Einzelbild herunterladen
 

iesbckemr Tmlilck.

so. Jahr--»««.

Erscheint in zwei Ausgaben. — Bezugs-PreiS: durch den Verlag S« Pfg. monatlich, durch die Post S Mk. SO Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

Verlag: Langgasse 27.

18,000 Abonnenten.

Anzeigeu-Preisr Die einspaltige Petitzeile für locale Anzeigen 15 Pfg., für auswärtige Anzeigen 25 Pfg. — Reclamen die Petitzeile für Wiesbaden 50 Pfg., für Auswärts 1 Mk.

für die Abend-Ausgabe bis 12 Uhr Mittags, für die Morgen-Ausgabe bis 3 Uhr Nachmittags. — Für die Aufnahme später eingcreichter Anzeigen zu? nächsterschcinenden Ausgabe wird keine Gewähr übernommen, jedoch nach Möglichkeit Sorge getragen. _ .

|U. O, Redaktions-Fernsprecher No. 52.

Samstag» den 4. Januar.

Berlagö-Fernsprccher No. 2266.

1902.

Morgen-flusgabe.

Sorialpolittsche Umschau.

Seit einer Reihe von Jahren haben in Deutschland außerordentlich zahlreiche ausländische Arbeiter ihr Brod gefunden. Sehr viele von ihnen sind irr günsti­ger Geschäftszeit auf Veranlassung der Arbeitgeber aus chrer fernen Heimath herbeigeholt; viele kamen mit Weib und Kind, auf die Beständigkeit der wirthschaftlichen Verhältnisse bauend. Diese Ausländer wurden nicht nur im Baugewerbe und mit Erdarbeiten beschäftigt, sie waren auch in den Bergwerken willkommen und in zahl­reichen handwerksmäßigen Erwerbszweigen, in Fabriken und Landwirthschaft haben sie in manchen Orten die heimischen Arbeiter selbst zurückgedrängt. Die Klagen der letzteren iiber den ausländischen Mitbewerb sind be­kannt. Schon in der Zeit günstiger wirthschaftlicher Zu­stände haben sie oft genug betont, daß ihnen der Aus­länder das Brod nehme. Staat und Gemeinde wisse den heimischen Arbeiter mit Steuern aller Art zu treffen, beschäftige aber selbst Italiener, Kroaten, Tschechien und andere Fremde, ohne zu prüfen, ob der Deutsche in der eigenen Heimath von diesen Arbeitern nicht wirthschastlich zu Boden gedrückt werde. Der Unwille der Arbeiter gegen diesen Mttbewerb machte sich sehr häufig selbst in Thät- lichkeiten Luft. Von den Arbeitgebern wurde darauf hingewiesen, daß man die fremde Hülfe nicht entbehren könne. Gewisse Arbeiten im Baugewerbe und auch bei der Erdbewegung könne der Deutsche nicht so gut wie der Ausländer verrichten; auch sei ein empfindlicher Arbeiter­mangel vorhanden und namentlich in der Landwirthschaft fehle es an Kräften.

Zum Theil ist das richtig; aber auch nur zum Theil. Sehr wesentlich kam für die Beschäftigung ausländischer Arbeiter die Thatfache in Betracht, daß sie mit geringerem Lohn zufrieden sind und weniger persönliches Selbstge­fühl besitzen; daß sie williger sind als der deutsche Ar­beiter; daß sie. Alles in Allem genommen, aus einem niedrigeren K u l t u r st a n d p u n k t sich be­finden. Das soll man ehrlich bekennen. Der Tscheche, der Kroat, der Pollack, selbst der Italiener führt daheim rin Leben, das tief unter der Mittellinie der Lebenshal­tung des deutschen Arbeiters liegt. Ein Mensch, der kaum ein nmnmswerthes Kulturbedürfniß hat und dessen Ideal lediglich eine vollkommene Sättigung, ein gegen Regen schützendes Obdach, Alkohol und die Heimsendung der Sparpfennige ist, kann natürlich billiger arbeiten als der deutsche Durchschnittsarbeiter. Diese Fremden sind auch gegen die Antastung ihrer persönlichen Würde weniger empfindlich als der Deutsche, denn was ihnen in ihrer galizrschen oder kroatischen Heimath geboten wird, hat sie gegen derartige Püffe auf deutschem Boden ziem­

lich abgehärtet. Natürlich gestehen wir Ausnahmen zu, aber im Allgemeinen hatte der deutsche Arbeiter doch in den letzten Jahren selbst auf heimathlichem Boden in Wettbewerb mit Ausländern zu treten, die kulturell, geistig, sittlich und vielfach auch technisch tief unter ihm standen.

Es darf auch nicht verschwiegen werden, daß selbst in der letzten Zeih als die Krise bereits in allen großen deutschen Erwerbszweigen arge Verheerungen anrichtete, die Ausländer in vielen Betrieben und, es ist bezeichnend, selbst von Behörden weiter beschäftigt wurden, während deutsche Arbeiter zu Tausenden brodlos waren. Erft seit wenigen Wochen scheint endlich auch in weiteren Kreisen die Ueberzeugung Platz zu greifen, daß der deutsche Arbeiter denn doch eigentlich der Nächste zum deutschen Brod sein sollte. Man hat, zuerst vereinzelt, dann aber allgerneiner, an gefangen, zunächst die Aus­länder aus den Betrieben zu entfernen und, wo es noth- wendig war, für die Entlassenen deutsche Arbeiter einzu­stellen. Mehrfach haben in den jüngsten Tagen auch Be­hörden in diesen! Sinne auf die Arbeitgeber eingewirkt; so soll die Entlassung von 800 ausländischen Arbeitern auf der Laurahütte und ebenso die Kündigung von 150 Polen auf den Huldschinsky'scheu Werken auf Anregung von höherer Stelle erfolgt sein. Aus verschiedenen An­zeichen gewinnt man den Eindruck, als ob man gegen­wärtig bestrebt sei, auf dein Verwaltungswege den deutschen Arbeitsmarkt von Ausländern rmch Möglichkeit zu säubern. Seit einiger Zeit macht sich daher eine starke Bewegung derselben zurück über die Grenzen bemerkbar.

Natürlich ist das Loos vieler dieser Arbeiter ein bitteres. Sie hofften, bei uns ihr dauerndes Brod zu finden und sehen sich jetzt in ihrm Erwartungen getäuscht. Nicht Wenige von ihnen sind durch ihre Entlassung in schwere wirthschaftliche Bedrängniß gerathen; sie leiden Noth und müssen die private und öffentliche Mildthätig- keit in Anspruch nehmen. Einzelne Behörden befolgen daher die Regel, derartig bedürftige Ausländer zwangs­weise über die Grenze zu schaffen. Die Maßregel mag hart erscheinen, und man kann in derThat diesd immerhin ehrlichen und arbeitswilligen Fremden bemitleiden, aber entscheidend muß doch immer bleiben, daß der ebenso ehr­liche und gleichfalls arbeitswillige Deutsche uns näher steht als der. Slowake, der Tscheche und galizifche oder russische Pole. Allerdings eine Lehre sollten auch die deutschen Behörden und Arbeitgeber aus dm gegen­wärtigen Verhältnissen ziehen; sie sollten in günstiger Geschäftszeit nicht vergessen, daß auch der deutsche Ar­beiter ein Stück, und zwar nicht das schlechteste, unseres deutschen Volkes ist und daß es eine etwas tiefer als auf allgemeine Redensarten begründete Vaterlandsliebe zur Pflicht macht, vor Allem dasWohlergehm unserer stamm­verwandten Arbeiter im Auge zu behalten, mit ihnen ein Auskommen zu suchm. Bei einiger socialer Einsicht und gutem Willen ist das fast immer möglich. Man würde

dann fremde Arbeiter keineswegs entbehren können, aber jedenfalls würde eine Ueberschwemmung des deutschenAr- beitsmarktes durch dieselben unmöglich sein und eine Ouelle sehr erklärlicher Verbitterung und schärfster An­griffe gegm gewisse Unternehmen verstopft.

Einen Vortheil hat die gegenwärtige Krise in socialer Hinsicht: sie treibt einm Theil der großstädtischen Be­völkerung auf das Land zurück; die Einm glauben dort wohlfeiler zu leben, die Anderen hoffen dort leichter oder doch wmigstens sicherer in dieser schweren Zeit ihr Brod zu finden. Leider wird dieser Zug zurück in die Dörfer nur ein vorübergehender sein. Man wird dort meistms das nicht finden, was man erwartet; weder eine wohl­feilere Lebenshaltung, noch ein sicheres Brod. Die Be- völkemngswelle wird bald wieder in die Stadt zurück- schlagm. Das ist nicht nur aus wirthschaftlichen, son­dern auch aus Gründm der Volksgesundheit zu bedauern. Die moderne Gesetzgebung, eine umsichtige Städteverwal­tung und die allgemein besser geworbene Einsicht in die Ursachen der Krankheiten wirken zwar zum Besten der Volksgesundheit zusammen, aber schwere Schäden unserer Entwickelung lassen sich auch bei klarer Erkmnung der­selben nur im Laufe langer Jahrzehnte überwindm. So lange unsere Großstädte an der Wohnungsnoth und Uebervölkerung kranken, werden sie vor Allmr der Herd übler sanitärer Verhältnisse sein. Wie große Uebel in dieser Hinsicht herrschen, zeigt fast jede Untersuchung, die ohne Vorurtheil und mit Wahrheitsliebe ihre Aufgabe zu lösm sucht. Lehrreich aus den jüngsten Tagen sind in dieser Beziehung auch die Feststellungen des größtmtheils- aus Aerztm bestehenden „Vereins für öffentliche Gesund­heitspflege" in Niirnberg. Derselbe hat ermittelt, daß in den dortigen Schneiderwerkstätten auf den Kopf nur 9,9 Kubikmeter Luftraunr kommen. Um einm Maßstab zu gewinnen, muß man wissen, daß in der Strafanstalt Plötzmsee auf jeden Erwachsenen 28 bis 29 Kubikmeter. Luft entfallen. In dm Schneiderwerkstätten wird die Lust ohnehin noch erheblich verschlechtert durch eine oft wmig zweckentsprechende Beleuchtung, durch das Bügeln, Staubmtwickelung, die Zubereitung von Speisen, Wäschetrocknm, Benutzung der Werkstatt als Schlaf­raum rc. Es kann nicht überraschen, daß in derartigen Räumen der Keim zu vielen schlimmen Krankheiten, namentlich aber zur Tuberkulose, gelegt wird. Dev. Kampf gegm dieselbe muß daher bei der Wohnungsfrage einsetzm. Zwar entfallen nach den Ergebnissen der letztm Volkszählung auf jedes der 6,400,000 bewohnten Häuser Deutschlands nur 8,92 Einwohner durchschnittlich. Aber derartige Durchschnittszahlen haben für den Social- polittker gar keinen Werth. Er weiß, daß das Bild in seinen Einzelzügen betrachtet ein wesentlich anderes wird.' Eine Uebervölkerung der großstädtischen Arbeiterviertel ist bekanntlich die Regel, eine gesundheitlich und sittlich geradezu gefährliche Zusammmpferchung des ärmsten Theiles der Bevölkerung häufiger, als es die Polizei er-

FemUelon.

Die MdiMWn MMMe des Jahres 1901.

Pünktlich mit dem Anstand der Großen hat der Londoner „Lancet" im letztm Hefte des Jahrgangs seinen Annus Medicus veröffentlicht, der immer einm kleinen Band für sich zu bildm pflegt. Da diese Uebersicht die umfassendste und zuverlässigste ihrer Art in der ärztlichen Presse ist, lassm sich die Fortschritte der Heilkunde in dem letztvergangenm Jahr aus ihr am besten entnehmen, und wir geben daher daraus einm stark gekürzten Auszug, dm wir nur an einigen Stellen, im Besonderen mit Be­zug auf die dmtsche Forschung ergänzen.

Auf dem Gebiet der allgemeinm Medicin stand der zweite, in London abgehaltene Tuberkulose- Kongreß im Mittelpunkt des Interesses. Die große Smsation dieser Versammlung war, wie auch die eng­lische Zettschrift hervorhebt, der Vortrag von Professor Koch, worin er seinen Zweifel gegm die Uebertragbar- keit der Tuberkulose von Thierm auf den Menschm vor­brachte. Eine große Zahl hervorragender Forscher ver­schiedener Nattonm äußerten ihre Meinung zu der ganz nmm Ansicht, und die mglische Regierung setzte alsbald einm besonderm Ausschuß ein, der die Erscheinungm der Tuberkulose bei Mmschm und Thierm vergleichend untersuchen sollte. lieber die Arbeiten dieses Ausschusses ist noch nichts veröffentlicht wordm, jedoch bürgt seine Zusammensetzung für ein bemerkmswerthes Ergebniß. Von hervorragendem Interesse war femer der Vortrag des Pariser Professors Brouardel, der sich mit aller Wärme für den Nutzen vorbeugender Maßregeln aus­sprach und inr Besonderen bessere Wohnungsverhältnisse für die Armen und im Allgemeinm bessere Einrichtungen für die arbeitmden Klassen als wirksamste Mittel gegen die Verbreitung der Seuche forderte. Ile. Ravmel trat der Ansicht Kochs in soweit bei, als er die Eigenart des

Tuberkelbacillus beim Rindvieh hervorhob, jedoch hatte er aus seinen Versuchen die Ueberzmgung gewonnen, daß dieser Tuberkelbacillus im hohen Grade ansteckend für dm Mmschm ist. Trotz der vielm Mittel gegm die Lungenschwindsucht, die während der letztm Jahre angeb­lich gefunden wurdm, hielt die Mehrheit des Kongresses die Freiluftbehandlung noch immer als die wirksamste. Die Schutzimpfung gegm Typhus, die in größerem Umfange zum ersten Mal in Südafrika auf die Probe ge­stellt wurde! vermochte die auf sie gesetzten Hoffnungm nicht zu erfüllen. Die dadurch gewährte Immunität ist nur von kurzer Dauer. Mit wärmster Anerkennung wird dagegen der Erfolg der Dip h t h e r i e - Behandlung durch das Heilbttit hervorgehobm und besonders darauf aufmerksan! gemacht, es sei jetzt klar erwiesen, daß die Jintzfung umso wirksamer sei, je früher sie vorgmommm würde. Geschieht sie am ersten oder zweiten Tag der Erkrankung, so ist die Wahrscheinlichkeit des Todes weit geringer als bei späterer Verabreichung des Mittels. Mit den Pocken hat man sich im letztm Jahr besonders in England zu beschäftigen gehabt, und die Pockmepidemie, die seit Ende Juli in London herrscht, zeigt noch jetzt keine Neigung zur Abnahme. Werthvoll ist der Hinweis auf die Schwierigkeit in der Erkmnung der Krankheit, die darauf zurückgeführt wird, daß viele Aerzte in Folge der wirksamen Impfung die Krankheit nie gesehen haben. Scharlach war in verschiedenen Ländern im letzten Jahr recht häufig; besondere Aufmerksamkeit ist der Ver­breitung der Krankheit durch Milch gewidmet wordm, die in nrehrerm Fällen erwiesm werden konnte. Be­züglich des rheumatischen Fiebers ist zu er­wähnen, daß die Vermuthung, diese Krankheit sei auf einen bestimmten Erreger zurückzuführen, an Gewißheit gewonnen hat. In den meisten urodemen Lehrbüchern findet sich daher das Leiden nicht mehr unter dm Gelmk- krankheitm, sondern unter dm besonderm Fiebern. Ter Keim ist wahrscheinlich ein Diplococcus, der von Poynton und Paine aus rheumatischen Geschwülsten ausgeschiedm

worden ist. Ein weiterer Keim der gleichen Gattung ist von den Bakreriologm Hunter und Nuthall als Er­reger von Gehirnhautentzündung ange- sprochm worden; er hat sich in der Flüssigkeit des Ge­hirns und des Rückgrats gefunden. Großes Aufsehen erregte auch im Auslende die in Manchester und Um-. gebung auftretende Epidemie von Arsenikver-i giftungen, zu deren Untersuchung das mglische Parlament einen besonderen Ausschuß einsetzte. Die bereits bestehende Vermuthung, daß die Vergiftungm durch einen Arsenikgehalt des Bieres infolge unreinen Brauzuckers zurückzuführm wären, wurde bestätigt. Der Ltand der P e st hat sich im vergangenen Jahr mit Rücksicht aus Europa nicht ungünstig verändert, die Epidemiem in Glasgow und Konstantinopel warm leicht und blieben örtlich beschränkt. In Indien dagegen wüthete die Epidemie schrecklicher als in den voraus- gegangenen Jahren, und namentlich die Stadt Bombay wird sogar von ruhigen Sachverständigen gleichsam als verlorener Posten betrachtet. Das Antipestserum von Calmette, das seiner Zeit in Oporto, und das Serum von Aersin, das auf der Insel Reunion gute Erfolge er­zielte, scheinen in Indien infolge der dortigm Verhält­nisse nicht in genügendem Umfange eine Anwendung finden zu können.

Aus dem Gebiet der Chirurgie ist viel Interessantes vom Jahre 1901 zu berichten. Die Chirurgie des Unterleibs hat ihrm Vorrang behauptet, wahrscheinlich deshalb, weil im Unterleib besonders viele Organe zusammen enthalten sind und weil jetzt keine Operation in der Bauchhöhle an sich ohne große Gefahr vorgenommen werden kann. Mit der Operation von Schußverletzungen des Magens hat man sich anläßlich des Attmtats auf Mac Kinley viel beschäftigt. Sind die Hoffnungm auf eine Heilung einer derartigm Ver­wundung in diesem und in fast allen Fällm fehlge­schlagen, so hat andererseits der südafrikanische Krieg zahlreiche Beispiele dafür geliefert, daß das Geschoß eines