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Nr. 134.

m Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblattr. ig==^

Samstag. 12. 3uni. l91S.

(11. Fortsetzung.)

Um die Beute.

Kriminalroman von Neinhold Ortmann.

'(Nachdruck verboten.)

Der Oberstleutnant fing an, im Zimmer auf und nieder zu gehen wie immer, wenn etwas ihn lebhaft erregte. „Ach was — rch halbe mich zu gar nichts ver­pflichtet. Wenn er ein verständiger Mensch gewesen wäre, hätte er schon damals einschen müssen, daß es wir im Grunde nur darum zu tun war, der Geschichte auf möglichst schonende Weise ein Ende zu machen. Die peinliche Situation, die uns jetzt bevorsteht, hätte er sich und uns wahrhaftig ersparen können." ,

.Welche pouliche Situation? Du — du willst ihn doch nicht abweisen?"

Der Oberst blieb stehen und , sah ihr mit firnen Hellen, durchdringenden Augen in das noch immer totenblasse Gesicht. „Ja, denkst du etwa noch ernstlich daran, ihn zu heiraten? Du redest dir doch nicht ein, ihn noch immer zu lieben?"

„Ich habe ihm mein Wort gegeben, -Vater! Das mühte ich halten, auch — mich wenn ihn nicht mchr

liebte." . „ ,

„Unsinn! Die Versprechungen eines siebzehn­jährigen Mädchens! Außerdem hattest du g.ar kein Recht, dich ohne meine Einwilligung Sit binden. Du bist deshalb heute so frei, als ob überhaupt nichts ge- sche-hen wäre. Da es sonnenklar ist, daß du den Menschen inzwischen längst vergessen hattest —"

Gewaltsam raffte sich Martha auf, um endlich Herrin zu werden über die verräterische Schwäche. „Nein", unterbrach sic den Oberstleutnant, und das Bemühen, ihrer Stimme Festigkeit zu verleihen, gab ihr einen ganz fremden, scharfen Klang, „du bist im Jrrtnin. lieber Vater, denn ich habe ihn nicht vergessen. Ich bin nicht frei und bitte dich, ihn freundlich, zrl empfangen. Er hat die Bedingung erfüllt, die du ihm gestellt hast. 'Nicht ein einziges Mal in dieser langen Zeit hat er an mich geschrieben oder mir sonst ein Löbenszeichen geneben. Nun >darf er mit vollem Recht fordern, daß auch wir unseren Verpflichtungen Nach­kommen." .

Das Benehmen und die Ausdruckswefie seiner Tochter befremdeten den alten Soldaten offenlbar auf das äußerste. Denn ihr Aussehen strafte ihre Worte Lügen. Wie sie sich auch Gewalt antat, um ihm nichts pon ihrer verzweifelten Stimmung zu verraten, das Lächeln eines glücklich liebenden Mädchens, dessen Herz frohlockend dem teuren Mann entgegonschlägt, ver­mochte sie nicht zu erheucheln. _ „ _ ,

„Ich verstehe dich nicht mchr, Martha", sagte er kopfschüttelnd. „Erst machst du bei der großen Neuis- kett ein Gesicht, als ob ich dir eine Todesnachricht mit- geteilt hätte, und dann sprichst du von Bedingungen und Verpflichtungen wie ein Kaufmann, der von fernen Geschäften redet. Mir scheint, du h-ast etwas über- spannte Vorstellungen von der Bedeutung einer m kindischem Unverstand angezettelten Lidbelei. Es fit jedenfalls gut, daß ich noch da, bin, um wertere Tor- beiten zu verhüten. Laß mich die Sache nur nach meinem Ermessen arrangieren, mein Kind! ^ch werde

mich mit Lhncker schon auseinanderfitzen, ohne daß dil dabei in eine peinliche Lage kommst."

Er hatte erwartet, daß sie feine Worte als einen Beweis väterlicher Liebe voll warmer Dankbarkeit anf- nohmen würde, und er runzelte daher unmutig drck Stirn, als er sah, wie gründlich er sich 'darin getäuscht! hatte. Denn Martha, die sich endlich bis ,zu vollkommen äußerer Ruhe durchgekämpst hatte,, widersprach „ ihn« mit einer Bestimmtheit, die nur einem unerschütter­lichen Entschlüsse entspringen, konnte.

„Vergib, wenn ich dazu nicht ja sagen kann, Vater« Du selbst hast mich mein Leben lang gelchrt, ein, ge­gebenes Wort als etwas Heiliges und Unverletzliches anzusehen. Begehrt Herbert mich auch heute noch zur Frau, so mutz ich seine Frau werden, auch wenn es nicht ganz nach deinen Wünschen wäre. Denn er hat nichts getan, was mich von meinen Pflichten gegen ihn losmachte."

„Du behauptest also, ihn noch heute zu lieben, wie du ihn damals geliebt hast?"

„Ich habe ihn als einen edlen, hochherzigen Menscheil kennen gelernt, und ich bin sicher, daß er es heute nicht weniger ist als in jenen Tagen."

„Ach -was, das war eine romantische Backfisch­schwärmerei! Ich für meine Person habe ganz lind gar nichts von außergewöhnlichen Eigenschaften an ihn beincrkt. Welche Beweise von Edelinut -und Hoch­herzigkeit hat er dir denn eigentlich gegeben?"

Pdartha schwieg.

„Er hat dir Bücher und Noten gebracht, nicht wahr? Er ist bereitwillig auf deine jilgendlichen Überschweng- lichkeiteu oingsgangen und hat dich mit schöil-en Worten umnebelt. Aber das kann jeder, mein Kind! Uin den Charakter eines Menschen zu erkennen, bedarf es doch etwas stärkerer Proben. Schließlich wissen wir von dom Manne ja eigentlich so gut wie nichts. Er ist aus guter Familie und scheint über ein an'schnliches Ver- mögen zu verfügen. Das konnte mir damals genug sein, nur ihn mit seiner Bewerbung nicht schlankweg abzuweisen, aber es ist mir wahrhaftig nicht genug, um ihm die Zukunft meines einzigen Kindes anznver- trauon. Gerade weil ich arm bin und dir, keine Mrtglft geben kann, die dich dermaleinst im schlimmsten Falle von deinem Manne unabhängig macht — gerade des- Halb muß ich «bei -der Sfiofljl «deines «Gatten «doppelt bor* sichtig zu Werke gehen. Dieser Herr Herbert Lynckev würde nrir erst nock, beweisen müssen, daß er umstände ist, dich glücklich zu machen."

„Ich kann dir nicht vorschrei-ben, Vater, was du tun sollst, ich kann dir nur wiederholen, daß ich mich als Herberts verlobte Braut betrachte. Er darf nicht einen Augenblick in den Glauben versetzt werden, daß mein damüals gegebenes Versprechen mich gereue.,

Als er sah, daß er mit all seinem -vernünftiger, Zureden dem unerwarteten und unbegreiflichen Starr- sinn Marthas gegenüber auch nicht um einen einzigen Schritt weiter kenn, hielt der Oberstleutnant es sur an*