Verlag: Sanggaffe 27.
so. Jahrgang.
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Ko. 6.
Redaktions-Fernsprecher No. 52.
Samstag» den 4. Januar.
BerlagS-Fcrnsprcchcr No. 2266. 1903.
Abend-Ausgabe.
Die polnische Frage.
L. Berlin, 3. Januar.
Die gestrige Unterredung des Reichskanzlers mit denn österreichisch-ungarischen Botschafter war veranlaßt worden durch das beiderseitige Bedürfnis;, eine Aussprache über die Demonstration im galizischen Landtage und über die scharfe Abfertigung herbeizuführen, mit der die ,.„N. A. die Rede des Fürsten Czartorisky zu beantworten hatte, lieber ein Ergebnis; der Unterhaltung ist ibisher nichts bekannt geworden, indessen kann man aus .einer inspirirten Notiz entnehmen, daß Graf Bülow sich im Wesentlichen im Sinne des erwähnten hochoffiziösen Artikels geäußert hat. Wörtlich heißt cs in dieser Notiz: „Nach dem halbamtlichen Artikel in der „N. A. Z." nürd kein Zweifel über die Absicht bestehen können, welche den Grafen Bülow zu der Unterredung vcranlaßte." Nebenbei erfährt man aus der mitgetheiltcn Wendung, daß der Reichskanzler den Botschafter zu sich eingeladen haben nruß. Hat sich nun aber Graf Bülow dem Vertreter der befreundeten Monarchie gegenüber so ausgesprochen, wie es die offiziöse Verlautbarung gethan hatte, so wird der Botschafter wiederholt zu hören bekommen haben, wie auffällig es hier befunden wird, daß die Kundgebung des galizischen Landtages ohne den Einspruch der österreichischen Regierung vor sich gehen konnte. In einer Mittheilung aus Wien liest man über einen parallelen Vorgang, der sich zwischen dem Grafen Goluchowski und dem Fürsten Eulenburg abgespielt hat. Offenbar war unser Botschafter in Wien beauftragt worden, dem Grafen Goluchowski ungefähr dasselbe zu erklären, waS Graf Bülow hier Herrn v. Szögyeni zu eröffnen für gut hielt. Wenn man nun weiter erfährt, daß Graf Goluchowski den autonomen Charakter des galizischen Landtags hervorhob und die Unmöglichkeit für die Regierung betonte, »ine Kundgebung des polnischen Nationalgefühls hindern zu können, so folgt daraus eigentlich von selbst, daß Herr b. Szögyeni sich dem Reichskanzler gegenüber ungefähr 'benso, wahrscheinlich mit denselben Worten ausgesprochen haben wird. Es ist sehr die Frage, ob man sich hier durch diese Erklärungen befriedigt zeigen wird. Sollte es geschehen, so würde darin eine weitgehende Rücksicht auf die Schwierigkeiten liegen, mit denen die befreundete Regierung an der Donau zu kämpfen hat, und jedenfalls würde es kaum ohne einen bitteren Nachgeschmack geschehen. Zu der akut gewordenen polnischen
Frage (akut in Bezug auf ihre internationale Zuspitzung) gehört auch, was ein hiesiges Blatt aus Rom erfahren haben will. Hiernach soll sich die preußische Regierung beim Vatikan 'über die Förderung beklagt haben, die der polnische Klerus der polnischen Bewegung angedeihen lasse, und zwar habe die preußische Regierung auf die korrekte Haltung des Vatikans hinsichtlich Rußlands verwiesen, wo Kardinal Rampolla jede Agitation des Klerus gegen die Regierung auf dasStrengfte untersagte. Möglich ist es schon, daß von hier aus solcher Schritt beim Vatikan unternommen worden ist, aber es ist schwer zu begreifen, daß man sich hiervon einen Erfolg versprochen haben sollte. Wenn etwas gewiß ist, so ist es doch wohl dies, das; die Kurie den Religionsunterricht Polnischer Schulkinder iit deutscher Sprache niemals gutheißen >mrd, wobei es freilich noch nicht so schlimm zu werden braucht, wie es ProfcssorTelbrück in den „Preußischen Jahrbüchern" befürchtet, wenn er schreibt: „Es wird nicht lange dauern, so werden die Bischöfe in geschlossener Phalanx anrücken." Delbrück macht im Uebrigcn auf ein Moment aufmerksam, das in der That die höchste Beachtung verdient. Er spricht von den 120,000 Mark, die für die Gncsener Verurtheiltcn sofort gesammelt worden sind, und er meint: „Man mache sich klar, wie eine solche Summe auf die Phantasie der kleinen Leute wirkt, um zu begreifen, daß man die Dinge jetzt nicht einfach laufe» lassen darf, da wir jeden Tag einer Wiederholung der Wrcschener Vorfälle ausgesetzt sind." Das null denn wirklich ms Auge gefaßt sein. Indessen hält Delbrück einen Ausweg aus den Schwierigkeiten der Lage für vcrhältnißmäßig leicht. Er glaubt nicht, daß der Zwiespalt in der Sache so groß ist, wie er scheine: denn die Polen weigern sich keineswegs, überhaupt Deutsch zu lernen, und man irre sich, wenn man glaube, das; alle Polen eine reine Freude an diesem Kampfe haben. Aus dem Munde eines uichtpreußischcn Polen hörte Delbrück die merkwürdige Aeußeruug: „Uns ist das Schrecklichste geschehen, was für uns nur denkbar ist — etwa das Gnescner Urtheil? Nein, sondern daß „unsere Studenten und die russische Polizei in Warschau eines Sinnes geworden sind. " Er war der Ansicht, der Sturm auf daS deutsche Konsulat inWarschau sei von der dortigen Polizei selber eingegeben worden, da man ja jetzt in Warschau an der panslavistiscken Versöhnung zwischen Russen und Polen zum Zweck des Kampfes gegen das Deutschthum arbeite.
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Die ernster zu nehmenden Centrumsblätter verurtheileu ganz entschieden die neueste polnische Ausschreitung in Gestalt der Rede des Fürsten Czartoryski. Die „Köln. Volksztg." weist
die Polen darauf hin, daß sie damit ihre eigene Sache schädigen, und der „Wests. Merkur" schreibt u. A.: „Was würde man im Auslande wohl sagen, wenn bei uns im Reichstage oder preußischen Landtage eine Partei eine Erklärung abgäbe, worin mit Bezug auf die Behandlung der Deutschen in Rußland oder Ungarn gesagt würde, die Losung „Macht geht vor Recht" habe dort alle menschlichen Gefühle erdrückt, wenn von „Grausamkeit, Unbill und Bedrückung" ec. die Rede wäre? Was würden speziell die Polen in Galizien sagen, wenn eine solche Erklärung sich gegen ihre Behandlung der Ruthenen richtete? Man kann nur staunen über die Kurzsichtigkeit der Polen, die nicht begreifen, daß sie mit solchen Herausforderungen sich selbst und insbesondere den preußischen Polen nur schaden. Die preußischer Polen werden die Thorheit ihrer galizischen Volksgenossen büßen müssen. Ueberdies stören die Polen durch ihre beleidigend^ Herausforderung das gute Einvernehmen zwischen Deutschland und Oesterreich. Wir deutschen Katholiken wollen das Freund- schaftsbündniß zwischen Deutschland und Oesterreich ungetrübt aufrecht erhalten wissen. Es kann uns für die Sache der Polen nicht sonderlich erwärmen, wenn sic es muthwillig zu stören suchen. Thut die preußische Regierung ihnen Unrecht, so ver- urtheilt das jeder deutsche Katholik. Aber sie muffen sich auch danach betragen, daß man nicht sagen kann, sie hätten dies Unrecht herausgcfordert." — Das sind scharfe Worte aus Kreisen, welche sonst die gerechten Forderungen der preußischen Polen unterstützen und die gegen sie gerichtete Ausnahmegesetzgebuna durchaus bekämpfen. Das muß man natürlich auch jetzt fcst- halteu: die polnischen Ausschreitungen sind entschieden zu ver- urtheilen, ebenso aber auch auf der anderen Seite jedes Unrecht, das man den Polen zufügt.
Recht beachtenswcrth sind die Auslassungen eines zum Studium der Polenfrage nach Posen entsandten Spezialüericht- erstatters des „Berl. Tagebl.". Er sagt u. A. in einem seiner Artikel: Der Gnesener Prozeß hat ergeben, daß hier von keinen Einzelvorgängen die Rede ist, sondern daß diese Vorgänge ganz allgemeine Stimmungen wiederspiegeln, die mir auch in dem Zeugniß vieler angesehener deutsch-katholischer Bürger und deutsch-katholischer höherer Beamten entgegengetreten sind. Sieht die katholische Kirchk'siicht ein, oder will sic nicht einsehen, daß, indem sie sich von dem politischen Polenthum als Handlangerin benützen läßt, sie sich einen Pfahl ins eigene Fleisch treibt, daß sie hier in der Provinz Posen Selbstvernichtung übt? Ueber- sieht sie denn ganz, daß das rein politische, vom Klerus durch eine innerliche, abgrundtiefe Kluft geschiedene Jungpolenthum die Religion nur als eine Maske vors Gesicht genommen hat, und läßt sie sich durch diese Maske derark täuschen, daß sie in ihr eigenes Verderben rennt? Von allen deutschen Blättern ist das „Berliner Tageblatt" das einzige, dasich die Mühe genommen hat, die Zustände in Posen auf Grund eigener Anschauungen zu sondiren. Würden die führenden deutsch-katholischen Blätter seinem Beispiel folgen, sie würden sich von den hier niedergelegten Erfahrungen selbst überzeuge»
6. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Die Malerin.
Novelle von Robert Kohlrausch.
War es ein Zufall, daß dies unerfreuliche Schauspiel fner in der Waldeinsamkeit einer großen und reinen Patur sich abspielte? War nicht vielleicht diese lebende Puppe, der Anna mit der Bezeichnung als „junge Medusa" noch zu viel Ehre angethan hatte, der eigentliche Magnet gewesen, der den eitlen Künstler hierher gesogen hatte? War sie cs, die er gesucht hatte bei der Ab- iahrt und bei der Ankunft, und der zu Liebe oder zum Possen er nun eine häßliche Komödie aufführte? Eine Komödie — es war nichts Anderes. Kein Ton war echt in dem, was er sprach, und ihm gegenübersitzend, sah ich genau, daß seine unruhigen Blicke weit häufiger drüben naren, als bei seiner Braut. Sie aber wür arglos, voller Vertrauen, so ganz erfüllt, berauscht, überwältigt von ihrem neuen ungeahnt auf sie niedergesunkenen Glücke, Satz sie blind und taub schien für Alles, was um sie her wrging. ,
Jetzt entstand gegenüber eine Bewegung, ein Stuhlkücken, ein Tüchersuchen, ein letzter Ansturm koketter Blicke rnd Worte der Damenwelt gegen die Herren: man brach auf zu den Wasserfällen, und die junge Ausländerin, die sich als Führerin derGesellschaft zu fühlen schien, rauschte, von starkem Veilchenparfüm umweht, nahe an uns vorüber. „Nun werden Sie sehen, daß ich Recht habe", hörte ich sie sagen. „Nur nach dem Regen darf man einen Wasserfall sehen."
„Nur nach deni Regen" — es ging^nir wie ein Stich, zugleich wie ein Aufleuchten durch die Seele. Kaum war es mehr Zweifel, fast schon Gewißheit, daß auch für uns von jenem schönen, hohnvollen Munde der Befehl zum Aufbruch am heutigen Tage gekommen sei, daß es nicht Sonnenschein gewesen war, auf den wir gewartet hatten, sondern Wolken und Regen.
Winckler hielt es' offenbar für klug, die Rolle des Verliebten auch jetzt noch, nachdem wir allein geblieben waren, eine Weile fortzuführen; allmählich aber erkaltete er, ieüic Stimme bekam ihren alten Ton, seine Hände Husten Ikb von den«l Annas behutsam frei. Nun sah
er auch nach der Uhr, that erschrocken, obwohl es doch noch nicht so spät war, und mahnte zur Heimkehr.
„Die andere Gesellschaft geht noch nach Bayrisch-Zell hinüber", sagte er in gleichgültigem Tone. „Das ist aber wohl nichts für uns, was?"
„Woher weißt Du's?" fragte seine Braut — harmlos, ohne Ueberraschung.
„Ich hörte sie's bereden; sie sprachen ja so laut. Auch wartete draußen ein Bursche mit ihrem Gepäck für die Nacht."
Er schien eine Aufforderung von einem von uns zu erwarten, uns derPartie anzuschließen: ich aber protestirte lebhaft unter dem Hinweis darauf, daß wir aufs Ueber- nachtcn nicht eingerichtet seien. Davor wenigstens wollte ich Anna beschützen, diesem gegenseitigen Kokettiren unter ihren Augen, von dessen Bedeutung sie nichts ahnte, noch weiter beiwohnen zu miissen.
„Ich würde gehen, wo Du gehst", sagte sie einfach. „Aber vernünftiger ist es wohl schon, wir fahren heim."
„Na, denn los!" rief er und stand ans. „Haben wir auch Alles verzehrt, was wir bezahlt haben? Oder vielmehr noch nicht bezahlt? -— Fräulein, zahlen!" Er schrie es zur Thür hinaus; eifrig kam die Kellnerin herbei. Wir brachen auf; der kleine Raum, der noch eben vonMcnschen- stimmen erfüllt gewesen war, blieb leer und einsam zurück, und nur die gewaltige, unermüdliche Stimme des Wassers aus der Tiefe klang nun wieder hinein in sein Schweigen.
Tie reine Wärme des Vormittags hatte sich in lähmende Schwüle verwandelt, und obwohl es abwärts ging, war der Weg ermüdender als der Aufstieg. Anna war nachdenklich und in sich gekehrt, wenn sic auch noch immer mit weit offenen Angen hineinblickte in die Schönheit der Natur. Zuerst glaubte ich, sie habe eine Empfindung von dem bekommen, was vorgegangen war, doch erfuhr ich schnell, daß ich mich täuschte. Nock; lag ihr der Gedanke weltenfern, der Mann an ihrer Leite könne sie betrügen. Was sie beschäftigte, war etwas Anderes.
„Ob ich das malen könnte?" fragte sie aus einem tiefen, durch das Geräusch unserer gleichmäßigen schritte allein unterbrochenen Schweigen heraus. Eine Be- tvegung des Kopfes nach rückwärts zeigte, wovon sie sprach.
„Den Wasserfall? Unsinn! So was läßt sich üben Haupt nicht malen. Da bleib hübsch davon."
Winckler hatte es in unfreundlichem Ton hervor, gestoßen, und Anna schwieg.
Ter Himmel über uns war noch klar, aber ein feiner, weißlicher Tunst hatte ihn langsam überzogen,^ und als wir bei einer Wendung des Weges das Kaisergebirge wieder erblickten, sahen wir. daß ein Wetterumschlag sich dort vorbereitete. Auf dem Gipfel der wild emporge- thürmtcn Felsen hatte sich eine gewaltige Wolkenmasse von grauer Farbe, mit blauen und weißen Tönen ge- mischt, breit hingelagert. Tie höchsten -Spitzen waren verdeckt; es schien, als seien die znsammengeschaarten Berge dort in Brand gerathen, ohne daß man eine Flamme er- blickte, die hinter einer ungeheuren Wolke von Qualm verborgen blieb. Nach oben löste sie sich in leichte, graue Dunstschleier auf, aber auch vor dem sichtbar gebliebenen Massiv des Gebirges hing ein zarter, durchsichtiger Nebel, der den Eindruck des Geheimnißvollcn und Mächtigen erhöhte. So stand der gewaltige Koloß des Hinteren Kaisers da, gleich einem riesenhaften Altar, ans dem in- mitten der qualmenden Massen ein unsichtbares/ grausames Opfer vollzogen wurde.
„Wie gewaltig das ist!" sagte Anna halblaut, alS scheue sie sich, mit voller Stimme zu reden. Dann aber, als Winckler laut Pfeifend, fast ohne um sich zu schauen, weiterging, faßte sie mit plötzlicher, heftiger Bewegung seine Hand.
,.«o sieh doch nur, wie gewaltig das ist!" Es klang befehlend, und ihre Augen blitzten hinter den Gläsern hervor. Mit leichtem erstaunten Zusammenziehen der Stirnhaut warf er ihr einen Blick von der Leite zu; dann lachte er — sein lautes, herzloses Lachen, das mir so wenig gefiel.
„Ja, ja", sagte er, „der Kaiser, das ist ein schneidiger Kerl! So hast Tu Dir die Geschichte nicht vorgestellt, wie?"
Sie schüttelte den Kops, ohne zu sprechen, aber in dem Blick, mit dem sie eine Sekunde zu Winckler hinüber-, sah, schien mir zum ersten Male ein Schatten des Er- kennens aufzuleuchten, ein Dämmern des Tages, der ihr nur Schmerz und Enttäuschung zu bringen vermochte.
Ter Tag ging hin, die Berge warfen ihren Schchlr»
