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S Der Roman, i
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r -. g Morgen-veilage des Wiesbadener Tagblatts, i»-'■==■)
Nr. 143.
Mittwoch, 23. Juni.
i91o.
(20. Fortsetzung.)
Um die Beute.
Kriminalroman von Neinbold Ortmann.
(Nachdruck verboten.)
Dreizchntes Kapitel.
Der Oberstleutnant von der Heyde hatte nur wenige Tage gebraucht, um sich von seinem Kvankheits- anfall zu erholen, aber seine Stimmung hatte sich nicht in demselben Maße gebessert wie sein Befinden. Eine schwüle, beklemmende Atmosphäre lastete über >den Bewohnern der kleinen Villa, und aus dem Verkehr zwischen Vater und Tochter schien alle Unbefangenheit und Herzlichkeit gewichen. Wieder war eine unbehagliche Abendmahlzelt vorüber, bei der Vater und Tochter nur ein paar urwermeidliche, gleichgültige Worte ge- wechselt hatten. Martha hatte den Befehl zum Abträgen des Geschirrs gegeben und war mit einer Handarbeit am Tisch sitzen geblieben, während der Oberstleutnant sich nach seiner Gewohnheit unter die hohe Säulerllampe zurückzag, um die Abendzeitung zu lesen. Aber er las in Wahrheit ebensowenig, wie er es be- nrerkte, daß seine geliebte Zigarre ausgegangen war. Plötzlich warf er das Blatt beiseite und stand auf.
„Was zum Henker, soll das nun eigentlich heißen? Ich weiß nicht mehr, was ich von dem Manne denken soll! Ist das ein Benehmen für einen vernünftigen und wohlerzogenen Menschen?"
„Wen meist du, Vater?"
„Wen anders als diesen Lyncker! Ich sänge allmählich an zu glauben, daß der Herr uns zum besten hält. Ich bin cs aber nicht gewöhnt, daß man mich so behandelt."
Dabei hatte er einen offenen Brief aus der Tasche gezogen und unwillig auf den Tisch geworfen.
Bestürzt blickte Martha von ihrer Arbeit auf. „Ist das ein neuer Brief Herberts, Vater? Hat er dir mitgeteilt, wann er kommt?"
„Nein, es ist noch der alte, den du ja gelesen hast. Das eben empört mich, daß er seitdem nichts mehr hat von sich hören lassen. Erst schickt er ein Telegramm, daß er überglücklich sei in der Hoffnung auf ein baldiges Wiedersehen, und 'dann, während wir Tag für • Tag auf sein Erscheinen warten, schreibt er einen Brief, der in höchstem Grade merkwürdig ist. Er will sich in der Schweiz mit dir trauen lassen — warum? Die Hochzeit soll in aller Stille gefeiert werden — warum? Er will seinen Wohnsitz später nicht in Deutschland nehmen — warum, frage ich, 'warum? — Alles, was er zur Begründung anfübrt, sind nach meinem Gefühl lächerliche Redensarten. Eine von dor Heyde hat nicht nötig, sich zu verstecken."
„Mir ist es ganz recht so, Vater", sagte Martha mit jener »rüden Ruhe, die seit der Ankunft des Telegramms in ihrem Slusschen wie in ihrer Haltung und ihrer Rede lag. „Wenn nicht er selbst es vorgeschlagen hätte, würde ich ihn wahrscheinlich um etwas Ähnliches gebeten haben."
„Nun nieinetwegenl Aber weshalb ist er nicht ge- konnnen, alle diese Dinge persönlich zu besprechen? Nicht einmal seine Adresse hat er in dem Telegramm
und in dem Brief angegeben. Das ist eine Ungezogenheit, die mich empört. Wenn er sich nicht mit sehr triftigen Gründen entschuldigen kann, werde ich ihm gründlich meine Meinung sagen über das, was sich für einen Bewerbe geziemt. Noch seid .ihr ja nicht öffentlich verlobt, und es könnte sehr leicht geschehen, daß mein letztes Wort anders ausfällt, als der Herr sich's träumen läßt."
Das Mädchen kam herein und überreichte dem Oberstleutnant ein Billett. „Ein Bote aus dem Hotel hat diesen Brief abgageben", berichtete sie.
Hastig riß der äÄerstleutnant den Umschlag herab. Dann reichte er die Karte, die darin enthalten gewesen war, schweigend seiner Tochter hin. Martha überflog sie mit einem Blick und legte sie, ebenfalls ohne ein Wort zu sprechen, auf den Tisch. Der alte Offizier ging ein paarmal im Zimmer auf und nieder. „Er ist also hier, und morgen früh wird er kommen! Hast du mir denn gar nichts zu sagen, Kind?"
„Was sollte ich sagen, Vater? Ich bin bereit, ihn zu empfangen."
„Und doch bist du wieder leichenblaß geworden. Meinst du denn. Mädel, daß es mir gleichgültig sein kann, dich so herumsitzen zu sehen wie einen kranken Vogel? Dahinter muß doch etwas stecken, das mir verborgen werden soll! Ich aber meine, daß du zu keinem Menschen eher Vertrauen haben solltest als zu deinem Vater, oder habe ich's jemals an Liebe und Sorge für dich fehlen lassen, habe ich in der Erfüllung meiner Pflichten gegen dich jemals etwas versäumt?"
Martha sprang auf und warf sich ,em seine Brust. „Mein lieber, lieber Vater!" schluchzte sie, unfähig, sich länger zu beherrschen. „Ach, ich bin ja so unglücklich!"
„Man braucht nicht allwissend zu sein, um das zu scheu", sagte er milden Tones, indem er sanft ihre weichen, glänzenden Haarewellen streichelte. „Aber ich habe doch wohl auch einigen Anspruch darauf, zu erfahren, warum du unglücklich bist. Deshalb etwa, weil ich vorläufig noch Bedenken trage, diesen Herbert Lyncker gewissermaßen unbeschen als Schwiegersohn hinzunehmen?"
DLartha erhob deir Kopf nicht von seiner Schulter, und es verging eine merkwürdig lange Zeit, che sie mit einer Stimme, die noch nnmer halb von Tränen erstickt war, erwiderte: „Ja, auch deshalb. Es ist mir schrecklich, zu denken, daß du ihn unfrcu>ndlich enrp- fangen und bchandeln könntest. Er muß mich dann ja für eine Lügnerin und Betrügerin hatten."
„Für eine Betrügerin? Was für Reden sind das! Mit gutem Grunde setzte ich eine Probezeit fest für dich wie für ihn. So wenig für ihn eine Verpflichtung be- stand, zurückznkchven und seine Werbung zu wieder- holen, so wenig kannst du gebunden sein. Die erste Liebe eines siebzehnjährigen Mädchens ist beinahe immer ein Irrtum, und damit, daß man zur Erkennt- nis eines Irrtums kommt, wird man doch nicht zum Betrüger."
