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Jahrgang.
Erscheint in zwei Ausgabe«. — Bezugs-Peers: > durch ben Verlag 5« Pfg. monatlich, durch die Post S Mk. Sr» Psg. vierteljährlich für beche Ausgaben zusammen.
Verlag: Langgafse 27.
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Für die Aufnahme später emgrreichter
Av» 493. NedakttonZ-FerusPrecher No. 52.
Dienstag, den 22. Oktober.
Verlags-Fernsprecher No. 2266.
1901
Morgen-ftwsgaEje.,
Iüv Wovemöev und Ziezembe^
auf das
„Wiesbadener TagblaLL"
ZU aboiiuireil, findet sich Gelegenheit
im Verlag Langgnsse 87. bei de« AuvgabrsteUrn, de« Zweig - Expeditionen
der Nachbarorte,
und bei sämmtlichrn deutschen Rrichspostanstallen.
Schulärzte und Kindliche Alkoholiker.
Seit einigen Jahren hat sich die Oeffentlichkeit tnehr Äs früher mit sittlich verkommenen und gänzlich verrohten Eltern beschäftigen müssen, denerr man Nachweisen konnte, daß sie ihre Kinder schrecklichen Quälereien oder Entbehrungen unterwarfen, um sich ihrer zu entledigen. Immerhin gehören derartige Bestialitäten zu den Seltenheiten. Von diesen Ausnahmen abgesehen, kann man roch immer sagen, daß jede Mutter wenigstens den besten Willen hat, ihr Kind vor Schaden zu hüten; keine wird ihr Kind martern, ihm bösartig wirkendes Gift einflößen und bei ihm 'den Grund zu geistigem und körperlichem Siechthum legen wollen. Das gesunde Muttergefühl sträubt sich, an derartige Möglichkeiten überhaupt zu denken. .
Aber schlimmer als der bösartigste Charakter wrrkt mch im Verhältniß der Eltern zu den Kindern der Unver- fand. Die schliinmsten Uebel dieser Welt sind ja viel mehr auf mangelnde Einsicht, als auf bösen Willen zu rückzuführen. Das läßt sich auch vom Alkoholismus behaupten. Namentlich wo er bereits im kindlichen Lebensalter auf tritt, ist wohl immer grobe Unwissenheit seine Ursache. Doch kann man denn wirklich bon einer Verbreitung des Alkoholismus unter den Kindern sprechen; handelt es sich nicht nur um vereinzelte Fälle, wo man bei ihnm auf die Wirkung alkoholischer Getränke stößt? —■ Es ist richtig, daß die Statistik des Alkoholismus noch eine sehr unvollständige ist. Eine genaue Statistik wird überhaupt niemals möglich sein, weil sie die Gepflogenheiten des Familien- und Privatlebens meistens nicht beleuchten kann. So hat sich die Statistik des Alkoholismus meistens auf jene Thatsachen zu beschränken, die mehr oder weniger öffentlich in dieErscheinung treten. Wer sich mit derartigen Dingen beschäftigt, namentlich der Nervenarzt, der Kriminalist, der Seelsorger und Sociologe, weiß, daß schon diese Thatsachen eine Welt des Grauens umschließen.
Ganz unmöglich ist es namentlich, über die Ausbreitung des Alkoholismus unter den Kindern Genaues festzu- stckllen. Die Intimität des Familienlebens und die Unwissenheit zieht auch hier der Erkeuntniß eine Grenze.
Feuilleton.
- Nachdruck verboten.
Mein Freund Hase.
Aus dem Leben eines Vegetariers.
Plauderei von Bernhard Ohrcnbcrg.
Alle haben wir ihn gekannt, und er ist Manchem von uns „Wer den Weg gelaufen", aber seinen Tod hat Niemand betrauert. Er gehörte zu jenen Existenzen, die man erst dann nach ihrem vollen Werthe schätzt, wenn sie den Schicksalsschlägen auf dieser Erde entrückt sind; — erst rls er dahingestreckt war, wurde er Denen, die ihn bei Lebzeiten verfolgten und mitleidlos hetzten, lieb und fheuer.
Das klingt hart! — und wir bedauern, nicht verschweigen zu können, daß dem Verstorbenen in der Stunde >er Gefahr kein ehrlicher Freund hülfreich zur Seite stand; — der Beklagenswerthe war schon von seiner Geburt au durch listige Feinde bedroht.
Es erscheint das umso bedauerlicl)er, wenn inan erwägt, daß sich unser Vegetarier durch einen sanften und friedlichen Charakter auszeichnete; nur wenn ihn die Eifersucht übennannte, ließ er sich zu Thätlichkciten hin- ceißen und theilte derbe Schläge aus.
In ländlicher Abgeschiedenheit erblickte uiiser Freund bas Licht der Welt und genoß nur für kurze Zeit die mütterliche Pflege. Er liebte schon als zarter Knabe das freie Umherschweifen durchWald und Flur.
Den Besuch der Dorfschule vermied er gänzlich, zeigte nber ein lebhaftes Interesse für Botanik und machte große Fortschritte in der Kräuterkunde. Höchst bescheiden oaren seine Ansprüche bezüglich der Kleidung, denn ein schlichtes graubraunes Pelzröckchen genügte ihm für Sommer und Winter.
Wie viele Eltern kennen denn überhaupt die ganze Gefährlichkeit des Alkohols? Die meisten Mütter, unt> sicher auch sehr viele Väter, stellen sich unter einem „Trinker" zunächst einen regelmäßig oder doch häufig Betrunkenen, einen Branntweinsäufer vor. Sie halten regelmäßrgen und starken Biergennß für ein Kräftigungsmittel und sie haben sich sehr genau das verlogene Wort von dem „flüssigen Brod" gemerkt. Zum Mindesten glauben sie, daß ein starker Biergennß keinesfalls, oder doch nur der Börse, schädlich sei und gar Wein wird von ihnen als ein wahres „Lebenselixir" geschätzt. Man hat in dieser Be- zichung in manchen Bevölkerungskreisen wahrhaft lächerliche Vorstellungen von den günstigen Wirkungen des Weins. — Man kann einen guten Tropfen zur rechten Zeit sehr wohl schätzen, aber man soll sich dann doch darüber im Klaren sein, daß der Wein, der^ oft selbst als „Medizinalwein" arg gefälscht ist, schließlich dieselben Folgen hat wie der Branntwein, und daß namentlich für Kinder der regelmäßigeGenuß selbst kleiner Mengen Wein sehr bald verhängnißooll wirkt.
Die Eltern sind oft blind für die Wirkungen des Alkoholismus bei ihren Kindern — sie sehen vielleicht seine Wirkung, kennen aber die Ursache derselben nicht. Es ist unter diefm Umständen ein Glück, daß man seit geraumer Zeit wenigstens in der Schute krankhafte Erscheinungen bei den Kindern aufmerksamer beobachtet. So hat der „Deutsche Verein abstinenter Lehrer" vor einiger Zeit bei 7338 Schulkindern Ermittelungen über Alkoholismus angestellt. Etwa Dreiviertel dieser Kinder warm 6—11 Jahre alt. Es stellte sich heraus, daß von diesen 7338 Kindern nur 2,26 Prozent noch niemals ein alkoholischesGetränk genossen hatten, 13,4 Prozent waren bereits einmal oder öfter betrunken gewesen, 11,4 Prozent erhielten täglich irgend ein alkoholisches Getränk, 2 Prozent schon frühzeitig vor Anfang des Schulunterrichts. Die Alkohol bekommenden Kinder waren die schlechtesten Schüler; ein Schulleiter in der Rheinprovinz hatte 11 Kinder, deren Väter gewohnheitsmäßige starke Trinker waren; diese fämmtlichen Kinder mußten in einer Abtheilung für Schwachsinnige untergebracht werden.
Auch diese Statistik ist also eine ernste Mahnung an die Eltern, ihren Kindern keinen Alkohol in irgend einer Gestalt zu geben und möge er auch den vertrauenheischenden Namen „Tokayer", „Malzbier", „Kraftbier" und „magenstärkender Likör" führen. Die ärztliche Wissenschaft hat festgestellt, daß bon den in verschiedenen Anstalten nntergebrachten Epileptikern 21—90 Prozent von einem trunksüchtigen Vater abstammten; doch bleibt diese Zahl, infolge statistischer Lücken, jedenfalls noch hinter der Wirklichkeit zurück. Es ist weiter festgestellt, daß die in Bier- und Weinländern bei jugendlichen Personen besonders zahlreich auftretenden Herzkrankheiten den Bier- und Weingenuß als Ursache haben. Der Alkoholismus im Kindesalter hat stets eine schädliche Beeinflussung des Nervensystems zur Folge, die sich bis zur völligen Geisteskrankheit, zur Perblödung steigern kann; daneben folgt ein Heer bon gefährlichen anderen Krankheiten dem Alkoholismus auf dem Fuße. Das alkoho-
Er lebte sehr zurückgezogen und vermied alle Geselligkeit; trotzdem gab es viele Familien, die ihn gern für sich allein in Anspruch genommen hätten und wo der Tisch für ihn gedeckt war.
Der Verstorbene huldigte dem Lauf-Sport und pflegte weite Spaziergänge durch Felder und Wälder zu machen; leider darf nicht verschwiegen, werden, daß dieser Schnellläufer keine Achtung vor fremdem Eigenrhum besaß; mit Vorliebe besuchte er nächtlicher Weile die Kohlgärten, und als er einst in mondheller Nacht einen delikaten Krautkopf verspeiste, überraschte ihn der Tod; — ein Schuß aus dein Hinterhalt machte seinem Lebenslauf ein jähes Ende.
-Die freundlichen Leser werden bereits errathen
haben, daß diese Mittheilungen aus dem Leben eines Vegetariers sich auf den Hasen beziehen, das bekannteste aller Thiere, die zur niederen Jagd gehören. So lange sich Freund Lampe der Schonzeit erfreut, legt er fast alle Scheu ab, und wenn er von Spaziergängern, die zwischen grünen Saatfeldern lustwandeln, in der Mittagsruhe gestört wird, pflegt er in possirlicher Weise ein Männchen zu machen, und seine drolligen Sprünge erregen Freude bei Alt und Jung: die sorgende Hausfrau aber wünscht im Stillen den feisten Burschen in der Bratpfanne zu haben.
Trotz aller VolkSthünilichkeit ist manches Charakteristische ans seinem Leben im Allgemeinen wenig bekannt; wegen seiner Furchtsamkeit, die sprichwörtlich geworden ist, wird er verspottet. Von einem ängstlichen Menschen pflegt man zu sagen: „er ist ein Hasenfuß", und wer des Muthes besseren Theil erwählt, „ergreift das Hasen- panier". Selbst in der Naturgeschichte wird er „lejms timidus" genannt, obgleich der Hase in Wirklichkeit durchaus nicht tinnde ist und sogar rauflustig wird, wenn er auf Freiersfüßen geht. Es giebt kaum etwas Drolligeres, als zwei alte „Rammler" zu beobachten, die sich gleichzeitig uni die Gunst einer Häsin beworben, dann
lische Getränk genießende Schulkind ist unaufmerksam, es lernt schlecht, bleibt hinter dm anderen geistig zurück, leidet an Schlaflosigkeit, Hysterie, schwerer Nervosität, Charakterschwäche und Unmoral.
Es erscheint uns als selbstverständlich, daß demSchnl- arzt bei der Bekämpfung des Alkoholismus der Kindei eine der wichtigsten Aufgaben zufällt. Er vermag, in Zusammenwirken mit dm Lehrern, die Erscheinungen des Alkoholismus bei den Kindern meistens sofort als solche festzustellen: seine Autorität wird auch auf die Eltem solcher Kinder vielleicht eher, als der in medizmischen Dingen nicht sackiversländige Lehrer, Einfluß gewinnen. Natürlich kann der Schularzt nicht persönlich zu jedem Vater oder zu jeder Mutter gehen, um sie über die Gefahr, lichkeit des Alkohols bei Kindern aufzuklärm. Aber auch das gedruckte Wort würde vielleicht wirkm. Eltern solcher Kinder, die ersichtlich unter dem Einfluß des Alkoholge- nusses stehen, sollten in einer gedruckten, gemeinverständlich gefaßten kurzen Zuschrift von Seitm der Schule da> rauf aufmerksani gemacht werden, daß bei dem Kinde sich die Wirkung des Alkoholgenusses bemerkbar mache. Es sollte dann auf die Folgen ohne Uebertreibung, aber ein- dringlich hingewiesen werden. Der Schularzt, der Schuldirektor und der Klassenlehrer müßten diese Zuschrift an die Eltern mit ihrem Namen unterzeichnen. Wir glauben, daß der Erfolg ein guter sein würde. Unwisjmde Eltern würde man über die Gefährlichkeit des „harmlosen Alko- holnippens" zartester Kinder aufklärm, den Gleichgültigen das Gewissen schärfm, unter der Voraussetzung, daß es mit ihrer Elternliebe nicht schlecht bestellt ist.
Drntsches Reich
* Der Priigclcrlaß. Viel besprochen wurde seiner Zeit der Vosse'sche Prügelerlaß, demzufolge der Lchrer von seiner Absicht, einen Schüler zu züchtigen, dem Schulleiter vorher Mittheilung zu machen hatte. Die „Vosstsche Zeitung" schreibt nun: Der Minister vr. Bosse ist cm diesem Erlasse unschuldig gewesen, ja er hat ihn nicht nur entschieden mißbilligt, sondern war über ihn, als er ihn als Thatsache aus den Zeitungen erfuhr, ebenso erschrocken wie empört. Die Anfrage des Lehrers beim Schulleiter bei beabsichtigter körperlicher Züchtigung hat er bis an sein Lebensende für einen fast unbegreiflichen pädagogischen Mißgriff gehalten. Wie nun konnte der Erlaß aus dem Ministerium Bosse hinausgehen, ohne daß der Minister selber vorher um ihn wußte? Ein Lehrer, der mit Herrn Bosse in Briefwechsel stand, schreibt als Antwort auf diese Frage: vr. Bosse weilte damals krank iw Bade. Der Unterstaatssekretär wollte ihm während der Kur jede Arbeit thunlichst fernhalten, und so zeichnete er den von den Schultechnikern des Ministeriums verfaßten Erlaß in Vertretung des Ministers, ohne daß dieser ihn kannte. In weitgehender persönlicher Rücksichtnahme Hai der Minister bei seiner Rückkehr seine bessere pädagogisch« Ueberzeugung nicht durch ein unbeugsames „Quos ego“ zur Geltung gebracht, sondern nur eine Modifikation der
erglüht ihr Hasenherz in Eifersucht und Zorn. Nachdem sich die beiden Nebenbuhler in Kreuz- und Quersprüngen um die Erkorene herum müde gebalgt haben, pflegen sie gewöhnlich ein regelrechtes Duell auszufechten; sie scheu sich auf die Hinterläufe und ohrfeigen sich mit den Vorderläufen so derb, daß die Wolle des Fells umherstiebt.
Aus der Häsin macht die Mutterliebe bisweilen eine Heldin; zufällig bot sich mir einst Gelegenheit, Zeuge des folgenden Vorfalls zu sein: Als ich im zeitigen Frühjahr über die Felder meines Gutes schritt, erregte das seltsame Gebühren zweier Rabenkrähen meine Austnerksam- keit. Nachdeni ich, durch eine Fichtenschonung gedeckt, vor- sichtig näher geschlichen war, bemerkte ich, daß die beiden Galgenvögel ungestüm eine Häsin angriffen, um sie ihrer Jungen zu berauben, die sich dicht an den Leib der Mutter schmiegten; die Krähen stießen ans der Lust herab und hackten mit den scharfen Schnäbeln nach dem Kopf der Alten. Trotz dieser großen Bedrängniß ergriff die treue Mutter nicht die Flucht, sondern bemühte sich, die Unholde durch heftige Schläge mit den Vorderläufen abzuwehren. Ich eilte dein geängstigten Thier zu Hülfe und verscheuchte die gefiederten Räuber.
Daß der Hase häufig für dumm gehalten wird, beruht auf Vorurtheil, das vielleicht durch den blöden Ausdruck seiner glotzenden Augen entstanden ist; sein Gesichtssinn ist am schwächsten ansgebildet, aber um so vorzüglicher sind Gehör und Geruch! Namentlich die langen beweglichen Ohren, in der Jägersprache bekanntlich Löffel ge- nannt, leisten ihm ausgezeichnete Dienste.
Bezüglich seiner geistigen Fähigkeiten wird jeder erfahrene Berufsjäger bestätigen können, daß der Hase, so- bald er sich in großer Roth befindet, mit bewunderns- werther Ueberlegung handelt und bisweilen Beweise von so rafsinirter Schlmcheit giebt, wie es nur sein ärgster Feind, der Fuchs, vermag.
