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>- —-l morgen>Beilage des Wiesbadener Tagblatts. [■===■]

Nr. 146. Samstag, 26. Juni.

(23. Fortsetzung.)

Um die Veule.

Kriminalroman von Neinhold Ortman«.

(Nachdruck verboten.)

Der L ucher hatte nicht ein Sterbenswörtchen da­von verstanden. „Jawohl", sagte er mechanisch, „ganz wie es Ihnen beliebt, Herr Oberstleutnant! An einen hiesigett Arzt sagen Sie? Die Vase befindet sich doch noch in seinen Händen?"

„Ich weiß es nicht. Mer was, zum Heirker, haben Sie denn eigentlich mit der verwünschten Vase? Wenn sie Ihnen wichtiger ist als meine Mitteilungen —"

In seiner soldatischen Aufrichtigkeit gab er sich gar Leine Mühe, zu verbergen, wie zornig er war, und seine Grobheit brachte den anderen so weit zur Be­sinnung, daß er all seine Energie ausbot, nur sich zu beherrschen. „Verzeihen Sie", stammelte er, „das viel­leicht zu ^,oße Interesse des Liebhabers! Ich glaubte nicht, daß Sie es über sich gewinnen würden, eine solche Seltenheit —"

„Na ja, es war vielleicht eine Dumncheit, aber da sie nun einmal geschehen ist, hat es doch keinen Zweck, lang und breit darüber zu reden."

„Allerdings — und ich bitte nochmals um Ent- schuldigung, wenn ich etwas Ungeschicktes gesagt Häven sollte." In seiner Verlegenheit kaum noch wissend, was er tat, blickte Grevenbevg aus seine Uhr.

Jetzt aber ritz dem Oberstleutnant vollends die Ge­duld. „Lassen Sie sich durch die Rücksicht auf mich nicht aushalten, wenn Sie vielleicht schon irgendwie über Ihre Zeit verfügt haben", sagte er barsch. „Spater bei Tisch sehen wir uns ja wohl wieder, und Sie sind nachher möglicherweise besser aufgelegt, iiber ernsthafte Dinge zu roden."

Grevenberg war sich nur zu gut bewußt, daß es über seine Kraft gehen würde, schon nach Verlauf weniger Stunden die Tortur, die der durchdringende Blick dieser scharfen Soldatenaugen ihm bereitete, von neuem zu ertragen, und er fand wirklich den Mut, eine Entschuldiguirg zu stammeln, die ihm davon befreien sollte. .. .

„Sie wollen also den Rest des Tages für die Er­ledigung Ihrer Korrespondenz frei behalten? Nun wohl, dagegen läßt sich nichts einwenden. Aber da Sie doch schon nwrgen wieder abreisen wollen, so —"

„Ich habe mich anders besonnen, Herr Oberst­leutnant. Mit Ihrer Erlaubnis werde ich noch einige Tage bleiben."

„Machen Sie das ganz, wie es Ihnen beliebt. Ich habe Ihnen selbstverständlich nichts zu erlauben oder zu verbieten. Daß Ihnen die Tür meines Hauqes jederzeit offen steht, wissen Sie ja. Sie entschuldigen es wohl freundlichst, wenn ich Sie nicht hinumer- geleite."

Grevenberg mirrmelte ein paar verbindliche Worte. Er wagte kaum, die ohne Herzlichkeit dargebotene Hand des Oberstleutnants zu erfassen, und als er die Treppe hinabstieg, flimmerte es ihm vor den Augen, als ob er in Wahrheit betrunken wäre. Er wünschte sohnlichst, Martha in diesem Augenblick nicht zu begegnen, ober

sie hatte wohl seinen Schritt gehört und öffnete dre Tu» des- Wohnzimmers.

„Wo ist der Vater?" fragte sie ahnungslos. „Kommt er nicht mit herab?"

„Ich habe mich von ihm beurlaubt", erwiderte er» den Unbefangenen spielend, soweit er es in seinen» gegenwärtigen Gemütszustand noch vermochte. „Eine große Arbeitslast, die sich infolge meiner Krankheit an- gehäuft hat, nötigt mich leider, für den Rest des Tages in meinem Hotel zu bleiben und zu schreiben."

Sie äußerte ein freundliches Bedauern, aber ihre Fähigkeit, sich zu verstellen, ging nicht so weit, daß sie es über sich vermocht hätte, durch liebevolles Zureden seinen Entschluß zu erschüttern.

Schon hatte er sich von ihr verabschiedet, da — unter dem Zwange des einzigen Gedankens, dessen lein fieberhaft arbeitendes Gehirn in diesem Augenblick fähig war — wandte er sich ihr noch einmal zu: „Der Herr Oberstleutnant erzählte mir von einem hiesigen Arzt, der ihn in schwerer Krankheit behandelt habe. Wie heißt dieser und wo wohnt er?"

Martha war bestürzt. Wie kam er zu solcher Frage? War es uröglich, daß irgendein Zufall ihn ihr Geheim­nis hatte erraten lassen? War vielleicht darin die Er­klärung zu suchen für sein sonderbar verstörtes Aus- sehen, das sie sogleich bemerkt hatte?

„Es ist Doktor Ruthardt", sagte sie zögernd. „Wes« hach aber wünschen Sie es zu wissen?"

„L, ich vermutete nur, vielleicht einen alten Be- kannten in 'chm wiederzufinden, aber es war ein Irr­tum — der Name ist mir ganz fremd."

Eine Last fiel von Marthas Herzen, aber als sie dann dein Fortgegangenen nachblickte, kam die Traurig­keit, gegen die sie seit Tagen kämpfte, plötzlich mit so überwältigender Schwere über ihre Seele, daß sie eilig in die Stille ihres Zimmers flüchten mußte, um kein menschliches Auge sehen zu lassen, ein wie armes schwaches Geschöpf sie mit all ihrer Opfevwilligkeit und ihrem Entsagungsmut war.

Paul Grevenberg aber ging die sonnenhelle Straße hinalb wie in einer Betäubung. Zu seinen Füßen breitete sich das heitere Panorama des malerischen Städtchens, und über seinem Haupte lachte der herbst­liche Himmel in reinstem Blau. Aber er sah nichts von alledem. Mechanisch setzte er einen Fuß vor oen anderen und folgte den Windungen des Weges, ohne darauf zu achte,!, wohin er thn führe. So deutlich, als liefe jemand mit dem imnier wiederholten höhni­schen Zuruf hinter ihm her. hörte er eine Stimme sagen: „Verloren — alles verloren! Du bist umsonst ein Verbrecher und Sträfling gewesen!"

Es hatte sich nach Kampf und Verzweiflung plotz- lich alles so überraschend gut gewendet. Er war oen polizeilichen Spürhunden wie seinem habgierigen. Freunde glücklich entronnen, und er hatte sich der Hoff­nung hingegeben, daß er auch dom betörten Weibe ent- rönnen sei. dessen Hilfe er nicht hatte verschmähen

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