Der Roman.
Nr. t36.
s Morgen-Beilage des Wiesbadener La-vlattr. ^
Dienstag, IS. Juni. __
1915.
(13. Fortsetzung.)
Um die Beute.
Kriminalroman! von Reinhsld OrtmanU.
(Nachdruck verboten.)
Neuntes Kapitel.
Ms ihn das Zimmermädchen an diesem Tage zum Abendessen rief, ließ (ich Paul GrevsrLerg mit der Be- arllndung entschuldigen, er fühle sich nicht ganz wohl und bäte, ihm einen bescheidenen Jmkuß Lars sem Zimmer zu schicken. Zehn Minuten später klapste es wieder, und in der Überzeugung, daß es das Dienstmädchen sei, ließ GreveiÄerg die Aufforderung zum Eintritt ergehen.
Aber er sprang erschrocken vom Sofa auf, da er Hanna erkannte. ,,£>, Fräulein Wendriner. Sie be- mühen sich selbst!"
Sie sah sehr hübsch ans, wie sie das große Prüfen- tierbrett in beiden Händen balancierte und dann mit einani hausmütterlichen Geschick, das ihn überraschte, den Tisch für sein Abendessen herrichtete.
„Das Mädchen ist augenblicklich beschäftigt", sagte sie, „und dann wollte ich mich auch zu meiner Beruhigung selbst davon überzeugen, daß Sie nicht etwa ernsllich mrwohl sind."
„Nein, es ist nichts von Bedeutung". versicherte er, „nur ein wenig Kopfschmerz, an dom ich in gewissen Zwischenräumen schon feit Jahren leide."
Sie war mit dem Ordnen des Geschirrs rasch fertig geworden, aber sie zögerte noch, sich wieder zu bntfernen. „Vielleicht sollten Sie doch etwas dagegen tun", meinte sie. „Ihr Aussehen ist gar nicht gut, Herr Grevenberg. Möchten Sie nicht lieber einmal erneu Arzt befragen?"
„Dazu ist es wirklich nicht ernst genug. Wer ich danke Ihnen für Ihre freundliche Teilnahme. Sie glauben nicht, wie wohl mir dergleichen tut."
„Und doch ziehen Sie sich neuerdings so ängstlich von uns zurück, daß ich immer fürchte. Ihnen zu- dringlich zu erscheinen, wenn ich mich ein wenig um Ihr Wohlergehen kümmern möchte. Fällt es Ihnen denn so schwer. Vertrauen zu uns zu fassen?"
Sie stand vor ihm am Tisch, und im warmen Schein der Lampe kam ihm ihr Gesicht noch hübscher und sympathischer vor, als er es sonst gefunden. Alles Herbe und Bittere, das ihm mitunter eine gewisse Scheu tzingeflößt hatte, schien daraus verschwunden. Ihre schönen dunklen Augen waren mit einem Ausdruck teilnehmender Frage auf ihn gerichtet, und Empfindungen ganz eigener Art regten sich unter diesem Blick m
seinem Innern. . . . . .
Aber er hätte mit einem Bekenntnis ferner Schande beginnen müssen, und 'dazu fehlte es ihm an Mut.
„Gewiß nicht, Fräulein Wendriner". sagte er etwas verlegen. „Ich wäre undankbar, wenn ich zu ^hrem Water iricht uneingeschränktes Vertraaren hätte."
Hanna spielte mit einem Messer, und nach einem kurzen Zögern, das ihn befremden mußte, sagte sie: „Und zu mir? — Könnten Sie es nicht auch zu mir haben, Herr Grevenberg?"
In solchem Tone hatte er sie noch nicht sprechen hören, er errötete vor Freude. „Wenn 'das Ihr Ernst wäre, Fräulein Hanna! Wenn Sie wirklich ein wenig Interesse für mein Schicksal hätten! Aber wie sollte das .möglich sein? Womit hätte ich es verdient?'
„Ich weiß. .daß Sie leiden, körperlich und seelisch, und ich weiß aus Erfahrung, wie bitter es ist, einsam zu leiden. Auch wenn ich Ihnen nicht helfen kaum das drückende Gefühl der Einsamkeit könnte ich doch vielleicht von Ihnen nehmen." t>
„Wenn ich nun aber damit anfangen müßte, Ihnen zu sagen, daß ich Ihrer Teilnahme gar nicht würdig bin, daß ich zu den Geächteten und Äusgestoßenen gehöre — zu den gesellschaftlich Verfemten?"
Sie sah ihn groß an, und ihm war, als breite sich ein verklärender Schimmer über ihr Gesicht. „Deshalb vielleicht, weil Sie die Verirrung eines Augenblicks im Gefängnis büßen mußten?" .
„'Wie, Fräulein Hanna — Sie wissen-? Aber
Ihr Vater versicherte mir doch —"
„Fragen Sie mich nicht, wie ich es erfahren habe. Genug, 'daß ich es weiß, und daß Sie für mich weder ein Äusgestotzener noch ein Verfemter sind. Ein Unglücklicher vielleicht. Aber auch das nur so lange, wie Sie es selbst sein wollen." . „ Ä v
Er griff Wer den Tisch hinweg nach ihrer Hand und führte sie an seine Lippen. „O, wie ich Ihnen dafür danke — wie ich Ihnen danke! Es gibt also einen Menschen, der meine Verfehlung kennt, und der
mich doch nicht verachtet!" _ ... Ä
„Auch meine Eltern verachten Sie nicht, Herr Grevenberg. Wer das ist freilich wohl etwas anderes — ich verstehe recht gut. daß es Ihnen esivas anderes ist. Werden Sie mir nun vertrauen?"
„Von ganzem Herzen! Wer ich weiß nicht, was ich Ihnen beichten sollte. Sie kennen nreme Schuld wie meine Strafe. Dcstu.it haben Sie die ganze Geschichte meines Unglücks." ' 1 V ™
„Ihre Schuld ist gesühnt, Ihre Strafe ist abgetan. Ein neues Leben liegt vor Ihnen. Was hindert Sie, es mit frischem Mute zu beginnen?" .
„Was mich daran hindert?" rief er, und seine Worte ivaren wie ein Aufschrei lange zurückgedämmter Verzweiflung. „Fragen Sie danach die Spione, die sich an meine Ferse gäheftet 'hoben seitdemAngen- blick, tvo ich in diese sogenannte Freiheit zuruckkahrett durfte — die Spürhilnde, die mir «4 Schritt und Tritt Nachfolgen und !üe mich AU Tode Hetzen Werden! bar oder unsichtbar, immer sind sie hinter nur, und nicht einen Augenblick gönnen sie Mir Ruhe. ^ch suhle ihre Nähe, auch wo ich keinen von ihnen fche Wohin ich mich flüchten mag, immer sind sie! da. .das Ge- rechtiakeit, wenn man einen armen Sünder mcht bloß mit äußerster Härte nach dem Buchstaben deS Gesetzes straft, sondern ihm auch noch darüber hinaus i-wen Wog verlegt, der ihn.in die Gemeinschaft der ehrlichen Leute zurückführen konnte?"
