteferulle opfern, und mit ihm wanderten der Landwrrthschafts- minister Freiherr v. Hammerstein und der Handelsminister Brefeld den Weg aller Minister. Folgerte man damals aus diesem Ministerwechsel, daß dw preußrsche SicftißTurtcj rtad) Idtc üor ent ber i^ttttctltootlGQß, ot6 jic fclbft Als hochbedeutsames Kulturwerk anerkannt und ange- priesen hat, „unverbrüchlich" feschalte, so ist die Tonart
des Grafen Bülow seitdem jedenfalls ganz beträchtlich zahmer geworden. Jetzt hofft Graf Bülow nur noch, daß sich die Vorlage „mit der Zeit realisire", aber dre Aussichten dieserTerminspekulation sind offenbar schwach.
„Ich sehe nur zu Viele, die nicht da sind!" so wird man mit dem geflügelten Professorenworte von den diesmaligen Gesetzesvorlagen im Landtage sagen können. Ebenso wie auf die Kanalvorlage wird man auf die schon so oft angekündigte Regelung des Fideikommißwesens und auf das nicht minder oft in Aussicht gestellte Schulunterhaltungsgesetz vergeblich warten. An eine umfassende Regelung der Schulgefetzmaterie, deren Dringlichkeit allgemein anerkannt ist, traut die Regierung sich angesichts der Parteiverhältnisse im Abgeordnetenhause nicht heran. Für diese Session hat sie aus jener Materre lediglich die Regelung der Schulpflicht herausgegriffen. Dieser schon ftüher bekannt gegebene Gesetzentwurf setzt to der Hauptsache fest, daß die Schulpflicht mit dem auf das sechste Lebensjahr folgenden Aufnahmetermin beginnen und mit dem auf das vierzehnte Lebenswahr folgende,: Entlassungstermin enden soll.
Von wichtigeren Vorlagen dürfte den Landtag außerdem nur noch die Sekundärbahnvorlage, das Provinzialdotationsgesetz und vor Allem natürlich der Etat beschäftigen. Im Uebrigen werden dem Landtag, wenigstens so viel bisher feststeht, nur Vorlagen dritten Ranges zugehen, so beispielsweise der Gesetzentwurfs betreffend die Heranziehung der Gesellschaft mit beschränkter Haftung zu den Kreissteuern. Dagegen sind im Landtag niehrere politisch bedeutsame Interpellationen zu erwarten, so die Interpellation in Sachen der Polen, die zu einer umfassenden Erörterung der Polenffage Anlaß geben wird, und die Interpellation in Sachen der Berliner Bürgermeisterwahl.
Von Interesse wird die Landtagssesston auch ,nfo- feim sein, als sie die Debüts drei neuer Ressortchefs bringen wird, nämlich des neuen Ministers des Innern Freiherrn v. Hammerstein, des. Freiherrn v. Rhembaben als Finanzminister und des Herrn v. Podbrelskl als Landwirthschastsminister. Die Parteien des Abgeordnetenhauses gruppiren sich zu Beginn der Session tote fülqt- Konservative 141, Freikonservative 59, Centrum 100 Polen 13, Nationalliberale 74, freifinmge Bereinigung 11, freisinnige Volkspartei 24 und 7 Wilde. Erledigt sind vier Mandate.
Deutsches Reich«
Offiziöse Federn
sind augenblicklich geschäftig., in einzelnen ihnen zur Verfügung stehenden Preßorganen die Regelung des G e h e i m m i t t e l w e s e n s auf dem Wege der Landespolizeiverordnungen mit allerlei Scheingründen plan sibel zu machen, um dadurch das Verlangen fast der ge sammten deuffchen Presse nach einer reichsgesetzlichen Regelung dieser Materie, wie es soeben m einer vom
Verein Deutscher Zeitungsverleger an den Reichstag gerichteten Petition zum Ausdruck gekommen ist, als unberechtigt und überflüssig erscheinen zu lassen. Eine solche offiziöse Auslassung in der Form einer Krifik entgegengesetzter Ansichten fand sich beispielsweise letzthin im „Posener Tageblatt". Da die dort geltend gemachten Gründe in den bevorstehenden parlamentarischen Debatten über die erwähnte Petition des Vereins Deutscher Zeitungsverleger sicherlich mit Flachdruck werden wiederholt werden, so müssen dieselben schon jetzt in der öffentlichen Mskussion auf ihre Sfichhaltigkeit geprüft werden. Zunächst wird der deutschen Presse kategorisch eingeschärft, daß sie die öffenüichen Interessen und nicht diejenigen der Geheimmittelindustrie zu wahren habe. Einer solchen Mahnung bedarf die Presse nicht. Soweft das öffentliche Interesse eine Unterdrückung des Geheimmittelschwindels erfordert, ist die Presse wie die reelle pharnmzeufische Großindustrie jederzeit bereit, dazu mitzuwirken. Sie hält aber dafür nicht den Weg der Polizeiverordnung, sondern den der reichsgefetzlichenRegelung angezeigt. Daß der deutsche Reichstag sich zu einem Protektor schwindelhafter Geheimmittel aufwerfen werde, ist nicht vorauszusetzen. Daß aber über den nothwendigen Schutz des arzneibedürftigen Publikums hinaus nicht eine reelle und blühende Industrie der Polizeiwillkür überantwortet werde,' ist ebenfalls ein hohes öffentlichesJnteresfe, dessen Wahrung der Presse obliegt. Wir find doch nachgerade im modernen Rechtsstaat jenen absolutistischen Zuständen entwachsen, in denenPolizei undVerwaltung ohne Mtwirkung der Volksvertretung einseitig und souvevain besttmmte, was das öffentliche Interesse erfordere. Mft der gesetzlichen Regelung der Geheimmittelmaterie wird diePresfe auf einkünfügesReichsmedizinalgesetz vertröstet. Bis dahin soll sie sich mit Landespolizeiverordnungen begnügen. Das Bessere ist immer der Feind des Guten ge- ivesen. Der Presse ist ein bäldiges Spezialgesetz über das Geheimmittelwesen -entschieden lieber, als die nebelferne Aussicht auf ein umfassendes Reichsmedizinalgesetz mit dem voraussichtlich Dezennien dauernden In-, terregnum der Polizeiverordnungen.
* Der Gescbentwurf über die Acudernng des Woh- »ungsgcldzuschusses und die neue Klafseneintheilung der Orte bestimmt nach der „Rhein. Wests. Ztg." unter Anderem: Die Servisklasse V, kommt in Wegfall. Alle der V. Servisklasse zugetheilten Orte kommen,soweit sie nicht in eine höhere Klasse versetzt werden, in die IV. Servisklasse. Me nächste Revision des Servistarifs soll nach 10 Jahren, also 1912, stattfinden. Bei Bemessung der Pension der Reichsbeamten kommt in Zukunft der Durchschnittssatz des Wohnungsgeldzuschusses für die Servisklassen I bis IV in Anrechnung, wodurch sich die Pension sämmtlicher Beamten ein wenig erhöht. Anträge auf Versetzung nach höheren Klafsett sind gestellt worden: Nach Klasse A 29, nach Klasse I 81, nach Klasse II 138, nach Klasse III 273, zusammen 521. Hiervon haben im
Feuilleton.
Nachdruck verboten.
Ml den Suren gegen Mion.
(Erlebnisse aus dem Transvaalkriege.) Von Ernst Frhrn. v. Wrangel.
XII.
'Patrouillenritt gegen Papstfontein und Magaliesberge. — Vormarsch der feindlichen Streitkrafte rn Richtung Osten. — Dret- tägiger Waffenstillstand.
ftn Balmoral erhalte ich Nachricht von Goldegg, dem Kom- ^Mandanten der Deutschen und Oestcrreicher. mich mit chm bet -Bronkhorstsprutt wiederum zu veremtgen. Nachdem ich noch einen halben Tag geruht hatte, brach ich mtt meiner Patrouille auf. Am anderen Tage, dem 27. Jum, finde ich Goldegg, um am 28. mtt chm gemeinsam Richtung Liebenberg vorzumar- schiren auf dem halben Wege dorthin erhalten wir Befehl vom Generäl Diljoen, zurückzugehen. Es wurde einen Tag bis i Jahalsfontein marschirt, um daselbst Mann und Pferd rat wenig i Ruhe zu gönnen. Am 2. Juli endlich erhielt das deutsche Corp» den Befehl. Patrouille gegen Papstfontein südlich Pmaars- Poott zu reiten. Auf dem Wege dorchin passirtm wrr eme Farm, in welcher eine feindliche Patrouille vor eener halben Stunde gewesen war. Die Frauen in derselben waren noch ganz verschüchtert. Es war sehr schwer, auch nur ein Wort von 'hnen herauszubekommen. Der Eindruck der Farm verrieth beim ersten Anblick, daß der Feind hier gewesen sein muffe. Der Zaun längs dem Hof und dem Garten war zum Theil umgeriffen und lag an der Erde. Vor dem Hause auf dem Boden lagen Theile von verschiedenen Jagdgewehren, welche von den Khakts auf dem Hofe zerschlagen worden waren. Nachdem eine Taffe Kaffee Hierselbst getrunken worden war, ging es weiter in unserer alten Richtung. Nach 10 Minuten bereits passirten wir eine andere Farm. Diese hinter uns laffend, ritten wir eine Anhöhe hinan, um von hier aus eine weite Aussicht, 4 Meilen weit, un- Mähr bis Erste-Fabriken, zu sehen, Hier bei dieser .Station
konnte man deutlich einen Theil des großen englischen Lagers erkennen. Da es zu spät war, um an demselben Tage weiter zu reiten, so wurde beschlossen, nach der Farm zurückzukehren, um dortselbst über Nacht zu bleiben. Es wurde abgesattelt ein Ziegenbock, das einzigste Thier, was mit uns Mitleid zu haben schien, mußte daran glauben. Kartoffeln wurden vereint mit Mohrrüben im nahen Garten gefunden, und konnte daher mit allem Fleiß an die Zubereitung eines tüchtigen Bissens gegangen werden. — Während das köstliche Diner zubereitet wurde machten Goldegg und ich einen Spaziergang auf die uns zunächst liegende Anhöhe, von wo aus wir am Nachmittag das englische Lager gesehen hatten. Ein Platz für die Pferde wurde bald gefunden und konnten wir sodann, nachdem gründlich Umschau gehalten worden war, mit dem Einbruch der Dunkelheit uns auf den Heimweg machen. Sehnsüchtig warteten bereits die Kameraden mit einem feudalen Diner auf uns. Es wurde nicht lange gefackelt. Wie die Türken saßen wir um das Feuer herum und beschäftigten uns damit, unseren Tyrannen, den Magen, wieder
3Ut Nach"dem Diner wurde eine Schale Mokka (?) geschlürft und eine Pfeife Tabak geraucht. Man streckte sich auf einer- warmen Decke am Feuer aus und war zufrieden und glücklich, wie ein Kriegsmann im Felde sein soll. Denn die einzigste Sorge ist doch nur sein Magen. Gegen Mitternacht wurde es immer stiller am Feuer, Einer nach dem Anderen verschwand. — Längs dem Hause lagen die müden Fechter für Freiheit und Recht. — An der anderen Seite des Hauses befanden sich unsere treuen Thiere. Kein Laut war zu hören, nur ab und zu hörte man eine Eule schreien und den gleichmäßigen, dumpfen Schritt der Wache. Mitten auf dem Hofe stand ein Wagen, dem Eigen- thümer des Hauses gehörend. Dieser hatte gebeten, an dem Wagen keine Pferde während der Nacht zu befestigen; trotzdem diese Bitte der Bauersfrau Allen bekannt gegeben war, so hatte doch irgend Jemand sein Thier an die Deichsel angebunden. In dem Wagen hatte sich Freund Gellhorn, der gerne schläft und ißt zum Schlafe niedergelegt. Plötzlich erwachen wir Alle, im schönsten Schlafe liegend, von einem furchtbaren Geräusch. Ein Wagen saust auf Meter Breite an unseren Füßen vorbei, um
das Haus herum. Mit dem Karabiner in der Hand stürzte ein Jeder aus seinen Decken heraus, schlaftrunken, wie er war, bereit, denselben sofort zu gebrauchen. Dieses Mal hatten wir uns getäuscht. Die Engländer waren es nicht, die das Geräusch verursacht hatten, das Pferd an der Deichsel angebunden, mußte vor irgend etwas gescheut haben, jedenfalls war es angesprungen und mit dem Wagen, der freiwillig nachgab, um das Haus herumgesaust. Der brave Gellhorn war selbstverständlich auch auf- , geweckt worden, verstört schaute er aus seiner Karoffe heraus, um im nächsten Augenblick mit einem muthigen Sprung sich aus dem unangenehmen Gefährt zu retten. — Selbstverständlich war es Niemand gewesen, der das Pferd an der Wagendeichsel angebunden hatte. — Nachdem das geängsttgte Thier beruhigt und an einen sicheren Ort gebracht war, ging Alles höchst empört an sein Lager, um noch einen kurzen Schlaf zu machen, denn nicht lange mehr konnte es währen, bis die Zeit zum Abmaffch heran- nal^n würde. Die letzte Nummer war bereits auf Wache. Dieser Mann hatte gleichzeitig für den Morgenkaffee zu sorgen. Pünktlich um % vor 3 Uhr wurde geweckt. Um 3 Uhr standen die Pferde gesattelt, und nach einem heißen Trunk Kaffee ging es hinaus, der Stelle zu, wo wir am Tag« vorher gewesen waren. Bor Tagesanbruch kamen wir hier an. Die Pferde wurden hinter hohen Steinen in Sicherheit gebracht, und sodann ging es zu Fuß, vielleicht 20 Minuten lang, zu einer Stellung, von der wir eine hervorragende Aussicht sowohl nach Norden, als auch nach Süden hatten. Der kleine Höhenzug mit hohen Steinen, des Oefteren mit Felsblöcken bedeckt, zieht sich nämlich wie eine Landzunge von Osten nach Westen in einer Breite von vielleicht 20 Yards. Mit Sonnenaufgang konnten wir nach Norden zu Effte-Fabriken und das englische Lager deutlich sehen. Eine große Rührigkeit schien hier eingetreten zu sein. Es dauerte nicht lange, so konnten wir mit dem Glas deutlich dicke, schwarze Muffen, Richtung Osten, sich bewegen sehen. Immer mehr folgten. Es waren die ganzen Streitkräfte Lord Roberts', die am 6. Juli Richtung Osten ihren Vormarsch antraten. Immer näher kamen die Kolonnen, mit dem bloßen Auge konnte man bereits die einzelnen Truppengattungen erkennen. Auch nach Süden beobachtend, bemerkte ich einzelne tckwarze Punkte in der gelben
