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Ns. 660. Redaktions-Fernsprecher N». 52.
Kamst«», den so. U- 0 -ml.kr.
B erlagö-FernfPrrch er Rv. 2288.
1901.
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Politische Urbersicht.
Dke parlamentarische Saison hat begonneii. Am Dienstag ist der Reichstag wieder zusammengetreten und bereits am nächsten Montag soll der Kamps um den Zolltarif beginnen, der den clou der Saison bildet. Der Wiederbeginn der Reichstagsarbeit ist, da es sich ja nur um die Fortsetzung der am 15. Mai vertagten Session handelt, ohne sonderliche Feierlichkeiten vollzogen worden. In der ersten Woche hat sich der Reichstag bei ver- hältnißmäßig spärlicher Besetzung mit der Berathung der schon so eingehend durchgehechelten Seemannsordnung besaßt, doch erfuhren diese Verhandlungen zwecks „angenehmer Abwechslung" am Schwerinstag eine Unterbrechung durch die D u e l l i n t e r p e l l a t r o n der nationalliberalen Partei. Die Debatte führte als be- werkenswerthestes Ergebnitz eine Erklärung des Krregs- ministers herbei, aus der hervorging, daß der Kaiser die unerhörten Vorgänge in Insterburg nicht mmoer Mt- schieden verurtheifi, als es die öffentliche Memung gethcm hat Diese kaiserliche Willensmeimmg hat ,a auch bereits in der Kaltstellung des Obersten v. Reißwitz und Kaderfin, der in der Lage gewesen Ware, das unsinnige und so blutig verlaufene Duell zu hindern, ihren äußeren Ausdruck gefuniwn.
Nicht nur im deutschen Reichstag, ivo am Montag dre Schlacht um den Zollrarif beginnt, sondern rm osterrerchr- ichen und französischen Parlament gehen die Wogen des politischen Kampfes hoch. In F r a n k r e i ch erringt die Regierung mühsam Sieg aus Sieg über dre zähe und unermüdliche Opposition, aber keiner dieser mit knapper Majorität erfochtenen Siege hat derr Werth emes ernsthaften, nachhaltigen Erfolges. ^
In O e st erreich fristet das Kabinett Korber mcht durch parlamentarische Siege, sondern durch unansge-
senke Fr iedens stiftungsversuche sein unge wisses Dasein Die eirttäuschten Tschechen, welche allzu uSm dÄdi- Dießiecimg »ctWHJelt 'untm gk®
WA »T* die p-rl-menf-rifch-S»u°wu
nach wie vor so ungeklärt ww nur möglich, und das Kabinett Korber lebt weiter von der Hand m den -Mund
Eine sonderbare nationale Bewegung, die freilich keine parlamentarische, sondern eher eme "Mwarlamen- ta rische" ist, hat sich in Oesterreich-Galizien geltend ge- Niacht Die Polen in Galizien, die dort m der „besten aller Welten" leben und sich emer „uneingeschränkten Selbständigkeit erfreuen, .^ darüber er grimmt, daß die preußischen Polen uuht i^Äbe Polom sirungsfreiheit genießen, und sie haben deshalb aus Au laß desWr eschener S chulk r aw a llpro z e s ses einen Entrüstungssturm inscenirt, der mdeß m Deutschland recht wenig Eindruck hervorgerufen Hot. Aus me Absicht, in Preußeii ein zweites Galizien zu errichten, werden die Polen schon verzichten müssen.
Eine ernsthafte Bedeutung ist dieser gafizfichm „Ent rüstung" ebenso wenig beizumessen wie den zwischen Deutschland und Venezuela schwebenden Konflikten, die ebenso in Bälde ihre befriedigen^ RegÄung finden dürsten, wie es bei dem Vineta-Zwischensall so- eben geschehen ist. Me venezolanische Regierung, die sich nur mit Mübe gegen den Aufstand nn eigenen Linde wehrt und auch das Kriegsspiel gegen Kolumbien bis auf Weiteres ausgegeben hat, denkt schwerlich daran, den berechtigten Forderungen des deutschen Reiches, die mit der nöthigen Energie verfochten werden durften, ernsthafteren
Widerstand entgegenzusetzen.
Während es von dem Aufstand m Venezuela in letz terer Zell stiller geworden ist, ist der Aufstand i n Kolumbien auf der ganzen Linie entbrannt Me thatsächliche Lage auf dem Revolutionsschauplatz ist einigermaßen undurchsichtig, da beide Parteien mll Vor liebe Siegesnachrichten melden.
Heftige Kämpfe hat es m letzterer Zest auck, m Spanien und Griechenland gegeben, und zwar waren ^ in beiden Ländern die Studenten. welchen dm führende Rolle in diesen Kämpfen zufiel. In S p a n i e n haben sich die Studenten der allgemeinen Opposition angeschloffen, in der Republikaner, Socialfiten und Car- listen gegenüber der Regierung begriffen sind, eme Opposition, die im Grunde weniger der Regierung als vielmehr der allgemeinen wirthschaftllchen Nothlage gilt, gegen die aber in Spanien bisher iwch kem Kraut ge-
^Ehnen recht sonderbaren Untergrund hat die Stu dentenbewegung i n G r i e ch e n l a n d Sie richtete sich gegen die Nebersetzimg der Bibel ins Neu
griechische, die von den Orthodoxen als eine Prosamrimg der Bibel angeselien wird. Diese sonderbare Stud ent-«^ bewegung hatte aber Kraft genug, um den: ftabatett) Theolokis das Lebenslicht auszublasen und cm dessen Stelle das Kabinett Zaimis zu bringe«. i Das Kabinett S a lisbury - Chamoe°r^ l a i n i n E n g l a n d ist auch nicht auf Rosen gebettet Das englisckie Volk verlangt Stege und Lord Kllchem-c verlangt neue Truppen. Aber das englische Knegsamt kann keine neuen Truppeii und Lord Kitchener kann keine Siegcsnachrichten senden!_ *
Deutscher Reichstag.
Berlin, 29. November.
Zu Ehren ver hundertsten Sitzung prangt aus dem Präsidialtisch ein Blumen-Arrangement. wofür der Pr äsident seinen Dank ausspricht. Die Berathung der Seemanns-QrdnnM wird fortgesetzt bei 8 33, der Vorschriften über dre Dauer Arbeitszeit enthält. Liegt das Schiff rm Hafen oder auf ow Rhede so soll, von dringenden Fällen abgesehen, die Arlmtszeu in der'Regel nicht länger als 10 Stunden währen, raten Tropa, jedoch in der Regel nicht länger als 8 Stunden. Em Antrag Albrecht (Soc.), welchen der Abg. Metzger (Soc.) empfrehlh will ausdrücklich die Arbeitszeit in den Tropen auf höchstens 8 Stunden sestgelegt wissen. — Abg. S t ock m a n n (Reick- erkennt dies im Allgemeinen an und beantragt, 1. »8 » Aufsichtsdienst oder Arbeiten zur Verpflegung oder Bedre von an Bord befindlichen Personen auch ut den Tropm uv 8 Stunden hinaus verlangt werden konm,„ 2. zum A bsatz der die über Absatz 1 hinaus geleistete Arbeit als Ueberstunv bezahlt wissen will, die Einschränkung, daß Arberlln pu pflegung und Bedienung, ferner zum See-klar-machen Sicherung des Schiffes in dringender Gefahr mcht als loh pflichtige Ueberstunden-Arbeit angesehen werden sollen. Unterstaatssekretär R o t h e und Geheimrach v o n de r Ha, empfehlen dringend den Antrag Stockmann m fer nem r Theil zur Annahme. Geheimrach von der Hagen brttet um Annahme des Punktes 2 des Stockmann scheu Airll - Abg. Raab (Antis.) wünscht Ablehnung d^ Ant Stockmann. - Abg. B a r g m a n n (fteis. BoWp.) wunM Ablehnung aller Anträge und Annahme der Konumsstom^. fassung. — Abg. Kirsch (Centr.) erklall sich zunächst Mgx« den socialistischen Antrag. Was den Antrag Stockmann an*, lange so lehne seine Partei den ersten Therl desselben ganz ah, dem zweiten Theil würden seine Freunde nur rn der Beschränkung zustimmen, daß nur die Arbeltrn „zur SicheruW des Schiffes in dringender Gefahr" mcht als lvhnpsüchtiN Ueberstundenzeit gelten soMen. — Abg. iese (fiM. Der^ führt aus, daß zur Sicherung des Schiffes rn Gefcchrwch das See-klar-machen erforderlich sei, also auch dreft letztere & unmöglich als Ueberstundenzeit bezahlt werden »«te. ^- ,
Heimrath v. Jonquitzres tritt für den Punkt 2 des Stock-
7. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Claudia.
Roman von F. N. Potapmllo.
Papa ist in seinem Arbeitszimmer. Dtit einem großen rkfenbetnernen Papiermesser, einem Geschenk des Otsizrer- corps seines ersten Regiments, schneidet er eme eben cm- aekommene mllftärische Zeitschrift auf. Mama durchblättert im Salon einige Modezeitungen, vor ihr steht die Schneiderin Jegoriewa. Me Fruhjahrs-Anzuge für Lida und mich sollen angefertrgt werden. Großmama stickt auf groben Stramin Lampermnteriatze. Es fit vielleicht der zweibundertste, den sie zu vollenden rm Begrrft ist Die Arbeiten sind für die allmhrlrch wrederkchrende große Wohlthällgkeitslotterie bestimmt. Lrda macht ?wi?e Notizen fiir eine schrnststellerrsche Arbmt rch gehe von der Einen zur Anderen, lächle chnen zu und sw erwidern mein Lächeln. Ich liebe sie und sie verzartellr mich Ich bin die jüngere und werde von Allen verzogen Ich kann sie nur lieben, sonst nichts ^ch bm nicht einmal im Stande, an meine Toilette zu denkem dm- thut Marmi für mich, die sich wunderbar aus diese Mnge versteht Ebenso wenig brauche ich mich darum zu kümmern, N^ ich am liebsten essen möchte. Daftrr sorgt Grotz- Tmm Me weiß, daß ich nur ein Kind bin, trotz meiner
neiimzehNstJah«. ^ gIaba ^hstückt, Elavas Chokolade muß gewärmt werden! Und ob ich will oder mcht, iw nmß essen irnd trinken, sonst ist Großmama untröstlich D» hast mich wohl nicht mehr lieb, Clava , sagte sie, ihr Taschentuch an die Augen drückend. Ich weiß es übrigen^ 2 2“ sie nicht weint, sie begnügt sich damit, ück^u^ schneuzen Nein, ich brauche an nichts zu denken. Änn leicht erkältet habe, bemerkt es Papa
Mcwqens oder Abends, wenn ich ihm die glaUrastrte Ntanop küüe noch ehe ich selber etwas davon bemerkt habe An fieberst M befindest Dich nicht wohl", sagt er und schreibt eiligst einige dringende Zeilen an unseren Hau-- or»t Simon Andrejitsch. Der alte Herr erscheint, suhlt nür den Puls, ich muß ihm meine Zunge zeigen und er icbickt nüch zu Befi-
Jch freue mich immer, wenn der Arzt mir befichlt, das Bett zu hüten. Mein Bett ist so weich und behaglich, die Decke so leicht und schneeweiß, das Zimmer das ich mit Lida theile, ist ganz in Rosa, und von Licht durchstrahlt. Doch Clava ist leidend, sie hat etwas Hitze, me Vorhänge werden niedergelassen, und das Licht kann nur mit qedämPftemSchein emdringen. Man bemüht sich, mcht das geringste Geräusch zu machen, dieEltern, Grostmama, alle geheii auf beix Fußspitzen. Man bildet sich em, daß die arnie Clava schlafe, aber sie denkt mcht daran, sw hat nur die Augen geschlossen. Es gefallt ihr, daß >?eder mi sie denkt und um sie besorgt ist, die kleme Selbstsüchtige. Auch die ihr vor geschriebene Diät gefallt ihr, obwohl sie die ihr verordneten Speiseti nicht besonders liebt, aber sie ißt mit unverkennbarer Befriedigung, weil es sie belustigt, zu sehen, mit welch naivem Mfigefühl man sie betrachtet Bald ist sie wiederhergestellt — war sie denn rrberhaifiit krank? Der Himmel weiß es — und dann, ttw» thnts? Der Doktor fit schuld daran.
Ich weiß es, daß ich hübsch bin. Jeder sagt es mir sowohl meine Verwandten, wie Fremde. Ich bm schlank wie eine Palme, behauptet Großmama, ich habe eine eigenthümliche Art, den Kops zu tragen, die aii die Venus von Milo erinnert, versichert Papa, der sich daraus versteht da er in Paris war und dort das Museum iinLouvre besucht hat. Mein Hals ist weiß wie Milch, darüber hat mich mein Spiegel belehrt. Me Bezeichnung „weiß, wie Milch" ist in der That genau zutreffend. Man sagt, daß schwarze Brauen und Wimperm bei Hellen Augen eine große Seltenheit sind. Ich befinde mich in dem Falle, mich dieses Vorzuges rühmen zu dürfen. Mama meint, daß ich keine regelmäßigen Züge habe, daß dieser Umstand aber nichts zu bedeuten hätte und ich deswegen
nicht weifiger schön sei. ^ _ ., ....
Ich vergaß noch hinzuzusugen, daß ich mich nre darum gekümmert habe, wie wir die Zeit verwendeir. ob wir m das Theater oder in derr Cirrus gehen, den ich leidenschaftlich liebe, ob wir Besuche machen oder zu Hause Gesellschaft haben. Das ist Lidas Sache „Lida ist zwei Jahre älter als ich. und ich glaube, sie ist hübscher als ich, aber es ick)ei,fi, daß nicht Alle dieser Ansicht sind. Sie ist
ernü, ihr Gesicht regelmäßig und strenge mrd ihr Mir kalt. Ich bin lebhaft, heiter übermüthig, sprmge van tanze und mache mich gern über alle Welt lusug, Lwa lächelt nur, es steht fast aus, als ob sie gar ruckst llrckM könnw. Sehe ich etwas Lächerliches, so mutz ich sofoÄ! losbrechen, Lida verzieht kaum den Mund ; sie Lest lehr viel, immer sehr llmge Romane und sw benk t noch mehr über das Gelesene nach. Das Buch smtt ihr m Schooß mrd sie verfällt in fiese Träumerei. So ist Sie gefällt den Atännern nicht, die sich, wie W^st vor ihr fürchten. Ich selbst liebe meme Schwester a ordentlich, denn sie ist gut gegeii imch Md siech niemals mit dem eisigen, gleichgültigen Buck cm, den sw fifi Andere hat. Sie spielt entzückend Klavier, sie sitzt', alier auch oft vier Stunden hintereinander vm, ünunent Der Musiklehrer Zabialko behauptet, sie Habs, ungewöhnlich großes musikalisches Talent, das mm VÄbs ständig abgeht. Wenn man Talmi, hat, muß man vrm Sfimden hintereinander vor dmi Piano zubrmgm, und. ich würde vor Langeweile sterben, wmn ich dazu g»! zwmigm wäre. Dem Himmel sei Dank, daß er nur das.
Talmi versagte." .
Ick habe die Feder medergelegt und durchgetchem was'ich geschrieben habe. Seltsam! Ich eMd«tte m eine Einbildungskraft, von der ich nichts ahnte habe gefchriebm. als wäre ich heute das noch, was ich eirfit gewesen bin. Ich glaubte Alles m mir habe sich ch ve^ ändert, daß ich nicht mehr nn Stande sein tourde ^ Vergangmheit wieder auflebm zumssem aber nem, All^ steht in greifbarer Klarheit vor nur, Grotzmania in voller Lebenswahrheit vor mir auf, und Lidw werne arme Lida! „die kleine Selbstsüchtige" Lebte Dich warW
^^Die Frage drängt sich mir ans: Zu wetc^n Zweck schreibe ich Alles das nieder? Wmmm thue ich eS ? Weil meine Seele voll ist von Gedankm, Eindrücken rmd Bildern, und ich das Bedürfniß suhle, mem Herz auszu- icküttm Mein Leben war incht arm an leyrreichen: Dinaeii Meine Feder wird nickt lügen, wie meme Zunge nie gelogm hat. Ich will Mt nicht tionebm, ba% M* 1 ohne Zweck schreibe,, und »e<ß ick ivunsche, Meses Hefi
