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«r. Jahrgang.

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(Nachdruck verboten.)

Die Ordnung auf der Eisenbahn.

Von vr. für. W. Brandts, Berlin.

Die Eisenbahnfahrten zur jetzigen Reisezeit würden uns unangenehmer sein, tvenn wir sie nicht m gehobener Stimmung zurücklegten. Froh, der täglichen Berusv- arbeit entronnen zu sein, sehen wir dem stillen Thale, dem idyllischen Kurorte mit seinen Wäldern und Wiesen, D«aen und Bächen oder dem gleichmäßigen Wellenichlag der unermeßlichen See voll Sehnsucht entgegen und ver- wssen aufathmend, doppelt froh schließlich den Käsig. Unsere Nachkommen sind vielleicht in der glücklichen Lage, mittels eines lenkbaren Luftschiffs zu reuen und ohne die Erschütterungen, die Hitze und deni Staub der Eisenbahn in freier Luft die herrlichsten Fernblicke zu genießen, jch mich es unseren Ingenieuren überlaßen, über die Be- seitigung der erwähnten Schattenseiten unserer Eisen-

^^Äncherlei'^ann das mitfahrende Publikum durch gegenseitige Rücksichtiiahme dazu beitragen, die Ainiehm- lichkeiten der einzelnen Fahrt zu erhöhen. ^;ch deiike z B an das Vermeiden des auf der Berliner S.adtbahn üblichen heftigen, nervenerschütternden Zuschlägen^ der Wagenthüren. Schon schlimmer zu beurtheilen ist auf der Reise das arglistige Belegen von Platzen für mehr Per- sonen, als wirklich in dem betreffenden Wagenthei! fahren, zu dem Zwecke, andere Reiselustige abzuschrecken. Nnge- hörig ist es auch, sein Gepäck auf den Sitzen und oben auf den Gepäckhaltern überall zu vertheilen, wahrend jeder Reisende nur den Gepäckraum über seinem Sitz zu bean-

^^Es'ist^eineswegs die Absicht dieser Zeilen, eine Ver schärfuiig der betreffenden aintlichen Vorschriften herber zuführen, da dies wenig nützen würde Die geltende Verkehrsordnung verlangt in erster Reihe die Beobachtung der vorgeschriebenen Ordnung. Deren Vorschriften sind aber nur sehr lückenhaft. Wo sie fehlen, werden dre An­ordnungen der Bedieirsteten für niaßgebend erklärt^ Wer diese oder iver, ganz abgesehen davon, den Anstand ver­letzt, soll, ohne Anspruch auf Ersatz des gezahlten Fahr geldes, von der Mitfahrt ausgeschlossen werden. Em rücksichtsvolles Benehmen gegenüber den Mitreisenden gehört nuii allerdings nicht zu der „vorgeschrwbenen Ordnung", sondern „Rücksichtslosigkeit" berechtigt die Bahn erst dann zur Aussetzung des Reisenden, wenn sein Verhalten unanständig ist, oder wenn es den Verwehen des Schaffners oder Zugführers zuwider fortgesetzt wird. Don den Vorschriften der Verkehrsordnung haben auch nur sehr wenige das Ziel, die Aufrechterhaltung der Ordnung unter den Reisenderl selbst zu regeln. Hierher gehört die Bestimmung, daß der in den Wagen ern- steigende Reisende berechtigt ist, nicht nur für sich, sondern auch für Mitreisende Angehörige je ernen Platz zu belegen.

daß aber bei gleichzeitigem Einsteigen inehrerer Reisen­den, die mit durchgehenden Fahrkarten ankommenden, also aus einem Zuge in einen anderen steigenden Reisen- den den Vorzug vor neu huizutretenden haben; ferner die Vorschrift, daß man in die Abtheilung für Nichtraucher mit brennender Cigarre oder Pfeife überhaupt nicht ein- trcten darf, um sie darin wegzuwerfen, ja, daß man m wichen Abtheiliiiigen selbst mit Zustimmung aller Mtt- reisenden nicht rarichen darf, schließlich die Bestimmung, daß die Fenster auf beiden Seiten des Wagens nur mit Zustimmung aller in derselben Abtheilung sitzenden Personen gleichzeitig geöffnet sein dürfen.

Alle übrigen Bestiinmungen der Betriebs- und Ver­kehrsordnung für die Eisenbahnen Deutschlands haben meines Erachtens nur die Betriebssicherheit oder die Ver­meidung der Inanspruchnahme der Eisenbahnverwaltung wegen Schadenersatzes im Auge, kommeir aber groyten- theils auch dem reisenden Publikum zu gute. Von dieser Art ist zuni Beispiel die Vorschrift, daß das Hinauswerfen solcher Gegenstände aris dem Fenster wahrend der nährt verboten ist, durch die Personen oder Sachen besthadigt werden können, also z. B. von Flaschen oder sonstigen barten Gegenständen, durch welche ein Bahnmeister, der die Strecke revidirt, getroffen oder das Glas an der Laterne einer Weiche zertrümmert werden kann; verboten ist es, den Kopf während der Fahrt aus dem Wagen- feilster zu stecken. Zwar nicht verboten, aber gegen dre Ordnung verstößt es, wenn ein Mitreiseirder sich ständig vor mir an das Feilster des Abtheils (Coup6s) stellen sollte Ich kann ihn ersuchen oder durch dm Schaffner aufsordern lassen, feinen Platz einzunehmen.

Häufiger als diese Bestimmungm iverden jene vom Publikum angerufen/ weiche die Rechtsstellung Nicht gegenüber dm Mitreisenden, sondem gegenüber der Eisenbahnverwaltung betreffen. Muß die Eisenbahn, wenn sie mir eine Fahrkarte verkauft hat und sich bald herausstellt, daß der Zug bis auf den letzten Platz besetzt ist, für mich und vielleicht noch einige Fahrgaste einen Wagen anhängen oder dürfen wir in einer bereits be­setzten Abtheilung stehend „Platz nehmen ? Die Ver­kehrsordnung legt der Bahn eine Verpflichtung zuni Transport nur dann auf, ivenn die Beförderung mit dm regelmäßigen (!) Transportmitteln möglich i,ü Es hängt also von dem pflichtmaßigen Ermessen dev Stations­vorstehers ab, ob er einen Wagen anhangen will oder nicht. Ich kann dies nicht verlangen. Auf einen Stehplatz habe ich erst recht keinen Anspruch. Das ist eine nierkwürdige Rechtslage gcgeiiüber Jemand, der sich eine Fahrkarte iiach einen: anderen Orte, selbstverständlich für den nächsten Zug, gekauft hat. Im Güterverkehr besteht gesetzlich die Verpflichtung der Eisenbahn, bei Erfüllung der gesetzlichen Voraussetziingen Seitens des Versenders das Fracht- oder Eilgut zu beforderii. Mit Recht schreit daher Professor ©ierfc von der Berliner Universität. „Was den Gütern recht ist, ist dm Personen billig. Etwaige Unbequemlichkeiten, die aus der Festsetzung der Veförderungspflicht entstehen können, müssen die Ersen- bahnm in den Kauf nehmen. Sie dürfen aber Nicht me

FemUetorr.

Msmnrck und Wagner.

In der Wimer „N. Fr. Pr." plaudert H. von Poschinger über die persönlichen Beziehungen zwischen dein Fürsten Bismarck und Richard Wagner folgender- näßen:

„Um Bismarck für seine Ideen zu gewinnen, bat ihn der Meister, seine Schrift „Deutsche Kunst und deutsche Politik" einer Lektüre zu unterziehen, und zwischm den Zeilen des schönm Wagner-Briefes, den die „M. N. N. jüngst aus den „Bayreuther Blättern" übernommen habm, findet der Leser die Erwartung desselben, daß der Kanzler für seine Hiele gewonnm sein würde, sobald er sich mit deren Wesm bekannt gemacht habe. Bismarck war sein ganzes Leben lang ein höflicher Mann, und es inüßte ein seltsames Versehen die Hände im Spiel ge­habt haben, wenn Wagner auf seine Zuschrift ohne Ant­wort geblicken sein sollte. Wie dem auch sei, der Meister fühlte sich keineswegs entmuthigt, und als denselben einmal die Geschäfte nach Berlin riefen, gab er im Reichskanzler-Palais seine Karte ab, worauf er alsbald niit einer Tischeinladung Bismarcks bedacht wurde. Voll Hoffnung betrat der Meister das Haus des ihm bis dahin .persönlich unbekannten, allmächttgen Ministers; bot sich Ahm doch jetzt die Gelegmheit dar, dem Letzterm seine /Wünsche vorzutragen, etwaige Einwendungen zu hörm und festzustellm, bis zu welchem Grade man in der Wilhelmstraße geneigt war, materiell etwas für seine

Dache zu thun. t ^ _

Bismarck empfing Richard Wagner m kleinem Fa- mlimkreise mit derselben ausgesuchtm Courtoisie, wie Min er ÄwK .den Mmstex ME tzsrbütckck»

zu begrüßen gehabt hätte. Ein Freund von nur war ein­mal in Varzin zugegen, da er an den: ersten Tage die Frau des Botschafters Fürsten Reuß und am folgenden Tage die Frau des Pfarrers seines Nachbardorfes em­pfing, und da war in der Art, wie der Hausherr die Prinzessin aus dem sächsischen Hause und dre einfache Landpredigersfrau zu Tisch führte, auch nicht die kleinste Nuance zu beobachten. Wagner führte also die Fürstin Bismarck zu Tisch, und es hätte den Meister gewiß mcht überrascht und ihm das Vorbringen seines Anliegens erleichtert, wmn Bismarck ihm auch nur em klein we ng von der Bewunderung ausgesprochen hatte, die Wagner allerorts in der überschwänglichstm Weise zu sinden ge- wohnt ivar. Woher sollte aber Bismarck d-esm Enchustas- nms nehmen, da er nie die Zeit gehabt hatte, Theater zu besuchen, und da er die Schöpsimgen Wagners meinall, anders als in Fragmenten auf dem Klavier, im Konzer - saal oder von Militärmusikm zu vernehmen die Ge- legenhett gehabt hatte. Aber auch abgesehen hiervon, lag es sogar nicht in der Gewohnheit Bismarcks, jeman­dem Weihrauch zu streuen; er, der stets die größten An- sprüche an sich gestellt hatte nahm hohe Le.ftungen Anderer wie etwas Selbstredmdes hm. Vielleicht wollte er- auch nicht geradezu Hoffnungen erwecken, die m fernen Augen zur Zeit auf kemm Fall einen Erfolg hattm. Gmug, mail sprach bei Tisch von vielen gleichgültigen Sachen, nur nicht von dem, was Wagners Sinn bewegte. Die olympische Ruhe Bismarcks schnitt dem Meister das Wort in der Kehle ab, und nach Tische war es so wett ge­kommen, daß kurze Zeit Bismarck an emem und Wagner an einem anderen Tische saßen, um Bismarck di-Männer, um Wagner die Damen. Die beiden größten Genies, welche das 19. Jahrhundert hervorgckracht, hatten aus-

Anerkennung eines Rechts versagen, das für die Menschen von heute größere Bedeutung hat, als manches in Ver- fassungsurkunden feierlich verbürgte Grimdrecht". (Zeit­schrift f. Handelsrecht, Bd. 45, S. 639.)

Ein anderer Fall: Nachdem ich mir rechtzeitig meine Fahrkarte gelöst habe, verpasse ich im Gespräch mit Be­kannten oder aus sonsttgen Gründen die Abfahrt. Muß mir der Fahrpreis zurückgezahlt werden? Nein. ^ kann vielmehr nur verlangen, bast niir die Reise nur einem anderen am nämlichen oder ain folgenden Tage abgehen, den Zug gestattet wird und inuß zu diesem Zweck meine Fahrkarte ohne Verzug dem Stationsvorsteher vorlegen, der sie rnit eineni Vernrerk über die verlängerte Gültig­keit versieht. Die meisten Vahnverwaltungen kommen hierin aber dem Publikum mehr entgegen, als es ihre Pflicht ist, indem sie in solchen Fällen das Fahrgeld zurückgeben. Fährt der Zug verspätet ab und konunt der Zug aus diesenr oder einem anderen Grunde Nicht rechtzeitig an, so soll ich selbst dieserhalb keinerlei An- sprüche gegen die Eisenbahnverwaltung erheben können. Versäume 'ich infolge der Zugverspätung jedoch den Äm- schluß an einen andern Zug, für den ich eure durch­gehende Karte habe, so kann ich meine Zurückbeförderung zur Abgangsstation init dem nächsten Zuge verlangen imd muß mir das gezahlte Fahrgeld zuruckerstattet werden. Meine Zeitversäumniß entschädigt man mir

md)t ®ie erwähnten Fragen werden im Reiseverkehr sehr oft aufgeworfen iind ebenso oft richtig wie falsch beartt- wortet.' Zu einer gerichtlichen Austragung des Streits kommt es nur selten, da der Werth, um den es sich handelt, nicht hoch genug zu sein pflegt um dwserhack einen Prozeß anzufangen, und der Kampf ums Recht um ^Rechtes willen Charaktere voraussetzt. die leider immer seltener werden. Vielleicht tragen die voiPeheiiden Zeilm dazu bei, derartige Streitigkeiten in gerechter Weise unter Rücksichtnahme auf die beiderseitigen Interessen JM sch lichten. |[< i __

Aus Stadt und Land.

.Wiesbaden, 27. Juli!

— Kurhaus. Johann Strauß, welcher mit seineck Wiener Orchester morgen, Sonntag, um 4 und 8 Uhr ,m Kur- garten konzertiren wird, ist der noch sehr Mendliche Sohn d« Hofballmusikdirektors Eduard Strauß der mit seinem Bat«, seinem Großvater und seinem Ohe.m d,e musikalische Begabung und das Dirigenten-Genie gemein hat der sich l-doch msosem von den alten Sträußen unterscheidet, als sem Taktstock sich nicht in tänzelnden Kunststückchen und Koketterien bewegt, sondern w würdiger Ruhe und ungezierter Art.. Bei der Anwesenheit d^ deutschen Kronprinzen in Wien dirlgnte er den Hofball. Sem Portrait in der ihm hierzu verliehenen Uniform ist an der Tageskasse des Kurhauses ausgestellt. - Für das heutt, Samstag, gelegentlich des großen Gartenfestes lM Kurgarten stattfindende Feuerwerk hat Herr Hoftunstsiuer'verker Be ck e r ein Programm von 31 Nummern aufgestellt, darunter ein ganz neues Arrangement: eine G itterfronte von 160 gm

große Mühlsteine t^TeteT dem Anderen Eintrag Beide hatten Noteii geschrrcken, ivelche die ganze Welt in Erstaunen setzten, aber Wagner »var seit 1848, von sem« Begeisterung für Kaiser und Reich abgesehen, über politische Dinge erhaben, und Bismarck sah m der Musck für sich persönlich in der Hauptsache nur ein Beruhigungs- mittel für seiue iin Dienste des Vaterlandes geschwächten Nerveii und dttsen Zweck erfüllten ihm Beethoven, Chopin,' Weber und Mendelssohn wohl besser als WagE, Liszt Brahnis oder Bcrlioz. Heterogene Großeii sollen sich aber hüten, sich zu nähern; denn bestenfalls gehen sie. wie Wagner von Bismarck, Nicht völlig befriedigt aus

'"Ärne licht Mt, d°b lt» °°n di-M TiI«Ä»l-dun- ab in die Begeisterung Wagners für Bismarck em Tropfen Wermuth gemischt hatte, und es gab einen jag im Lckeii des Meisters, da die Verstimmung, die er von Milbelmstraste nach Hause gebracht hatte, auf em Haarauch die Freundschaft zwischen Wagner und> Lenbach aewrengt hätte Es war der Tag, an lMchem das Vor- Miel -u Parsifal" zum ersten Mal dem Komg von N^orn in dem Münchener Hof- und National-Theater zil Gehör gebracht werden sollte. Die Aufführung war auf eine NaclMittagsstunde besttmmt, und nur Cosima und einige Getreue, darunter Lenbach, dursten, von dem Könige nicht gesehen, tjm musikalischen. niffp beiwohnen Zur Glockenstunde, da Ludwig H. Ä Erschien'zugesagt hatte, war der Meister am Dirigentenpult; Minute auf Minute g'Ug. dahm. dry

Königsloge blick noch immer leer. Mmr konnte Wagn^

wiederholt ungeduldig nach der Uhr Jen eg«

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