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Der Roman

0 Morgen-Beilage der Wiesbadener Tagblatts, n

9

Nr. 133.

Lreitag, 11. Iuni.

wir

(10. Fortsetzung.)

Um die Veute.

KriMinalromott von

^Nachdruck verboten.)

Jetzt spiegelte sich in Georg Nrrthardts Zügen die Bestürzung so «deutlich, das; ihr sein Erschrecken kaum entgehen konnte. „Es ist Ihnen also Ernst damit? Sie wollen wirklich svrt — -und vielleicht schon bald? Aber was gedenken Sie denn eigentlich da draußen in der Well zu beginnen?"

„Ich weiß es nicht. Ich habe auch pr keine Lust, mir jetzt schon den Kopf darüber zu zerbrechen. Es gibt ja heutzutage so viele Wege, die einem Mädchen offen stchen. Ich will nichts als arbeiten — arbeiten und Geld verdienen."

„Ist «das der Beweggrund?" fragte er überrascht. „Nein, das ist doch wohl nur ein Scherz?"

Aber sic schüttelte mit schr ernsthafter Miene den Kopf. „Durchaus nicht. Ich möchte mir meinen Unter­halt selbst erwerben und aus eigenen Füßen stchen."

«Und deshalb wollen Sie fort? Wenn Sie nun aber eine Ihr Leben ausfüllendc Tätigkeit hier erhiel­ten, wunden Sie es dann vielleicht doch in dieser drückenden Üleurstadtenge -aushalten?"

Wenn sie ihn angesehen hätte, würde sie aus der er­wartungsvollen Spannung in seiner Miene, aus der zaghaften Frage in seinen Angen wahrscheinlich erraten haben, wieviel mehr als bloße Neugier sich hinter seiner Rede verbarg. Ader sie blickte schon wieder ins Weite, und sie gab seiner Frage offenbar keine andere Deutung als die einer oberflächlichen Teilnahme.

„Vielleicht. Aber daran ist doch gar nicht zu den- ken. Hier würde sich natürlich niemals eine paffende Tätigkeit für mich finden."

„Und wenn ich nun doch eine wüßte. Fräulein Martha, sine, die Sie selbst vielleicht befriedigen, ganz gewiß aber ein« anderer unbeschreiblich glücklich machen würde?"

Jetzt sich sie ihn an. und bas Blut schoß ihr heiß ins Gesicht. Wie abiwehrend erhob sie die Hcmd, als wolle sie ihn hindern, weiterzusprvchen.

Wer nachdem er sich einmal bas Herz .gefaßt hatte, so viel zu sagen, ließ er sich nicht mehr Schweigen ge­bieten. „Sie wissen, wer dieser andere sein würde — nicht wahr, Fräulein Martha? Hundertmal schon habe ich's auf den Lippen gehabt, und immer fehlte mir im tzillscheidenden Augenblick der Mut. Aber wenn ich in Gefahr sein soll. Sie ganz zu verlieren — nein, dann darf ich nicht mehr schweigen. Es ist ja vorläufig .nicht viel, was ich Ihnen zu bieten habe, und eigentlich Nicht viel mehr als ein Herz doll treuer Liebe, aber wenn Sic mir nur ein klein wenig gut sein können, reicht es doch am Ende aus. um glücklich zu werden."

Martha hatte die Hand über die Augen gelegt, und ihr Gesicht war so im Schatten, baß er nicht in ihren Zügen zu lesen vermochte. Wer daß sie ihm die Antwort schuldig Web, dünkte ihn eher ein günstiges jllls ein schlimmes Zeichen.

Er wagte es, sich ihrer schkrff aus dem Schoße jliegenden Linken su bemächtigen. „Darf ich hoffen. Martha'?" flüsterte er, tief über sie hevckbgeneigt. „Oder

Neinholb Ortmau«.

bin ich zu dreist gewesen? Ist Ihnen meine Stellung zu gering. Bin ich Ihnen zu arm?"

Sie ließ die Rechte vom Gesicht herabsinken, und wie sie jetzt die Augen zu ihm anffchlng, sah er. daß sie voll Tränen standen. „Nein, nein — und das trauen Sie mir auch gar nicht zu. Mer Sie hätten mir das doch nicht sagen sollen, Herr Doktor. Es macht mich so unglücklich."

Ihre Hand hatte sich ihm nicht entzogen, und seit- dgm er Liefe kleine, weiche, lckbenswarme Hand hielt, war es ihm, als habe er schon Besitz genommen von denk ganzen geliebten Geschöpf. „Unglücklich?" wiederholte er. „Aber wie kann das sein? Wenn Sie mich Ihrer nicht für unwert Hallen, wenn Sie mich sogar vielleicht ein bißchen lieb haben können —"

Da schien es, als wäre sie plötzlich mit ihrer Kraft zu Ende. Denn sie begann zu schluchzen, und die Hellen Tränen rannen ihr über die Wangen.

In Höchster Bestürzung blickte Ruthardt ans sie nieder. ,/Äsirrtha, liebste Martha — sagen Sie mir doch, was Sie bedrückt! Habe ich Sie denn gekränkt?"

Sie schüttelte Len Kopf, aber sie erwiderte nichts. Da sie ihm aber noch immer ihre Hand überließ, -da er außerdem auf ihrem reizenden Gesicht wohl einen Ansdruck schmerzlichen Kummers, doch nichts von Zorn oder Unwillen über feine Kühnheit lesen konnte, so nahm er, von innigem Mitt-eid und heißer Zärtlichkeit -hingerissen, seine Zuflucht zu einem Trostmittel, das von alters her in solcher Lage oft von wunderbarster Wirkung gewesen ist. Er neigte sich nämlich vollends auf sie herab und küßte sie mit einem innig geflüsterten Liebes-wort.

Martha stieß ihn nicht voll heffigen Unwillens zurück. Wohl machte sie erst eine halb unwillkürliche Bewegung, um sich ihm zu entziehen; aber dann, da er sie nur fester an sich drückte, gab sie sich ohne weiteren >Widerstand seiner Liebkosung hin, und plötzlich, tväh» rend ein tiefer, sehnsüchtiger Atamzuig ihre Brust hob, schlang sie ihren Arm um seinen Nacken und erwiderte? mH geschlossenen Augen leidenschaftlich seine Küsse.

Ein fester, gleichmäßiger Schritt kam: die stille Straße herauf, und in heftigem Erschrecken ritz sich DLartha aus Georgs Umavnrung los. „Der Vater? — Um Gottes willen, daß er nur nichts merkt!"

Sie fuhr sich init dem Taschentuch ich er das glühende Gesicht und griff hastig nach der Handarbeit auf ihrem Schoße. Mit etwas verlogener und doch glückstrahlender Miene war der Doktor um ein paar Schritte zur Seite getreten — nicht eine Sekunde zu früh, denn schon klirrte das eiserne Gartenpförtchen, und die hohe breitschulterige Gestalt des Oberst» leutnants von der Heyde kam über den Kiesweg daher.

Mit einer gewissen vornehmen Gemessenheit lüftete er, als er des Arztes ansichtig wurde, seinen Hut. „Guten Morgen, Herr Doktor! Sie haben auf yW gewartet?