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Morgen -Ausgabe.
Dir orientalische Frage?
Wird die orientalische Frage aufgerollt? Pessimistisch veranlagte Gemüther glauben diese Frage besahen zu müssen. Unverkennbar ist es in der jüngeren Zeit auf
Dies zeigte sich zuerst in der ganz erstaunlichen Bock- bemigkeit, welche der Sultarr in der Streitfrage um die europäischen Postämter in der Türkei an den Tag legte. Eine noch größere Energie entfaltete dann der Sultan in den seit langer Zeit schwebenden Streitfragen mit Frankreich, die zu dem jetzt recht akut gewordeiienKonslikt geführt haben. Aber nicht nur der Sultan, sondern auch die kleineren Balkanstaaten, wie Serbien und Bulgarien, machten sich in jüngster Zeit recht unliebsam bemerkbar.
dem Orient lebhafter zugegangen, als es uöthig, nützlich und angenehm ist. Der Umstand, daß die Mächte längere Zeft hindurch so intensiv mit der neuen orientalischen Frage, mit der chinesischen Frage, beschäftigt waren, hat den „interessanten Staaten" auf dem Balkan unverkennbar Luft und Muth geniacht, und insbesondere dein „kranken Mann", dem türkischen Sultan, neuen Lebens- muth eingehaucht.
Und am unruhigsten ging es und geht es auf Kreta her, wo die Losreißungsbestrebungen, die den Anschluß an Griechenland zum Ziel haben, mst zäher Energie be- ftieben werden.
Alle diese Sturm- uild Wetterzeichen, zu denen jetzt das entschiedene Borge henFrankreichs gegen die Türkei und die B l o ck i r u n g v o n M i t y - lene getreten ist (die Schreibweise der Insel ist übrigens
nicht mmder heftig umsttittei,, wie die Insel selbst), geben- vielfach zu der pessimistischen Anschauung Anlaß, als ob nunmehr die orientalische Frage in größeren: Sttl aust gerollt werden würde oder doch könnte.
Wir haltert diese Befürchtung für unbegründet. Das Borgeheii Frankreichs ist freilich den Mittelmeermächten eimgermaßeii unerwartet gekommen, aber es liegt bisher kein Grund zu der Annahme vor, daß Frankreich noch weiter gehende Ziele verfolgt als diejenigen, welche es- offen kundgegeben hat. Wenn es auch höchstens aus, Gründen der innerftanzösischen Polittk verständlich ist, daß die französische Negierung eine so unsaubere Affaire„ wie es die Lorando-Angelegenheit ist, zmnAusgangspuiikt einer so bedeutenden politischen Aktion geinacht hat, foi lltu B doch zugegeben werden, daß die von Frankreich der Pforte gestellten Forderungen, ob sie nun berechtigt find- oder nicht, doch rein französische Fragen behandeln.
Dieser Umstand, daß die französische Regierung bisher tvenigstens vo,i jeder Forderung und jeden: Schritt Abstand genommen hat, der zu internationalen Komplikationen Anlaß geben könnte, scheint dafür zu bürgen, dast die französische Regierung auch bei der weiteren Ab-, Wicklung der Angelegenheit sich aus die Regelung der that-, sächlichen Streitpunkte beschränken und von jeder Aktton Abstand rwhmeii wird, welche die gefürchtete Ausrottung der orientalischen Frage zur Folge haben könnte.
Wir haben schon früher auseinandergesetzt, daß es dem Kabinett Waldeck-Rousseau vor Allen: auf die Er, zielung eines politischen und inoralischen Erfolges an- kommt, den es zur Befestigung seiner parlamentarischen! Stellung benutzen und der Oppositton von links und rechts gegenüber in die Waagschale werfe,: kann. Dieser, Erfolg würde in den, Augenblick erzielt sein, wo Frank-, reich seine Forderungen gegenüber der Türkei durchsetzt,; soweit dies überhaupr möglich ist. Der Sultan wird aber, nicht so mit Blindheit geschlagen und nicht so schlecht 6e~ rathen sein, um sich den Forderungen Frankreichs ernste Haft und aus die Dauer zu widersetzen.
Nun käme es ja den Sultan weniger auf die allgs- meinen Zusagen an Frankreich als darauf an, daß er Geld zahlen soll, denn wo nichts ist, da hat auch der Sultan sein Recht verloren. Aber hat der Sultan so oft mtt Erfolg gepumpt, so wird er auch diesmal, wenn ihm auch sein eigener Kronsckutz zu schade ist, noch ein fühlendes, und pumpendes Menschenherz finden. Vielleicht wird England es sein, das denr Sultan auf diese Weise direkt oder indirekt unter die Arme greift, denn England, das' bine Stellung im Mtttelmeer bedroht sieh:, hat das allere stärkste Interesse daran, daß Frankreich sich nicht dauernd aus Mitylene sestsetzt. welches den Eingang zu den Dar-, danellen beherrscht.
Auch jetzt erkennt England wieder, was es sich in Südafrika eingebrockt hat. Wäre es vor dem Buren-, knege denkbar gewesen daß Frankreich, nachdem es schon in Biserta seine Mittelmeerpositton gesichert hat, den- jetzigen Vorstoß nach Kleinasien hätte mache,: können, ohne daß England geharriischten Einspruch erhebt. Aber England verblutet sich heute in Südafrika und ist für länger«. Zeit als Faktor aus der internationalen Politik ausge-
Femüeton.
Dir Sicherheit ürs Reifenden zu Master und zu Fände.
Die belgische Zeitschrift „Le Mouvement Maritime" bringt einen längeren Artikel über Schisfsunsölle uiid Eisenbahnkatastrophen, der sachgemäß darauf hinweist, daß die Fahrt auf den großen Oceandampfern heutzutage weit mehr Sicherheit bietet, als die Benutzung der Eisenbahn oder eines anderen Vehikels, von den modernen Autos noch gar nicht zu reden. Stattstiker haben auf diesen Gegenstand schon öfter hingewieseri, aber Zahlen sind langweilig, und deshalb hat die Stattsttk weite Kreise des Volkes noch nicht überzeugen können. Diese folgen lieber dem Arigenschem. Was aber sagt uns der, wenn wir genau beobachten?
Die vereinzelten großen Schissbrüche, die tvährend unserer Kindheit unser Entsetzen erregten, wirken das ganze Leben lang nach. Es giebt Leute, die gar nicht an das Meer denken können, ohne daß vor ihren Augen schreckliche Bilder auftauchen. Das Meer ist ihnen ein Ungethüm, vor dem uum sich unter aller: Umständen hüten muß. Solche Vorstellungen, die dein Binnenländer heilig sind, finden anscheinend ihre Nahrung allmonatlich in den- Berichten des Büreau Veritas über die Verluste von Schiffen. Kann man wohl ohne Grauen die vermischten Nachrichten seines Lerbblaües lese,:, wenn darin die Opfer des Monats stehen! So viel verlorene Schiffe! Und so viel vernichtete Existenzen, denkt der Leser gleich dabei! Düstere Bilder von dunklen, stürmischen Nächten, von Felsen und Klippe,: und von mit Mann und Maus ver- 'chlunaenen Seeschiffen stehen vor dem geistigen Auaa -
Gewiß ist das Meer der Schauplatz von traurigen Schiff brücheu gewesen. Aber glaubt man, daß sie dort häufiger sind als die Eiseubahnunfälle?
Die monatlichen Statistiken über verlorene Schiffe sind, bei Licht besehen, nicht gar so unheimlich, wie sie Manchem scheinen; man muß sie recht verstehen. In der Zahl der verlorenen Schiffe sind auch die ertthalten, die durch Zusammenstoß oder Auslaufen an den Küsten und irn Hafen gesunken sind, die fteiwillig verlassen wurden oder über welche längere Zeit die Nachrichten ausge- blieber: sind. Der wirkliche Verlust ist also geringer, und ein solcher Verlust zeigt ganz und gar nicht etwa schon gleich einen Verlust an Dtenschenleben an. Besonders aber ist zu beachten, daß diese Verluste im Allgemeine:! Fahrzeuge von geringer Tonnage betreffen, meistens Kühne, die man kaum noch alsSeeschifse bezeichnen dürfte. Wenn man nur die alten Kästen abzieht, die hinaus- fahren, obschon sie schwerlich mehr geeignet sind, das Meer zu halten, bleiben wenig zahlreiche Verlustziffern.
Wem: wir die 12 bis 15 großen Gesellschaften herausgreife,:, die zwischen Europa und Amerika regelmäßige Passagierfahrten umerhalten, so ist seit dem Schifsbruch der „Bourgogne" vor mehr als 3 Jahren bei keiner von ihnen ein schwerer Unfall zu beklagen. Nun denke man einmal daran, was in dieser Zeft aus den Eisenbahnen in Europa und Amerika oder auch nur in einem einzigen Lande Alles passirt ist!
Es ist also am Platze, Uebertreibnngen über die Gefahren auf See entgegenzutreten, die auf alte Vorurtheile und auch auf die Lektüre zurückgehen. In Wirklichkeit ist ein Unfall aus See äußerst selten. In allen auf die See Hinausspielen den Romanen, Novellen und Erzählungen dageger: gehört ein Schiffbruch fast ausnahmlos zur Oekonomie der Darstellung, und wie auf Spwnskov die
Roman- und Novellenschreiber schon mehr deutsche -Offiziere begraben haben als das tapfere deutsche Corps, sh haben sie im letzten Jahrhundert sicherlich sehr viel mehp Schissbrüche von großen Passagierdampfer,: veranstaltet,! als die Geschichte der modernen Seeschiffahrt nachweist.!!
Und wenn ein Unglück kommt, ein Zusammenstoß oder ein Brand, dann ist es auch noch sehr die Frage, ob man ihn nicht lieber aus einem großen Dampfer erleidet,! als im Coupä des Schnellzuges. Das Schiff hat sich meistens retten oder ooch bis zur Absetzung der Reisenden; und Mannschaften hatten können, der Waggon und seine Insassen sind fast immer verloren. Und bei den modernen Fortschritten des Schiffbaues, bei der Verwendung des- widerstandsfähigeren besten Stahls statt Eisen, bei Einführung der doppettm Böden, bei der Eintheilung aller- großen Schiffe in zahlreiche wasserdicht gegen einander- abgeschlossene Abtheilungen und bei der Trennung von Maschinen und Kesseln, der Herstellung mehrerer Kesselgruppen, den doppelten von einander getrennten Maschinenräumen und Schrauben, von denen jede unabhängig von der anderen das Schiff allein mit etwas ver- minderter Schnelligkeit bewegen kann, bei der Vervollkommnung der Feuerlöscheinrichtungen, deren vorzügliche Wirkung schon erprobt werden konnte, hat sich die Sicherheit gegenüber der Zeit der bemerke,iswerthesten Kata-l strophen der letzten Jahrzehnte wieder wesentlich erhöht^ Auch über die Sicherheit des in Schiff und Ladung steckenden Kapitals ist hier ein Wort zu sagen. Auch der Kapitalist des Binnenlandes liest die Stattsttk des Büremt Veritas mit Grauen; er will mit Rhedereiwerthen und; überseeischen Unternehmungen nichts zu thun haben.' Wieviel Schiffe gehen nach der Stattsttk verloren, und wie leicht kann sein Kapital ei,ws Tages im Meer versinken! Dabei wird übersehen, daß das Risiko der See-,
