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1 . Keilage juni Wiesbadener Tagblatt.

Mo. 1 . Morgen-Ansgabr.

Mittwoch, de« 1. Januar.

FO. Jahrgang. 1901 v <

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Das ist der Großen Größe, die den Schmuck der Lebens- klughcit tragen,

Daß sie, tritt Mißgeschick auch ein, doch ihren Plänen nicht entfagen. Pautschatantra.

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(34. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)

Dornenkronen.

Roman von Ada Iloy-ßd.

Er hatte seit dem Tage, wo er sich nüt Melitta ver­lobt, ihr jeden Morgen einen frischen Blumenstrauß senden lassen. Eines Mittags vermißte er den duftigen Lochmuck mif dent Tischchen neben den: Chaiselongue. Nun," fragte er,hat Moormann heute keine Blumen geschickt?" Moorrnann war eine bekannte Blnmenhand- lung in einer der nächsten Straßen. Mit einem schelmischen Lächeln schüttelte Melitta den Kopf.Ich bin gestern hingegangen und habe Moormaun gesagt, ec soll keine Bluni'en mehr senden, wenn Herr Cabello sie bestellt", sagte sie ruhig.Weshalb nicht?" fragte Inan zitternd. Melitta legte die Hände um feinen Nacken und rief zärtlich und lachend:Mein Lieber ist sehr leicht­sinnig! Wenn man kein Millionär ist und noch oben­drein für den künftigen Haushalt spareir will, soll man nicht täglich ein paar Mark für Blumen ausgeben." Dunkle Röthe flammte auf seiner Stirn. Er entwand sich ihr und sagte:Du läßt mich fützlerr. daß ich eilt Bettler bin? Mit Diamanten kann ich Dir Hals und Arme nicht schmücken; bin ich so arm. daß selbst mein Blumengruß Dir die Angst einflößt, ich könne ihn nur mit Beschwerde darbringen?" Er schlug in unsäglicher Pein die «Hände vor sein Angesicht. Melitta nahm sie fort, sah ihn tief an und sagte mit ihrer metallnen Stimme in schöner Ruhe:Ich denke dies, 'Geliebter: Verehrung, Eitelkeit, Mode, Anbetung und schlimme Wünsche bringen mir Blumen, Geschmeide und Tand; eine Frau, die auf so vorgeschobenem Posten steht, wie ich. und imnier mit der Oefsentlichkeit rechnen muß. ist nicht allemal soviel Herrin ihres Thuns, um jene Darbringun­gen, kennt sic gleich die manchmal niederen Triebe, ab- lehnen zu können. Von Dir aber will ich nichts, gar nichts von dem, was auch Andere mir geben; von Dir will ich mehr, will ich das Höchste: Tein ganzes Ich! Du sollst Dich in meinem Leben bis in die kleinsten Aeußerlichkeiten von allen anderen Menschen unterscheiden, die an mir vorbeischreiten. Denn Jene gehen vorbei. Du aber gehst mit mir!" Mußte er nicht, überwältigt von dieser Be­weisführung ihrer Lieblingswünsche, glücklich die liebe Hand küssen und das viel gebrauchte WortVerzeihung" stammeln?

In die Mitte des Monats April fiel Melittas Ge

burtstag. Der Heldenvater, welcher lange mit ihr zu- sammen in München engagirt gewesen war, hatte es den Kollegen, einer von den Kollegen hatte es einen: Journalisten und dieser hatte es der Welt schwarz auf weiß erzählt. Fräulein Belac theilte Melitta schon drei Tage vorher nüt, daß sechs Herrei: aus den ersten Kauf­mannskreisen ihr zusammen ein großartiges Kollier über­reichen würden, auch hieß es für gewiß, daß die Frauen dieser Mllionäre ebenfalls zusammen mehrere prachtvolle Seidenstoffe schenken würden. Die Kollegen, welche sich in ihrer gefeierten Genossin mit geehrt fühlten, beabsich­tigten eine hübsche Ueberraschung, ein großes Gruppen­bild von ihnen Allen in kostbarem Rahmen. Diese Ueberraschungen" waren zum Theil schon Tags vorher in einem Lokalblatt zu lese::, Selbstverständlich benützte die Direktion das allgemeine Interesse und setzte für den GeburtstagsabendOthello" mit Melitta als Desdemona an, worauf den Tag zuvor das Haus schon ausverkauft war und Juan nur nüt Mühe einen Platz für das Steh- parterre bekam. Am Abend zuvor waren Beide bei Ruth. Als Juan die Geliebte heim begleitete sie gingen langsam an: Alsterufer und dw dunkle Frühlings- iiacht lag linde und wohlig über Stadt und Fluß sagte Melitta:Wird Deine Liebe nicht morgen ein

Opfer bringen?"Das etwa, Dich nicht zu sehen?" fragte er mißtrauisch.Nein, Du Schwarzseher! Ein anderes, ein schlimmeres, fürchte ich", lachte Melitta. Du hassest die frühen Morgenstunden in unserem Klima und doch bitte ich Dich, sei um sieben Uhr an meiner Thür."Was hast Di: vor?"Wir wollen morgen Friih draußen dein: Alten in Blankenese Kaffee trinken, ich habe einen Wagen bestellt, er soll uns hin- und zurück- führen, da sind wir zugleich unabhängig und unbcnierkt. Und um elf Uhr n: ich in meiner Wohnung auf dem Platze fein. Du weißt, wie viel mau mit mir vor hat." Sie seufzte ein wenig, aber sehr froh. Juan merkte es. Den lügnerischenSeufzer hättest Du Dir sparen können", sagt er 'unwillig,spiele nur nicht' die Rolle der Un- muthigen über das Dir Zugedachte."Ich spiele Dir überhaupt keine Rollen vor", sprach sie heftig,rch seufze, weil cs mir leid thut. wenn Du nicht dabei bist, während man mir so viel Liebe und Ehre erweist. Daß inan sie mir erweist, freut nach, hörst Du, freut mich sehr!"Natürlich. Euch Schauspielerinnen sind solche äußerliche Eitelkeiten eine Wollust."Juan!"Melitta!" Mit solchem Zuruf warnte,: Beide ihr aufbrausendes Blut. Dann hing Melitta sich fester an seinen Arm und er sah nur inniger ii: ihre Auge::.

Früh uin sieben Uhr sta,:d dann richtig der Wagen vor Melittas Thür; als Juan anlangte, süeg er ohne Weiteres ein. Die Zofe Sophie hatte drinnen am Fenster Wache gehalten. Melitta kan: und schlüpfte auch in den Wagen.' Da saßei: sie nun eng alwinander geschmiegt in einer Ecke, indeß die Droschke an: Saum der noch

schlafenden Stadt entlang rasselte; da saßen fi« in s-Sg« Vergessenheit und feierte«: die reinsten, innigsten Augen« blicke ihrer Liebe. Sie flüsterten, obschon sie Nremand hören konnte, sie flüsterten von derZukunst mit sehnfuchts- geschwellten Herzen. Nur zu bald kamen sie in Blarckenese an und bereiteten dem rauhen Schiffer eine große Ueber­raschung. Aber der wischte die groben «Hände an der ge­strickten blauei: Jacke ab und tätschelte dann zärtlich Melittas Wangen; daß ihr Geburtstag war, hatte er natürlich nicht gewußt, und er erzählte dann Juan, daß seine verstorbene Alte ein großes Gedächtniß für der­gleichen hatte. Sie tranken den schlechten «Kaffee und fütterten einander mit den: groben Brod, ihnei: gegenüber paffte der Alte aus seiner Pfeife und zu ihren Häuptern blinkte der Flaschei:hals im Morgensonnenschein. Sie waren unendlich, unfaßbar glücklich. Und sie fuhren den­selben Weg zurück, stumm nun, mit feuchten Augen, sich nur zuweilen durch einen Händedruck verständigend.

So trennten sie sich, froh, daß ihnen heute kein Bci- saimnenseii: vor aiiderei: Menschen mehr auferlegt war, daß soniit der Nachklang dieser Feierstunden durch keine nothweirdige «Heuchelei mehr gestört werden koiliüe. Und für Melitta ging von diesen Stunden ein Gla>:z aus, der ihr dei: ganzen Tag vergoldete und sie selbst so eigen um- wob. daß Jeder dei: erhöhten Zauber ihres Wesens be- merkte. Aber Juans Herz war es nicht beschieden, die Glückslaute, die sein Ohr erfüllt, rein ausklingen zu lassen. Er ward schon auf den: Wege nach den: Comptoir plötzlich in seinen Gedanken daran eriimert, daß er fast drei Stunden zu spät komme und dies just heute sehr fchlimn: fei, denn der andere ständige Korrespondent des «Hanfes war gestern erkrankt. Natürlich empfing ihn sei«: Chef mit so viel gerechten als herbei: Vorwürfe::, daß Jua«:, anstatt wie er gewollt, bescheiden sich zu ent­schuldigen, schroff wurde und die Aeußerung that, das; diese Stellung überhaupt nicht dem entspreche, was er wünschte. Der Chef, welcher eiiw Art mitleidiger NeigiiNg für den heftigen jungen Menschen hatte, redete ihn: väter­lich zu. seine Stellung nicht leichtsinnig aufzugeben, bevor er nicht andere sichere Einnahmen habe. In schwüler Stimmung arbeitete Juan; als er zur gewohnte:: Stunde fertig war, bat der Chef ihn noch einmal jene Aeußerung zu überlegen. Und er überlegte seine ganze Lage ward ihm klar. Seit er mit Melitta verlobt war, hatten sich seine Einnahme«: nicht, wohl aber seine Ausgaben vermehrt. Mit bitteren: Lächeln bewunderte er Melittas Weisheit, die ihm die Blumenspenden verbot. Mit diesem jammer­vollen Einkommen konnte er blos vegettren. Es gall, eine entscheidene Veränderu>:g auzustreben, sich mit allem Eifer nach etwas Anderem umzusehen. Dazu brauchte er Zeit und es schien ihm klüger, seine jetzige Stellung nur gleich auszugeben. Er schrieb daher sofort in diesem Sinne ai: den Chef und fühlte sich dann unendlich erleichtert, fühlte sich als freier Mann. (Fortsetzung folgt.)

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