Wiesbadener Sagblatt.
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Montag, 7. Juni 1915.
Kbend-Kusgabe. _ «». 2s». .«. -ahrg-ns.
Die Kriegslage im Osten und ihre Ent- wicklüng, besonder; seit Mitte April d.Z.
Won General ö. Inf. z. D. v. Blume,
l.
Berlin» 3. Juni.
Der Brennpunkt der Kriegslage — man kann wohl sagen: der Weltlage — liegt gegenwärtig im Osten, wo die deutschen und österreichisch-ungarischen .^öcmbaren" in innigster Waffenbrüderschaft ihr Herz- jblut einsetzen, um die Menschh>eit vor der Verelendung durch russische „Kultur" zu bewahren. Nachdem die russische „Dampfwalze", die uns nach dem Plane unserer Feinde zermalmen sollte, im Herbst des vorigen Jahres, ehe sie die deutsche Grenze erreichte, in Russisch- Polen bis nah an die Weichsel, in Galizien bis Wer den iDunajec zurück,gewiesen war, kam unsere Gegenoffensive vor den dortigen stark befestigten Linien der Russen zum Stehen. Wer auch unsere Truppen errichteten diesen nahe gegenüber eine frontal unüberwindliche Mauer. Deshalb versuchten die Russen /die große Übermacht ihrer Zahl durch Unternehmungen aus den Flanken zur Geltung zu bringen. Aus ihrer rechten Flanke brachen sie mit starker Macht zu .-einem Angriff gegen Ostpreußen vor, erlitten aber, ebenso wie bei ihren früheren Einfällen in jene Pro- vinz, eine vernichtende Niederlage, diesmal in der „Winterschlacht an den masurischen Seen" (7. bis 12. Februar). Seitdem sehen sie sich zum Schutz der breiten rechten Flanke und des von dorther bedrohten Rückens ihrer nach Westen gerichteten Hauptfront auf die Verteidigung der von Natur starken und künstlich befestigten, Narew-Bobr-Njemen -Linie angewiesen. Sie führen diese Verteidigung mit beträchtlichen Kräften aktiv, d. h. unter häufigen Vorstößen über die vorerwähnte Linie, besonders von G r o d n o und Kowno aus. Doch sind ihre Vorstöße, namentlich in der Gegend von Praschnüsch, Augustow, Suwalki, Kal- warja usw., stets unter inehr oder weniger großen Verlusten gescheitert, ohne die preußische Grenze zu erreichen. Nur im äußersten Nordwinkel der Provinz gelang den Russen ein überraschender Plünderungszug gegen die Grenzstadt Memel. Die Einbrecher wurden jedoch nach wenigen Tagen unter schweren Verlusten über die Grenze zurückgetrieben. Im Anschluß daran erfolgte der Einmarsch eines stärkeren deutschen Truppenkorps in Kurland, das einerseits in der Richtung auf Riga bis nahe an M i t a u vordrang, andererseits die wichtige, große Vorräte bergende Hafenstadt Libau in Besitz nahm (7. Mai). Von Mitau zagen sich unsere Truppen bei Annäherung überlegener feindlicher Kräfte auf Szawle zurück. Hier kam es in den Tagen vom 10. bis 14. Mai zu lebhaften Ge- fechten, die mit Zurückweisung der russischen Angriffe endigten. Ebenso scheiterten in den folgenden Ziagen Vorstöße stärkerer, von Kowno kommender Kräfte gegen die rückwärtigen Verbindungen des deutschen Einbruchskorps. Die Angreifer wurden in mehrfachen Gefechten an der Dubissa sowie auf beiden Ufern jdes Njemen völlig geschlagen. Sowohl Libau als auch Szawle befinden sich nach wie vor in unserem Besitz. Die im Monat Mai nördlich des Njemen gemachte Beute besteht aus 24 700 Gefangenen, 16 Geschützen, 47 Maschinengewehren.
Während die Russen die rechte Flanke ihrer nach Westen gerichteten Ha-uptftont in der angegebenen Weise zu sichern trachteten, konnten sie Schutz für die linke, der Richtung der Karpathen folgende Flanke nur durch Beherrschung dieses Gebirges finden. Schon bei ihrem ersten Vordringen in Galizien, dessen Erwerbung ein Hauptziel ihrer Kriegführung war und ist, hat- ten sie sich daher bis auf den Kamm des Gebirges, zum Teil darüber hinaus in das ungarische Gebiet, vorgeschoben. Sie sind auch, seit der linke Flügel ihrer Front bis hinter den Dnnajec zuvückgedrängt wurde, nach Kräften darauf bedacht gewesen, sich im Gebirge zu behaupten. Gegen Ende des vorigen Jähres beschlossen mm, wie erinnerlich, die deutsche und die österreichisch- ungarische Heeresleitung mit einer aus ^beiderseitigen Truppen zu bildenden Heeresmacht von Ungarn aus in und über die Karpathen vorzudringen. Unter heldenmütiger Überwindung der Hindernisse, die der Feind, der Winter und die Beschaffenheit des Gebirges bereiteten, wurde das Unternehmen mit dem Erfolge ausge- sührt, daß die Russen Mitte März fast in der ganzen Ausdehnung des Gebirges bis an den Nordrand des breiten Kammes zurückgeworfen waren. Dort aber erhielten sie, besonders nachdem am 22. März die galizische Festung Przemysl nach langem, tapferen Widerstande durch Kapitulation in ihren Besitz gelangt war, so erhebliche Verstärkungen, daß sie aufs neue Boden aus dem Gebirgskamm zu gewinnen vermochten. Kort wogte nun der Kampf mit gesteigerter Erbitte
rung wieder auf und nieder, ohne daß es einer von beiden Parteien gelungen wäre, die andere zum Abstieg von der Höhe zu zwingen. Es bedurfte des Einsatzes neuer Kräfte seitens der Verbündeten an anderer Stelle, um eine Entscheidung in diesem Sinne zu ihrem Gunsten herbeizuführen. Diese Wendung tvach anscheinend für die Russen überraschend, am 2. Mai ein.
, (Schluß folgt.)
von den östlichen Kriegsschauplätzen.
Oie Kriegsbeute von przemysl.
Berlin, 7. Juni. Bei der Einnahme von Przemysl fielen, wie dem „B. T." aus dem K. K. Kricgspreffequartier gemeldet wird, 7 0 0 0 Gefangene, 31 Geschütze und 30 Maschinengewehre in die Hände der Verbündeten. Nach Aussagen von Gefangenen sei der Besatzung der Befehl erteilt worden, sich bis zum letzten Mann zu halten. Das überwältigende Artilleriefeuer brach aberienen Widerstand.
Kuch die russische Onjeftr-Linie nicht mehr lange haltbar?
Bi. Berlin, 7. Juni. (Eig. Dcahtbericht. Ktr. Bin.) über die weiteren Erfolge der Verbündeten im Raum zwischen Przemysl und Lemberg wird dem „L.-A." aus dem Kriegsprcssequarticr gemeldet: Bei der Erstürmung von
S t a r z o w a, 12 Kilometer nordwestlich von Mocziska» bliebe» 4000 Gefangene in den Händen der Verbündeten. Die Armee L i n s i n g e n erstürmte (wie gemeldet) den russischen Brückentopf von Z u r a w n o, 32 Kilometer nordöstlich von Str»j. Dadurch ist der für den Feind wichtige," rechts und links von Sturwano am Dnjestr liegende Brückenkopf und Eisenbahnübergang umgangen und bedroht, so daß erwartet werde» darf, datz die Russen auch den Dnjestr nichr mebr lange werde» halten können.
Der russische Kriegsbericht.
Petersburg, 6. Juni. (Ktr. Frkft.) Der Große Generalstab teilt mit: Beträchtliche-deutsche Seestreitkräfte
linrrden in der mittleren Ostsee bemerkt- Unsere Schiffe wechselten einige Schüsse mit den deutschen in der Nähe deS Golfes von Riga. An beiden Ufern des Njemen an der Narewfront und am linken Weichselufer keine wesentliche Änderung der Lage. Unsere Offensive am unterenSan entwickelte sich am 3. und 4. Juni erfolgreich'. Das 14. österreichische Korps, das an den vorhergehenden Tagen an der Front bei Podwolina und D truz a eine Niederlage erlitt, zog sich in die befestigten Stellungen zwischen Leng und San an die Front der Dörfer Stary Jata und Lentownia zurück. Der Kampf um den Besitz dieser Gegend brachte uns über 1000 Gefangene. Bei einem Gegenstöße schritten die von uns bedrängten Österreicher und starke deutsche Reserven, die sich am linken Lenguser zusammengezogen hatten, in der Nacht zum 4. Juni zum Angriff und machten an der Front Krawoe-Burdzi drei stürmische Borstöße, die zurückgewiesen wurden. Am rechten San- u f er zwischen den Flüssen Lubaczowka und Selo bemächtigte sich unsere Infanterie am 4. Juni in der Gegend des Dorfes Korceniza mehrerer deutscher Schützengräben. Am 3. Juni gelang es dem Feind, sich des Dorfes Starzawa am linken Misznia-Ufer zu bemächtigen. Unser Gegenangriff warf ihn aus dem Dorfe, doch hielt er sich auf den benachbarten Höhen. Der Feind griff in der Nacht zum 4. Juni unsere Stellungen zwischen dem Dorfe Krukenza -und dem Flufle Strwiacze an, wurde aber unter großen Verlusten zurückgeworfcn. Der Feind setzte am 3. Juni seine Angriffe auf' unsere Brücken, köpfe am D n j e st r zwischen Tysmenica und der Eisenbahn Stryj-Mikolajow fort. In der Stellung bei dem Ugartsberg warfen wir im Laufe des Tages vier heftige Angriffe zurück, wobei wir uns der Bajonette und Handgranaten bedienten. Am Mittag des folgenden Tages begann der Feind, der von der ganzen obenbezeichneten Front zurückgedrängt wurde, sich an einer neuen Front außer Reichweite unseres Kanonen- feuers zu sammeln. Unsere Truppen nahmen die Offensive aus und griffen den Feind bei Kriniza cm. Der Kampf dauert fort.
„Den Zweiflern".
Vielsagende russische Bekenntnisse.
W- T-B. Petersburg, 6. Juni. (Nichtamtlich.) Unter der Überschrift „DenZweiflern!" richtet die dem H ö ch st- kommandierenden nahestehende „ Wetschernaja
Wremja" einige Worte an die Adresse derer, die da zweifeln -und in Verwirrung geraten sind. „Unter den schweren Seufzern der Massen, die leider nicht begreifen, und bei der verbrecherischen Lässigkeit derer, die wohl begreifen, aber schweigen und untätig sind, zerfällt allmählich die g a n z e physische Energie unseres Widerstandes. Wie schmerzlich, wie kränkend und beschämend ist das alles! Wir haben eine große Zahl von Personen, die sich darüber klar sind, daß nicht alles bÄ uns so steht, wie es stehen müßte, und sich trotzdem nicht darüber klar werden können, daß die Defensive unseres Kriegsplaues gegen Österreich Nur eine Notwendigkeit ist. So merkwürdig das Mngt, es ist aber so. Der langsame Gang der Operationen könnte wohl den Schlummer einer Kaufmannsfrau stören, aber nicht die russischen Intelligenten verwirren, die doch gewöhnt sind, alles zu analysieren. Unser Generalstab hat Mißstände im Innern de§ Landes hx Berechnung gezogen, entsprechende Maßnahmen
getroffen und nicht nach billigen Wirkungen gehascht. AUS jeder Zeile seiner Meldungen „klingt es heraus", so ist es und nicht anders. Wir alle, die wir durch L i b an und das Zurückgehen aus die S a n l i n i e in Zweifel und Verwirrung geraten sind, müssen daran denken; wenn wir uns nicht in die laufenden Ereignisse bis zn dem Grade hineindenken, wie dies zum Kampfe mit dem hochverräterischen Geflüst-ea nötig ist, dann wehe nns. Nicht Wehe über den Staat urü> die Nation, die trotz allem mit ihren Ausgaben ins Reine kommen werden."
Französische veschönigungsversuche der i russischen Niederlagen.
W. T.-B. Paris, 7. Juni. (Nichtamtlich.) Die „Agence Havas' teilt mit: Die russischen Armeen stehen seit einigen Wochen einer ungeheuren Kraftanstrengung gegenüber. Sie befinden sich in derselben Lage, in die sich im August, Seoiember und November die franzö- s i sch e Armee versetzt sah. Deutschland ist dank seiner gen* Walen Lage imstande, einen beträchtlichen Teil seiner Kräfte schnell von einer Front zur anderen werfen zu können und nützt augenblicklich diese Erleichterung^;egen unsere Verbünde- ten aus, wie es sie vor einigen Monaten gegen uns ausnützte. So w:e es im September trotz der August- Oft f e n s i v e nicht in Rußlands Macht ivar, die Znsammenzichung von 52 deutschen Korps zu den Schlachten an der Marne und bei Dpern gegen Frankreich zu verhindern, genügte unsere durch sechs W o ch e n entwickelte Tätigkeit nicht, die Verschiebung starker, von der Westfront entnommener deutscher Kräfte nach der Ostfront zu verhindern. Davon rühren jetzt die Schwierigkeiten unserer tapferen Verbündeten her. Sie-stehen diesen Schwierigkeiten mit bewundernswertem Heldenmut gegenüber, dem die französische Armee und das französische Volk öi-nmüliHe Anerkennung zollen, in ^er tiefen Iwer- zeuguug, daß die Kampfe, die in Galizien geliefe rt w erden, einen unvergänglichen Ruhmestitel bilden. Wie groß übrigens auch die Tüchtigkeit des deutschen GeneralstabeZ und seiner Truppen sein mag, sein Vorstoß wird doch aus den» selben Gründen angehalten werden, welche die Offensive gegen uns gebrochen haben. Der energische Widerstand urü> die Gegenangriffe de: Russen werden die Krastanstrengunq aufzehren, die nicht unendlich aus neuen Hilfsquellen gespeist werden kann, zumal die von Anfang an, der Methode des deutschen Oberkommandos entsprechend, das Höchstmaß an Kraftaufwand erreicht hat. Indem unsere Verbündeten die geschleifte Festung Przemysl räumten, zeigten sie übrigens ihren Willen, bei dem ausgedehnten Bewegungskrieg e auf dem östlichen Kriegsschauplatz ihre großen Ms- quellen an Truppen voVommen zur Anwendung zu bringen. Die seit einem Monat von den französischen Armeen -erzielten Fortschritte (wo?) werden andererseits Deutschland zwingen, eine neue Verteilung der Kräfte duraKusuh- ren und die Divisionen neu aufzusüllen, die seit einemrMon-at so große Verluste an Toten, Verwundeten und Gefangenen erlitten haben. Endlich eröffnet das Eingreifen der italienischen Armee, deren Vorhuten den Jfonzo überschritten haben, einen neuen Kriegsschanplatz ftw DcmtMMd und Österreich, der binnen kurzem einen bedeut enden Teil ihrer Kräfte ans sich ziehen wird. Die Alliwrkenbetrachten die Zukunft mit unbedingtem V er trauen. Sie verfolgen unauöAesetzt die auf das grohe Ziel gerichteten Bemühungen, zu deren Verwirklichung das heldenmütige Rußland augenblicklich den schwersten Teil trägt. Jhr^gemeu^ samer Wille ist jetzt ebenso fest, wie ihre GemernburMftst
^ f Zwischen den Operationen.
Telegramm unseres zum Ostheer enffandten Kriegsberichterstatters. m
Lib«u, 5. Juni.
Nach dem glüMch und erfolgreich durchgeführten Angriff gegen die russische Armeegruppe, die aus Kowno heraus- brach, befindet sich der deutsche Flügel nördlich der Weichsel in dem Zustand „zwischen den OperaHonen . Bei Szawle und Roszieny sind fast täglich Kampfe, aber dre Russen können ihre zahlenmäßig starken Kräfte nicht aus. nutzen, weil die hier angefetzten Truppen von zum Ter! außerordentlicher Minderwertigkeit sind und die Führung unseren taktischen Manövern nicht gewachsen ist. Überraschende Vorstöße geben fast täglich Gefangene in diesen kleinen Kämpfen nördlich des Njemen.
Charakteristisch für die hier kämpfenden russischen Trup- pen ist eine Episode, die sich in den letzten Tagen absprelte. Mehrere hundert russischer Gefangener wurden von einem Dutzend Landwehrkavalleristen auf der Straße Mitau-Tilsit eskortiert, als plötzlich eine stärkere russische Kavalleriepatrouille sichtbar wurde. Die deutsche Begleitmannschaft griff die Russen an, und es entspann sich ein kleines Scharmützel, das die deutschen Kavalleristen eine Stunde lang von ihren Gefangenen trennte und sich schließlich ein paar Kilometer von der betreffenden Chanffee- stelle entfernte. Als die Unseren zurückritten in der Meinung, daß sie nun ihre Gefangenen verloren hätten, saßen die Russen ängstlich im Chausseegraben und waren glücklich, datz ihre Landsleute abgeschlagen waren und sie Iveiter in Richtung Tilsit marschieren konnten.
Auch die Truppen, die gegenüber unseren Kräften bei Libau stehen, zeigen nicht viel Unternehmungsgeist. Ein russisches Dragoner-Regiment wurde neulich von unserer Kavallerie jo lqnge gejagt, bis kein Warm mehr)
