Beilage Ml Meskaüener Tagblaü.
Ko. 471. Morgen-Ausgabe.
Mittwoch» de« 8. Oktober.
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Einem Jüngling, der nicht überzeugt ist, daß die Vorzeichen einer besseren, goldenen Zukunst stch »och bei seinen Lebzeiten erfüllen werden, wäre besser, er wäre me geboren; und der gereifte Manu, der diese Ueberzeugung einbußt, thate besser, gleich zu sterbe«. Nathanrel Hawthorne.
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(M. Lortjetzung.) (Nachdruck verboten.)
Der künstliche See.
Lm Roman von Nalduin Groller.
XII.
Im Lause des Nachmittags ließ sich Riemer alle Meuöblätter in ie Kanzlei tominen, um sie auf dre Börsenberichte durchzusehen. Mauracher wurde wüthend, M er sah, wie sich sein Kollege mit Zeitungslektüre versorgte. Es gab jetzt immer sehr viel zu thun in der jlanzlei, und Riemer hatte in der letzten Zeit ümner ihm l>en LöwenaMheil an der Arbeit überlassen. Das verdroß ihn schließlich doch, so gutmüthig und opferwillig w auch sonst sein mochte, und er rnacbte stch nun in allerlei Anspielungen und spitzigen Bemerkungen Lust.
Riemer ließ sich das nicht cmfechten und las seine Berichte mit großer Aufmerksamkeit und scheinbar ungetrübtester Gemüthsr-rhe durch. Nach diesen aber hatte sich Folgendes begeben: Die vorliegenden politischen
Nachrichten hatten keinerlei Anregung zur Unterbrechung der schon seit geraumer Zeit andauernden Geschästsstille geboten. Der Verkehr begann demnach ganz ruhig, bald aber verbreitete sich eine gewisse Beunruhigung auf größere Abgaben m neuen Stahlwerken. Der Kurs, der mit 120 eingesetzt hatte, wich sprunghaft und sank bald auf 118 und selbst auf 110.
Die Kontremine dadurch ermuthigt, begann nun noch schärfer ins Zeug zu gehen. Die Abgaben vermehrten sich und die weichende Tendenz begann, sich nun auch aus andere Papiere zu erstrecken und den ganzen Markt zu beeinflussen. Bald aber machte sich die merkwürdige Thatsache geltend, daß die dringlich ausgebotenen Stücke leicht und glatt Käufer fanden. Das Treffen wurde zum Stehen gebracht. Es war, als hätten die weichenden Truppen frischen Muth gefaßt und als wollten sie nun chrerseits wieder zum Angriff Vorgehen. Es gelang, den letzten Ansturm der Kontremine zurückzuschlagen, und nun stellte es sich heraus, daß die Partei der Kaufenden die stärkere war. Die Kontremine hatte nur die Geschäfte chrer Gegner besorgt und ilpren geholfen, billig zu kaufen. Der Kurs der neuen Stahlwerke ging wieder ruckweise in die Höhe. Die Nachfrage wurde immer lebhafter, das Ausgebot immer schwächer, und der bewegte Tag schloß damit, daß die neiwn Stahlwerke um zwanzig Gulden höher standen als zu Beginn.
Der folgende Tag war womöglich noch bewegter. Alles war wie im Taumel. Kein Mensch wußte, was mit dem neuen Stahlwerken los sei; es lag nicht der mindeste Anlaß vor, gerade dieses Papier zu bevorzugen, und doch standen immer nur neue Stahlwerke im Mittel- pimkt des Interesses. Die Kontremine hatte auf die Gerechtigkeit ihrer Sache pochend noch einen Vorstoß ge wagt und wurde abermals mit blutigen Köpfen heim geschickt. Man dachte an ein verwegenes Manöver irgend eines großen Faiseurs, man ließ die bekannten großen
und gefährlichen Spieler Revue passiren, aber es war nichts zu entdecken.
Die Journale ließen den Direktor der neuen: Stahlwerke interviewen, aber auch er konnte keine Aufklärung geben. Seine Gesellschaft stehe allerdings ausgezeichnet, aber den Rummel verstehe auch er nicht.
Man wurde auch nicht klüger, als man sich die Leute ansah, die als Käufer auftrccken. Es kaufte nun schon Jeder, weil Jeder seinen Antheil an der Beute haben wollte. Allerlei Erklärungen wurden gesucht. Eimnal tauchte das Wort aus: „die Kreditanstalt kauft i" und es gewann sofort Flügel. Wettgehende Kombinationen wurden daran geknüpft. Es war ruchbar geworden, daß Cannabel verkaufe, und man sprach nun von einem Duell der Rothschild-Gruppe mit Cannabel. Diese Erklärung ließ sich aber nicht lange aufrecht erhalten. Man kannte die Agenten der Länderbank und der Unionbank und man sah, daß diese austen. was sie nur kaufen konnten, und unzählige Coulifsiers aus allen Parteilagern kauften ebeilfaüs.
Die elftere Annahme war auch schon deshalb falsch, weil Cannabel schon lange nicht mehr zu den Losgehern zählte. Er hatte es längst aufgegeben, mit dem Kopf durch die Wand rennen und der allgemeinen Börsen- sümmung gegenüber hartnäckig und unbedingt Recht behalten zu wollen. Als er den konträren Wind wahrnahm, da drehte auch er den Mantel und ließ in aller Sülle das doppelte und dreifache dessen kaufen, was er vordem gegeben hatte.
Me neuen Stahlwerke beherrschten den Markt uird jeder Tag brachte neue mächtige Kurserhöhungen. Die Zettungen gaben sich alle Rühe, die Grundlosigkeit dieser wahnsinnigen Hausse darzuthun, aber das Papier stieg immer weiter. Das einflußreichste Fachblatt beleuchtete in einem ausgezeichneten, mtt großer Sachkenntniß und völliger Beherrschung des vorliegenden Materiales ge- schriebenen Arükel den Mangel aller vernünftigen Voraussetzungen zu einer so stürmischen Aufwärtsbewegung der Kurse. Der Verfasser wies nach, und er führte dabei einen großen und überzeugenden Apparat von Ziffern und Daten ins Feld, daß der momentanen günstigen Meinung für die neuen Stahlwerke die innere Berechtigung fehle, und daß ein Rückschlag sich unfehlbar sehr bald und sehr empfindlich werde fühlbar machen müssen. Er warnte daher das große Publikum sehr ein- dringlich, sich Hineintreiben und sich abermals, wie schon so oft, die Rolle des schwarzen Peters aufhalsen zu lassen. Bei all seiner sittlichen Ueberzeuguirgstreue hatte der sehr angesehene Verfasser jenes schönen Artikels in aller Strlle doch seinen Lestagenten beauftragt, ihm auch fünfhundert „Neue Stahlwerke^ zu raufen.
Me Theoretiker mochten reden und schreiben, so viel sie wollten, über die Grrindlosigkeit, Haltlosigkeit und Ungereimtheit der stürmischen Hausse, sie vollzog sich doch auf durchmrs logische Art. Es gab im ganzen vierzig- tausend Stück Aktien der neuen Stahlwerke. Für Riemer allein war durch drei Banken bis zu dem von ihm ge- stellten Ternrine der ungeheuere Posten von siebzehntausend Stück aufgekauft worden. Dazu kamen noch dre unzähligen Schlüsse der übrigen Spekulanten. Me Kon- ttensine hatte sich niemals in einer übleren Lage befunden, sie war einfach eingezwickt. Es trat für sie d:e schreckliche Kalamität des Stückemangels ein; sie konnte nicht liefern und war somit auf Gnade und Ungnade
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49. Jahrgang. 1901*
preisgegeben. Sie war vollständig wehrlos geworden» mutzte sich jeden Kurs gefallen lassen und schließlich fror sein, wenn ihr gegen schwere Vergütung Stücke geliehen wurden.
Nach Ablauf der ersten von Riemer bedungenen zsthn Tage trat aber nun der rriüsche Moment ein und dir Gefahr tauchte auf, daß der ganze bisher erzielte Erfolg wieder über den Haufen geworfen würde. Wie es nicht ohne Wirkung bleiben konnte, daß so gewaltige Posten aus dem Markte genommen wurdm, so mutzte sich noth- wendigerweise die entgegengesetzte Wirkung und zwar voraussichtlich unter sehr verschärften Formen einstellen, wenn nun der Markt mst dem ganzen Materiale auf ein, mal überschwemmt werden sollte.
Es kam aber zu keinem katastrophalen Preissturz. Es kam wie es in solchen Fällen zu kommen pflegt: das Publikum riß sich förmlich um die Rolle des schwarzen Peters. Es besann sich jetzt, nachdem die Kuh aus dem Stalle war, auf seinen Vortheil. Im Anfänge stand es den Ereignissen skeptisch gegenüber, dann stutzte es, über- legte, wartete ab, und darm, als neue Stahlwerke glücklich auf 210 standen, stteg es mit Begeisterung hinein und drängte sich förmlich, sein Geld zur Börse zu tragen.
Aus den entlegensten Provinzen trafen an dir Bankiers und Kommissionäre massenhafte KausordrÄ auf neue Stahlwerke ein und so wurde es möglich, selbst die gewaltigen Bestände Riemers in der vorgeschriebenest Zeit abzustoßen, ohne daß allzuviel von dem bereits errungenen Vortheil geopfert werden mußte. '
Als Riemer die umfänglichen Abrechnungen erhalten hatte und aus Grund derselben seine Aufstellungen nrachte, gelangte er zu dem Ergebniß, daß er nach Abzug aller Kosten am Stück durchschnittlich achtundvierzig Gulden gewonnen hatte, also siebzehntausendmal achtundvierzig Gulden. ,
Er behob nur die Bürgschaft nebst den Zinsen, die für die Frist seit der vorzeitigei: Behebung fällig geworden waren; den Rest beließ er bei den Banken. Zur Rechtfertigung der vorzeittgen Behebung vor dem Hofrath hatte er sich einen einleuchtenden Vorwand zurechtgelegt, und er konnte nunmehr mst Ruhe das Weitere ab- warten.
XIII
Riemer war nun ein reicher Mann; er hatte das Ziel seiner Sehnsucht erreicht, aber — seltsam, sein Glück be- rettete ihm eine Enttäuschung. Er hatte sich das Glück anders vorgestellt. Er hatte gedacht, entlastet aufzu- athmen, die Welt im Sonnenschein vor sich zu sehen unö entzückt die Freuden eines glanzvollen Daseins zu gs nießen, und nun hatte sich doch nichts geändert, es wärt denn zum Schlimmeren. Was hatte er für Pläne ge* schmiedet für den Fall, als sein Anschlag gelingen sollte, und nun war ihm doch Alles vergällt. Er hatte den Humor verloren und er konnte nicht einmal mehr recht lachen. Er erinnerte sich der Sage von der Höhle des Trophonios. Wer einmal in sie einen Blick geworfen, der lachte im Leben nicht mehr. Er hatte in eine solche Höhle geblickt. Als er sich den Revolver gekauft hatte, da fühlte er sich als ein zum Tode Verurthellter. Die Tage und die Nächte, die er daim durchlebt hatte, — üben standen warm sie ja nun, aber der Einsatz bei dem Spiels war doch ein zu großer gewesen. Derlei vergißt sich nicht, (Fortsetzung folgt.)
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