e~. . - i Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts, l » -.-.-j )
Der Roman
Nr. 140.
Samstag, 19. Juni.
1915.
(17. Fortsetzung.)
Um Me Beute.
Kriminalroman von Reinhold Ortmann.
"(Nachdruck verboten.)
Da er immer wieder in die Ausdrucksweise der gewohnten Gaunersprache zurückfiel, hielt es Bruno Hartmann für angezeigt, sich zur Erleichterung der Verhandlung zum Dolnietscher zu machen. Auch er suchte Hanna zu überzeugen, daß es von demselben Effekt und jedenfalls viel leichter sein würde, beliebige Ausweispapiere zu beschaffen, auf denen nran nur die Personalbeschreibung in einiger Übereinstimmung mit der äußeren Erscheinung desjenigen bringen inüsse, der sich ihrer bedienen sollte. Aber sie blieb dabei, daß nur eine ans den von ihr anzugebenden Namen lautende Legitimation Wert für sie haben würde, und schließlich erklärte der Bucklrge, daß er ja auch das machen könne, sofern sie bereit sei, für Patz und Geburtsschein hundert- ündfünfzig Mark zu zahlen.
Die Höhe der Forderung versetzte Hanna sichtlich in einige Bestürzung; aber sie faßte sich rasch und machte allen Versuchungen ihres Begleiters, einen billigeren Preis herauszuschlagen, durch die Erklärung ein Ende, daß sie auf den Handel eingehen wolle, wenn die Papiere innerhalb vierundzwanzig Stunden geliefert werden könnten, und wenn sie gut genug nachgeahuit seien, um ihrem Zweck zu dienen.
Diese letztere Bedingung ging dem Verwachsenen ersichtlich gegen die Ehre, denn er warf mit beleidigter Miene den Kopf zurück und zog statt aller Antwort ein ganzes Bündel amtlich ausfehender Dokumente aus der Tasche, die er mit augenfälligem Stolz auf dem Tische ausbreitete. t* 0 ?'
Ohne Interesse ließ .Hanna ihren Blick über die zum großen Teil sehr schmutzigen und zerknitterten, mit zahlreichen Stempeln und handschriftlichen Vermerken ausgestatteten Papiere hingleiten, ; die der „Chaßwener" .mit d^r liebevollen Teilnahme des von seinem Werke befriedigten Künstlers betrachtete. „Was soll ich damit?" fragte sie. „Ich glaube Ihnen ja, daß Sie Ihre Sache verstehen, weil der Herr dort Sie mir sonst schwerlich oinpfohlen haben würde. Aber so schmutzig werden die Papiere hoffentlich nicht aussehenp die ich von Ihnen erhalte."
Der Bucklige schlug ein spöttisches Gelächter auf. „Man mevkt's, daß Sie nichts von der Sache verstehen, Fräulein", sagte er. „Meinen Kunden köniren sie sonst gar nicht schmutzig genug sein, denn ein abgegriffenes Papier ist immer unverdächtiger als ein ftinkelnagel- neues. Aber so schlimm wie bei dem Gef lieber da brauchen wir's freilich nicht zu machen. Denn es ist doch wohl ein feiner Ganef, für den die Floppen seni sollen. Geben Sie mir nur Ihren Zettel. — Also Herbert Lyncker aus Bremen! Sie sollen mit mir zufrieden sein."
„Wann kann ich die Dokumente in Empfang nehmen — und wo?"
„Hier in der Penne — das ist am sichersten. Ich werden morgen um neun Uhr da sein. Mer Sie können mir der Ordnung halber immerhin eine kleine Anzahlung leisten. Ich bin ein ehrlicher Mann und gehe
Ihnen nicht damit durch. Was ich verspreche, ist so gut wie schon gemacht."
Hanna zog ohne Zögern ihr Portemonnaie und zählte ein paar Goldstücke auf den Tisch, die der Bucklige ohne ein Wort des Dankes in seine Westentasche schob. Dann stand sie auf. Denn die muffige Kellerluft war ihr unerträglich geworden, und ein bittender Blick ermahnte ihren Begleiter, den Aufbruch zu beschleunigen.
Aus dem Heimwege wurde nur wenig zwischen ihnen gesprochen. Hanna, die sich selbst wie eine Ver- brecherin vorkam, seitdem sie in eine unmittelbare Berührung mit der Verbrecherwelr gekommen war, tat der Erlebnisse der letzten halben Stunde mit keinem Wort Erwähnung, und Hartmann zeigte sich viel zu zartfühlend, nur seinerseits das Gespräch auf diese Dinge zu lenken.
Erst als sie in die Nähe der Wendrinerschen Wohnung gekommen waren, fand Hanna ein Wort des Dankes für ihren uneigennützigen Freund. Er aber lehnte jede Anerkennung ad und erbat sich keine andere Belohnung als die Erlaubnis, sie morgen abend wieder begleiten zu dürfen, da sie jene zweifelhafte Gegend und das verrufene Lokal nicht ohne niännlichen Schutz aufsuchen dürfe. Hanna stimmte bereitwillig zu, weil ihr der Godanke an jenen Ort, jetzt, nachdem sie ihn kennen gelernt hatte, viel schrecklicher war als vorhin, und sie trennten sich, damit man sie nicht gemeinsam heünkehren sähe. —
Noch an diesem Abend fand Hanna Gelegenheit, unbemerkt in Paul Grevenbergs Zimmer zu schlüpfen. Er ging aufgeregt in den, kleinen Stübchen auf und nieder, und sic sah auf den ersten Blick, in wie ver- zweifelter Stimmung er sich befand.
„Was ist geschehen?" fragte sie bestürzt. „Ist Ihnen etwas Schlimmes widerfahren?"
„Nichts Schlimmeres als gestern und vorgestern und an all den Tagen, die ich schon unter den. Dache dieses Hauses verbringe. Wer ich halte es nicht länger aus. Lieber ein Ende mit Schrecken als diese unaufhörliche Qual!"
„Aber was ist denn? Sie müssen doch irgendeinen Grund für diese plötzliche Mutlosigkeit haben. Was können Sie denn nicht mehr ausihalten?"
„Die Hartnäckigkeit, mit der Ihr Vater sich an meine Fersen heftet. Er ist ja tausendmal schlimmer als die Spürhunde der Polizei, die mich auf Schritt und Tritt belauern. Sie halten sich wenigstens im Hintergründe, und wenn ich auch weiß, daß sie mich nicht aus den Angen lassen, so werde ich doch nicht m jedem Moment an ihr Dasein erinnert. Ihr Vater aber duldet nicht mehr, daß ich auch nur einen Schritt ohne ihn tue. Bald unter diesem, bald unter jenem Vor- wände weiß er mir seine Begleitung aufzudrängen, ja neuerdings gibt er sich sogar kaum noch die Mühe, einen Vorwand zu ersinnen. Dabei macht er beständig Andeutungen, die mich mit Furcht erfüllen. Seine Ge-
