MorgeN'Veilage des Wiesbadener Tagblatts.
Mittwoch, 16. Juni.
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(14. Fortsetzung.)
Um Me Beute.
Kriminalroman von Reinhold Ortmann«
(Nachdruck verboten.)
Ein Schimmer freudiger Hoffnung „ ging uöer Grevenbergs Gesicht. „Das wollten Sie für mich tun? Ich bin ja schon hundertmal im Begriff gewesen, ihn W fragen. Mer hie Furcht, mich verdächtig zu machen, verschloß mir immer wieder den Mund."
„Es wäre auch das Ungeschickteste aewesen, was Sie hätten tun können. Gegen mich aber wird er, wie ich denke, keinen Argwohn hegen."
„Hanna!" ertönte in diesem Augenblick draußen auf dem Korridor Wendriners Stimme. „Wo in aller Welt steckt denn das Mädel eigentlich?"
„Still!" raunte sie Paul Grevenbevg zu, indem sie seine Hand erfaßte. „Ich muß jetzt fort. Noch einmal also: Hüten Sie sich vor meinem Pater, unternehmen Sie nichts, ohne sich vorher mit mir darüber zu besprechen. Wenn ich Ihnen helfen soll, müssen Sie vor allem Vertrauen zu mir haben — blindes Vertrauen — und in jeder Hinsicht. Wollen Sie mir das versprechen?"
„Ja", sagte er.
Er wollte noch etwas hinzufügen, aber schon hatte sie die Tür geöffnet und war hinausgeschlüpst. Noch eine gute Weile aber fühlte er den innigen Dr-uck ihrer Hand.
Zehntes Kapitel.
Doktor Georg Ruthavdt saß eifrig arbeitend vor seinem Schreibtisch, während der Herbststurm unge- bändig an den Fenstern rüttelte und der Regen klat- schend gegen die Scheiben schlug. Sein Arboits- und Sprechzimmer war durchaus nicht verschwenderischer eingerichtet, als es sich für die Behausung eines jungen Arztes mit bescheidener Praris geziemt. Ein paar un- entbehrliche Möbel von hellem Holz, ein Glasschrank mit allerlei ärztlichen Instrumenten, ein billiger Teppich und einige schwarz einczercchmte Kupferstiche an den Wänden — das war so ziemlich alles. Um so mehr mußte ein umfangreicher Kunstgogenstand in die Augen fallen, der sich nur durch einen Zufall in diese. Umgebung verirrt haben konnte.
Es war eine neben dean Schreibtisch aufgestellte japanische Bronzevase von höchst eigenartiger Form und kunstvoller Arbeit. Die Färbung des mit einem dunklen Edelrost überzogenen Metalls ließ auf ein hohes Alter des Werkes schließen, und es mußte ein ebenso phantasievoller als geschickter Künstler gewesen sein, aus dessen Händen sie einst hervorgegangen war.
Die große bauchige Vase ruhte auf einem Postament, das vielleicht das Merkwürdigste an dem seltsamen kunstgewerblichen .Kleinod war. Denn es stellte in vollkommen naturgetreuer Ausführung emen Baum- stumpf mit nach allen Richtungen hin auslaufenden knorrigen Wurzeln dar. Mit bewunderungswürdiger Meisterschaft tvaren alle Eigentümlichkeiten verwitterter und bemooster Baumrinde zur Darstellung gebracht. In dem Gewirr der, vielverzweigten Wurzel- ansähe aber schien allerlei kleines Getier des Waldes kein Wesen zu treiben. Es wimmelte da von Eidechsen.
Schlangen und Mäusen in überraschend getreuer Wiedergabe der besonderen Eigenart dieser flinken und zierlichen Geschöpfe. Ans der Base selbst fand diese einer übermütigen Künstlevlaune entsprungene Nachbildung der Natur ihre Fortsetzung durch die Andeutung einer jener kleinen Tragödien, wie sie sich rn der Tierwelt Tag für Lag in tausendfacher Wieder- holung abspielen. Ein allerliebstes Vogelpärchen saß, eng aneinander geschrniegt und zärtlich schnäbelnd, auf dem mit fein ziseliertem Ranken- und Blattwerk bedeckten Fuße der Vase. Um die weitgerundete Wölbung derselben aber schmiegte sich der biegsame Leib einer Katze, die das arme gefiederte Liebespaar von oben her beschlich und sich mit lüsternen Augen an dem Anblick ihrer sicheren Beute zu weiden schien, ehe sie den todbringenden Sprung tat. Schweif und Kopf der Katze dienten gewissermaßen als Henkel der Vase, wahrend der Griff des Deckels durch einen kleinen Raubvogel mit weitklafternden Flügel gebildet wurde.
Irgendeinem praktischen Gebrauch konnte dies originelle Kunstwerk wohl nienials gedient haben, denn der Hals des Gefäßes war fo eng, daß sich .das Mißverhältnis zwischen der schmalen, kaum mehr als finger- starken Qsfnnng, zu der sich die nach unten wie nach oben weit ausladende Vase hier zusammenzog, und dem Umfang des bauchigen Körpers als eine schwer begreif- liehe Geschmacksrichtung des Verfertigers störend be-
merklich machte. . . , t
Auf dieser hier so freindartig wirkenden Kostbarkeit richte, wie schon unzählige Male vorher, der Blick des jungen Arztes, als er, seine Arbeit unterbrechend, sich mit nachdenklicher Miene in seinen Schreibsessel zurücklehnte. Es schienen nicht gerade Empfindungen freudiger Natur zu sein, die ihre Betrachtung tn ihm weckte, denn seine Stirn zog sich in finstere Falten, und ein Schatten der Traurigkeit breitete sich über fern hübsches Gesicht. . ^ ,
Nach einer kleinen Weile zog er eines der Schub- fächer des Schreibtisches auf und entnahm ihm ein Blatt, dessen zierliche Schriftzüge sich seinem Gedächtnis längst unauslöschlich eingeprägt hatten. Hundert- mal schon war er entschlossen gewesen, diesen Brief, der ihm den bittersten Kummer seines Lübens bereitet hatte, zu zerreißen oder zu verbrennen. Wer er hatte es bisher niemals über sich gelvonnen. Es war ihm noch immer, als müsse er in diesen unbarmherzigen Worten irgend einen verborgenen Sinn entdecken, als müsse er Müschen -den Zeilen etwas lssen, das rhn zu neuem Hoffen berechtigte. ^ .. ., , T -
Es war die Narrheit des Verliebten, die chm solche Hoffnung eingab, darüber täuschte er sich durchaus nicht. Denn der kurze Brief war fo klar und so un- zweideutig, als es nur je ein Msagebrief gewefem Martha bat ihn .darin, den unseligen Augenblick auS feinem Gedächtnis zu tilgen, »vo sie unter dem Einfluß einer ihr selbst unbegreiflichen Stimmung ihre Ver- pflichtungen habe vergessen können. Denn ihre Pflicht
