1. Seilime nun Aiesdadener Tagbtalt.
Uo. 7. Morgen-Ausgabe.
Sonntag, den 3. Januar.
50. Jahrgang. 1902.
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Das Bekcnntniß zur Tugend wiegt im Munde Dessen, s» der sic habt, nicht weniger schwer, weil cs ihm von der ^ Wahrheit abgezwungen wird und er die Tugend, will er sie r®' auch nicht beherbergen, doch wenigstens zum Deckmantel, zum Schmuck gebraucht. Montaigne.
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(37. Fortsetzung.)
(Nachdruck verboten.)
Dornenkronen.
Roman von Ada ZLoy-Kd.
Er schaute mit lendjtenbcu Augen auf sie herab. Das war weiblich, das war stolz. Sie wurde ihm nur noch theurer durch diese Worte. Aber er sagte doch: „Und wenn -fein Eigenwille über seine Einsicht triumphirt? Wenn er Ihnen dennoch nicht gestattet, zu schassen?" Ruth neigte schwer das Haupt. „Was' bann geschehen wird, weiß ich nicht; ich fühle nur dies: Durch Ihre Hülfe darf ich's nicht erzwingen." Er ergriff die kleine, nun eisig kalte Hand. Einige Augenblicke schwiegen sie zusammen. >„3ümen Sie mir?" fragte Konstantin endlich halblaut, b,Ihnen?" fragte Ruth entgegen. Sie hob das dimkle, traurige Auge zu ihm auf. „Wie ein verwundetes Reh!" dachte er. „So werden Sie auch an mich denken, wenn sch. fort bin?" „Sie gehen?" stieß Ruth hervor. Zugleich 'Last deckte Purpurgluth ihre Wangen, sie wandte sich ab. h,Jch mutz!" murmelte er. Dann bückte er sich nach den weißen Blumen. „Darf ich sie haben?" Sie nickte schweigend Gewähr.
Beide, ganz miteinander beschäftigt, hatten nicht bemerkt, daß ein Wagen, der vorbeirollte, gleich darnach llnhielt. Nun rief es lebhaft: „Ruth!" Sie schraken zusammen und wandten ihre Blicke dem Wagen zu. Erna jfuhr in ihrer neuen Eguipage aus und hatte Herrn Fevers, sowie zwei ihrer Kinder bei sich. „Guten Tag, Ruth; ah, Herr Rodenbach, ich erkannte Sie gar nicht; nun, wie geht's? Sie Haben gewiß schon immer gedacht, weshalb ich nicht in Ihr Atelier kam, aber wir haben immer so schrecklich viel vor", sagte Frau Erna, während ihre Blicke scharst über Ruths verwirrtes Gesicht gingen. ,„Willst Du nicht einsteigen, Ruth?" schlug Herr Bevers vor, „wir fahren ein wenig spazieren. Edi kann beim Kutscher sitzen." „Mit dem größten Vergnügen", stotterte Ruth, die damit eine Beendigung dieser ihr so peinlichen Scene hoffte. Edi, der Senior der Bevers- schen Kinder, kletterte auf den Bock, Ruth stieg ein, eine starke Hand, deren Berührung sie zittern ließ, half ihr. ^.Leider", bemerkte Erna, „ist der Platz so besetzt, daß ich Ihnen keinen mehr anbieten kann. Zum Zeichen, daß Sie mir deswegen nicht gram fein wollen, schenken Sie mir ein paar von den Narzissen, die Sie in der Hand haben."
Rodenbach wußte in der That nickst, wie er zu der Ehre dieser scherzendem Vertraulichkeit Seitens Erna kam-. „Gnädigste und liebenswürdigste Frau", sagte er,
sich lächelnd tief und ritterlich verneigend, diese kleinen blassen Narzissen können wenig Reiz für Sie haben, Ihnen weiht man farbenprächtigere Blütchen. Gönnen Sie mir die Freude, Ihnen solche zu Füßen legen zu dürfen." Erna lächelte halb geschmeichelt, halb in Zweifel, was man eigentlich aus dieser Antwort machen könne. Noch ein Blick und ein Gruß hin und her — der Wagen rollte fort. Rodenbach barg den süßduftenden Strauß in seiner Brusttasche, kehrte um und ging in die Stadt, einen kostbaren Blumenstrauß für Frau Erna Bevers zu bestellen, welcher ihr nebst seiner Karte noch an diesem Abend gebvackst werden sollte. Solche Galan- terieen waren sonst nicht seine Art, allein er hatte das sonderbare Gefühl, daß die in ihrer Eitelkcstt befriedigte Erna eine bessere Gesellschaft für Ruth sei, als die beleidigte Erna, die ohne allen Zweifel denken würde, daß er die Narzissen von Ruth empfangen. Von dem Blumenladen ging er zu Melitta, die ihn brieflich um seinen Besuch gebeten.
„Melitta", rief er, „was ist Ihnen, sind Sie krank?" Melitta sah sehr elend aus, ihre sonst so leuchtenden Augen waren trich umflort, ihre Wangen blaß und beinahe eingefallen, ein scharfer Zug lag uni ihren Mund. Sie trug, obschon es hoher Tag war, einen Schlafrock und hatte das röthliche Haar in einem dicken Zopf im Nacken hängen. „Es ist nichts — ein wenig Kopfweh. Mein Arzt hat mir wegen hochgradiger Nervosität acht Tage Urlaub erwirkt. Man wird mich nicht entbehren. Sie und Alle sagen es ja, ich spiele schlecht, es geht abwärts mit mir." Ein müdes Lächeln schlich um ihre Lippen. „Aber Melitta!" sagte Rodenbach mit herzlichem Vorwurf. Plötzlich war sie neben ihm, legte ihr Haupt an seine Schulter und weinte bitterlich. „Aber Melitta!" rief er noch einmal. „Bringen Sie ihn mir wieder .... sein Fernbleiben tobtet mich", klagte sie. „Was ist denn schon wieder mit Juan?" fragte Rodenbach bekümmert. „Ich habe ihn seit acht Tagen nicht gesehen und gehe ungern in das Haus Hartmann, um ihn ohne Noth aufzusuchen.". „Auch ich", sagte sie, habe ihn ebenso lange nicht mehr gesehen. Am Abend, ehe ich als Adele im neuen Stück auftrat, war er bei mir und wollte mich freigeben. Aber wir versöhnten uns und waren so glücklich. Dann mag auf der Bühne irgend eine meiner Geberden, irgend etwas an mir an die bewegte Stunde erinnert haben und er leidet dann in der schrecklichen Idee, daß mein Thun und Lassen vor ihm auch nur Komödie sei. Lesen Sie, Rodenbach. Dies Billet habe ich endlich erhalten, nachdem ich ihm öfters geschrieben.
Rodenbach nahm das Briefchen, das Melitta ihin reichte, während sie wieder das Taschentuch gegen die Augen preßte. „Ich bin. ein Verdammter, denn ich liebe ein Phantom. Ties Phantom bist Du. Schönes, geliebtes, armes Weib, ich zürne nicht Dir, ich zürne dem Schicksal. Dein Lächeln lügt, Deine Blicke lügen, Deine Thränen lügen und Du weißt es nicht. Tu bist grit, Du bist heiß. Du bist liebenswürdig, aber Du hast gelernt, es zu sein, Du bist gewöhnt, es zu sein! Melitta, was
ist Dein eigentliches. Dein ursprüngliches Ich?! Ist es auch gut, heiß, liebenswürdig? Melitta, ich bin ein Ver« danunter, weil ich Dich liebe, Du aber bist mehr als verdammt, weil Du keine eigene Seele hast. _ Das in Deiner Brust wohnt, haben fünfzig Dichter zusammen hineingetüncht. Ich fühl's, hier ist die Grenze für meinen Verstand; ich werde ihn verlieren, wenn ich länger trachte. Deine Wahrheiten und Deine Lügen zu ergründen, lind darum — fahre wohl!" „Ist das wahr?" rief Melitta, „nein, nein, es ist nicht wahr!" „Wenn er es glaubt, ist es für ihn eine Wahrheit", sagte Rodenbach, . „Ich habe zum ersten Mal in meinem Leben eine schlimme Empfindung über meinen Beruf gehabt", sprach sie, „denn aus ihm allein kommt alle diese Qual für Juan und für mich. Und dennoch — ihn aufgeben kann ich nie."
Rodenbach war über ben Brief entsetzter, als er zeigen mochte, er hatte einen Einblick erhalten in einen seelischen Zwiespalt der tragischsten Art. „Was denken Sie zu thun, Melitta? Ja wohl, dies Elend hat in Ihrem Berus seine Quelle. Wir, Melitta, die wir in der Schönheit und Poesie unsere Arbeit haben, sollen nicht glücklich sein. All' die stolzen Wonnen, welche wir in seligen Schöpfermomenten, oder wenn der Beifall zu uns dringt, erleben, all' die Wonnen müssen >vir mit tausend Bitternissen bezahlen. Und dennoch, Melitta., wenn mir Einer kommt und sagt: „Ich zahle ihn nicht, den Preis, er ist mir zu hoch", dem säge ich: „So bist Du kein Erwählter ge-, wesen". Melitta, ich bin glücklich, daß Sie sprechen: „Ich gebe meinen Beruf nicht auf." Wir sind mehr als andere Menschen den Stürmen der Leidenschaft ausgesetzt, wir straucheln vielleicht öfter, denn der Dämon Augenblick hat viel Gewalt über uns. Aber Eins kann und soll uns in jeder Lebenslage Adel verleihen: das un- erschütterliche Festhalten und Emporklimmen an dem Panier unseres Berufs. Und wo schon wir Männer schwer an der Goldlast des Genies tragen, wie unsagbar viel schwieriger muß sie für Euch sein. Einer hat Euch verstanden und der sagt:
„Viel Kronen giebt es, dunkle, dornenvolle,
Die Gott den Kindern dieser Erde lieh ;
Me schwerste doch, mit der der Herr im Grolle
Ein Weibeshaupt bekränzt, ist — das Genie."
Melitta ruhte still an der Brust des treuen, ver- ständigen Freundes, ihre Thränen flössen linder. „Was denken Sie zu thun, Melitta?" fragte er wieder. „Ich will noch einmal mit Juan reden rind Aug' in Auge wollen wir uns klar zu werden suchen, ob Trennung wirklich Heil sein kann für zwei Herzen, die sich so lieben! Noch einmal will ich ihm sagen, daß er kleinliche Aeußer- lichkeiten nicht erwägen und unser Glück über Alles stellen soll. Dies aber glaube ich in der Ehe ganz gesichert. Sind wir Mann und Weib, so ivird ihm jeder Zweifel schwinden. Bitten Sie ihn deshalb, morgen Abend zn mir zu kommen und sagen L-ie ihm, was Sie wollen, nur ihn dazu zu bewegen."
(Fortsetzung folgt.)
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