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a Morgen-Veilage des Wiesbadener Tagblatts. M

Nr. 132.

Donnerstag» 10. 3uitf.

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IS. Fortsetzung.)'

Um die Beute.

Kriminalroman von Reinhold Ortman».

'(Nachdruck verboten.)

'Heinrich Wendriner war ganz warm geworden, mkd IGrevenberg, der es nicht gewagt hatte, chn zu unter­brechen, füllte sich aus Höflichkeit verpflichtet, zu sagen, Kas; er schon beim ersten Anblick die Empfindung ge­habt habe, Fräulein Hanna müsse eine autzergewohn- Äiche junge Dame sein, eine Äußerung, die ihm einen "dankbaren Händedruck Heinrich WendrinerS eintrng.

„Jawohl — außergewöhnlich im besten Sinne des Wortes, ein Schatz für ihre schwergeprüften Eltern und ohne allen Zweifel ein köstliches Kleinod für den Mann, shem es gelingt, ihre Liebe zu gewinnen. Vorläufig freilich" — und er verzog die Lippen zu ernem bitteren Lächeln — „brauchen wir wohl kaum zu fürchten, daß man sich darum drängen werde, sie unT zu entführen. Mn armes Mädchen — Sie wissen ja, mein lieber pm- aer Freund, was bas heutzutage bedeutet, ^n einem Jahr aber — und vielleicht auch schon früher — durfte es damit wieder anders aussehen. Denn ich gehöre glücklicherweise nicht zu den Deuten, die sich so leicht vom Schicksal unterkriegen lassen. Selbstvertrauen und Elastizität — das ist es, worauf es im Löben ankommt, »nein lieber Herr Gr svenberg I Ich habe von beidem genug, um mich wieder in die Höhe zu arbeiten. Wie pie Dinge augenblicklich liegen, fehlt es mir nur noch an eineni Kapitalisten, mit dessen Hilfe rch m«me ^deen Msifllhren kann. An dem Tage, wo ich einen Men- Achen finde, der mir hunderttausend Mark zur Ver­fügung stellt, habe ich meinen Fuß wieder auf der Leiter, lltilb ich werde meine fatalen Erfahrungen nicht umsonst ysinacht haben. Binnen Jahresfrist garantiere ich meinem Teilhaber eine halbe Million."

Er war mit lebhaften Bewegungen im Zimmer auf gd niedergegangen, während er vor seinem ehemaligen /titgefangenen dies glänzende Zukunftsbild entrollte. M Pani Grevenberg keine Erwiderung «hatte, schien zu befremden, denn er blieb plötzlich vor ihm Han.

„Sie trauen mir «das nicht zu, nicht wahr? Es

f mmt Ihnen komisch vor, wenn ein Mann in merner ,ge davon spricht, daß er innerhalb weniger Monate »inderdtcmsende erwerben werde?"

„Durchaus nicht, Herr Wendriner. Als Kaufmann weiß ich gut genug, welche Wunder Scharfblick und Hnevgie auf geschäftlichem Gebiete zu verrichten der- mögen. Es ist traurig für mich, daß ich nicht über die Summe verfuge, deren Sie für den Anfang benötigen.

Heinrich Wendriner antwortete nicht. Für einen Augenblick sahen sich die beiden Männer in die Angen, bann aber war eS, als könne Paul Grevenberg 'den Messerscharfen Blick des anderen nicht ertragen, denn jtt schaute zur Seite, und ein verlegenes Lächeln, das Eigentlich durch nichts motiviert war, irrte Mer sem Gesicht.

Es entstand ein lmmevers Schweigen, seltsam genug mich den aufgeregten Reden, die noch eben in über- strömendenr Wortschwall von Heinrich Wendnners Lip­

pen geflossen waren. Dann öffnete sich die Tur, und Hannas schlanke Gestalt erschien auf der Schwelle.

„Ihr Zimmer ist bereit, Herr Grevenberg; wollen Sie mir erlauben, es Ihnen zu zeigen?"

Er folgte ihr bis an das Ende des langen Korridors in der Erwartung, daß auch ihr Vater mitgehen wurde. Aber Wendriner blieb im Wohnzimmer , zurück, und znm zweiten Male war er mit Hanna allein. Sie hatte vor ihm eine Tür geöffnet und war zuerst in das kleine schmale Gemach eingetreten, dessen einziges Fenster auf einen ziemlich engen Hof hinausging. I

„Sie werden sich behelfen müssen", sagte sie. „Hoffentlich finden Sie den Raum nicht allzu be- schränkt." , ,

„Es ist mehr, als ich brauche", versicherte er. „Aber es setzt nlich in Verlegenheit, zu denken, daß ich ^hven Mühe und Unbequemlichkeiten verursacht habe."

Mit derselben ernsten Miene, die er vorhin während des Klavierspiels an ihr beobachtet hatte, schüttelte sie den Kopf. „Ich hatte keine Mühe davon. Und dann" — es ist doch unser Geschäft."

Es gefiel ihm, daß sic das so vuhrg sagte, ohne alle Zlererer .und Mnz oh,ne Bitterkeit. Und doch war vrel« leicht kaum mehr als ein Jahr vergangen, daß sie da- von geträumt hatte, an der Seite eines glänzenden Offiziers die Herrin eines üppigen Haushalts und me Königin rauschender Feste m sein. Nein, ein alltäg­liches Geschöpf' 'war sie sicherlich nicht, und es mußte wohl der Mühe wert sein, sie näher kennen zu lernen.

„Wenn Sie irgendwelche Wünsche haben, brauchen Sie nur nach dem Mädchen zu klingeln", fuhr sie fort. „In einer halben Stunde ungefähr dürfen wir Sur wohl pn Essen rufen." M r „ ,

Damit ging sie hinaus, und Paul Grevenberg ärgerte sich, daß er ihr so gar nichts Gescheites zu sagen gewußt. Eine halbe Stunde später aber hatte er sie schon vergessen, denn seine Gedanken verloren sich in eine ganz andere Richtung, sobald er einen Blick in den Wandspiegel geworfen hatte, aus dom ihm ein fahles, hohlwangiges Gesicht wie 'das Antlitz eines wild- fremden Menschen entgegenschante.

Siebendes Kapitel.

Der warme Sonnenglanz eines der letzten schönen Herbsttage lag Mer dem freundlich am Bergeshang auf- gebauten Städtchen. Die Lust war mild und köstlich wie im August, aber die Wipfel der Bäume, dre überall Machen idon roten Ziiygeldächern hervor tauchten, hatten sich schon bunt verfärbt, und unter den Füßen des jun­gen Mannes, der eilig eine der höher gelegenen, sterl ansteigenden Straßen hinanschritt, raschelten die welken Blätter.

Dia oben standen nur noch einige Landhäuser, von denen beinahe jedes das Buen Rotiro eines aus dem geräuschvollen Treiben der nahen Großstadt hierher ge- flüchteten pensionierten Offiziers oder Staatsbeamten war. HMche Gärten umschlossen die wechschimmew-