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Wiesbadener Tagblstt.

Jahrgang. Verlaa: Lanaaasse A. Anzeiaen-vrrivr

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|t(l, 812 » Redaktions-Fernsprecher No. 52.

Freitag, den 1. Klovrmlrer.

Verlags-Fernsprecher No. 2266.

1001 .

Abend-Ausgabe.

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Die Sympalhieen für die Buren.

Dieser Tage ist erzählt worden, daß der Kaiser in einer Unterhaltung mit dem kürzlich verstorbenen Dr. v. Siemens der Meinung des letzteren zugestimmt habe, daß die Parteinahme des deutschen Volkes für die Buren auf den Sympathieen der Frauen und Kinder für diese beruhe. Es entzieht sich selbstverständlich unserer Beurtheilung, ob die fraglichen Worte wirklich genau in diesem Sinne gefallen sind. Eines aber wissen wir: Ist das die Meinung des Kaisers, so würde das beweisen, was anzunehmen freilich schon vorher Grund genug vor­handen war. daß der Kaiser über die Stimmungen und die Gesinnungen des deutschen Volkes gegenüber dem unseligen südafrikanischen Kriege falsch unterrichtet wor­den ist.

Die überwiegende Mehrzahl der deutschen Männer würde es, dessen sind wir gewiß, als einen unberechtigten Vorwurf ansehen, daß sie über die Gervalt- und Mord­politik, welche England in Südafrika betreibt, minder entrüstet seien, als die Frauen und sogar die Kinder. Die Sympathieen für die Buren beruhen nicht etwa auf einer ganz besonderen und, wie Manche meinen, närrischen Vorliebe für die Buren, denen ja die Meisten von uns fremd gegenüberstehen, sondern darauf, daß eine mit allen Mitteln ausgerüstete Großmacht aus Goldgier ein kleines friedliches Volk überfallen und daß es den un­gerechten und unmoralischen Krieg gegen dieses Volk in einer Weise geführt hat und führt, deren sich vielleicht sogar uncwilisirte Nationen schämen würden.

Me Begeisterung der Frauen und Kinder für die Buren, darin hatte Herr v. Siemens ganz Recht, ist aller­dings vorhanden. Aber wir ziehen daraus eine ganz andere Schlußfolgerung. Wie unerhört muß das Ver­halten der Engländer in Südafrika, wie allgemein die Verurtheilung dieses Verhaltens sein, wenn sogar die Frauen und Kinder, die ja sonst der Politik weniger Interesse entgegenbringen, zu eifrigen Politikern werden, wenn sie sich über jeden Erfolg der Buren freuen, wenn sie über jede Schlechtigkeit, über jede Mordthat der Eng­länder in Erbitterung gerathen!!

In der That, die Verurtheilung Englands ist bei allen civilisirten Nationen eine'so allgemeine, daß sogar den Engländern, die ja im Allgemeinen auf das Urtheil der anderen Nationen zu „pfeifen" pflegen, davor bange wird. Und diese Verurtheilung ist nur zu gerechtfertigt, denn nicht nur hat England den Krieg in frivolster Weise herbeigeführt, sondern die englische Kriegsführung ist ein Hohn auf die Humanität, auf das Völkerrecht, auf die

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46. Fortsetzung. Nachdruck verboten.

Nemesis.

Roman aus der russischen Gesellschaft von Z. v. Lagin.

Ihres Sohnes Gesicht ist kalkweiß geworden; aus dm Augen zuckt und sprüht ein fahler Schein wie Wetter­leuchten. Sie sieht es nicht, denn sie hat wie erschöpft die Lider geschlossen. Kein Laut wird hörbar, bis sie nach einer Pause noch immer leise, aber lebhaft wieder beginnt:

„Am liebsten reiste ich ab, so lang er fort ist. Der Doktor sagt Montreux. O'est bleu loiu, aber wir können in Berlin oder Wim Station machen. Geld Hab' ich genug." Sie lächelt mit kindisch-trotziger Befriedigung vor sich hin und sagt dann listig: „Ich hatte mir schon lange einen Nachschlüssel zu seinem Schreibtisch verschafft. Er meinte mich zu täuschen, indessen ich von seinem Trei­ben unterrichtet war. So wußte ich genau, daß er Un­summen im Hause hatte, und mir schlug er eine Forde­rung ab. El avec quel rire sardonique! Meine Rech­nungen würden ja befriedigt, und kein Narr bezahlte noch pour 8« faire espionner! Je ne dis mot, aber mein Plan war fertig. Ich nahm ihm, was er nicht geben wollte —"

Sie unterbricht sich, denn Clemens hat eine Be­wegung gemacht, aber es war nur, um Stirn und Augen in du. Hand zu bergen; er entgegnet nichts. Annette neigt sich zur Seite und zieht aus dem verschlossenen Schreid- tischfach ein wohl verstecktes Päckchen hervor.

„Sieh' her — fünftausend Rubel. Du meinst, er muß das bemerkt haben. Aber in ganzen Haufen lagen die Banknoten da, immer zu Tausend geordnet, weit über hunderttausend. Und ich habe den richtigen Moment er­griffen; jetzt ist nichts mehr da,er hat Alles mitgenommen, all die hübschen neuen Hunderter."

Clemens, der mit peinvoller Zerstreutheit zugchört hat, wird plötzlich aufmerksam; Stirn und Brauen in Falten, blickt er von der Seite auf die Scheine in der

Genfer Konvention und auf die Haager Friedens­konferenz.

Wir müßten oft Gesagtes wiederholen, wenn wir noch einmal im Einzelnen arsizählen wollten, wie die Eng­länder bei der Behandlung der Kombattanten und Nicht­kombattanten, der Verwundeten und der Kriegs­gefangenen, vor Allem aber bei der Behandlung der wehrlosen Frauen und Kinder nicht nur der Humanität und den anerkannten Grundsätzen des Völkerrechts, sondern auch der vertragsmäßigen Abmachungen der Genfer und der Haager Konvention ins Gesicht geschlagen haben. Aber gießt es einen besseren Beweis für die Be­rechtigung des Urtheilö über die englischen Barbareien, wenn in England selbst sich bereits solche Uctheile hervor­wagen, wenn sogar eine Autorität auf dem Geb-ct des englischen Verfassungsrechts, der Oxforder Professor Van Dicey, offen erklärt, daß die englischen Exekutionen in Südafrika nichts mehr und nichts weniger alsMord seien.

Allerdings, der englische Kolonialminister Chamber- lain, der eigentliche Urheber dieses verbrecherischen Krieges, hat gemeint, daß Englands Kriegsführung eine milde sei und bei dem Vergleich mit der Kriegsführung anderer Staaten, so der Deutschlands in den Jahren 1870/71, noch günstig abschneide. Man weiß wirklich nicht, ob man über eine solche Unverfrorenheit lachen oder entrüstet sein soll. War es doch gerade das Deutsche Reich, welches 1870 selbständig und ohne der Gegen­seitigkeit sicher zu sein, den kranken und verwundeten Soldaten des Gegners Anspruch auf Krankenpflege zu­erkannte. Und Deutschland war es, welches am 18. Juli 1870 aus eigener Initiative das feindliche Eigeuthum zur See für unverletzlich erklärte und diese Bestimmung erst am 19. Januar 1871 aufhob, weil Frankreich keine Gegenseitigkeit gewährte, während England noch auf der Haager Friedenskonferenz eine Vereinbarung der Mächte über die Unverletzlichkeit des Prioateigenthums auf See verhindert hat.

Ueber die humane Kriegsführung der Deutschen gegen Frankreich haben unparteiische, ja sogar franzö­sische und englischeBeurtheiler, ein Urtheil gefällt, welches dem des Herrn Chamberlain, der ja den Krieg nur vom Hörensagen kennt, diametral entgegengesetzt ist. Ein Mitglied des englischen Parlaments, Sir Sinclair, der den deutsch-französischen Krieg aus eigener Anschauung kannte, schrieb s. Zt., wenn er als glühender Anhänger Frankreichs nach dem Kriegsschauplatz gegangen wäre, so wäre er als enthusiastischer Parteigänger Deutschlands zurückgekehrt. In schroffem Gegensatz hierzu hat erst un­längst ein englischer Offizier in seinen Aufzeichnungen über den südafrikamschen Krieg erklärt, daß er als heftiger Gegner der Buren nach Südafrika gegangen, daß er aber trauernd und mit einem schweren Verlust zurückgekehrt sei, denn er habe dort sein Herz an die Buren verloren!

Hand der Mutter; er nimmt eines der Päckchen und tritt damit zum Fenster.

„Qu’as-tu donc?" ruft Frau Annette plötzlich, „Du zitterst —"

In der That, er zitterte, er taumelte beinahe. Dann lachte er auf einmal auf, kein gutes oder frohes Lachen. Hohnvoll und zornig, unsäglich bitter brach es von den Lippen des seelisch Gefolterten, der ganz unerwartet den Todfeind plötzlich in seine Hand gegeben sah. Hier also war derKnoten, hier liefen die Fäden zusammen, an deren Lösung bisher aller Eifer und Scharfsinn gescheitert war! Freilich, leicht konnte der von jeder Maßregel Umer­richtete seine Gegenmaßregeln treffen! Und jetzt, wo der Kreis sich enger zog und die Gefahr näher rückte, jetzt war er davon geeilt, um jeden Schuldbeweis zu verbergen, zu vernichten — nicht jeden! Von der Hand des eigenen, ahnungslosen Weibes, das er durch Schuld gewonnen und an dem er sich aufs Neue verschuldet, war ihm hier der Fallstrick bereitet.

„Nemesis!" sagt er unbewußt dumpf vor sich hin.

„Comment? Ich verstand Dich nicht!"

Er fährt leicht zusammen; dann mit äußerster An­strengung sich beherrschend, wendet er sich zu ihr herum.

„Es ist nichts, Maman. Nur werde ich noch einmal fort müssen."

„Noch heute? Schick' doch Deinen Diener! Kannst Du nicht schreiben? Es wird schon Abend — sieh' drüben die goldenen Fenster! Me Sonne sinkt. Sei gM, bleib' hier. Ich bin schon müde. —"

Er überlegt lange.

„Es läßt sich vielleicht schriftlich abthun. Erlaube also —"

Sie nimmt dankend seine Hand und lächelt.

„Sag' nur noch dem Mädchen, daß sie mir eine Limo­nade macht, dann will ich Dich nicht mehr stören —"

Um Zögerung u aer neiden, greift Clemens nicht nach der Klingel, sondern rü et persönlich den Auftrag aus. Als er nach wenigen Minuten zurückkehrt, findet er die Mutter, die Wange gegen die Sesielleüne geschmiegt, ein- >

Deutsches Deich.

Der „Ncichsanzeigcr" dcmcntirt.

Der „Reichs-Anzeiger" schreibt in seinem nichtamtlichen Thcil Folgendes: Von der Presse werden angebliche kaiser­liche Aeußerungen über wirthschastliche Fragen ver­breitet und besprochen. Wir haben von diesen Ausstreuungen bisher keine Notiz genommen, weil die sogenannten kaiserlichen Aeußerungen so unwahrscheinlich klangen, daß es sich nicht ver­lohnte, dieselben ernst zu nehmen. Da jedoch aus den Kommen­taren selbst ernsterer Blätter hervorgeht, daß sie die dem Kaiser in den Mund gelegten Aussprüche für echt halten, so sind wir in der Lage, zu erklären, daß diese von Anfang bis Ende erlogen sind.

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Es ist als ein Ergebniß der Liebenberger Besprechun­gen anzusehen, wenn der „Reichsanzeiger" die jüngst ver- breiteten Gerüchte über Aeußerungen des Kaisers als er­logen bezeichnet. Im agrarischen Lager wird man auf- athmen; denn namentlich das angebliche Kaiserwort von kurz und klein schlagen hatte in diesen Reihen eine Er­regung hervorgerufen, von der die betreffenden Preß- äußcrungen keineswegs ein vollständiges Bild geben konnten. In das Dementi des „Reichsanzeigers" scheint auch ein früheres, dem Kaiser zugeschriebenes Wort mit einbezogen werden zu sollen, die Bemerkung nämlich: „Getreidedoppeltarif ist Unsinn." Falls zwischen dem Kaiser und dem Reichskanzler in der letzten Zeit wirklich etwas wie ein Gegensatz der wirthschaftspolitischen Grundanschauungen bestanden haben sollte, kann man jetzt sagen, daß er wieder überwunden worden ist, und daß Graf Bülow für die nächste Zeit nicht mit Irritationen zu rechnen haben wird. Selbstverständlich hat sich nichts an der Sachlage selber geändert, wie sie durch die Vor­legung des Zolltarifs einerseits und durch den unzweifel­haften Entschluß der Reichsleitung andererseits, neue Handelsverträge zu Stande zu bringen, gegeben und um­schrieben ist. Was an dem letzten vermeintlichen Kaiser­wort so viel Aufsehen machte, war za nicht sein Inhalt, sondern seine Form. Der Inhalt bleibt insofern bestehen, als alle Instanzen der verantwortlichen Regierungs­politik darin übereinsiimmen, daß ein Zustand der Ver- tragslosigkeit von unierem Wirthschaftsleben serngehalten werden muß. Werden jetzt die dem Kaiser in dm Mund gelegten Bemerkungen als erlogen hingestellt, so könnte nur eine sehr kühne und skrupellose Auslegungskunst dahin führen, nun etwa zu schließen, das Interesse am Zustandekommen von Handelsverträgen sei an den maß­gebenden Stellen nicht größer als int Agrarkonservatis­mus, wo es bekanntlich bis zur Unauffindbarkeit ver­flüchtigt ist. Nunmehr aber erwächst Denen, die die falschen Gerüchte über Aeußerungen des Kaisers ver­breitet haben, die unabweisbare Verbindlichkeit, Auf­klärung darüber zu geben, wie sie zu diesen falschen Mit­

geschlafen. Behutsam will er sich vorüberstehlen. — Aber ist das Schlaf? Ein Schauer rieselt ihm plötzlich durchs Blut, er tritt näher, laut und schnell; er ruft, er hebt sie mit den Annen empor — die Schlafende wacht nicht auf. Er eilt nach der Klingel; dann beginnt er ihr die Kleider auszureißen — noch eben sprach sie ja — es muß eine Ohnmacht sein! Und wie er hastig Schleifen und Haken löst, fühlt er unter dem Kleide einen breiten, harten Streif, der den Gürtel der Leblosen umspannt.

„Meinen Diener zum Arzt, augenblicklich", rust er dem herbeieilenden Mädchen zu, „und nun helfen Sie, daß wir ihr Luft schassen, fort mit dem Festen hier, ich trage sie dann aufs Bett — —"

Das entsetzte Mädchen nestelt mit zitternden Fingern; endlich bringt sie einen etwa handbreiten, fast elastisch dünnen Metallstreifen hervor, den sie Clemens reicht.

' „Das trugen gnädige Frau immer am bloßen Leibe", sagt sie leise.

Und während er sich noch vergebens fragt: „Zu welchem Zweck? Bei dem abergläubischen Sinn der Mutter — vielleicht das Werkzeug einer geheimen Buße?" Wird ihm die nicht geforderte Auskunft: „Um den Körper immer schlank zu erhalten."

Aus Clemens' Hand gleitet der Gürtel, der noch leise Wärme bewahrt, während der Körper, den er mm. spannte, langsam zu erkalten beginnt.

Der bald nachher eintreffende Arzt zuckte beim ersten Blick bedauernd die Achsel und sprach dann nach schnell beendeter Untersuchung sein Beileid über das betrübende, aber längst vorhergesehene Ereigniß aus. Er suchte mit den Augen nach Schrcibgeräth, stellte den Todtenschein aus, sprach noch einige Worte höflicher Antheilnahme und empfahl sich. ^

Draußen brach die-Nacht herein, eine wolkenver­hangene, milde, weiche Frühlingsnacht. Kaum blinzelte hie und da ein müder Stern schläfrig durch den wolkigen Vorhang. Dann begann es zu rieseln und zu rauschen. Und während die großen Regentropfen mit dumpf ein- * förmiaem Fall schwer gegen die Fenster schlugen, als