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H A- 514» RedaktionSHernfprecher 9t*. 52.

Abend-Ausgabe.

pft 13 . MtWkllsbvllsMltz in Icipjig,

Don Sonntag, den 27., bis Dienstag, den 29. Oktober, tagte Heuer in Leipzig die allgemeine Konferenz der Vereine zur Hebung der öffentlichen Sittlichkeit. Sie war diesimü von etwa 60 Delegirten aus allen Theilen As Deutschen Reiches mit protestantischer und gemischt- konfesswneller Bevölkerung besucht. Es ist kein leichtes Amt, dessen die wackeren Vertreter dieser Sittlichkeit^ Bestrebungen walten. Die Bekämpfung der Wohnungs nmh hm sich bereits die vollen Sympathieen der öffent lichen Meinung gesichert; die Bekämpfung des Miß­brauchs geistiger ©ettänfe fängt allmählich an die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Der De- kampfmig der Sittenlosigkeit steht die breite Masse des Publikums noch unthätig gegenüber. Recht Viele, zumal Männer, glauben ihren Witz an dein Vorgehen der Ver- eme wetzen zu sollen; nicht Wenige, besonders Frauen, empfinden wohl tief die Nothwendigkeit des Kampfes, -onnen aber den Muth, in denselbeii einzutreten, nicht fmden; die meisten Leute freilich stehen blind, wich, ge­fühllos dem Uebel gegenüber; ja, erkennen Himer den schillernden Farben, den gleißnerischen Forinen gar nicht Ae lauernde Gefahr, die ihnen persönlich wie dem ganzen Volk droht. Und doch, die muthigen Männer, die im Laufe der letzten 12 Jahre gegen die mannigfacheii Er schemungen der gefchlechtlicheii Zügellosigkeit aufge­treten sind, haben nicht umsonst gekämpft. Zuerst nur wenige Geistliche, allen voran Ille. Weber und Adolf Stöcker, haben sie allmählich eine gonge Schaar von Mit kampfern mir sich gesammelt, abgesehen von den protestan- Uschen Pfarrern, vorzüglich aus den Kreisen der Aerzte, Professoren, Richter, Beamten. Belehrung und Auf klarung, Schärfung der Gewissen, Vorschläge und Ein­gaben an Regierungen haben sie ohne Unterlaß ins Werk gesetzt; und nicht zmn kleinsten Theil ist ein Verdienst dieser Männer, daß man heute die Scheu zu überwinden anfüngt, im öffemlichen Leben über solche Dinge zu sprechen, über die man früher aus falscher Prüderie den Mantel des Schweigens deckte. Die Verhandlungen der Konferenz zerfallen stets in zrveiTheile, der eine umschließt die Propagairda-Versammlungen, die sich an die breite OeffenUichkeit wenden; der andere besteht aus den Dele- girten-Beratbungen, in fernen die Arbeit des vergangenen Jahres besprochen und das Vorgeherr für das künftige berathen wird.

Aus dem Geschäftsbericht ging die bedauerliche That- sache hervor, daß die Konferenz, die eigeMlich als ein Verband der Sitttichkeitsvereine sich darstellt, doch recht mit finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen hat, aus fernen sie bisher hauptsächlich eine jährlich neu bewilligte Kirchenkollekte innerhalb der preußischen Landeskirche ge rettet hat. Es wäre sehr zu wünschen, daß diese Samm­lung zu einer stehenden Institution erhoben würde und

Samstag, dev 8« November .

daß auch die anderen Landeskirchen Preußenmnachähmen mochten, denn es ersprießt doch wohl mehr Segen aus der lebendigen Arbeit an der „unsichtbaren Kirche" als aus dem Bau steinerner Kirchen. Geradezu kläglich ist dre geringe Unterstützung, die die Sittlichkeitsbewegunq

nur mir l u^t- C H. er ^ n 2!^* * n un l erer sogenannten „guten ®qeufd)aft findet. Der Einnahmeposten besteht nur kosten Theil aus regelmäßigen Jahresbeiträgen, das Meiste bringen die Scherflein, die die sogenannten .stiemen Leute" an den Kirchthüren spenden. Hier sollten Stadtverwaltungen ihrm Beutel aufthun! Die Ein­nahmen, die im letzten Jahre 35,490 Mk. betrugen, iver- den zum guten Theil, abgesehen van den Gehältern, zur Verbreitung von Schriften und Flugblättern verwandt Em ganz vorzüglich abgefaßtes führt die Aufschrift „Was sagt die Wlssensck)aft über Keuschheit und Gesundheit" - es enthalt Aussprüche ärztlicher Autoritäten über den Werth der geschlechtlichen Reinheit und die Gefahren der Unsitt- lichkeit. In 40,000 Exemplaren schon verbreitet ist ein Neudruck von weiteren 30,000 angeordnet. Ans preußische Ministerium des Innern ist die Konferenz in zwei Petitionen herangetreten, einmal um die Fürsorge- erzlehiiiig, nach dem neuen Gesetz, ganz besonders auch An fugendlichen Prosrituirten angedeihen zu lassen, und das andere Mal betreffs der schärferern Beobachtung der sogenannten Animirkneipen.

, Da aus mannigfachen Vorgängen, z. B. in Olden- bürg, El,aß-Lothringen, Sangershausen, Dobeln ein sieg- Haftes Vordringen des Bordellunwesens unter dem Schutz der Obrigkeiten seit einiger Zeit bemerkbar wird, war Pastor Philipps ein Referat über die Stellung zu dieser Angelegenheit übertragen worden. Es wurde beschlossen, einen Appell an die betreffenden Staatsregierungen wie auch an den Reichstag und das Reichsamt des Innern zu richten. In der Diskussion ward von allen Seiten auf die Verruchtheit der Kasernirung und die gänzliche Nutzlösig- keck der Kontrolle hingewiesen.

Pastor Wagner-Pritzerbe behandelte in einem Bericht dre Kellnerinnenfrage, Pastor Mätzold-Tresden die Stellungnahme der Gastwirthe zum Alkoholismus und den Stand der Sittlichkeitsbervegung in Sachsen. Social sehr beachtenswerthe Ausführungen über die Wechsel- beziehungen zwischen Stadt und Land in Bezug auf Un- stttlichkeit machte Pastor Zeller-Magdeburg. Die „Un­schuld vom Lande" kam freilich nicht besonders gut weg In der ersten öffentlichen Versammlung der dies- fährigen Konferenz ward in 3 Vorträgen von Pastor Philipps aus Berlin, von Lic. Weber aus M.-Gladbäch und von Generalsekretär Henning au» Berlin das Thema „Bibel und Ssttlichkeit" unter verschiedenen Gesichts- punkten behandelt. Ter Jahrtausende alte Grund unserer Gesittung ist fest genug, um die moderne Irrlehre der „freien Liebe" zu überdauern. Auch recht weit links stehende Zuhörer können dieser Ueberzeugung freudig zu- stimmen. t

Am Sonntag-Abend fand dann eine Männer- und eine Frauenversammlung statt. In letzterer sprach Fräulein Mellien-Berlin, in ersterer Professor Sohm und

LerlogS.Fcrnsprcchcr No. 2266.

1901.

Hofprediger Stöcker. Sohm führte in dem ihm eigenen Lapidarstyl den Gedanken aus: Die Sittlichkeit, die

größte offerckliche Sache und zugleich die größte private Semje für den deutschen Mann. Er richtete an alle An- wesenden die Frage: Wie stellst Du Dich zu den Nöthen mtseres Volkes, zur Wohnungsfrage, zur heute üblichen Gmngschatzung des „geringen" Mannes durch den „Vor- nehmeren"? Beides Kernfragen, die die Sittlichkeit und Reinheck des Familienlebens berühren. Wie beant­wortest Du die Frage: Wozu lebst Du? Trachtest Du Leid des Lebens hindurch vermittels Sittlrchkeck und Pflichterfüllung zur Gottesgemeinschaft, das rst zum „Glück", zu gelangen? Nur einem sittlich starken Volk gehört die Zukunft! Zum selben Schluß, gedanken gelangte Stöckers wuchtige Rede. Mit ernsten Ermahnungen an die zahlreich erschienene studentische fügend schloß Lic. Weber die Versammlung.

Hoher sittlicher Emst, unentwegte Entschlossenheft, dem Unreinen entgegenzutreten, wo immer es sich zeigt und wahrhaft apostolischer Eifer im Bekämpfen der doppelten Moral, die die Vergehen des Mannes und des Weibes verschieden mißt, kennzeichneten alle die Reden und Ausfuhrungen. Den streng kirchlichen Standpunkt und dre Neigung zum Konservatismus, den die Konferenz mrd ihre Mitglieder einnehmen, kann ja nicht ein Jeder theilen, aber konfessionelle und politische Scheidewände müssen fallen da, wo es heißt, freudig und rückhaltslos Hand in Hand mit Allen arbeiten, die das gleiche große Ziel anstreben! Es war deshalb freudig zu begrüßen, daß auch die „Internationale Föderatton", die die Be­kämpfung der Reglemmtirung zu ihrer Hauptsache macht, Vertreter auf die Konferenz geschickt hatte und so ein einmüthiges Zusammengehen der Humanitären mit der kirchlichen Gruppe der SittlichkeitSbewegung angebahnt wird. p . B

Latmris politische Bekenntnisse.

Fernand Labori, der Vertheidiger von Alfred Dreyfus, ergreift, wie der „Franks. Ztg." aus P a r i s telegraphirt wird, im Novemberheft der von ihm redigirtm „Grande Revue" das Wort zu einem interessanten politischen Glaubensbekenntniß. Labori beginnt mit dem Gestand, niß, daß er ursprünglich Karriere machen wollte als ge- mäßigter Republikaner. Er kandidirte im Jahre 1893 als solcher gegen Mirman und noch im Dezember 1897, also in dem Augenblick, wo Emile Zola öffentlich für Dreyfus einzutreten begann, wurde Labori von dem damaligen Ministerpräsidenten Mckline empfangen, welcher ihm den Wunsch aussprach, Labori möge in Chalons sur Marne eine gemäßigte Kandidatur gegen Lckon Bourgeois annehmen. Labori mußte das ab­lehnen, denn Frau Dreyfus hatte ihn bereits bei einem ersten Besuche mft dem Rechtsfall ihres Mannes betraut und Labori hielt sich dadurch als Anwalt beruflich ver­pflichtet, auf eine Politische Thätigkeit in diesem Augen- blick zu verzichten. Zugleich klärte ihn aber auch der Ein-

±7. Fortsetzung.

Nemesis.

Nachdruck verbolen.

«onunt aus der ncksiisen Gcjclv-bait von 3. o.

»Auf mich brauchtest Du keine Rücksicht zu nehmen . hatte Clemens mit finsterem Lächeln erwidert. „Aber mit solchem Gelichter^ schießt man sich nicht. Daß Tu Dein Leben auf das Spiel sepest, im günstigsten Falle zivei ^ahre Festung ristirst — das ist ein Niedriger nicht werth."

„Doch wäre es fast ein Verdienst um die Menschheit, wich Gezücht auszurotten!"

„Unmöglich! — Den Einzelnen kannst Du treffen, das Gezücht bleibt. Züchter es doch der Staat selber. Der Regierung zu zeigen, was für Eftergeschwüre am Staats- korper haften, die nur durch offene Behandlung, durch fnfchere Lust zur Heilung zu führen wären, das — doch genug! Versprich mir, ihn lausen zu lassen."

„War es doch ohnedies halb und halb meine Ab- stcht!" hatte Serge erwidert.

Damit hatte das Gespräch geendet und Clemens war auf den Gegenstand nicht mehr zurückgekommen, selbst sann nicht, als er von Katajews erfolgter Verhaftung er- Umsomehr war Serge überrascht, Obodow als Ar Mckhulfe und des Vertriebes der Fälschungen beschul­et zu sehen, und sein Blick schweift von der Anklagebank -mwillkurlich zu dem jungen Staatsanwalt hinüber, der m kurzer Zeck seine Rede beginnen mußte. Nicht er allein widmete Clemens schon setzt forschende Aufmerksamkeit. Von der Anklagebank aus richtete Katajew immer wieder 502 unruhig spähende Auge auf seinen Stiefsohn, um sich dann zuweilen mit leisem Worte an seinen Vertheidiger M wenden. Ter listige, geivissenlose. jetzt gestürzte Mann mocvte erwägen, ob ein Fremder oder dieser da vortheil-

hafter für ihn wäre, und fein Gesicht, sonst so wohl ge- schult, jede Bewegimg zu verbergen, ließ deutlich den Uebergang von einer gewissen Zuversicht zu lebhafter Be unruh-gnng erkennen. Was aber auch seine Befürch­tungen gewesen sein mochten, schwerlich war er auf das gefaßt, was seiner harrte. Gleich einem Gewitter brach es über ihn herein, wenn man Gewitter nennen kann, wo nur die leuchteiiden Blitze zucken, ohne daß der rollende Donner folgt. Ruhig und leidenschaftslos stand der Sprecher, kaum eine leise Handbewegung machend; in seinem blassen, wie aus Stein gemeißelten Gesicht schienen nur die Augen zu leben, diese heute fast stahlblauen, be- redten. sprühenden Augen. Ruhig und kalt war seine Rede, aber vernichtend in ihrer einschneidenden Schärfe. In knappen festen Strichen zeichnete sie brandmarkend das Bild des Angeklagten und seines Thuns; keine Seite ließ sie unbeleuchtet: die hohe Vertrauensstellung, den weitreichenden Einfluß, das bedeutende Einkommen, die schwere Verantwortlichkeit, das verhängnißvolle Beispiel, den Mißbrauch der Amtsmacht, den Perrath an Pflicht und Treu-Eid.

„Und wenn wir einen armen Schelm, der nicht den privftegirten Ständen angehört, zu Zuchthaus verur- theilen, weil er, in bitterer Noch vielleicht, bleck,erne Zwanzig-Kopekenstücke geprägt, welche Strafe gebührt dann diesem Manne, der sündigt aus bloßer Lust an der Sunde; der, ein Staatsdiener, den Staat bestiehlt; ein Diener der Justtz, sie schamlos verhöhnt; der seine Amts­gewalt zu persönlicher Rache mißbraucht; der seine abge­dankten Buhlerinnen zugleich zu Kupplerdiensten für neue Liebschaften und zu Hehlerdiensten für seine Ver­brechen zwingt! Solchen Wühlthieren gegenüber, die an der Wurzel unseres Staatslebens nagen, muß die ganze Strenge des Gesetzes angewendet werden, um so schärfer weil es sich um einen Mann von seltener Jntelliaenz. von

gesellschaftlicher Stellung und guter Abkunft handelt. Alles, was ihn anszeichnete, verdammt ihn um so schwerer!"

Mit athemloser Spannung hatte man der Rede ge­lauscht; die Todtenstille, die ihr folgte, zeugte umso lauter von dem nachhaltigen Eindruck. Me Ansprache des Ver- the.digers verhallte ihr gegenüber matt und wirkungslos, und nicht besser erging es Katajew selbst, der zum Schlüsse das Wort erbat und erhielt. Mit ziemlicher Geivandtheft führte er den Gedanken aus, daß er nur kraft seines Amtes an den Fälschungen tbeilgenommen habe, um die schuldigen dann als überwiesen auszuliefern, und auch den Vertrieb der Banknoten habe er nur zu dem Zwecke gehandhabt, um viele Beamte auf chre Bestechlichkeit hm zu prüfen.

Mit Entrüstung wurde diese sonderbare Erklärung dem erdrückenden Zeugenmaterial gegenüber als eine offenbare Verhöhnung des Gerichtshofes zurückgewiesen: darauf folgte das zusammenfassende Schlußwort des Vor­sitzenden und die Pause der Berathung. Auch sie ver- strich. Tann tönte der Wahrspruch des „Schuldig unter erschwerenden Umständen" durch den lautlos stillen Raum, und das Urthell wurde verkündet. Es lautete, dem Anträge des Staatsanwaltes gemäß, auf zwanzig Jahre Zwangsarbeit in Sibirien und darauf folgende Ansiedlung daselbst auf Lebenszeit. Obodow wurde zur leichteren Strafe zeitweiliger Ansiedlung verurtheilt, mft dem Zusatze der Unfähigkeitserklärung, je wieder ein öffentliches oder Staatsamt zu bekleiden Me übrigen Mitschuldigen erhielten je nach ihrer Belastung und ze nachdem sie den bevorzugten Ständen angehörten oder nicht, ähnliche und Freiheitsstrafen oder Zuchthaus.

Als Katajew sein Urtheil angekündigt ward, wankte er einen Augenblick; dann raffte er sich zusammen und richtete das brennende Auae auf das Gesicht seines Stteck-

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