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Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts.
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Nr. 127.
Donnerstag, 3. Juni.
1915.
(4. Fortsetzung.)
Um Me Beute.
Kriminalroman von Reinhold Ortman«.
'(Nachdruck verboten.)
Als Martha in das Arbeitszimmer ihres Vaters zurückkehrte, fand sie die Tür unverschlossen. Herbert Lyncker stand am Fenster und blickte scheinbar sehr angelegentlich auf die Straße hinab. Das junge Mädchen aber batte jetzt mit einem Male alle Verwirrung lund Befangenheit abgeschüttelt, die sie gestern und heute ihm gegenüber so wortklarg gemacht hatte. Rasch trat sie auf den Besucher zu, der ihr einige Schritte ent- gegengekoinmen lvar, und streckte ihm ihre beiden Hände hin. Ein sonniger Abglanz der Freude, die sie soeben einem ihr teuren Menschen hatte bereiten kön- nen, lag aut ihrem Gesicht.
„Und nun lassen Sie mich Ihnen endlich danken
— aus tiefsten Herzen danken. Wie sehr bedaure ich, daß Sie nicht Zeuge der Glückseligkeit sein konnten, die Ihre hochherzige Handlung hervorgerufen hat. Nie
— nie werde ich Ihnen das vergessen!"
Er hatte ihre Hände genommen, aber sie duldete nicht, daß er sie küßte.
„Nein, nein — das sollen Sie nicht I" sagte sie mit einem Kapfschütteln, während ihre glänzenden Augen tn die seinen leuchteten. „Ich stehe so klein vor Ihnen da, und ich bin so voll Dankbarkeit und Devchrung für Sie, daß Sie mir wahrlich nicht mehr die Hände küssen dürfen."
Sie gab sich in dem Übermaß ihrer Herzensfreude wie ein reich beschenktes Kind, dem kein Ausdruck des Dankes und 'das Jubels stark genug ist. Aber sie war doch kein Kind mehr, sondern eine herrlich erblühte Jungfrau, und der Mann, dem sie ihre Bewunderung so unzweideutig kundgab, liebte sie seit der Stunde, als er sie von seinem Logenplatz aus beobachtet hatte, mit rasender Leidenschaft. Wie hätte er da in diesem Augenblick der lockenden Versuchung widerstehen sollen, die ihre schönen, schwärmerisch leuchtenden Augen, ihre halb geöffneten, feuchtschimmernden Lippen für.ihn bedeuteten! . . _
Fast ohne zu wissen, was er tat, nergte er sich herab, um sie zu küssen. Und Martha ließ es ohne Widerstreben geschehen. Ihre Lippen erwiderten den Druck der seinigen nicht, un>d es war durchaus nichts von der anschmiegenden Hingabe eines liebenden Weibes in der Art, wie sie seine stürmische Zärtlichkeit duldete. Ihre ahnungslose Mädchenhaftigkeit wußte nichts von alledem. Sie fühlte ja, daß dies eine Liebeserklärung sei, und sie war nicht im ungewissen darüber, was sie tat, indem sie die Liebkosungen dieses Mannes über sich ergehen lieh, aber ihr Herz pochte nicht in dem unge- stümen Takt der Leidenschaft. Eine Empfindung der Darckbavkeit nur war in ihr, und sie war naiv genug, zu wähnen, daß dieses die viel besungene, die göttliche
Liebe sei. — , „ „ „
‘,$a, zum Henker, was ist denn das? — Martha, Mädel, bist du denn ganz des Teufels?"
Die rauhe, schon zu gewöhnlichen Kesten etwas polternde Stimme des Oberstleutnants dröhnte plötzlich
mit solcher Frage in die Weltvergessenheit des jungen Paares hinein.
Herbert Lyncker war heftig zusammengefahren und hatte das junge Mädchen sogleich freigegeben. Martha aber zeigte mehr Mut und Geistesgegenwart als er. Ohne jodes Anzeichen der Bestürzung eilte sie auf ihren zornig blickenden Vater zu und umschlang seinen Hals.
„Ich bin ihm gut, Väterchen — und, nicht wahr, du bist nicht so grausam, uns deinen Segen zu verweigern?"
„Du bist ein Kindskopf", grollte der Oberstleutnant, trotz seiner unwilligen Überraschung ein wenig gerührt. „So schnell geht dergleichen denn doch nicht. Vorerst möchte ich mit dem Herrn da ein paar Worte unter vrer Augen reden." _ rir ,
„Ich bin zu Ihrer Verfügung, Herr Oberstleutnant", stammelte der Besucher, dem es noch immer nicht recht gelang, seine Haltung wiederzusinden.
Martha, die freilich am liebsten bei der Auseinander- setzung zugegen gebliwen wäre, zog sich auf einen sehr energischen Wink ihres Vaters langsam zurück. Aber noch von der Schwelle aus warf sie dem Manne, in dem ihre jugendliche Phantasie den edelsten und hochsinnigsten aller Menschen sah, einen ermutigenden Blick zu, der ihn anstacheln sollte, dem bevorstehenden Sturme tapfer die Stirn zu bieten.
„Nui: also, mein Herr — rch erwarte Jl)re Er- klärung", eröffnete der Oberstleutnant in sehr gemesie- nem Tone die Unterhaltung. „Wie mir scheint, haben Sie von dem Vertrauen, das ich Ihnen entgegenge- bracht, nicht eben den besten Gebrauch gemacht, indem Sie dem Kinde hinter meinem Rücken den Kopf verdrehten." ^ _ r
„Ich bitte um Verzeihung, Herr Oberstleutnant, aber ich kann Ihnen versichern, daß vor diesem Augen- blick nichts geschehen oder gesprochen ist, was solchen Vorwurf rechtfertigen könnte. Ein Zufall nur, eine unvorhergesehene Fiigung —"
„Nun, gleichviel! Das, was ich mit meinen eigenen Augen gesehen habe, wird damit doch nicht aus der Welt geschafft. Ich liebe Deutlichkeit und Kürze. Sie haben also meiner Tochter erklärt, daß Sie sie lieben, und es ist natürlich Ihre Absicht, sich um sie zu Lewer- den. Oder ist das etwa Ihre Absicht nicht, mein Herr?
„Ich würde glücklich sein, Herr -Oberstleutnant, wenn Sie mich für würdig hielten —"
„Was Ihre Würdigkeit betrifft, so habe ich darüber nach so kurzer Bekanntschaft selbstverständlich noch kern Urteil. Ich weiß, daß Sie aus guter Famrste sind, und Sie haben wiederholt angedeutet, daß, Sie über ein beträchtliches Vermögen verfügen. Nach dieser Richtung hin würden sich also nnübekwindliche Schwierig, leiten nicht ergeben. Denn ich lege bei der Wahl eines Gatten für meine Tochter kein entscheidendes Gewicht darauf, Laß er das Wörtchen „von" vor seinen Namen setzen kann. Anständige Herkunft und eine makellose Vergangenheit gegniigen mir,, wenn ülle sonstigen Bor.
