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SO. Jahrgang.

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|ti« 10* Redaktions-Fernsprecher No. 52. DienflltA, btll 7. JjlltUlU*. Verlags-Fernsprecher No. 2266. 1902.

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Abend-Ausgabe.

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Die Arbeit des Reichstags.

Tor Reichstag, der vor den Weihnachtsferien nur einen halbenMonat getagt hat, und dessen Arbeitsleistung int Wesentlichen nur in der ersten Lesung der Zolltaris- vorlage bestand, nimmt am DUttwoch seine Arbeiten wieder auf, deren ihn ein erkleckliches Theil erwartet. Die Verhandlungen werden mit der ersten Lesung des Etats beginnen, die sich ziemlich beträchtlich ausdehnen dürfte. Es ist sehr zweifelhaft, ob es gelingen wird, die erste Lesung des Etats, noch in dieser Woche zu Endo zu führen, und es ist sehr wohl möglich, daß sich die Debatte noch bis zum Montag oder gar bis zum Dienstag der nächsten Woche hinziehen wird, da der hohen Politik bei der Etatsdebatte ein beträchtlicher Raum eingeräumt wer­den wird.

Schon die Erörterung des Etats selbst wird sich sehr eingehend und lebhaft gestalten, denn die Finanzsorgen sind zur Zeit im Reiche sehr stark, und nicht minder stark sind sie in den Einzelstaaten. Ter neue Reichshaushalts­etat verweist nicht weniger als 182 Millionen Mark aus die Deckung durch Anleihen. Nun haben wir uns zwar im Vorfahr an diese Anleihenpolitik einigermaßen ge­wöhnt. denn damals betrug der Anleihebedarf sogar 203 Millionen Mark. Aber von diesen 203 Millionen ent­fielen 123 Millionen aus die Expedition nach China, während diesmal hierfür nur 28 Millionen angesetzt sind. Scheidet man die China-Kosten aus, so ist mithin der Anleihebedars diesmal uni 71 Millionen Mark größer als int Vorjahre, lieber diesen Punkt werden sich im Reichstage sehr eingehende Erörterungen entwickeln. Seitens der Regierungen besteht eine starke Neigung, dem Wachsen der Matrikularbeiträge durch Vermehrung der Anleihen entgegenzuarbeiten, während die Mehrheit der Volksvertretung dieses Anschwellen der Anleihen als nicht so unbedenklich ansehen dürste, denn die Schulden des Dentschen Reiches werden ohnehin vielleicht schon binneir Jahresfrist auf drei Milliarden angewachsen sein, und wir haben schon jetzt ca. 100 Millionen Mark an Zinsen für die Reichsschulden aufzubringen.

Neben der Finanzpolitik aber werden auch etliche Fragen der inneren und auch der äußeren Politik eine Rolle bei der Etatsdebatte spielen. So werden vor Allein die vielerörterten Aeußerungcn des englischen Kolonial­ministers Chamberlain zur Sprache gebracht werden, und bei dieser Erörterung, bei der Herr Chamberlain nicht gerade mit Glacehandschuhen angefaßt werden dürfte, wird dem Reichskanzler Grafen Bülow Gelegenheit ge­geben werden, seine rednerische und zugleich diplomatische Befähigung zu erweisen, indem er die zu erwartende Ab-

Nachdruck verboten.

Frei für die Ehre!

Ein Roman aus dem Paffeier von M. v. Derben.

Tie alten Kastanien an der Berglehne ob St. Martin im Passeier schüttelten den Winter ab: ein mächtiges

Keimen und Sprossen war in ihnen, und fern im Torfe schmolz der Schnee, daß es leise gurgelte, in den Rinnen.

Die winkeligen' Erker und Stiegen, Gaüericen und Höfe füllten sich mit Licht, das auch die bunten Heiligen­bilder an den Hauswänden gleichsam mit Goldtönen aus­schmückte. Nur die ehrwürdige Kirche schien mit ihren feuchten grauen Steinmassen der lvarmen Luft zu trotzen, und aus ihren Portalen und Fenstern athmete ein eisiger Hauch. .

Wo eine vorspringende Mauer, ein riesenhafter Back­ofen das holperige Dorfsträßlein versperrte, lag ein blauer Schatten — die Vertiefungen in den Gräbern des kleinen Gottesackers zeigen eine trübe Dcenge thränen- grauen Regenwassers, in dem ein frischer hellgrüner Lorbeerzweig als Weihwedel steckte.

Tie Wärme prickelte bereits an den Südhängen des Gebirges. Hunderte von Eidechsen wanden sich durch das Gestein alter Weinbergsmauern, das von Glimmer- schieserstaub schimmerte.

Das Dach und das Fenster des Schildhofcs von Saltaus glänzten wie Silber, vom Klausenbos aus konnten's die Leute sehen. In Mondscheinnächten schauten sie oft hinüber, ob nicht Margaretha Maultasch, unheimlichen Angedenkens, aus denr Thor schreite, von spukhaften Knappen geleitet. Noch heute wußte man ge­nau von jener Fürstin zu erzählen, die einst auf der Burg Tirol bei Meran herrschte. Man wußte, daß sie die Ritter und Knappen, denen ihre Gunst zu Theil ward, mit einem ferner gelegenen Edelsitze zu belehnen pflegte und daß die Belehnten dafür in Kriegsgefahr den Schild ihrer Herrin tragen mußten. Tie also gestifteten Güter aber nannte man Schildhöse, Zuweilen fiel es der edlen

fertignng Chamberlains in ein diplomatisches Gewand kleidet.

Von socialdemokratischer Seite wird außerdem bei dieser Gelegenheit ans die Kriegsführung der Engländer in Südafrika hingewiesen und an die deutsche Regierung die Anfrage gerichtet werden, ob sie nicht in der Lage und gewillt sei, gegen das Verfahren Englands Einspruch zu erheben. Diese Anfrage ist jedoch rein rhetorischer Natur, denn so allgemein die Entrüstung über die barbarische Kriegsführung der Engländer ist, so sollte die socialdcmokratische Fraktion doch wissen, daß die deutsche Regierung ebenso wenig in der Lage ist, gegen die englische Kriegssührung zu protestircn, wie die social­demokratische Reichstagsfraktion selbst.

Aller Voraussicht nach werden auch die Vorgänge in Galizien, obwohl die Fortsetzung der Tebattc über die Poleninterpellation noch aussteht, schon bei der Etats­debatte znr Erörterung gebracht werden, da durch die Kundgebung des galizischen Landtags unterdeß ein neues Moment in diese Assaire gebracht worden ist. Doch ist der Regierung die Antwort auf eine Anfrage in dieser Sache dadurch erleichtert worden, daß unterdeß die offi­ziöse Beschwichtigungsnote im Wiener „Fremdenblatt" erschienen ist. Auf dom Gebiet der inneren Politik wird sich die Erörterung vor Allem der wirthschaftlichen Lage, der bedrohlichen Arbeitslosigkeit und den hiergegen er­griffenen und zu ergreifenden Maßnahmen, sowie dein Fall Krosigk und der Handhabung der neuen Militär- strasprozeßordnung überhaupt zuwenden.

Ms zu Beginn der Osterpanse, bis wo der Etat alle Lesungen Passirt haben und erledigt sein muß, hat der Reichstag ca. 10 Wochen zur Verfügung, in denen er, wie man hofft, das jetzt vorliegende Material aufarbeiten kann. Es ist dies vor Allein die Seentannsordnung, die noch in der zweiten Lesung steckt, die Gesetzentwürfe über die Schanmweinsteuer und die künstlichen Süßstoffe, die von den Kommissionen durchberathen sind, und die Er­ledigung der Branntweinsteuerfrage'. Wann der Reichs­tag an die Verhandlung des Börsengesetzentwurfes gehen wird, der in Bälde denr Hause zugehen dürfte, ist noch ungewiß. Und noch weit ungewisser ist es endlich, wann die Zolltarifvorlage, um die jetzt der heiße Kamps irr der Kommission beginnt, wieder an das Plenunr des Reichs­tages gelangen wird.

Sommerpflege armer Kinder.

Auch in unserer Stadt hat, so wird uns geschrieben, die große Resormbewegung aus dem Gebiete der socialen Fürsorge für die Schwachen rurd Bedürftigen in beit letz­ten Jahren nicht zu unterschätzerrde Schritte vorwärts ge­macht. Ter Wiesbadener Verein für Sommerpflege armer Kinder begnügt sich nicht mit den erzielten, allge­mein anerkannten, außerordentlichen Heilresultaten,

Dante ein, von der Unrast und dem Lärm deS Burg- lebens im Frieden jener stillen Gehöfte sich auszuruhen.

Lange Jahre sind über Saltaus dahingegangen, seine weißen Mauern sind jugendfroh und lieblich, wi- nur je. Ter junge Frühling umkleidet sie mir seinem Schimmer. Eilt Wirth und Bauer haust nun in den stolzen Räumen, deit weiten Hallen, den engen, hohen Kammern. Und vom Klausenhof sahen's die Leute.

Tort in der Stube, in der Osenbankccke saß ein Bursch und rührte sich nicht — er hatte dein heiteren Bilde draußen den Rücken zugekehrt.

Mit finsterer Stirn, trotzig aufgeworfenen Lippen und starren Augen blickte er aus die braune Diele, die in der Februarsonne wie vergoldet leuchtete. Sein Haar, ein dichter, dunkelbrauner Schopf, strebte ihm wider­spenstig empor, wie eine Bürste. _

Tie Pracht der Bergwclt, das Funkeln der Spitze des Jausen im Neuschnee konnte ihn nicht wecken aus seinem Brüten, wenn auch die ins Fenster strömende köstliche Frische ihm die braunen Wangen roth färbte.

Von Zeit zu Zeit stieß er heftig den einen grob- beschuhten Fuß auf den Boden, daß die Splitter flogen; dann krachte die hölzerne Stiege unter wuchtigen Schritten, und er schreckte auf, als wolle er fliehen.

Doch nur eine Sekunde . . . mit verbissenen Zügen blieb er sitzen.

Ein alter Mann, aus Knochen und Sehnen geformt, das weiße Gesicht von unzähligen Fältchcn durchfurcht, trat in die Thür. Er warf den verblichenen, mit grünen Schnürett umwundenen Hut neben den Burschen ans die Bank. Seine alte Brust zitterte vor Erregung.

„No . . . ?" donnerte er, nachdem er den Jüngeren eine gute Weile schweigend angeblickt.

Der steckte die Hände in die Hosentaschen und er­widerte nichts

„Was hast wieder angericht't?" brach der Alte los. „Die Seel' aus'm Leib muß man sich plagen um Tich gottverlassenen Menschen! Hat Dich der Teifel wieder in die Pratz'n g'habt?"

welche die Sommerpflege auch hier gezeitigt hat, sondern, bauend auf das wachsende, hocherfreulichw thatwillige Verständnitz für diese segensreiche, prophylaktische Be- strebung zum Volksgesundheitsschutz, tritt derselbe dem Ideale der Kindererholungsstationen —■ einem eigenen Heim für schwächliche Kinder der unbemittelten Volks­klassen — trat Ernst und aller Begeisterung im neuen Jahre näher.

Durch die Gründung einer ländlichen Heimstätte für arme Kinder würde eine Lücke in unsern mannigfaltigen barmherzigen Institutionen ausgefüllt werden!

Aus den in der volksgesundheitlichen Litteratur ge­sammelten Beobachtungen erwächst Jedem die feste Uebcr- zeugnng, daß die sittliche und physische Fürsorge der Jugend gelten muß und soll, wollen wir zum Wöhle des Volkes wirken. Wie köstlich wäre ein Werk der Menschen­liebe, das sich der schuldlosen Kleinen erbarmte, für welche es, wenn sie z. B. durch allgemeine Schwäche oder fami­liäre Belastung zur Schwindsucht prädisponirt sind, keine diätetisch-klimatische Behandlung in Heilanstalten in unserer Nähe giebt.

Unzählige.arme Kinder, statt Heilung und Erholung nach überständener Krankheit zu finden, gehen in den Städten in den engen, armseligen Wohnungen, an denen auch unsere Stadt reicher ist, als Mancher, der nie in die Quartiere der Armen gekommen ist, sich träumen läßt, bei ungenügender Ernährung dem sicheren Siechthum entgegen! Wenn man statt dessen diesen elenden Kleinen Pflege, liebevolle Aufsicht, reine Luft, gesundheitmäße Ernährung bieten könnte, wäre dies nicht ein syste­matischer Gesundheitsschutz, eine weitausschauende, sociale Kapitalanlage, welche das ganze Leben hindurch Zinsen tragen würde?

Tenn ob die spätere Existenz der Kinder eine tüchtige oder untüchtige sein wird, ob sie in dem Kampf des Daseins erfolgreich, ob sie eilt förderndes Glied der menschlichen Gesellschaft sein werden, hängt davon ab, ob in der Jugend ein kräftiger Körper, eilt gesunder Geist herangewachsen ist. Auch gewähren die Bemühungen zur Kräftigung und zur Tilgung vorhandener Krankhcits- anlagen in keinem Alter so große und nachhaltige Er­folge als bei dem noch so biegsamen und so leicht um- stimmbaren Organismus der Kinder!

Tics hohe, segensreiche Ziel, eine Kinderheilstätte, die solche kränkliche, schwächliche Kinder Monate, Jahre hinaus durch passende Verpflegung und Ernährung kräf­tigen und so manches schwache Pflänzchen nicht nur retten, sondern auch zu gesunden, leistungsfähigen Menschen erstarken lassen könnte, geht freilich einstweilen über die Grenzen der Bestrebungen und Mittel des Wies­badener Vereins für Sommerpflege hinaus.

Vorderhand beschränkt sich derselbe deshalb darauf für seine nächsten Zwecke, die Sommerpflege, ein eigenes Heim zu schaffen in der Hoffnung, daß, lvenn die segens-

„Oder ich ihn", sagte der Bursch mit zitternden Nasenflügeln.

„Mit achtzehn Jahr'n, wer seine Kameradeit halbtodt schlagt, mit dreißig thut er sie ganz umbringen. Das ist keiit Raufen nit, kein rechtes, das ist Mord und Todt- schlag! Ich sag's Dir, Paule, — noch amal im Guten —" seine Stimme wurde beinahe geheimnißvoll feierlich — „zwischen uns ist's aus, wenn Du Deine Hitzen nit ab- schafsen kannst!"

Eine feurige Lohe schlug dem Burschen in daS magere Gesicht, und er stand auf — ein langer Geselle init starken, braunen Händen, dessen Züge scharf gezeich­net waren, wie bei einer Holzschnitzerei.

„Ich Hab' kcin'n Vater nit, hat er g'sagt!" grollte er dumpf. „Und da Hab ich ihm die Faust auf ben Mund geschlag'n. Mein Vater sei ein Lump, hat er g'sagt!"

„A — ha . . . !" stieß der alte Mann hervor, und seine Mienen sänstigten sich merklich. Etwas wie Mitleid zuckte sekundenlang um die harten Mundwinkel.

„Ta hast es also für mich gcthan, was, Paule?"

„Wenn's dem Vater gleich ist, was die Leut' über ihn sagen —" fuhr er düster fort. „Nit amal aufbe- gehrcn thut der Vater —"

„Ja, da hast freisich Recht, aufbegehren sollt' ich schon", sprach der Andere mit einem tiefen Athemzuge. „Josef Leonhard — ein Lump! Und der Knecht von Sal­taus hat ihn so gescholten. Ein paar Zahnerln hast ihm dafür in'n Hals geschlag'n — ich will Dir sagen, Paule: Reden wir nimmer über die Sach'n. Hörst? Kein Wörtl. Auch daß die Mutter es nit vernimmt — es möcht' sie kränken."

Wie versteinert starrte der Bursche in das Gesicht seines Vaters. Er traute seinen Ohren nicht. Ein wil­des Funkeln brach aus seinen Angen, und allmählich be- ganit jedes Glied seines Körpers zn beben. -—

„So läßt sich's der Vater gefallen?" fragte er heiser.

Josef Leonhard musterte ihn mit immer gleicher Rühe.

»Ich sag' Tir, Paule, der Zorn thut kein gut. Ant