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440!. 1361.

so. Jahrgang.

Erscheint in zwei Ausgaben. Bezugs-PreiS: durch den Verlag So Pfg. monatlich, durch die Post S Mk. SO Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

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Ito. 1. Redaktions-Fernsprecher No. 52.

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Morgen-Ausgabe.

des Neujahrsfestes erfcheiut die nächste Ausgave am Dounerstag Nachmittag.

England in 19M.

j-lnser Londoner n-KvrresPonderrt schreibt uns:

( Snt Rückblick über das Jahr 1901 auf politischem Geb iete jn England gleicht einer Umschau auf öder Haide in § rbe,iMcher Dämmerung, wo das Auge kanm etwas A lv zu entdecken vermag als ein langsam dahin- ; J I n be§ Bächlein, in dessen Wasser sich hier und da die uni ^Cchende Sonne blutroth spiegelt. Das Bächlein - l'os.hen Scheine gleicht dem sich schier endlos hnrziehen- w- In örderijchen Kriege in Südafrika, und England selbst der' b-ünöde, die es in politischer Hinsicht, oder richtiger J a 9 t, in so weit, als die gesetzgeberische Thätigkeit seines 9 sivl UnenteS in Frage kommt, seit irunmehr über zwei e gebildet. Das einzige wirkliche Ereigniß, das wir lS . v erzeichnen hatten, war der Tod der greisen Königin oria, die, wie Lord Roberts unlängst andeutete, wie- l fern vom Schauplatz des Krieges, doch als eins r Opfer betrachtet werden muß. Der Gram um das tvergießen, vielleicht auch um die schweren Demüthi- . rgen, die die Engländer erlitten, scheint das Verlöschen es Lebenslichtes der hochbetagten Fron beschleunigt zu aben. Als Edward VII. bestieg ihr Sohn alsdann den eergewordenen Thron unter den Lobhudeleien der Schmeichler in der Presse und aus der Rednertribüne. Hei, wie wurden da seine reichen Tugenden gepriesen, und «cs man Alles von ihm zu erwarten vH,gab! Dabei weiß alier Jedermann ganz genau, daß der Pönig, der heute kriegerisch ist, morgen die tzch Fr te d msbrinaers

spielen müßte, brächte ein Wunder die Radikalen oder Liberalen plötzlich ans Ruder. Leute, die sich selbst zu belügen lieben, stztzten nach dem Tode dfr alten Königin ein Gerücht in Umlauf, demgemäß ihr Nachfolger un­mittelbar den Frieden wieder herzustellen beabsichtigen sollte. Als sich davon indeß nichts zeigen mochte, be­haupteten Andere sogar, Edward VII. hätte Maßregeln -um energischeren Betriebe des Krieges als vordem un­geordnet. Im Zusammenhänge mit den Begräbniß- seierlichkeiten der Königin Viktoria ist übrigens noch der vorzügliche Eindruck zu erwähnen, den das Erscheinen Kaiser Wilhelms ails einer der Hauptleidtragenden bei denselben auf die britische Nation machte. Die ungemein günstigen Folgen davon wurden vor Allem in den lickeisen deutscher Geschäftstreibender empfunden. Eine der ersten öffentlichen Funktionen des neuen Königs bildete seine feierliche Eröffnung des Parlaments. Außerdem bewirkte er die weitgehendsten Veränderungen auf dem Gebiete des Hofstaates und der Königlichen Schlösser, und zwar alles zum Zwecke größerer Entfaltung

Mittwoch, den 1. Januar.

königlicher Pracht. Am Hofe Edwards VII. wird cs daher voraussichtlich recht lebhaft zugehen, sobald erst die Hoftrauer beendet ist und die Krönung stattgefunden. Man hofft, daß bis dahin der letzte Widerstand der Buren gebrochen sein und die britische Flagge ungestört in all jenen Theilen des schwarzen Erdtheiles flattern werde, in denen die Herren Rhodos, Beit, Eckstein, Wernher und wie sie sonst heißen mögen, ungestört ihren Geschäften nachzugehen wünschen. Das abgelaufene Jahr war vor Allem reich an Friedensaerüchten, die sich aber, ebenso wie s. Z. die offiziellen Ankündigungen des Kriegesendes, als trügerisch erwiesen. Eines Tages veröffentlichte die hiesigeFinancial News" sogar einen positiven Bericht über die Kapitulation Bothas mit dem gesummten Buren- heere, und die Börse feierte darob ein großes Freuden­fest, das indeß mit der üblichen Enttäuschung zu enden bestimmt war. Trotz alledem nahm aber die Kriegs­begeisterung im Volke nicht ab, und die Pöbelwuth gegen diejenigen Mitglieder des Parlamentes, die auf der Seite der Liberalen und Radikalen für Großmuth einem heroi­schen und kleinen Gegner gegenüber eintraten, wuchs fast von Tag zu Tag. Dafür entblödeten sich aber selbst leitende, der Regierung angehörende Staatsmänner, von der gelben Presse gar nicht zu sprechen, nicht, das Volk gegen jene Leute aufzuhetzen und es geradezu zu Gewalt­akten gegen sie herauszufordern. Solche waren denn auch bei vielen Gelegenheiten und auch ganz kürzlich wieder zu verzeichnen. Nicht weniger schamlos als die Haltung jener Politiker und allen Lehren des Christen­thums hohnsprechend, war in der Kriegsfrage diejenige der Staatskirche, deren hohe Würdenträger sogar in mehreren Fällen öffentlich jene Kindermordstätten, die Konzentrationslager, guthießen. Daß die Regierung schließlich selber deren Ungeheuerlichkeit einsah, und die schleunige Auflösung jener Lager anordnete, war eigentlich für die betreffenden Kirchenfürsten eine tiefe Beschämung, die aber Jedermann entgangen zu sein scheiirt. Der Unwille, den zu einer Zeit die Unfähigkeit aller Derer, die für die Kriegführung direkt oder indirekt verantwortlich waren, im Volke erregt hatte, machte neuerdings wieder einer so gleichmüthigen Stimmung Platz, daß wir jedenfalls in der Zukunft nicht mehr viel von den Reformen, namentlich auf dem Gebiete des Heerwesens, zu hören bekommen werden, die man einst so stürmisch verlangte. Sobald der Krieg wirklich be­endet ist, dürfte die Regierung in ihrem alten Schlendrian weiter wirthschaften, schon weil den Unionisten keine kräftige Oppositionspartei gegenüber steht, und sie Aus­sicht haben, noch auf lange Zeit hinaus mit einer über­wältigenden Majorität am Ruder zu bleiben. Jn den Reihen der Liberalen hat der Krieg eine arge Spaltung veranlaßt, die nun durch das Wiedererscheinen Lord Roseberys mit seinem Plane für die Gründung einer liberal-imperialistischen Partei umso größer geworden ist. Auf diese Weise wird Chamberlain Gelegenheit finden, ferner an der Verwirklichung seiner großen Idee

Verlags-Fernsprcchcr No. 2266. 1902 .

bezüglich der Konsolidining des britischen Reiches zu arbeiten, um vielleicht der kränkelnden englischen In­dustrie und den arg verfahrenen Staatsfinanzen durch eine Art Schutzzollsystem wieder auf die Beine zu helfen. Ans dem Gebiete innerer Gesetzgebung und Reformen hat das Parlament, wie bereits gesagt, im nun zu Ende gehenden Jahre ebenso wenig geleistet wie im vorher- gegangenen, aber das vom Kriegssieber besessene Volk steht dieser Thatsache vollständig gleichgültig gegenüber.

Ausland.

* Italien. Zu den Interpellationen, die in der Kammer nach beit Weihnachtsferien eingebracht werden, gehört auch eine Anfrage an den Marineminister, lvie derselbe es rechtfertigen kann, daß der Bischof von Livorno, Mgr. Giani, die Fahrt nach der Insel Gorgona auf einem Torpedoboote der königlichen Flotte zurücklegen durste. Auf Grund eines durch seine Vor­gänger geschaffenen Präzedenzfalles schiffte sich Mgr. Giani auf dem Torpedoboote 905 ein, das er speciell für seine Reise aus CivitmVecchia kommen ließ. Das Schiff brachte ihn nach der genannten Insel, wo er Firmungen vornahm. Der Bischof von Livorno ist derjenige, welcher auf dem letzten Kongresse in Tarent eine Rede gegen die Einheit Italiens gehalten hatte. Außerdem erlangte er eineBerühmtheit" dadurch, daß er am Weihnachtsabend beim Messelesen in der Kathedrale von einem Schiffer Namens Taddei angefallen und gewürgt wurde. Es entstand eine Panik, doch gelang es, den Attentäter zu verhaften.

* Großbritannien. Aus London berichtet man:

Jn der zweiten Woche des Dezember erhielten in London allein 107,639 Personen öffentliche Armen- U n t e r st ü tz u n g ; 68,130 davon waren in den

Workhouses" und der Rest wurde zu Hause unterstützt. In keiner Weihnachtszeit seit 1872 war die Zahl der I'auper8" so hoch wie heuer. Auf 1000 Einwohner Londons kommen... jetzt 23,7Paupers". Der Standard" giebt zu, d e r K r i e g m a ch e s i ch b e - m e r k b a rin einer Depression des Handels und bis zu einem gewissen Grad in einer Desorganisirung der Industrie."

* Vereinigte Staaten. Das Deutschthum in den Ver­einigten Staaten hat wiederum einen bemerkenswerthen Erfolg zu verzeichnen. Aus Anerkennung für die ihm von den Deutschen während der letzten Wahl geleisteten Dienste ernannte der Bürgermeister von New-Dork Seth Low Herrn Gustav Lindenthal, einen Ingenieur von Weltruf und Mitglied des BerlinerVereins Deutscher Maschineningenieure", zum Brückenkommissar. Da die Stadt New-Zjork in den nächsten Jahren sehr beträchtliche Summen für neue Brückenbauten ausgeben wird, so ist die genannte Stellung eine äußerst wichtige und die Er­nennung Lindenthals sehr bezeichnend für das Ansehen des amerikanischen Deutschthums.

Feuilleton.

- Nachdruck verboten.

Pariser Wodebnef.

Von Blanche Thiviers.

Mit dem Sylvesterabend beginnt die allgemeine Ouvertüre zur Gesellschaftssaison, und auch der kleinsteOuvrier" und die bescheidenstenTrottins", wie hier die Putzmacherinnen genannt werden, lasten es sich nicht nehmen, ihre Partie bei dem auf den Boulevards sich entwickelnden Volkskonzert zu spielen. Dieses, natürlich nur bildlich gemeinte Konzert, setzt sich aus der auf- und abwogenden Menschenmenge zusammen, welche die markt­schreierisch angepriesenen Herrlichkeiten des alljährlich auf den Boulevards aufgeschlagenen Marktes bewundert, kritisirt und belacht, und zum Schlüsse von den zur Meffe rufenden Klängen i der in allen Tonarten läutenden Glocken um Mitternacht zur ! Kirche gerufen wird. Spielzeug für kleine und großeKinder" bildet stets die größteAttraktion", und selbst der fortschrittliche Pariser, welcher seinen Kleinen als Neujahrscadeau eine Chemin de fer ä catastrophe", d. i. eine Eisenbahn mit künstlichem Eisenbahnunglück, bescheert hat für dienoch nie dagewesenen Wunder des zwanzigsten Jahrhunderts", z. B. für ztvei ineinandergehakte Drähte, die man von einander lösen muß, ohne sie zu zerbrechen, oder für die Geheimniste eines Lebens- elixirs, ja selbst für die an Gummischnürchen schwebenden Schmetterlinge aus Seidenpapicr «in oft kindliches Interesse. Die kleine Bourgeoise fesseln die Buden mit fehlerhaften Seiden­bändern, die man halbgeschenkt" bekommt, mehr noch aber die jungenCollegiens", welche auf Weihnachtsferien zu Hause sind ünd in demMenschengewühl, dem Zwange der Schule entschlüpft, den kleinen Gernegroß spielen und generös die Auserwählte für den Sylvesterabend mit billigem Konfekt, Parfüm oder den ^modernen Beerenzweigen, welche alle Damen, ob vornehm oder gering, an diesem Abend in der Hand halten, beschenken. Den Abschluß des Abends bildet der Besuch des Cabarets und Cafes, wo bei billigem Schaumwein und Absynth dem neuen Jahre entgegengejubelt wird. Jn jener Gesellschaft, welche sich in der

Bezeichnungtont Paris" zusammenfaßt, obzwar sie nur einen minimalen Bruchtheil mit Glücksgütern gesegneter Menschen­kinder in sich schließt, wird die Gesellschaftssaison durch äußerst luxuriöse Soupers am Sylvesterabend eingeweiht. Die Blumen­dekoration der Tafel, sowie die Meuukarte kosten der Hausfrau manches Kopfzerbrechen, und dem Hausherrn Summen, von denen die Familie eines kleinen Beamten ein ganzes Jahr lang leben muß. Am Sylvesterabend ist es üblich, seinen Gästen überdies kleinesurprises" unter die Serviette zu legen. Zu den diesjährigen Neuheiten zählen dieses Jahr weiße, seidene, im Empirestil mit Goldpailletten gestickte Bonbonssäcke, welche später zur Aufnahme des Opernglases dienen. Kostspielig sind auch kleine Blumenvasen ausCraye", d. i. Steingut, welche durch eine künstliche Patina und eine Bronzeumrahmung eine interessante Färbung zeigen, unter welcher man das wirkliche Material kaum vermuthet. Diese mit Blumen gefüllte. Basen nehmen die Gäste als bleibende Erinnerung nach Hause mit Die Tischkarte für den Sylvesterabend ist u. A. aus weißem Elfenbein mit in Goldschrift eingeprägtem scherzhaften Neu­jahrswunsch, welcher rechts die Randleiste bildet. Die einfachere Tischkarte aus Elfenbeinkarton, mit links in der Ecke aufge­klebtem Mistelzweig mit rothen Beeren, ist aber ebenso wirksam in dekorativer Beziehung, und dazu gesellen sich noch hunderterlei Abarten inHaut-relief" undBas-relief" in secesstonistischem Genre, welches mit Vorliebe seine Motive dem Pflanzenreich entlehnt, und u. A. einen rothgetupften Fliegenschwamm, auf welchem grüne Frösche ihr Unwesen treiben, als Menukarte par exeellence auf den Markt schickt.

Paris wäre nicht Paris, wenn es nicht die Gelegenheit zur Entfaltung der neuesten Toiletten am Sylvesterabend wahr­nehmen würde. Vor Allem tritt das Dekollete *n seine Rechte, und zudem konzentrirt die Pariserin ihre ganze Kraft auf Ent­faltung des Schmuckes, dessen Schönheit nicht mehr in der Kost­barkeit der Steine, sondern in der kunstvollen Fassung besteht. Zwischen einer Riviere von heute und einer solchen, die noch vor 5 Jahren modegerecht erschien, liegt ein himmelhoher Abgrund, den nur die Modedame, die feinste Kennerin auf kunstgewerb­lichem Gebiete, ermessen kann. Halbedelsteine dienen als Material,

aus welchem kostbare Anhänger, Agraffen und Gürtelschnallen verarbeitet werden.

Das Fabel- und Pflanzenreich hat seine Pforten geöffnet, und von der Künstlerhand Laliques idealisirt, werden die schönsten Märchen aus Gold und Steinen, aber auch aus minder- werthigem Material, wie z. B. Elfenbein, Perlmutter und Horn es ist, geschaffen. Den Steckkamm aus echtem Schildpatt sind medaillonförmige Ornamente aus farbigem Gold inkrustirt, und stilistrte Linien aus Brillanten zieren den Bügel. Neben den gemalten feinen Geweben aus Mousseline oder Spitzengrund macht sich Tüll besonders bemerkbar, welcher mit viereckig ge­schliffenen Stahlpailletten besät erscheint. Durch den neuartigen Schliff brilliren die Pailletten, welche nur in einer Ecke befestigt werden und bei jeder Wendung in zitternde Bewegung gerathen. Dieses Gefunkel wird vom Glanze des elektrischen Lichtes noch erheblich erhöht. Die Fa^on der Ballroben nähert sich dem Genre Louis XV., welches ein Rockdevant und die reichen Volants an den Seitentheilen, sowie das frackartige Leibchen beansprucht. Das Genre Empire dominirt aber hauptsächlichst und wird mit den langen, herabhängenden, einer früheren Epoche angehörendenSuivez ruoi"-Bändern, welche von den Schultern aus herabflattern, vervollständigt. Zur Garnitur sind Gold und Silber, sowie Spitzenblumen mit grünen Blattzweigen be­stimmt. Die Frisur, welche ganz tief in den Nacken verlegt wird, ist mit Ziernadeln und den schon vorerwähnten Schildpatt­kämmen geschmückt.

Zu den vielen Modeneuheiten für den Ballsaal gehört der griechische Schuh aus Gold- oder Silberleder, welchem das Vorderblatt fehlt, und der mit breiten Seidenbändern kreuz­weise über den andersfarbigen Seidenstrumpf geschnürt wird. Der Handschuh gehört im Ballsaal zu den entbehrlichen Requi­siten, da Ringe und Armbänder gesehen werden sollen.

Es ist stets viel Spielraum gelassen, um die Wünsche der Pariserin zu befriedigen, die Mode im ewigen Wechsel sorgt dafür; nur den idealen Wünschen läßt sich weder mit dem Geld­beutel, noch mit den laut knallendsten Champagnerpfropfen, noch mit den bestmeinendstenProsit Neujahr" - Gratulationen bei­kommen.