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i --- > Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts, i» - •=» )

Nr. 128. Samstag» 5. Juni. 1915.

V. Fortsetzung.!

Um die Beute.

Kriminalroman hon Reinhold Ortmann.

(Nachdruck verboten.)

Viertes Kapitel.

Die einleitenden Förmlichkeiten waren erledigt, und der Vorsitzende des Gerichtshofes wandte sich der An­klagebank zu. Der Blick, mit dem er über die Gestalt des eleganten, jungen Mannes dort hinter den Schran­ken hinstreifte, verriet wenig Wohlwollen.

„Angeklagter, antworten Sie mir auf meine Fm gen!"

Der Angeklagte, der bis dahin starr vor sich nieder- gesehen hatte, hob die Augen. Sie waren unruhig und flackernd wie an jenem um etwa zwei Monate zurückliegenden Abend, als er sich von dem Oberstleut­nant und seiner Tochter verabschiedet hatte. Sonst aber verriet nur ein gelegentliches leichtes Zucken seiner Mundwinkel eine stärkere Erregung. Er bot offenbar seine ganze Willenskraft auf, um gefaßt und kaltblütig zu erscheinen.

„Sie heißen Paul Alfred Grevenberg, sind gut Bremen geboren und achtundzwanzig Jahre alt. Ihr Pater war der inzwischen verstorbene Schauspieler Erich Grevenbcrg. Auch Ihre Mutter ist nicht mehr opt Leben. Sie sind bischer iricht bestmst. Hat es mit dresen Personalien seine Richtigkeit?"

„Jawohl, Herr Präsident."

„Sie sind angeklagt, dein Bankhause Henning u. Co., bei dem Sie als Kassierer angestellt waren, eine Summe von hundertachtzigtausend Mark entwendet und dieselbe zu Ihrem Nutzen verbmucht zu haben. Be­kennen Sie sich schuldig?"

„Ja, ich habe das Geld entwendet, aber ich habe es sticht zu meinem Nutzen verbraucht."

„Jedenfalls haben Sie den Diebstahl in dieser Ab­sicht begangen; das geben Sie doch wohl zu?"

,Äch vermag mir kaum noch selber Rechenschaft dar- Mer zu geben, Herr Präsident, in welcher Absicht ich mich zu der verhängnisvollen Tat hinreißen ließ. Ich handelte wie unter einem unwiderstehlichen Zwang, ohne einen bestimmten Plan und ohne mir auch nur klar darüber zu sein, was ich mit dem Geld anfangen sollte."

„Verschonen Sie uns mit Ausflüchten. Was Sie beabsichtigten und noch jetzt beabsichtigen, ist durchsichtig genug. Wer sie täten in Ihrem eigenen Interesse bester, sich endlich zu einein rückhaltlosen Geständnis zu bequemen und uns vor allem zu sagen, wo Sie mit dem Gelde geblieben sind."

„Es ist mir gestohlen worden, Herr Präsident."

„Sie wollen also bei dem Märchen verharren, das Sie dem Untersuchungsrichter aufgetischt haben? Nun, sch glaube nicht, daß Sie damit viel Glück haben wer­den. Aber erzählen Sie uns doch den Hergang. Sie waren sett drei Jahren bei dem Bankhause Henning u. Co. beschäftigt, und Sie versahen seit etwa zehn Monaten den Posten des Kassierers?"

,Ähren Prinzipalen sind bis zu dem Tage des Dieb­stahls keiire Unregelmäßigkeiten in Ihrer Kassen­

führung aufgefallen. Es scheint also, daß dieses Ihre erste Verfehlung war."

„Es war die erste. Ich habe vorher niemals auch nur einen Pfennig veruntreut."

„Um so weniger können wir Ihnen glauben, daß Sie sich ohne reifliche Überlegung nun plötzlich an einer so großen Sumrne vergriffen haben sollten. Wann ist Ihnen denn der erste Gedanke dazu gekommen?"

„Nicht ftüher als in der Stunde, da ich die Tat be- ging. Es waren gerade an jenem Tage ungewöhn- sich große Summen an unserer Kaste oingezahlt worden, und der Anblick des vielen Geldes, das durch meine Hände ging, muß Mich verwirrt haben."

Der Vorsitzende lächelte ironisch. „Waren Ihnen denn solche Anwandlungen vorher niemals gekommen? Es ist doch mehr als wahrscheinlich, daß Sie schon häufig große Beträge zu verwahren gehabt hatten."

„Gewiß. Wer ich erinnere mich nicht, daß die Versuchung, mir etwas davon anzueignen, je in solcher Stärke an mich herangetreten tväre."

„Es war also lediglich die plötzlich erwachte Gier nach dem Gelde, die Ihre Handlungsweise bestimmte? Sie hatten dazu sonst keinen Beweggrund? Drückende Schulden etwa oder Verpflichtungen, denen Sie aus eigenen Mitteln nicht zu genügen vermochten?"

„Nichts von alledem, Herr Präsident."

„Auf welche Art brachten Sie den Diebstahl zur Ausführung?"

„Einfach dadurch, daß ich mir krrrz vor Kassenschluß sechs Päckchen mit je dreißig Dausendmarkscheinen in die beiden inneren Brusttaschen meines Rockes steckte."

„Konnten Sie denn das so unbemerkt trm? Muß­ten Sie nicht fürchten, daß der dreiste Diebstahl auf dev Stelle entdeckt werden würde?"

„Ich nahm einen Augenblick wahr, wo ich sicher sein konnte, von niemand beobachtet zu werden. Eine Ent­deckung hatte ich nicht vor dem übernächsten Morgen zu fürchten, denn es war «in Samstag, an welchem die Bureaus schon einige Stunden früher geschlossen wer­den als an deit anderen Wochentagen. Das Manko in der Kasse konnte sich also erst am Montagvormittag Her­ausstellen."

„Sie wollen also noch immer behaupten, daß Sie ohne Überlegung gehandelt hätten? Daß Sie gerade einen Samstag zur Ausführung des Dickstahls wähl­ten, beweist doch klar das Gegenteil. Sie meinten eben, daß ein Vorsprung von etwa achtundvierzig Stunden genügen würde, Ihnen eine Flucht zu ermöglichen."

„Ich habe keinen Versuch gemacht, zu entfliehen, Herr Präsident. Ich habe mich am Montag freiwillig gestellt."

„Weil Sie inzwischen zu der Erkenntnis gekommen waren, daß dieses den Umständen nach wohl da8 Klügere sei. Aber davon später. Bleiben wir in ge­höriger Reihenfolge. Nachdem Sie das Geld zu sich gesteckt hatten, lieferten Sie die Geldschrankschlüssel wie gewöhnlich an einen Ihrer Chefs ab und verließen bas