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Wiesbadener Tsgblsit

40. Jahrgang.

Verlag: Langgasse 27.

CBHtU ln Zwei ANSgavr«. . .

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353. «.,»»»-.1».°«-.». Mittw och, be" 8t Iui>.

Verlags-Fernsprecher N». 2266.

1901 .

Jum neuen Jalltaris-Entiuurs.

Presse «nd Zolltarif

L. Berlin, 30. Juli.

Es ist die Eigenthümlichkeit (und keine schlechte übrigens) der Kämpfe um den Zolltarif, daß sie vor und in der Oeffentlichkeit so gut wie ausschließlich durch die Presse geführt werden. Es giebt Leute, die eine stärkere Bewegung in der Bevölkerung gegen dre vorgeschlagenen landwirtschaftlichen Zölle darunr bestreiten, weil man schlechterdings nichts von Volksversammlungen und sonstigen, außerhalb der Presse möglichen Protestkund­gebungen höre. Diesen unkundigen Zweiflern an der Volksstimmung könnte entgegengehalten.werden, daß, M auch die Freunde des Zolltarifentwurfs keme Massen- Versammlungen veranstalten, sondern sich 'je

anilaen ihre Forderungen durch dre konservativ^ agrarischm Blätter lmit werden zu lassen, ^n der That wird in dieser Hinsicht aus beiden, Se-tm glnchartig ver^ fahren, und die Erscheinung erklärt sich leicht genug, ^soweit es die Aufgabe ist, mit dem Rüstzeug von Fach­kenntnisse,i diese oder jene /varifposition zu bekämpfen, geschieht das durch die zuständigen Körperschaften, durch die Handelskammern und sonstigen Korporationen. In­soweit es aber darauf ankommt, die Stimme gegen eure Wirthschaftspolitik zu erheben, deren schliMme Folgen jeder Deutsche und jede Deutsche am eigenen Leibe sofort spüren müßte, kann die erregte öffentliche Meuiung ihre Sache vertrauensvoll den Blättern überlassen, und um- gekchrt schenken auch die bündlerisch gesinnten Volks- kreise ihrer Presse das gewiß berechtigte Zutrauen, daß sie es an der genügenden Vertretung vermeintlicher Lebensin eresseii nicht fehlen lassen wird. Mali bat sich gewundert, daß die Socialdemokratie bisher so wenig außerhalb ihrer Blätter gegen das drohende Unheil agitirt und protestirt hat. Wenn die Verwunderung das Richtige träfe, so könnte die Socialdeinokratie den andern, auf dein Boden der Handelsvertragspolitik stehenden Parteien denselben Vorwurf zurückgeben Wie! sehr der Schwerpunkt der Agitation m der Preßthatigkeit liegt, NeN man am besten daraiis, daß verschiedene Kund­gebungen in Versammlungen, wie ste die letzten Monate ja auch wiederholt gebracht haben, verhaltnißmaßig spurlos vorübergegangen sind, während dre tägliche ein­dringliche Preßaktion ihre, starken Wirkungen thut. Wenn nunmehr vorgeschlagen wird, daß eine großartige Kun gebung von gewerblichen Körperschaften und von städtischen Vertretungen gegen die maßlose Steigerung der landwirthschaftlichen Zolle m Berlin stattfinden soll, daß so laut geschrieen werden soll, bis es die Mächtigen hören, so läßt sich gegen solche Orgamsirung der Protest­stimmung gewiß nichts einwenden, und man kann dem Vorhaben nur bestens Glück wünschen, aber dre wichtigste Arbeit wird doch imnier von der Presse zu thun sein, wcw denn auch, wie gesagt, ausreichend und fordersinn ge­schieht. Richtiger ausgedrückt, die wichtigste Arbeit wird dem Reichstag zufallen, aber bis dahin, wo er zu sprechen hat darf zu den liberalen Blättern das Vertrauen gehegt werden, daß sie es nicht an sich fehlen lassen werden.

fuhr Deutschlands nach Oesterreich - Ungarn im selben -Jahre 634,984,000 Kronen ausmachte. Da die ge­stimmte Ausfuhr der österreich-ungarischen Monarchie 1 942,000,000 Kronen betrug, so ersieht man aus diesen Ziffern, daß circa die Hälfte der gesammten Ausfuhr der Monarchie nach Deutschland geht und daß der geplante Zolltarif mit seinen exorbitanten Erhöhungen unseren Lebensnerv treffen mußte, daß zedoch, da im ^ahre 1900 von der gesammten Einfuhr Oesterreich-Ungarns un Le- trage von 1,696,358,000 Kronen auf Deutschland 634 987,000 Kronen entfielen, uns auch ganz bedeutende Retorsionsmaßregeln zur Verfügung standen , Ebm sind beide Regierungen, die österreichische wie die ungarische, daran, unsere autonomen Zolltarife auszu- arbeiten. Die Publiziruug de» deutschen Zol tai f-Ent- wurfs hat diese Arbeiten iah unterbrochen Alles fragt sich, fieberhaft erregt, was da werden wird, und Alles hofft bei uns, daß trotz des Frohlockens der deutschen Agrarier das letzte Wort in der That noch nicht ge­sprochen ist, und daß die politische Raison über die m ihren Ansprüchen ins Uiiermeßliche wachsende ^uiiker- Politik in letzter Stunde triumphiren wird. Wenn man nur einen flüchtigen Blick auf die Satze des neuen Tarifs wirft (für Roggen 6 Mark bivhcr B/ 2 , für Weizen 6V. Mk., bisher 3Vv für Gerste 4 Mk., bwher 2, für Later 6 Mk, bisher 2.80, für Mais 4 Mk., bisher 1 60? für Pferde 30 bis 300 Mk., bisher 10,bls 20, für Stiere und Kühe 25 Mk., bisher 9, Jungvieh 15 Mk bisher 5, Kälber 4 Mk., bisher 3, Schweme für den Doppelzentner 10 Mk., bisher 5 Mk. per Stuck, und Butter und Käse 30 Mk., bisher 20), so kann mcm sich, sieht man die Dinge noch so ruhig an, der Thatsache nicht verschließen, daß auf dieser Grundlage der Abschluß eines Handelsvertrages zwischen Oesterreich-stuganrund dem Deutschen Reiche ganz unmöglich Ware Aber so trost­los also auch diese neue Perspektive sich darbietet, man verliert bei uns die Hoffnung noch nicht, daß der Bunde»- rath schließlich doch nicht gewillt sein werde mit dem neuen Tarife, der auch Rußland sehr empfindlich trifft, den Draht, der Deutschland mit uns, sowie mit Nrihland ver­bindet, seinen Agrariern zu Liebe endgültig entzwei zu schneiden.

Q rg ein besonderer Vorzug des Werkes gerühmt wird, wohl nur wenige, über deren Zollbehandlung nicht die Meinungen aus- einanderqehen werden, und auch nur wenige, deren Zollsätze nicht von entscheidender Bedeutung für bestimmte Industrie«» und Gewerbe wären. Manches, was dem Caien unbedeutend und gleichgültig in einem solchen Tarif erscheint, ist wichtig für die Existenz einzelner Fabriken und so ziemlich an zeder Positron sind bald kleinere, bald größere Kreise unseres Erwerbslebens ernst und sachlich intereffirt. Jetzt, wo der Entwurf vor regt begreift man die lang- Zeit, die ferne Vorbereitung, m Anspruch genommen bat. begreift aber nicht, wie d.e Agrarier schon vo 3/ Jahren auf schnelle Einbringung dringen konnten. Wenn es Me einzelnen Bundesregierungen mit der Prüfung des Entwurfs ernst nehmen - was zu erwarten ist -. dann wird woh doch bis zur Entscheidung im Bundesrath noch mancher Monat ver­gehen. _ , ---

Deutsches Deich.

* Hof- und Perfonal-N achrichtcn. Nach einer Cron- berger Meldung ist das Befinden der Kaiserin Friedrich seit einiger Zeit nicht zufriedenstellend. Tue hohe Frau hat bereits seit mehreren Wochen das Zimmer nicht mehr verlaßen, Professor Renvers war zur Konsultation berufen.

* Berlin 31. Juli. Bei dem Ausstande der Flaschen- arbeiter sind nach den Feststellungen der hiesigen Centrale 4700 Arbeiter b-theiligt. Durch den Streik werden außerdem circa 5000 Former, Sortirerinnen, Korbmacher rc. in Mitleidenschaft gezogen. Bei dem Generalstreik kommen nur Bier-, Wein- und Likeur-Lieferanten in Betracht, da die Fabrikation aller anderen Arten Flaschen in den Flaschenhütten mcht betrieben wird.

Der dcutschc Zolltarif und Oestcrrcich-Ungarn

ii. Wien, 29. Juli.

So ist denn die Bombe geplatzt. Der neue deutsche Zolltarif-Entwurf ist amtlich verlautbart worden und sämmtliche Organe Oesterreich-Ungarns, ohne Partei- stellung, schreien Zeter und Mordio über die darnr ver- rathenen Prohchitiv-Maßregeln, die unsere ganze Aus fuhr, falls sie zur Geltung komnien sollten und sich un Bundesrathe eine Mehrheit für dieses Monstrum saiide, mit einem Federstrich zu Nichte machen mußten. Die liberalen Organe des Reiches nennen den Entwurf direkt eine wirthschastliche Kriegs-Erklärung und mehr als em bedeutendes Preßorgan giebt seiner Meinung unver- hüllt Ausdruck, daß das Zustandekommen dieses Zoll- tariss den Zusammenbruch des Drei - Bundes nach sich ziehen müßte, daß mit einem Worte dieser neue Anfang der Anfang vom Ende sei ... . And hier sei es uns, uin die einschneidende Wichtigkeit der projektirten neuen Zölle , die ans landwirthschaftliche Einfuhr­produkte durchschnittlich das Doppelte und Dreifache, auf die Produkte der Viehzucht des Drei- bis Zehnfache der bisherigen Sätze in Anwendung bringen wollen, zu erweisen, gestattet, folgende Daten aus der Statistik unserer Ein- und Ausfuhr hervorzuheben. Die Haupt­artikel unserer Ausfuhr nach Deutschland sind: Weizen, Roggen, Gerste, Hafer, Mais, Mehl, Salz, Ochsen, Stiere, Kühe, Jungvieh, Kälber, Schweine, Pferde, Ge­flügel, Eier, Butter, Fleisch und Holz. All diese Artikel repräsentirten im Jahre 1900 einen Aussuhrwerth von an qoüjOOO. Kronen,,Während der Werth der EiN-

Berlin 31. Juli. DemBerliner Tageblatt" wird aus Budape st'depeschirt: Die Veröffentlichung des deutschen

Zolltarifs hat bei der österreichisch-ungarischen Regierung den Abbruch resp. di- Vertagung der bereits begonnenen Be­rathungen Uber die Aufstellung eines autonomen Zolltanfs zur

Folge gehabt. Die Vertagung soll bis zum Fruhherbst dauern. Man glaubt, daß bis dahin die Situation, was die Aufsichten des deutschen Zolltarif-Entwurfes angeht, sich geklart habm

mUb hd. Berlin, 31. Juli. Nach einer Meldung derVoss. Zeitung" aus B u k a r e st hat der neue deutsche Zolltarifentwurf in der öffentlichen Meinung außergewöhnliche Aufregung hervor- aerufen. Er wird durchweg abfällig beurtheilt und K- sicherer Weg zur Trennung der wirthschaftkichen Jntereffen Rumänen» von jenen Deutschlands erklärt. ...

lick. Berlin, 31. Juli. Aus New-York wird dem Lokal-Anzeiger" über London telegraphirt: Die deutsche

Zolltarifvorlaae werde augenblicklich vom Kommissionär der Vereinigten Staaten für Reciprocität. Kasson. g-Pr'-ft. Dieser habe sich dahin geäußert, der Entwurf lasse volle Möglichkeit offen für einen Handelsvertrag mit Amerika. Er biete keinen

Anlaß zu Retorsionen. .

hd. Berlin, 30. Juli. Wie der .'L°kal-Anz-iger berichtet fanden in der Angelegenheit des neuen deutschen Zolltarifs bei dem Herausgeber einer parlamentarischen Korrespondenz, Dr. Hamburger, bei dem früheren Geschäftsführer der M m Liquidation befindlichen Schriftstellergenossenschaft, vr. Martin Hildebrandt, und bei hiesigen Korrespondenten ou-wm^'S^ Blätter Haussuchungen statt, dke auch m dem letztgenannten Falle zur Beschlagnahme belastenden Materials geführt haben sollen. Der Polizei dürfte die den Verkauf zene» Exemplars betreffende Korrespondenz in die Hände gefallen sein. Auch soll sie eine größere Summe Geldes beschlagnahmt haben. Zwischen dem Auswärtigen Amt und dem Kaiser findet angeb­lich ein sehr eifriger Depeschenwechsel in dieser Angelegen­heit statt.

Ansland.

* Nustland. Wie derNeuen Freien Presse" aus P e t e rs« bürg gemeldet wird, wird der Czar Ende August mit der Kaiserin nach Kopenhagen gehen und von hier aus am 10. Sept. zu den Kaiser-Manövern in Danzig cintreffcn, wo er drei b,S

vier Tage zu bleiben gedenkt. Sodann kehrt der Czfn nach

Kopenhagen zurück und wird sich von hier aus mit ferner Ge­mahlin an den Darmstädter Hof begeben, wo er bi» Anfang November verbleiben dürfte. Wenn nicht ganz unerwartete Zwischenfälle eintreten, ist dann noch ein Aufenthalt m der Krim in Aussicht genommen, sodaß das Czarenpaar ebenso wie im Vorjahre erst kurz vor Weihnachten in Petersburg wieder em- treffen dürfte. Wie das genannte Blatt weiter meldet, habe der Czar trotz der Fürsprach- des Grafen Lambsdorffs seine Ent­scheidungen dahin getroffen, daß seine di-siahrrg-n Reise- Dispositionen es ihm nicht ermöglichen, den König von Serben, sowie die Fürsten von Bulgarien und Montenegro in Pellrs- burg zu empfangen. - Auf Befehl des Czaren wurde die Ver­waltung der Gouvernements Wilna, Kowno und Grodno bis auf Weiteres dem Ministerium des Innern unterstellt. Hierdurch werden jene Beschränkungen aufgehoben, welche von einer mili­tärischen Verwaltung, unter der die Gouvernements bisher ge­standen haben, unzertrennlich sind.

* Bmcrika. Der Londoner Korrespondent derM. N. N." schreibt: Der alte Streit, ob man die Vernichtung von Cerveras Flotte Admiral S a m p s o n oder _ Eontreadmiral Schley verdanke, wird nun vor einem Marinegericht, über das Admiral Dcwey präsidirt, entschieden iverden. Schley hat bekanntlich in der Seeschlacht von Santiago kommandirt während Sampson einige 10 Meilen entfernt war. Sofort nach der Schlacht haben aber Sampsons Anhänger die Behauptung aukaestellt Sampson sei der eigentliche Sieger; denn seiner Strategie'verdanke man den Sieg, den Schley durch seineUn­fähigkeit" undFeigheit" beinahe weggeworfen habe. Schley hat bisher zu den gegen ihn gerichteten Verleumdungen ge­schwiegen; als er aber hörte, daß in der Marine-Ukcd>emie von Annavolis als Textbuch eine Geschichte des spamsch-amerika- nischen Seekrieges im Gebrauch ist, die Mr. Mackay, einer der besttasten Parteigänger Sampsons, verfaßt hat, und die b-

auE der Vorwurf der Feigheit und Unfähigkeit gegen Schley sei offiziell begründet, ging ihm die Geduld aus, und er forderte die öffentliche Untersuchung, die ihin nun Zugesast worden ist. Ganz Amerika nimmt an dem Streit leidenschaft- lickies Interesse und es ist charakteristisch, daß er sofort zu einem Parteistreit ausartet-. Die Republikaner sindSampsomten und die DemokratenSchleyrten.

Auf 164 Druckseiten großen Formats enthält der neue Zolltarif nicht weniger als 948 Positionen, und von diesen umfassen viele nicht eine einzelne Waarengattung, sondern eme Gruppe von solchen, deren Aufzählung oft mehrere Druckzeilen umfaßt. So lautet z. V. eine Tarifposition-. Läutewerke, durch Luftdruck betrieben; Sprechmaschrnen (Phonographen), ein­schließlich der mit ihnen in fester Verbindung stehenden elek­trischen Maschinen; Reißzeuge; Polarrsations-Instrument-, Bussolen und Kompasse; Rechen- und Schreibmaschinen, Elek- trisirmaschinen; Modelle von Maschinen und Schiffen aus un­edlen Metallen oder aus Legirungen unedler Metalle, ©^'0- Mler und ähnliche Taschenzählwerke ohne Uhrwerke, andere Zählwerke, sowie selbstthäti'ge Meß- und Registrirvorrichtungen ohne Uhrwerke; Präzisionswaagen, selbstthatrge Waagen und selbstthätige Verkaufsvorrichtungen; alle diese, so wert sie nicht durch ihre Verbindungen unter höhere Zollsätze fallen. .Es Siebt unter diesen 946 Tarispositionen, deren Fülle und Spezraststrung

Der A«fstar»d iw ®l}iww.

Auf der Heimkehr.

hd. Berlin, 30. Juli. Wie dasBerliner Tageblatt aus Madrid meldet, fand gestern Abend zu Ehren der An­wesenheit des Prinzen HErich und des deutschen Geschwaders ein glänzendes Bankett im Cadrxer Konsulat statt. Tags vor her konzertirten auf dem Admiralsschiff andalustsche Spieler, Sänger und Tänzer.

u 91 Juli. In der vergangenen Stacht icmz

schwere auf, 'welche dieGera" nöthigte, den Ankerplatz; z wechseln H-uie, Vormittag

GrafenWald Gegenbesuche ab- Am Nachmittag der Feldmarschall an Land. Er wurde empfangen durch Ehren» wachen von Marinetruppen und Eme w-üere Eh ^

cvmpaanie von Zuaven toar vor der Kommandantur auigei um