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Der Roman

3 lllorgen-Veilage des Wiesbadener Tagblatts.

Nr. 145.

Freitag, 25. Iuni.

1915.

<22. Fortsetzung.)

Um die

Kriminalroman von

Beute.

Neinhold Ortman».

<NaHdruck verboten.)

Er hatte sich nur schwer dazu entschlossen, <Aer er mußte -das Versprechen halten, «das er seiner Tochter gegeben, auch wenn es ihn schon wieder gereute.

Dichte Rauchwolken von sich blasend, ging er mit finsterer Miene hinaus, und als die Tür sich hinter ihm schloß, bebte es wie banges Erzittern durch

Aber was sie gefürchtet halben mochte, geschah nicht. Herbert Lyncker hatte sich zwar von seinem Stuhl er- hoben und die kaum angezündete Zigarre wieder fort- gelogt. aber er stürzte nicht auf sie zu, um sie m seine Arme zu nehmen. Wohl wollte ihn sichtlich ein leiden­schaftliches Verlangen dazu treiben, aber eine gewisse Scheu, die er nicht zu überwinden vermochte, hielt ihn

^Gerade der Umstand, daß seine Gedanken sich seit mehr als zivei Jahren mit nichts anderem beschäftigt hatten als mit ihr und mit der Ausmalung dieses Wiedersehens, hatte Marthas Gestalt für ihn nach und nach fast etwas Göttliches werden lassen. Er hatte nicht mehr den Mut, sie zu berühren, weil das Bewußtsein seiner Schuld und seiner Lüge noch zu schwer und drückend auf ihm lag. Das mußte erst überwunden sein, che er die Zuversicht fand, feine Rechte gclteiid zu inachen. Nur seine Augen tranken ihre Lieblichkeit in sich hinein, wie vorhin seine Lippen gierig den feurigen Wein getrunken, mit dem er die tödliche Angst seines Herzens hatte betäuben wollen.

Martha, obwohl sie ihn ansah, fühlte diesen Buck wie ein Brennen aus ihrer Haut. Sie hatte dies Alleinsein gewünscht, weil sie ihm noch vor seiner Unter- redung mit ihrem Beiter hatte sagen wollen, daß sie uock' immer fest errtschlossen sei, sein Weib zu werden. Nun aber war ihr zu Mut, als ginge das Opfer doch iibcr ihre Kraft.

Eine kleine Weile sprach keines von ihnen. Dann raffte sich Heibert zusammen, «m zu sagen: „Sie haben meinen Brief an Ihren Vater gelesen, liebe Martha? Darf ich hoffen, daß Sie mit meinen Vorschlägen ein- verstanden sind?"

„Ja — mit allen", erwiderte sie leise.

„Die Arzte haben mir gesagt, daß ein längerer Ausentturlt in: Süden das beste Mittel zur völligen Wiedecherstellung meiner Gesundheit, sein würde. Würden Sie einwilligen, .daß wir gleich nach un,erer Hochzeit ausbrechen?"

Sie nickte wieder; aber chr Gesicht war brennend- rot geworden, als er von ihrer Hochzeit gesprochen, ja, sie nmtzte für einen Moment die Augen schließen, weil sie fühlte, daß sie sich mit Tränen gefüllt hatten.

Er aber nahm ihr Erröten nur für deii Ausdruck jungfräulicher Befangenheit, und er hatte ste niemals schöner gefunden als in diesem Augenblick. Wenn er noch einmal ein Verbrechen hätte begehen müssen,, um sich dies holdselige Ge'chipf zu gewinnen, nicht einen Augenblick würde er gezaudert haben, es zu tun. Hatte ihn doch emsig die Liebe zu ihr in der: Stand gesetzt.

all das Fürchterliche zu ertragen, das hinter ihm lag. die Qualen der Unter'uchung, di<> Schmach der Mfenb lichrn Gerichtsverhandlung und die grausamen De­mütigungen der Gefangenschaft. Der Gedanre an Martha, die Leidenschaft für sie. die sein ganzes Sein ausfüllte, hatte ihm Kraft gegeben, das Entsetzliche zu überstehen, lim seiner Liebe willen hatte er weiter geheuchelt und gelogen und hatte immer neue Luten ersonnen, um die zu hintergehcn, die ihn seiner Mver erkämpften Beute zu berauben suchten, den^sum- den der Verzweiflung, wenn der Gedanke an Selvst- mard seine Krallen nach ihm ausstreckte, hatte er aus der Vorstellung von den überschwenglichen Wonnen dieses Wiedersehens neuen Mut zum Loben gesogen.

Nun aber, da zur Wirklichkeit geworden war, wo- von er mir unter seligem Erschauern hatte träumen Zürnen nun stand das Bewußtsein seiner Schuld tme eine unsichtbare und doch nuüberstoigliche Schranke zwischen ihm und dom geliebten Mädchen.

Cr wagte es nicht, sie zu liebkosen, wie wenn er daran durch instinktive Scheu gehindert würde, sie zu belchmuhen. Die Worte der Zärtlichkeit, von denen sein Herz übervoll war, wollten ihm nicht über die

Lippen. „ ... ....

Nicht ihre Zurückhaltung, dre er ganz natürlich fand, sondern seine eigene Befangenheit war es, die jede Vertraulichkeit hinderte. Mühsam und unter häufigem Stocken schleppte sich eine Viertelstunde lang die Unterhaltung zwischen ihnen hin. Sic sprachen von seiner Gesundheit, von allerlei gleichgültigen Dingen; die Martha zur Zeit ihres ersten BekanntweiDens interessant gewesen waren, nur nicht von ihrer Ziikunst und noch weniger von ihrer Liebe.

Beide empfanden es als eine Erleichterung, als ek daran erinnern durfte, daß er von dem Oberstleutnant erwartet werde, und Martha hatte es sohr eilig, chn in das Arbeitszimmer ihres Vaters zu führen.

Fünfzehntes Kapitel.

„Da ich es für meine Pflicht halte, ganz offen gegen Sie zu sein, mein bester Herr Lyncker", sagte der ganz in einen bläulichen Tabaknebel ei »gehüllte Oberst- leutnant, sobald sie allein miteinander ivaren, „so möchte ich Ihnen zunächst bemerken, daß Ihr letztes Schreiben mich einigermaßen befrenidet hat. Die Vor- schläge, die Sic darin machen, sind, ehrlich gesprochen, sehr wenig nach meinem Geschmack."

' „Verzeihung, Herr Obevstleutnant, weiin ich Sw unterbreche. Aber Fräulein Martha sagte mir so-

cfö'CTt _" ,

„Daß sie darüber anderer Meinung ist als ich. Ganz recht! Dasselbe sagte sie auch mir, und es ist möglich, daß ich mich schließlich der Maioritat werde sügeii anüssen. Aber eine Bemerkung vorweg müssen Sie mir doch noch gestatten. Sie sind krank oetodert, Mid Sie sehen noch jetzt sehr schlecht aus. ©lieben©«, cs nicht für richtiger halten, die Hochzeit bis zu Ihre;