Der Roman.
Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatis.
Nr. t41.
Sonntag» 20. Juni.
1915.
Um die
(18. Fortsetzung.) Kriminalroman von
Heinrich Wcndriner aber lief wie ein eingesperrter Löwe rühelos in der Wohnung umher. Nach langem Kampfe entschloß er sich, seine Tochter beiseite zu nehmen und ein langes eindringliches Gespräch mit ihr
zu führen. . _ c.
Mit ruhiger Miene hörte sie ihn an. Es schien, daß sie gegen das Ansinnen, welches er an, sie stellte, ver- schiodene Einwendungen erhob, schließlich aber muhte cs ihm doch gelungen sein, sie gefügig zu machen.
„Ich will ja tun, was ich kann", sagte sie, „aber er müßte wirklich schon schr krank sein, wenn eS mrr gelänge, ihm sein Geheimnis zu entreißen. ^Jedenfalls üTUlßt «du mich mit ihm Mein lassen urtb darfst nicht alle fünf Minuten ins Zimmer stürmen. Das mutz ihn ja mißtrauisch machen, ganz abgesehen davon, daß es ihn unnötig ausregt."
Heinrich Wcndriner sah ein, daß seine kluge Tochter recht habe, und er fügte sich seufzend, ihrem Willen. Für den ganzen Rest des Tages ging die Aufgabe, den Kranken zu pflegen, auf Hanna über. Nicht einmal Frau Wendriner durfte nach dem strengen Befehl ihres Gatten das Zimmer betreten, und niemand vernahm, was die beiden da drinnen etwa miteinander sprachen.
Es war schon spät, als .Hanna in der Tür von Grevenbergs Zimmer erschien. Ihr Vater, der sich fask während der ganzen Zeit in einem Zustand fieber- Hafter Ungeduld auf dem Korridor ausgehalten Hatto, eilte sogleich auf sie zu.
„Wie geht es? Es ist doch Nicht schlimmer ge- worden? Und hast du schon etwas von ihm erfahren?"
„Still — er schläft jetzt!" gab sie ernst, zurück. „Aber er hat mir alles offenbart. Laß rms in mein Ziimuer gehen, die Mutter braucht nichts davon zu erfahren."
Erst jetzt sah Heinrich Wendriner, daß sie em mit einer Art von Planzeichnung bedecktes Papier in der Hand hielt, und zitternd vor Erregung folgte er ihr.
Als er eine kleine Weile später wieder in das Wohn» zimmer trat, sah er schr blaß aus, und seine Stimme luar heiser vor Aufregung. Geheimnisvoll nahm er seine Frau beiseite. „Du wirst den Arzt nicht holen lassen, auch wenn eS schlechter mit Grevenberg werden sollte Nur wenn du etwa den Eindruck hast, daß es zu Ende geht, kannst du nach ihm schicken. Es wäre kein Unglück für uns, wenn er stirbt — hast du ver-
stcNdeN?" ....... an-
„Aber Heinrich!" wandte sie bestürzt ein. „Wir können ihn doch nicht —"
„.Haben wir vielleicht irgendwelche Verpflichtung gegen ihn? Übrigens scheint er jetzt zu schlafen. Es ist genug, wenn du morgen früh wieder nach ihm stehst.
Hole mir das Kursbuch."
Er blätterte hastig, bis er gefunden hatte, was er
habe keine Minute mehr zu verlieren. Der Ang. den ich benutzen muß, geht in einer halben
Beule.
Reinhold Ortrnantt.
(Nachdruck verboten.)
Stunde. Es ist gerade noch Zeit genug, um zum Bah» Hof zu kommen."
„Di: willst verreisen, Heinrich? Wohin denn?
„Das braucht dich nicht zu kümmern, und niemand hier im Hanse soll cs erfahren. Ich weiß nicht, wann ich zmückkoimue. Vielleicht morgen, vielleicht erst m einigen Tagen. Wenn man inzwischen nach mir,nagt, mußt du irgendeine Ausrede ersinnen. Sage, ich ser krank, oder was du sonst willst."
Sie war ihm behilflich, den Überrock anzugchen, dessen Ärmellöcher er in der Hast nud Aufregung nicht finden kennte. Aber als sie dann fragte, ob sie ihm nicht wenigstens noch rasch ein paar Wäschestücke in den Handkoffer packen sollte, fuhr er sie zum Dank dafür zornig an: „Dummheiten! Ich sage dir doch, daß meine Reise ein Geheimnis bleiben soll. Als lvenn man nicht überall kaufen könnte, tvas man braucht!"
Ohne Abschied stürmte er davon, um sich in die erste Droschke zu werfen, die i£jm in den Weg kam.
Die kleine Frau aber drückte sich ängstlich an der Tür des Krankenzimmers vorüber, hinter der sie einen Sterbenden wähnte, und flüchtete in die Küche,, die, für sie immer der letzte Nothafen bei allen häuslichen Stürmen und Ungawittern war. —
Wenige Minuten später stand Hanna wieder vor Paul Grevenbergs Lager.
„Es ist gelungen", flüsterte sie, während es trne triumphierende Siegesfreude in ihren dunklen Augen leuchtete. „Der Vater ist Hals über Kopf abgereist, um au? dem Brandcnsteiner Friedhof nach verborgenen Swätzen zu suchen. Da er sich erst über die Lage des Grobes unterrichten muß und zur Ausführung seines Vorhabens nur die Dunkelheit des morgigen Abends benutzen kann, wenn er nicht überrascht werden will, wivd er nicht vor übermorgen zurück sein. Vor ihm also sind Sie sicher. Und dafür, daß weder meine Mutter noch das Dienstmädchen etwas von Ihrer Ent- seinung bemerken, will ich schon sorgen. Kleiden Sre sich jetzt eilig an. In einer halben Stunde komme ich
wieder." . _ . .
Sie ging ans den Fußspitzen hinaus., und der ver- meintliche Kranke tat, wie sie ihm gcheitzen. Als sie zurückkehrte, stand er fertig da. Mer seine, Wangen brannten jetzt wirklich wie im Fieber, und tn seinen Augen glühte das Feuer einer leidenschaftlichen Er-
^".Hier ist der Mantel meines Vaters, den Sie über Ihren Paletot werfen müssen, und hier ist sein Hand- kosser. Wenn Sie beim Verlassen des Hauses den Kragen in die Höhe schlagen, wird der Portier darauf schwören, es Herr Wendrmer «gewesen ser, Dessen Rückkehr er vielleicht nicht bemerkt, «nb 'den er nun zum zweiten Male habe sortgchen sehen.,
„Und wenn zufällig einer von den polizeilichen Aust Passern unten sein sollte — glauben Sie, daß auch er sich durch die Maskerade würde tauschen lassen?
