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Ak». 4. Redaktions-Fernsprecher No. 52.
Freitag, den 3. Januar.
Verlags-Fernsprecher No. 2266.
1902.
Abend-Ausgabe.
Die Zleujahrsempfange.
L. Berlin, 2. Januar.
Bisher ist über politische Stcitjäcrimget: des Kaisers beim Neujahrsempfang nichts bekannt geworden. Ein Blatt will wissen, der Kaiser habe in der Ansprache an die Generale „alle schwebenden Fragen" berührt. Wenn das tüchtig ist, so müßte das eine außerordentlich lange Rede geworden sein, und umso bemerkenSwcrther iväre es, daß nirgends auch nur ein Wort oder auch nur eine Andeutung von dem Inhalt durchgesickert ist. Nicht einmal die Blätter, die sich einen Beruf daraus machen, nach jeder Kundgebung aus dem Schloß cifrigst auszuspähen, wissen etwas von einer Ansprache des Kaisers zu melden. Wir möchten int klebrigen daran erinnern, daß der Kaiser, der sonst doch häufig spricht, noch niemals die Neujahrs- empfänge zit beachtenswerthen Aeußerungen benutzt hat. Da das herkömmliche Eeremonicll der Neujahrsfeier im Schloß und Zeughaus kein besonderes Interesse bean spruchen kann, so richtet sich das Angemnerk allenfalls ans die Rede des Propstes Faber bei der Fahnenweihe. In dieser Rede oder Predigt, wie man es nun nennen will, finden sich folgende Sätze: „lind daneben die Sünden des Volkes nach seinen einzelnen Ständen, und die zeugen alle Wider uns. Und die Gottlosigkeit und Sittenlosig- keit, die Tausende dem Verderben zusührt, zeugen auch wider uns. Und das zu Bremen vergossene Kaiserblut zeugt auch wider uns." Man weiß nicht recht, was in den: mitgetheilten Zusammenhänge die Erwähnung des Vorganges zu Bremen bedeuten soll. Ein unzurechnungsfähiger Wahnsinniger, der für seine That nicht vor Gericht gezogen werden tonnte, hat dort im traumhaften Zustande etwas begangen, was als Zufall nicht anders zu belverthen ist, als wenn sich ein Ziegel vom Dach gelöst und den vorüberfahrenden Kaiser getroffen hätte. Propst Faber aber stellt daS „zu Bremen vergossene Kaiserblut" völlig gleich neben die „Sünden des Volkes nach seinen einzelnen Ständen", neben die „Gottlosigkeit und Sittenlosigkeit, die Tausende dem Verderben zuführt." Dies Alles, die Sünde und das vergossene Kaiferblut, sollen gleichermaßen gegen uns zeugen und den Gedanken auf unser Herz legen, ob unser Volk wohl noch Mark genug habe, „das ihm eingeimpfte Gift auszustoßen, oder ob Pietät und Treue im Niedergange begriffen sind," Es ist kaum daran zu zweifeln, daß der Prediger, dessen Fahnenweih rede auch der Kaiser mit anhörte, heute noch der Meinung ist, der armselige Epileptiker Weiland habe bewußter Matzen einen Anschlag gegen das Leben des Kaisers ausgeführt. Man muß die erwähnten Sätze doch wohl so auslegen, wenn man überhaupt einen Sinn in ihnen finden will. Wir begnügen
5. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Die Malerin.
Novelle von Robert Kohlrausch.
Sie war freundlich genug, mich in ihren Worten nicht zu vergessen, aber indem sie ihren Arm in den des Geliebten schob, ihren Kopf leicht an seine Schulter schmiegte und in dieser Steilung langsam neben ihm dahinging, sah ich wohl, lveir vorr den beiden „lieben Menschen" sic im Herzen meinte.
Ein paar Minuten sprach Keiner; wir schritten weiter auf dem weißgrauen, kiesbedeckten Pfade zwischen den rohen, hölzernen Einzäunungen der Wiesen. Unzählige Kamillen, mit ihren großen Sternen legten über die grünen Flächen einen weißgelben Schleier, in den die Blüthen des Klees und der Lychnys einen zarten, rosen- rothen Schimmer webten.
An einigen Stellen waren die Schnitter eben beim Mähen beschäftigt, und hier durchzitterte in regelmäßigen Zwischenräumen der pfeifende, zischende Ton, den die Sense beim Niederschlagen der Grashalme und Pflanzen macht, die ruhige sonnige Lust.
Ich glaubte es dem seltsamen Bräutigani anzusehen, daß Annas sanfte Liebcsbezeugung ihm unbequem wurde, und rasch zeigten seine Worte, daß ich mich nicht getäuscht hatte. „Wenn die Leute uns sähen!" sagte er und machte sich von ihr los.
„Gehörst Du denn nicht mir?" fragte sie und blickte ihn mit staunenden Augen, aber ohne Verbitterung und Borwnrf an.
„Na ja, das wohl", gab er zur Antwort. „Aber man würde uns für ein albernes Liebespaar halten, und das muß Dir doch auch zuwider sein, was?"
Sie sah vor sich nieder und nickte. „Tu hast Recht. Es ist ja auch so ganz gut."
Die größere Steigung begann, die weitere Unterhaltung verstummte von selbst. In der Tiefe rauschte
uns mit der Feststellung des Thatbestandes. Weiteres darüber zu sagen, ist wohl nicht nöthig. — Von den Reden und Kundgebungen, die anläßlich der Neujahrsfeier im Auslände erfolgt sind, intcressiren vor Allem die Ansprache des ungarischen Ministerpräsidenten und die Rede des französischenBotschafters in Rom. Wenn wir in diesem Zusammenhänge nicht die Freundlichkeiten aufzählen, die zwischen Paris und Petersburg ausgetauscht worden sind, so geschieht es, weil sie einen durchaus konventionellen Anstrich haben. Dem Bilde, das sich Europa seit Jahren von dem russisch-französischen Verhältniß hat machen können, wird kein neuer Zug hinzugefügt. Dagegen mach'tv die Rede des Herrn Bar rare den Eindruck, als ob die Fäden zwischen Paris und Rom enger geknüpft werden sollen. Es ist nur die Frage, ob das schon gelungen ist. und sodann, ob es im Falle des Gelingens bedeuten würde, daß die Stellung Italiens innerhalb des Dreibundes eine grundsätzliche Aenderung erfahren müßte. Einstweilen wird man Denjenigen zustimmen, die die Werbung Frankreichs um Italien noch nicht als gleichbedeutend mit einer Lockerung des Verhältnisses Italiens zum mitteleuropäischen Bunde erachten. Die Italiener wären nicht die klugen Realpolitiker, als die die Welt sie kennt, wenn sie sich die Gunst der Umstände entgehen ließen und die sranzösischenFreundlichkeiten nicht benutzen wollten, um sich namentlich dem Deutschen Reiche aus Anlaß der bevorstehenden Erneuerung des Bündnisses möglichst werthvoll zu machen. Gegen ein gutes Vcrhält- niß Italiens zur Republik wird man in Berlin gewiß so wenig einzuwenden haben, daß vielmehr jeder Schritt, der zu diesem Ziele führen könnte, aufrichtig gebilligt werden mag, wofern das Ergebniß nicht eine Loslösung Italiens von der bewährten Friedenspolitik des Dreibundes ist. Es liegt zunächst gewiß kein Grund vor, die Liebenswürdigkeiten zu beargwöhnen, die zwischen der Seine und dem Tiber jetzt hin- und hergehen. Was endlich die Ansprache des ungarischen Ministerpräsidenten betrifft, so macht sie mit unumwundenster Deutlichkeit vollends klar, wie brüchig die Unterlagen sind, auf denen das Donaureich gegenwärtig seine Existenz sortführt. Das Wort „in zwölfter Stunde" ist wie ein Alarmschuß, den zu beachten man in Wien gewiß überreichlichen Anlaß hat. Schließlich aber sollte der Hinweis des ungarischen Staatsmannes auf die Erschwerung des wirthschasts- politischen Lebens durch die deutsche Zoll- und Handelspolitik bei uns eben so beherzigt werden, wie der Umstand, daß die Besserung der französisch-italienischen Beziehungen schwerlich so schnell vor sich gegangen wäre, wenn man nicht in Rom Besorgnisse wegen der Folgen des neuen deutschen Zolltarifs für die zukünftige Gestaltung der italienisch-deutschen Beziehungen hegte. Keine noch so geschickte Staatskunst tvird den Zusammenhang zwischen dem handelspolitischen Umschwung, der sich bei uns vollziehen soll, und der auswärtigen Lage aus der Welt schaffen können.
der Bach, vom Regen des gestrigen Tages angeschwellt, von den Tannen um uns her floß ein sanfter Harzduft im Sonnenschein auf und nieder. Gatter, Wiesen, Häuser zogen an uns vorüber. Es war ein weiter Weg; Winckler schwitzte sehr, er hatte bereits, ohne um Er- laubniß zu fragen, den Rock ausgezogen und ging in seinem röthlichen Hemde dahin. Seine hagere, verbrauchte Gestalt trat so noch mehr hervor, und immer ivieder fragte ich mich: Wie ist es möglich, daß ein solcher Mann das Herz eines braven Mädchens gewinnt? Unliebenswürdig, selbstgefällig, körperlich reizlos — und doch, wenn ich zuweilen zu Anna hinüberblickte, sah ich unverändert den Ausdruck einer großen Liebe in ihren Augen.
„Dort ist er, der Tatzelwurm!" Ich konnte es fröhlich meiner: Gefährten bei einerBiegung desWeges verkünden. Bald hatten wir auch das kleine Wirthshaus erreicht, von dessen Wand ein Bildniß des feuerspeienden Ungethüms uns entgegerstah, das demOrt seinen wunderlichen Namen gegeber: hat. Den: Hause gegenüber steht ein kleiner hölzerner Bau, für schöne Sommertage als Gastraum bestimmt; dort hinein setzten wir uns und bestellten das bescheidene Mahl, das die Wirthsküche zu liefern vermochte. Eine von Wasserdunst gekühlte Luft drang herein, aber von Bach und Fall war rwch nichts zu erblicken; eine grüne Wildniß von Tannen, Gestrüpp, Farrnkraut und Moos verhüllte die Tiefe zu unseren Füßen.
Anna brannte vor Ungeduld, zum Wasserfall zu gelangen, Winckler aber nahm sich wieder volle Zeit zum Trinken und Essen, wobei er mit weit ausgespreizten Arnren über dem Tische umherarbeitete. Er war nach einigem Fluchen über die Hitze gesprächiger geworden und erzählte während der einfachen Tafelfreuden gar mancherlei; niemals aber, das fiel mir auf, berührte er mit einerSilbe die Zukunftspläne für das jnnge Paar. Er sprach immer nur von sich selbst, von seinen Bildern, seinen Erfolgen, seinen Reisen. Von Paris gab er eine gute lebendige Schilderung, und ich erkannte jetzt wenig-
Deutsches Reich.
* Hof- und Personal-Nachrichten. Der Besuch des Prinzen von Wales am Berliner Hofe wird, wie die „Post" hört, 'eine Woche dauern. — Den bisherigen Bestimmungen gemäß wird Prinz Eitel Friedrich im Eommersemcster die Universität Bonn beziehen und dort in der Billa „König" gemeinschaftlich mit dem Kronprinzen in bereits für ihn eingerichteten Räumen Wohnung nehmen.
* Berlin, 3. Januar. Eine hier abgehaltene Polen-Versammlung hat beschlossen, an den Fürstbischof Dr. Kopp eine Massen-Petition um Vermehrung des polnischen Gottes- d i e n st c s in Berlin abzusenden.
Der Stand der Verhandlungen zwischen Deutschland und Venezuela ist unverändert. Ein New-Porker Blatt hatte gemeldet, daß die deutschen Kapitalisten Venezuela bei der Anlage der Eisenbahn, welche doppelt so viel gekostet habe, als sie hätte kosten sollen, übervortheilt hätten. Der „National- Zeitnng" zufolge ist thatsächlich bei diesem Bau der Kosten-Anschlag überschritten worden, aber nur, weil die zum Theil in schwierigstem Gebirgsterrain hergestellte Bahn so solide und mustergültig gebaut worden ist, daß Venezuela davon trotz der Ueberschreitung der Voranschläge großen Vortheil hat.
* Rundschau im Reiche. Das Reichsgericht hat die Revision des Mörders Kneißl verworfen. Wie wir hören, wird nunmehr der Vertheidiger Kneißls ein Gnadengesuch einreichen. — Wie das Anarchistenblatt „Neues Leben" mittheilt, ist beim Berliner Polizei-Präsidium eine Centralstelle für die Bewachung von Anarchisten eingerichtet. Auf Veranlassung dieser Centralstelle ist in Mannheim bei dem Anarchisten Frintz eine Haussuchung abgehalten und anarchistische Zeitungen beschlagnahmt worden. Frintz selbst wurde auf dem Polizeibürean gemessen und photographirt und sein Bild dem Anarchistenalbum einverlcibt.
Ausland.
* Lcfterrcich-Ungarn. Sämmtliche Zöglinge de« Handelsakademie in H^'K'ä ü n st ä d t sind in den Streik getreten. Sie erklärten, die Akademie so lange nicht besuchen zu wollen, bis der Professor der französischen und deutschen Sprache, dessen Strenge nicht zu ertragen sei, durch einen anderen Professor ersetzt worden ist.
* Italien. Nach einer Meldung aus R o m werden die von C r i s p i hinterlaffenen Dokumente am 9. Januar entsiegelt. Unter diesen Papieren befindet sich nicht das Protokoll des Dreibund-Vertrages, wohl aber viele Referate und Bemerkungen über Gespräche mit Staatsmännern, vor Allem mit Caprivi, und wichtige Dokumente über die italienische Revolu- tionsgeschichtc bis zur Gegenwart und Crispis Beziehungen zu den italienischen Staatsmännern der Gegenwart.
* Frankreich. In der von L a b o r i herausgegebenen „Grande Revue" beginnt der frühere Oberstleutnant Picquart eine Artikelserie über die augenblickliche militärische Situation Frankreichs. Der erste Artikel stellt eine technisch und politisch werthvolle Untersuchung über den Effektivbestand der franzö-
stens, daß er ein guter Gesellschafter lvar, wenn er es wollte.
Endlich war der Mittagstisch abgeränmt, und wir konnten geben. Der Kaffee sollte dann, wenn wir vom Wasserfall znrückkamen, an derselben Stelle getrunken werden. Wir schritten den Weg empor, der allmählich ansteigt, zuerst noch breit und bequem, dann schmaler werdend, von alten Bäumen beengt und begleitet. Ein wachsendes Rauschen, zu lautemDonner emporschwellend, kam uns entgegen; die Luft füllte sich stärker mit Wasserdunst, ein feuchter Nebel wogte um uns her. Nun standen wir auf der Brücke, die über den Fall geschlagen ist — das ersehnte, begehrte Schauspiel enthüllte sich vor Annas Augen. Nicht geradeaus kommt die Wassermasse herab, von Felsen eingeengt, muß sie sich beugen und wenden und stürzt seitwärts vor, prallt an den Steinwänden ab, heult wild empor und wirft sich dann nieder in mächtige Tiefen. Ein neues Hemmniß aber stellt sich ihr in den Weg, sie muß den Kampf noch einmal kämpfen, mutz weiter hinunter in gewaltigem Sturz. So toben die Wasser feit Jahrhunderten gegen die machtvolle steinerne Umarmung der Felsen; sie schlagen dagegen, nagen an ihnen, höhlen sie aus, zersplittern sie endlich, um neue Gegner zu finden, die sie bändigen möchten. Und in dem Kampfe zerstieben die Wasser, zerschellt und zerrissen, kochen und brodeln, brausen und dampfen, um dann hinabzustürzen, von ihren Felsen befreit, cnrs den bestimmten Weg. Ueber ihrem Toben aber baut sich das Hoffnungsgrün der Pflanzenwelt in schönen Gewölben auf, und am Wasserstaub laben sich freundliche Gewächse. Die Sonne scheint durch die Zweige, weckt Regenbogenfarben und streutGoidlichter in die wilde wogendeWasser- welt.
Wir standen lange und schauten hinaus und hinab. Anna hatte sich aus das Geländer gestützt und den Kopf vorgestreckt in leidenschaftlichen:, beinahe trunkenem Entzücken. Winckler vertrieb sich die Zeit damit, einen trockenen Zweig m kleineStücke zu brechen und sie hinein-
