so. Jahrgang.
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U0. 2. Redaktions-Fernsprecher No. 52. DoNtterstllg, 2. BltUIUU*. Verlags-Fernsprecher No. 2266. 1902.
Abend-Ausgabe.
Neue Gesetze.
Mt dem 1. Januar sind zwei wichtige Novellen in Kraft getreten, das neue Urheberrecht und die neue Ge- verbegerichtsverfassuug. Jenes räumt mit einer Menge >on Unklarheiten und veralteten Bestimmungeir auf, diese iorgt dafür, daß ein heilsames, in der Schlichtung von »rohenden Streitigkeiten bewährtes Institut ausgebaut oird. Das neue Urheberrecht zieht, so kann man wenigstens hoffen, die richtige Mitte zwischen den berechtigten Ansprüchen von Autoren und Verlegern auf der einen Seite, dm nicht weniger berechtigten Wünschen und Gewohnheitsrechten der breiten Oeffentlichkeit, insoweit sie ihre Organe in den Zeitungen findet. Es ist bis dahin möglich gewesen, auf Grund des bedauerlich oberflächlichen Urhebergesetzes von vor dreißig Jahren in der Unbefangenheit des Nachdrucks bis an die Grenze zu gehen, wo die gewissermaßen naive Beraubung beginnt. Dies wird fortan ein Ende haben. Es ist freilich nicht ausgeschlossen, daß der Eifer, mit dem das Urheberrecht in allen Einzelfällen gewahrt wird, einen chikanösen Eingriff in die Rechtssphäre des Erlaubten darstellen könnte. In diesen Fällen werden die Gerichte die nicht leichte, aber umso lohnendere Aufgabe haben, eine Spruchpraxis .herauszubilden, die das neue Gesetz davor bewahrt, daß von ihm etwa gesagt lverden könnte: Vernunft wird Unsinn, Wohlthat Plage. Zuletzt wird sich hoffentlich Herausstellen, daß das neue Gesetz eben als Neuerung nirgends allzu lästig empfunden werden wird. Mau kann ja von einem Gesetz nichts Besseres erwarteil und aussagen, als daß eö sich den vorgeschrittenen Rechtsanschauungen harmonisch ^anpaßt und nur sozusagen fixirt, was bereits in de,: Sitten uild Gewohnheiten einer ganzeil Epoche stillschweigend Rechtens ist. Was die Gewerbegerichtsnovelle betrifft, so gilt schließlich voll ihr in den Hauptzügen das Nämliche. Ihr Inkrafttreten wird außerhalb des engeren Kreises der betheiligteil Fachwelt kaum gemerkt werden, und auch innerhalb dieses Kreises wird sie als der Ausdruck eines gegebenen Zustandes empfunden werden. Die Gewerbegerichte haben sich dort, wo sie fakultativ eingesetzt worden sind, dilrchaus bewährt. Wenn ilunmehr ihre obligatorische Ausdehnung auf alle Orte von über 20,000 Einwohnern beschlossen worden ist, so bedeutet das eine Wohlthat, die alsbald auch dort empfunden werden wird, ivo sie anfänglich nicht gewünscht wurde. Die wichtigste Bestimmung der Novelle ist, daß die Gewerbegerichte als Einigungsämter nicht erst dann zil wirken haben sollen, wenn beide
4. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Die Malerin.
Novelle von Robert Kohlrausch.
Eine seltsame Traumstimmung ioar iit der Sommer- stille des warmen Tages im Anblick dieser bewegungslosen Mädchengestalt über mich gekommen. Plötzlich wurde ich erweckt; mit unvermittelter Hast warf die Malerin die statuenhafte Ruhe von sich und stieg mit einem Lächeln, das ein wenig schmerzlich war, die Stufen zu mir herab.
Zuerst ging sie neben mir, ohne eiir Wort zu reden, dann, als wenn sie mir eine Erklärung schuldig wäre, sagte sie halblaut „Ich habe den Himmel eben um etwas gefragt."
Das war Alles; ich wußte nichts zu entgegnen, und sie fügte nichts hinzu. So gingen wir wortlos nebeneinander dahin; das Wasser schoß an unö vorüber, das durchleuchtete Grün schattete um uns her, der Sommertag umwehte uns mit feinem heißen Athem.-
Ein paar blau-sonnige Tage gingen dahin, ohne daß ich die Aufforderung zu dem beabsichtigten Ausflug erhielt. Als aber dann im Gefolge eines nächtlichen Gewitters der Himmel sich grau umwölkt hatte und ein prasselnder Regen niedersiel, bekam ich zu großer Ueber- raschung von meiner Freundin ein paar eilig hingeworfene Zeilen. Ihr Verlobter sei eben dagewesen und babe ihr angekündigt, daß am nächsten Tage die Reise vor sich gehen solle. Er übernehme die Garantie für gutes Wetter, wenn es auch heute den Anschein habe, daß die Welt sich in Schmutz und Wasser auflösen solle. Sie selbst habe kein großes Vertrauen, aber sie würde mit dem Geliebten durchs Feuer gehen: warum nicht ein wemg Regen mit jhm ertragen? Ob ich selbst nicht Scheu davor habe, das Gebirge im Nebelschleier zu sehen, ob ich mein Wort ihr halten und mitkommen wolle?
Kopfschüttelnd schrieb ich die zusagende Antwort und sah zwischen dem Schreiben ans das graue, wasserstreifige Bild vor dem Fenster draußen. Und doch — der Wetter- provhet behielt Recht, In seinem reinen, geliebten Blau
streitende Theile darum nachgesucht Haben, sondern daß in Zukunft die Anrufung durch den einen Theil genügen soll, um den Vorsitzenden zu veranlassen, dem anderen Theile Kenntniß von dieser Anrufung zu geben und zugleich nach Möglichkeit dahinzuwirken, daß auch dieser Theil sich zur Anrufung des Einigungsamtes bereit findet. Mit anderen Worten: Es wird ein starker
moralischer Druck dahin ausgeübt werden können, daß die Thätigkeit der Gewerbegerichte als Einigungsämter in Lohnstreitigkeiten wesentlich erweitert wird. An der Möglichkeit der Weigerung, sich diese Thätigkeit gefallen zu lassen, wird aber der ablehnende Theil nicht viel Freude haben, da er (und dies ist die einschneidendste Aenderung) für den Fall des Nichterscheinens eine Geldstrafe bis zu hundert Mark zu gewärtigen hat. That- sächlich also besteht der Einigungszwang. Es sind Ströme von Tinte darüber vergossen worden, um den Bundesrath zu bewegen, daß er die Novelle wegen dieser Erweiterung der Befugnisse der Gewerbegerichte. ablehne. Der Centralverband deutscher Industrieller ließ eine Reihe von Artikeln veröffentlichen, nach deren Lektüre man den Eindruck haben konnte, daß das Schicksal des Deutschen Reiches besiegelt wäre, wenn die Gewerbegerichte solche erhöhte Zuständigkeit erhielten. Der Bundesrath hat die Sache wesentlich nüchterner angesehen, und da die Mehrheit dieser Körperschaft gewiß nickt einer übertriebenen Hinneigung zu gewagten social- reformerischeu Experimenten bezichtigt iverden kann, so wird die erfolgte sofortige Prüfung wohl ergeben haben, daß der Beschluß der Reichstagsmehrheit von Nutzen und nicht von' Uebel sein wird.
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wurde um 8 Uhr durch Blasen des Chorals „Lobe den Herrn" Seitens des Trompetercorps des Garde-Kürassierregiments von der äußeren Gallerte der Schlotzkuppel cingeleitet. Gleichzeitig wurden die drei Schloßstandarten gehißt. Aus dem Portal schritten die Spielleute der zweiten Garde-Jnfanteriebrigade und der Kapelle des Garde-Füsilier-Regiments zum „Großen Wecken". Der Zug bewegte sich, von einer gewaltigen Menschenmenge begleitet, die Linden hinauf und zurück. Am 9y 2 Uhr trafen der Kaiser und die Kaiserin, der Kronprinz, Prinz Heinrich und die übrigen Mitglieder der kaiserlichen Familie mit Sonderzug von der Station Wildpark im Schlossein. Die allerhöchsten Herrschaften hatten für heute die Familientrauer abgelegt. Die Majestäten nahmen die Glückwünsche der versammelten Prinzen und Prinzessinnen entgegen und vollzogen dann im Rittersaal mit dem Kronprinzen, den anderen Prinzen, den Prinzessinnen, dem Kriegsminister, der Generalität und den direkten Vorgesetzten der betheiligten Truppentheile die Nagelung der Fahnen des Pionier-Bataillons Nr. 21 und des
sah der Himmel am nächstenMorgen herunter, ein leichter,
düftebeladener Wind schüttelte den Bäumen die leuchtenden Wassertropfen aus dem grünen Haar, und mit ihren heißen Händen trocknete die Sonne die Feuchtigkeit von der Erde hinweg.
Zum ersten Zuge begab ich mich zum Bahnhof; die Malerin war schon da, ganz Freude und Erwartung, und nach einer Weile erschien auch ihr Verlobter, den sie leuchtenden 'Auges mit mir bekannt machte. Er verbeugte sich nachlässig, mit kühler Höflichkeit; sogar ein wenig unmotivirte Herablassung war in seinem Wesen. Ich konnte nicht sagen, daß er mir gefiel. Er glich freilich denr Bildniß in der Pinakothek, aber was dort unter des Malers Händen zu sanfter, träumerischer Müdigkeit geworden war, erschien hier unverhüllt als häßliche Beliebtheit. Ein hellgrauer Gigerlanzug mit abfallenden Schultern hing um ihn her, vom Rosaroth des Hemdes hoben die breiten, schwarzen Fledermausflugel der Krawatte sich grell und düster ab. Er sprach nur wenige Worte mit mir, blickte häufig auf die Uhr, zögerte mit dem Einsteigcn, sah nach den Thüren der Wartesale hinüber, und als wir schon unscrePlätze eingenommen hatten, stieg er noch einmal aus, um au dem Zuge entlang zu
gehen. „ . . r r ,
„Was suchst Du?" fragte nun auch seine Verlobte, als er mit unmuthigem Gesicht auf des Schaffners letzte dringende Mahnung wieder eingestiegen war und die Thür hinter ihm zuflog. ,
Er lachte auf, ziemlich laut, mit einem harten^ rücksichtslosen Ton. „Ich sehe nach dem Wetters gab er zur Antwort. „Ich bin doch ein guter Prophet, was? Ich habe doch richtig vorausgesagt, wie?"
Wir mußten ihm zustimmen, und seine Braut fragte nicht weiter. Auch wurde sie bald vom Anblick der Landschaft hingenommeu, durch die der Zug dahin eilte, so einförmig sie zu Anfang auch war. Aber das Weite und Freie der grünenden Fläche that ihrer stadtluftmuden Seele wohl.
Nun endlich ein erster Schatten des Gebirges! Matt umrissene Formeii, schärfer und sicherer werdend, je näher wir kamen, das leuchtende Aufblitzen ferner sonnen-
Fußartillerie-Regiments Nr. 13. Um 10 Uhr begann der Gottesdienst in der Schloßkapelle. Rechts vorm Altar saßen der Reichskanzler, die stimmführenden Bevollmächtigten zum Bundesrathe, die aktiven und inaktiven Minister, links die kom- mandirenden Generale und die Ritter des Schwarzen Adler- ordens. Den Hauptraum besetzten die Prinzen aus den souveränen und neufürstlichen Häusern, die Häupter der fürstlichen und ehemals reichsständischen gräflichen Familien, die Generale, Admirale, Kommandeure der Leibregimenter, die Präsidenten der Parlamente, die Wirklichen Geheimen Räthe und die Räthe erster Klaffe. Das Kaiserpaar erschien mit den Prinzen und dem Gefolge, während der Domchor mit dem Psalm 98 einsetzte. Der Kaiser, den Marschallstab in der Hand, führte die Kaiserin, zur Seite der Kaiserin ging die kleine Prinzessin Victoria Luise. Der Kronprinz führte die Herzogin von Albany. Das Kaiser- paar nahm gegenüber dem Altar Platz. Hinter den Majestäten saßen außer den Prinzessinnen Prinz Friedrich Leopold, Prinz Friedrich Wilhelm, der Erbgroßherzog von Baden, der Erbprinz von Meiningen, die Prinzen August Wilhelm, Oskar, Joachim, Friedrich Sigismund und der jung« Herzog von Sachsen-Coburg und Gotha.' In der dritten Reihe saßen der Erbprinz von Hohenzollern, Prinz Albert zu Schleswig-Holstem-Sonderburg-- Glücksburg und Prinz Karl von Hohenzollern. Probst Faber predigte über das Wort Johannes: „Das ist aber das ewige Leben, daß sie Dich, der Du allein der wahre Gott bist, und der Du gesandt hast Jesum Christum, erkennen". Die Gemeinde sang „Nun danket Alle Gott", dann folgte das Niederländische Dankgebet, vom Chor und von der Gemeinde gesungen und von Posaunen und schmetternden Fanfaren und Paukenwirbeln des Kosleck'schen Bläserchores begleitet. In der Eingangsthür erschienen sodann die neuen Fahnen, von den Kommandeuren der beiden Truppentheile getragen. Dieselben machten zur Seite des Altars Halt, während alle Anwesenden sich erhoben hatten. Der evangelische Feldprobst Richter weihte die Feldzeichen „pro xloria ot patria" und hielt eine kurze Weiherede. Dann schritt der Kaiser zum Altar vor und reichte sämmtlichen Geistlichen die Hand. Die Bläser spielten die Marschweise „Wilhelmus von Nassauen", untek deren Klängen der Zug der Majestäten zum Weißen Saal hinüberschritt. Hier nahm das Kaiserpaar mit den Prinzen und Prinzessinnen zu beiden Seiten neben dem Thron Aufstellung. Gegenüber dem Throne stand die Schloßgarde. Im Saale bildete das Pagencorps Spalier. Als vom Lustgarten der Neujahrssalut, 101 Schuß, ertönte, begann die Gratulationscour. Hinter dem Einfllhrer des diplomatischen Corps, Baron von dem Knesebeck, schritten der Reichskanzler und sodann die Bundesrathsbevollmächtigten, die Ritter des Schwarzen Adler-Ordens und die lange Reihe der übrigen Befohlenen vorüber. Der Kaiser und die Kaiserin reichten dem Reichskanzler die Hand, der Kaiser zeichnete außerdem noch einzelne Herren durch Handschläge aus, so v. Ballestrem, v. Manteuffel und v. Kröcher. Gegen 12 Uhr empfing der Kaiser die Glückwünsche der Botschafter, welche danach von der Kaiserin empfangen wurden. Der Kaiser empfing sodann die Gratulation der kommandirenden Generale. Gegen ein Uhr begab sich der
beschienener Schneeflächen. Die Malerin hatte zuerst
noch lustig geplaudert, bunt durcheinander, was ihr gerade einfiel, und womit sie der Freude ihres Herzens Luft machen konnte. Jetzt aber verstummte sie, und nur ihre Augen, geradeaus gerichtet auf die sich entschleiernde Wunderwelt, redeten weiter.
Grafing lag hinter uns, die fernen gleichmäßigen Schattengestalten gewannen Farbe, zerklüfteten sich, stellten sich hinter einander in abgestuften Tönen. Gleich dunkelgrünem Sammet begannen die Waldmassen des Gebirges auf hellerem Grund in mächtigen Streifen und Flächen hervorzutreten, in Grau und Blau kündigten die FÄsmassen sich an.
„Das, was ist das?" rief die Malerin plötzlich und legte ihrem Verlobten die Hand so hastig auf die Schulter» daß er zusammenfuhr.
„Was fällt Dir denn ein?" fragte er unwirsch. „Willst wohl ausprobiren, ob ich die Nerven zum Ehemann habe, was? Das Weiße dahinten meinst Du? Wird wohl der Groß-Venediger sein oder irgend so ein anderer alter Onkel. Hast solchen Schneekerl noch niemals gesehen, wie?"
Er war im Reden ein wenig freundlicher geworden und hatte versucht, einen humoristischen Ton anzuschlagen; sein Zusammenfahren vorhin bei ihrer Berührung war so heftig gewesen, daß ich an einen Menschen dabei denken mußte, den ein böses Gewissen ängstigt. Sie aber hörte kaum auf seine Antwort; nur den Namen „Groß-Venediger" wiederholte sie kaum vernehmlich. Sie hatte beide Hände um den oberen Rand des herabgelassenen Coupefensters geklammert und saß mit vorgebeugtem Oberkörper in ausdrucksvoller, aber unschöner Stellung da. Eine leidenschaftliche Sehnsucht sprach aus ihren Zügen, eine unbedingte Hingebung an die Macht der Schönheit.
Wir fuhren eben durch eine weite vom Sonnenlicht überfluthete Wiese, als die Malerin wieder zu sprechen begann. „Das ist doch das Schönste, was cs giebt, so in den Sommertag hineinzusehen. Es ist, als hätte die Natur die Arme iveit ausgebreitet und wartete nur auf die Menschen, die zu ihr kommen sollen. Dort hinten.
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