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Wiesbadener Tsgblstt

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Erscheint t» * *»ei Ausgaben. - BezugS-Preiö. durch den Verlag 50 Pfg. manatlich. durch die Potz » SM. fto Psg. viertel,Lhrl'ch für beide Ausgaben zulammen.

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Für die Aufnahme später .ingereichter Anzeigen zu,

MO. 552. RedaktionS-Fernsprecher No. 52.

Dienstag, den 26. November.

Berlags-Frrnsprecher No. 2266.

1901.

Abendausgabe^

Iüv öen Worrcrt Dezember?

ans das

^Wiesbadener Tagblatt

zu abannirep, findet sich Gelegenheit

im Verlag Kanggasse 27, p«i den Ausgabestelle».

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der Nachbarort».,

and bet sSmmtlichru deutschen Rcichvpostanstalten.

Das nationalistische England.

Unser Londoner u-Korrespondent schreibt uns:

Ein leitendes englisches Blatt, das anläßlich des achtzigsten Geburtstages Herbert Spencers einige Worte über den Begründer der synthetischen Philosophie zu sagen für angebracht hielt, erklärte seinen Lesern, der- sMe hätte sein langes Leben der abstrakten Wissenschaft gewidmet, und daß, wenn er damit auch Niemand ge­schadet, sich doch kauni entdecken ließ, was er seinen Lands- Leuten genützt. Es ist das eine für die derzeitige Strömung in England im höchsten Grade charakteristische Aenßerung. Die Nation fyrf als solche zu denken aus- achört, und ist zu estier Ileberzeugung gelangt, wie wir z B. anläßlich des südafrikanischen Krieges.schm, „dessen Gerechtigkeit sie allein glaubt beurtheilen zu können, weil die ganze übrige Welt dazu entweder zu einfältig oder vom Steide verblendet ist. Nicht genug damit, wrrd setzt hier überhaupt Alles vom national-englischen Stand­punkt bemessen, gleichviel ob es Politik, Litteratur oder Kunst ist. Selbst auf dem Gebiete der Religion laßt sich dos wahrnehmen, und All. Chamüerlains Jmpermlrs- ums hat seinen Einzug nicht nur in der Staatskirche, sondern auch unter den Sekten gehalten, und der Erz­bischof von Canterbury sprach unlängst mit entschiedener Berechtigung von dem iniperialisirten Chrsttenthum. Jener nationalistische Geist, dem die Engländer in den Franzosen so entschieden verdammen, und den sie dabei daheim in seinen charakteristischen Repräsentanten, Chamberlain rmd Milner, den Däroultzdes und MÄmes der britischen Politik, vergöttern, birgt eine große Gefahr in sich. Diese besteht in dem leichtfertigen Vergessen all dessen, was das nationale Leben Englands einst hervor­ragend machte. Wenden wir uns z. B. der englischen Litteratur des iieunzehnteii Jahrhunderts zu, so finden wrr, daß die maßgebeirden Rollen in derselben fmt aus­schließlich Männer spielten, die an rein menschliche und

nicht an nationale Gefühle appellirten. Da^lbe gilt von den wirklich charakteristisch englischenStaatsmannerm von Cobden, der die Welt als einen reren Hafm M ^ wünschte, von Mill, dem Rationalisten und Demotraten, sowie von Gladstone, der an Ehre und Gewissen, die moralische Grundlage der Civibisation ^Ellirte. , wenn die Engländer aucks die Welt und ihr Urtheilver- gesseii haben, so ändert das doch nichts cm der SCfatfa&e, daß den einzigen Maßstab für die Große einer Nation das Urtheil der Außenwelt und nicht die eigene Werth- schätzung derselben bildet. Aus deni Gebiete der eng­lischen Außenpolitik bat die ganze Welt einstimmig langst den Stab über John Bull gebrochen, der trotz Allein, was ihil die Geschichte seines KolonimrAches geleimt, mnd miaeachtet der Pfade, die ihm seme Politiker der Ver­gangenheit, wie Gladstone, Lord Randolph und Andere angezeigt einen Mann wie Milner nach Sudastnka sandte, um daselbst die Brandfackel des Bürgerkriegs. zu entzünden, und sie unter die englische und die holländische Bevölkerung zu schleudern. _ äfcer auch ^sammtlichen anderen Gebieten zeigt es sich, daß England nnt all.n seinen alten Traditioneir bricht, ^m Handel und der Industrie ist man schon stolz darauf, daß man noch immer im Stande ist, wenigstens emen Therl des Welt­marktes für den Wsatz seiner Güter behaltm zu können, aber keine Fortschritte macht. Auf dem Gebiete der Kunst sicht es traurig aus. Was man Opem nennt, sind Tingel-Tangel, musikalische Skizzen und das^Drama ist allenfalls der Jahrmarktsbuhne würdig. >sn der Litteratur aber sind an die Stelle der Spencers, Byrons und Carlyles, die all die knltivirte Welt gelesen, die Kipplings, Hall Caines rmd Corellis getreten, dre nur der nationalistische Brite zu verdauen verniag._

Ä —'— '^Ieutsches - Mich.

Die Kanffmaun-Frage.

Berlin 26. Nov. Der Minister des Innern hat dem Magistrat bezüglich der Wahl K a u f f m a n n s zum zweiten Bürgermeister mitgetheilt daß er die in dem Erlaß des Oberprasidenten vom 6 Oktober vertretene Auslegung des § 33 der ©tabteoibnung- für zutreffend erachte, und demgemäß eine Entscheidung des Kaisers nicht herbeiführen wird. Es stehe daher den Stadt­verordneten frei, die vorgeschreibene Neuwahl vorzunehmen-

*

Der Bescheid des Ministers des Innern an den Berliner Magistrat, betreffend die Wiederwahl des Stadt­raths Kauffmann zum Bürgermeister, muß als end- qültige Erledigung der Sache angesehen werden. ~ er Minister lehnt es nach diesem Besche-de ab, den Ober- präsidenteii 31t korrigiren. der es seinerseits verweigert hatte, die zweite von denStadtverordneten vorgenommene Wahl Kausftnanns dem Kaiser zur abermaligen Ent-

scheidung 'vorzulegen. Freiherr v. HmrunerMn be.

hauptet in seinem Schreiben, daß der Erlaß des Ober- Präsidenten vom 6. Oktober d. I. dem Wortlaute, dem Sinne und der bisherigen Handhabung des § 33 der Städteordnung entspreche. Nun Ware es zwar leicht, dem Minister entgegenzuhalten, daß in wiederholten Fallen städtische Körperschaften die Ablehnung eines borge*; schlagenen Kandidaten nicht für so folgenreich wählet hatten, daß sie aus die Wiederwahl desselben Knndidater» verzichtet hätten. Mehr iwch: Wiederholt sind solche,,

zum zweiten Skale gewählte Geineindebeamten vom Monarchen bestätigt worden, so beispielsweise der frühes Oberbürgermeister von Posen, der nach der ersten W ahr nicht das Vertrauen des Königs gesunden hatte Freiherr! v Hammerstein kann sich hiernach jedenfalls nicht aus die „bisherige Handhabung" des Gesetzes berufen, indessen, würde es nichts nützen, ihm solche VorhaÜungen zw machen. Er wird auf seinem Standpunkt bcharrm, uw damit ist der Jnstanzenzug erschöpft. Wohl gäbe ^noch ein Mfttel, uin dieSache vorwärts zu bringen. Die Stadt«, verordneten müßten beschließen, das Oberverwalümgs. gericht anzurufen, und dieser Gerichtshof konnte alsdarm vielleicht ein Urtheil dahin fällen, daß die Regierung dm Städteordnung unzutreffend cmsgelegt habe und nach Wortlaut und Sinn des 8 33 verpflichtet sei, dw zweUe Wahl Kausfmanns dem Kaiser rmd ^^3 Zur Beschlutz^ sassung zu unterbreiten. Aber es ist “P',

nehmen, daß die Stadwerordneten diesen Weg beschreiten würden. Weniger durchsichtig ist die Frage, wie sie sich zu der freigestellten Vornahme der „vorgesckMÄ>enen neuen Wahl" stellen werden. Der betrestende Au»d-mck in dem Schreiben des Ministers ist etwas unklar. Zuerst wird bemerkt, daß es den Stadtverordneten „fteistähe ^ die Wahl vorzunehmen, und dann wird von dieser Wacht als eiiier „vorgeschriebenen" gesprochen. Indessen w ird der Satz doch wohl dahin auszulegen sem, daß dep Schiverpunkt in der Freistellimg und mcht m der Vor- schrist des Wahlaktes ruhen soll. Ter Stimmung dec Mehrheit des Stadtverordnetenkollegiums wurde es ent­sprechen, die Bürgermeisterstelle unbesetzt zu lassen. Vertheilung der Gesckchfte des Bürgermeisters auf Äst einzelnen Stadträthe hat schon vor geraumer Zeft statch gesundem

* Rundschau in» Reiche. Der Bund deutsche«

Nahrungsmittel-Fabrikanten und -Händler

hielt gestern in F r a n k f u r t seine General-Versammlung «L Nach einem Referat von vr. Kayser-Nürnberg über die Nach­theile des neuen Weingesetzes wurde eine Res°lutwu ang^ nommen, dahingehend, an den Bundesrath das Ersu-^n » richten, die sehr erheblichen Unsicherheiten distes Gesetzes uÄ, die Schädigungen des Weinbaues und Weinhandels zu bstenigen. Bei Besprechung des Fleischbeschaugesehes wurden nach einem Referat des Obermeisters Friedrich zwei Resolutionen auge-

8. Fortsetzung. Nachdruck verboten.

Claudia.

Roman von I. N. Potapenko.

„Sie können gehen, Schiwria!" befahl die Lehreriii

streng.

Schiwria enfternte sich. .

Maniftchka zftterte vor Zorn, wenn man in ihrer Gegenwart von den Vorzügen ihrer Vorgängerin sprach. Sie verabscheute sie von Herzensgrund, ohne eigentlich zu wissen, weshalb. Der arme Kleine, der seiner Wohl- thäterrn so dankbar gedachte, war ihr von Stund an frcxfoQ&i.

Das Kind, das von der Erinnerung an Claudia An- tonowna und seine ergeneii Thränen so erregt war, swtterte, als die Reihe zu lesen an ihn kam.

„Du schläfft, Junge", schall Mamtschka und befahl chm im Winkel neben dem Ofen zu knieen.

Manitschka, die schöne, elegante, gefallsüchtige Manitschka Kintsew legte sich in der Ausübung ihres Rechtes, zu bestrafen, keinerlei Zwang auf.

,Sie dürfen die Kinder natürlich nicht durchprugeln , hatte ihr Arcadii Nikolajewitsch gesagt, „aber Sie haben das Recht, wenn es nothwendig ist, sie m einem Wmkel knieen M lassen, so lange es Ihnen gut dunkt auch des Lineals dürfen Sie sich bedienen, selbstverständlich nur zu leichter Züchtigung. Kurz, wir ermächtigen zu allen Strafen, deren man unmöglich entrathen könnte."

So lange Manllschka das Gymnasium besucht hatte, waren die Unterrichtsstunden ihr die schrecklichsten ihrer Lebens gewesen. Sie hatte stets nur ein Gefühl gering­schätzigen Mitleids für die Erzieherin,ien und Lehrerinnen gehabt, die ihr Leben der trockenen und mühseligen Arbeit widmeten, Kinder zu unterrichten und ihr Betragen zu überwachem

Ach, und plötzlich befand sie sich in einer tausendfach schlimmeren Lage. Schmutzige, in Lnnrpen gehüllte Bauernkinder, zuchtlose, verwilderte Rangen waren ihr

zum Unterricht und zur Erziehung überwiesen. Und weshalb, mein Gott, wesbalb- Wie ist das gekommen .

Die Geschichte Wladimir Jwanowitsch Kintsews hatte nicht nur in der Gouvernementshauptstadt, sondern bei­nahe in ganz Rußland Aufsehen gemacht

In der Hauptstadt des Gouvcrnenients kannte Mer Kutscher, jeder Gassenjunge das Kintsew'sche Hans. Es war ein zweistöckiges Gebäude, mit einer breiten Frei­treppe und hohen Fenstern, deren bloßer Anblick heitere und prächtig eingerichtete Räume, errathen ließ. Die Kintsews wohnten seit vielen Jahren dort. Zwei kupferne Schilder leuchteten an der Emgangsthur. Auf dem größeren der beiden las man' „Agentur der Der- sicherungsgesellschast des Südens", auf dem anderen. Wladimir Jwanowitsch Kintsew, Direktor" Die Ver­sicherungsgesellschaft machte in der Stadt K. offenbar glänzende Geschäfte, anderenfalls wurde Kintsew Nicht io lanae Direktor geblieben sein. Es schien sogar gewiß, daß auch Kintsew Persönlich die besten Geschäfte machte, soiist würde er sich nicht zu einer so reichen Lebensführung verstanden haben. Man wußte, daß er kein bedeutendes Vermögen besaß, aber daß die Procente, die er für seine Abschlüsse bezog, verbunden mit dem Ertrag seine., eigenen Kapitals schon eine sehr hübsche Einnahme geben

"^^Man Mrte in dem Hause desDirektors ein sehr lustiges Leben. Vom Morgen bis Nachmittag um zwei Uhr^herrschte in dein oberen Stockwerk lautlose Stille und cm sämmtlichen Fenstern waren die Vorhänge meder- aelassen, nur in dem unteren Stockwerk, in dem sich dre Büreans befanden, herrschte Leben und Thätigkeit. ~ant der besonderen Tüchtigkeit ihres Hauptagenten machte die Gesellschaft in der ganzen Gegend die einträglichsten Geschäfte, uiid in ihrem Comptoir wurde niemals ge­feiert Punkt zwei Uhr schloß man und ,m oberen Srock- werk erwachte Alles zu freudigem Leben. ^

AHes was in der Stadt an gmußfroher ^ugend, an Leuten vorhanden toar, die das Vergnügen liebten, gab sich ein Stelldichein bei den Kintsews. Beamte, Richter,

Rechtsanwälte, Offiziere, alle kamen ohne Umstande aE gehörte das Haus alleii gemeinsam, ^eder war nb^. zeugt, Freunde und Bekannte dort zu treffen. D^ Allm offene Haus, die üppige Gastfreundschaft, tne trara empfing, die Herzlichkeit des Hausherrn, die llebens- würdige Begrüßung durch die Hausfrau, die trotz rhr«m vierzig Jahre incht darauf verzichten w^te noch M zu sein, die schönen strahlenden Augeii Manlls^c^, d^ Alles waren unentgeltliche Genüsse, die den Gästen m uneigennützigster Weise geboten wurden. ^

Vom Abend bis Brorgen horte nian lusllges Ksiwier-. spiel, Geräusch frohen Lachens, heiterer Liede r und Tänze. Die Leute aus der Stadt blieben gern unter den hellerlenchtetm Fenstern des Hauses stehen, um dm Lann der Festlichkeiten zu hören, an welchen sie mcht Theü zu

nehmen berufen waren. ^

Es war im Sommer nichts Seltenes, mehrere nnt allerlei Erfrischungen und den femstm Wernen vollgo- packte Miethswagen vor Kintsews Hanse hak^n P Ä Sie fuhren die Gäste des Direktors auf das Land ofet -m den Wald. Man machte auch die entzückendsten Wass^! führten auf deni Fluß, dessen malerische ^nseln mm» suchte. In so abwechslungsreicher Weise sirchte man sich

die Nächte zu verkürzen. . ..

Wladimir Jwanowitsch war sehr beliebt m der Stadt.

Seine Mliebttziit war „ich! »m de» Preis dehnten WoMhätlMt »der mf dem -lchemei« Seiten erwiesenen Dienstes erworben wordm. vrunkliebeiide Agent der Versicherungsgesellschaft hatte seine Beliebtheit auf leichtere Weise erwor^m Er VW* dankte sie ausschließlich seinen', verführerischen Aeußerm Ein schöner hochgewachsener Mann, war ^ von so blulwm der Gesundheit, als ob diese aus der Gesundheit Hunderter, in dieser Beziehung wenigkw Glücklichen macht worden wäre. Die Natur hatte chn in. ieder Weste bevorzugt. Krankheit. Erschöpfung, Kummer, Mst^ vnerbittliche Hand der Zeit druckten auf alle WÄt, nur trefii: auf Kintsew und seine Famrue.

1 Es mar Allen ein Gefühl selbstloser Freude, Kmstdst..