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§ Der Roman, i
I- - —Morgen-Ueilage des Wiesbadener Tagblatts. !»
Nr. 138.
Donnerstag» 17. 3uni.
1915.
(15. Fortsetzung.)
Um die Veule.
Kriminalroman von Neinhold Ortmann.
'(Nachdruck verboten.)
„Da die Aufforderung so dringend war, hielt ich eS für meine Pflicht. Und dann —" feine Stimme wurde min doch etwas unsicher — „dann hoffte ich auch, Ihnen oder Ihrem Herrn Pater bei dieser Gelegenhest eine Bitte Vorträgen zu dürfen, deren Erfüllung mich von dem Druck einer peinlichen Empfindung befreien würde."
Befremdend und fragend sah Martha zu chm auf. „Eine Bitte? Was könnte das fein?"
„Als ich den Herrn Oberstleutnant während feiner letzten schweren Erkrankung hatte behandeln dürfen, erfreute er mich nach seiner Genesung durch ein Geschenk, dessen Annahme ich schon damals mit ehrerbietigstem Dank abgelehnt haben würde, wenn ich den hohen materiellen Wert der Gabe gekannt hätte."
„Sie meinen die javanische Pasel" fiel das junge Mädchen ein. „Es ist doch nicht etwa Ihre Absicht, sie jetzt meinem Vater zurückzugeiven?"
„Diesen Wunsch hege ich in der Tat. Einer meiner Patienten, ein gründlicher Kenner, der die Base vor kurzeni bei mir sah, hat mich Wer ihren Wert aufgeklärt. Sie begreifen, daß es mich bedrücken mutz, ein Geschenk zu erhalten, dessen Kostbarkeit in gar keinem Bechältnis steht zu der Bedeutung der Leistung, dre damit belohnt werden sollte."
„Wie können Sie es nur so ansehen, Herr Doktor l sagte Martha erregt. „Es war die Überzeugung meines Vaters wie die meimge. datz er nur Ihrer Kunst und Ihrer aufopfernden Sorge die Erhaltung seines Libens zu danken habe. Keine Gabe hätte kostbar genug sein können. Ihnen unsere Dankbarkeit zum Ausdruck zu bringen. Die Base aber hat mein Vater nur gewählt, weil sie Ihnen hier bei uns so sehr gefallen hatte. Er war darauf bedacht. Ihnen eine Freude zu machen. Warum wollen Sie durch eine kränkende Rückgabe des Geschenkes jetzt ihn entgelten lassen, was ich gegen Sie gefehlt?" „ t .. , ..
Georg fühlte, datz cs rm Grunde erne Taktloseren gewesen war, deren er sich da schuldig gemacht hatte. Aber dieses peinliche Bewußtsein verstärkte nur seinen Trotz.
Indem er über ihre letzte Bemerkung hrnwoggrug. sagte er: „Ich hatte für meine Bitte übrigens noch einen anderen Grund. Da ich wahrscheinlich schon m nächster Zeit mein hiesige Praxis aufgeben und eine mir angebotene Stellung als Oberarzt an einem Krankenhaus annohmen werde, würde ich an meinem neuen Aufenthaltsorte vielleicht wegen einer ange- mcssenen Aufstellung des Kunstwerkes in Verlogenheit fein. Die Räumlichkeiten in den Krankenhäusern stnd zumeist sehr beengt, und wir können es dann ja so an- sehen, datz Ihr Vater die Vase, die in seinem Arbeits- zimmer von prächtiger Wirkung war, einstweilen für mich in Verwahrung nähme." .
„Ach, roden wir doch nicht mehr davon! Sre müssen ja sehen, wie weh Sie mir damit tun. Warum, sollen jvir nicht aufrichtig gegeneinander sein? Sie wünschen
sich eines Gogenstandes zu entledigen, dessen Anblick unangenehme Erinnerungen in Ihnen weckt. Wer es wäre großmütiger, wenn Sie «darauf verzichteten, denn diese Erinnerungen werden ohnedies bald genug verblassen. Und nicht wal)r — Sie werden nicht meinetwegen den Wirkungskreis verlassen, in dom Sie sich Ihrer eigenen Versicherung nach bisher so wohl gefühlt? Auch wenn Sie bleiben, werden Sie schon nach wenigen Wochen nicht mehr in Gefahr fein, mir zu begegnen."
„Sie wollen also doch fort von hier, Fräulein von der Heyde?"
„Ja — und für immer."
„Sie — Sie wollen sich verheiraten?"
Martha nickte. „Auf Wunsch meines Verlobten soll die Trauung so bald wie möglich in der Schweiz stattfinden. Wir werden nach seinem Willen dann immer im Auslände leben."
Nach dom, was sie ihm geschrieben, konnte ihn das ja nicht mehr überraschen. Aber datz sie jetzt von ihrer bevorstehenden Hochzeit wie von etwas Unabänderlichem und Selbstverständlichem sprach, traf ihn doch aufs neue mit der Wucht eines betäubenden Schlages.
„Warum nur haben Sie nie von dieser Verlobung gesprochen?" fragte er mit schmerzlichem Vorwurf. „Darf ich denn wenigstens jetzt erfahren, wer der Glückliche ist?"
„Sie sollten ihn nicht glücklich nennen, Herr Doktor. Sein Name klingt Ihnen sicherlich ganz fremd, er heitzt Herbert Lyncker."
„Ich habe diesen Namen allerdings noch me gehört. Wie aber konnte es geschähen, datz von einem Mann, der Ihnen so nahe sicht, in Ihrem Hause nicht ein einziges Mal die Rede war — und datz man ihn bei Ihnen nie gesehen hat?"
„Er war sckon ber unserer Übersiedlung nach Liebenfelde auf weite Reisen gegangen — nach Indien, China und Japan. Während seines zweijährigen Fernseins hatten wir nichts von ihm gehört." ..
„Ist das möglich? Sie hätten mit Ihrem Braust- gam nicht einmal korrespondiert?"
„Nein. Es unterblieb ans den Wunsch meines «Vaters."
„Jetzt ist er also zurückgekchrt? , ^ .
„Er teilte uns vor kurzem seine Ankunft auf beut, schem Boden mit, und wir erwarten täglich seinen Be-
such." t „ .
„Unter diesen Umständen werden Sre es mir ge» witz um so weniger verübeln, wenn ich Ihren.Herrn Vater nicht weiter behandeln möchte. Aber da wir doch zum letzten Male miteinander reden, sagen Sre mir nur noch eins: Haben Sie ihn sehr lieb?"
„Er hat sich als edel und hochherzig erwiesen, und ich bin keinem Menschen auf Erden so dreien Dank schuldig als ihm. — Aber nun, wenn Sre eS gut mit mir meinen, Herr Doktor, lassen Sie uns nicht weiter davon sprechen."
