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4
Jahrgang
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Verlag: Langgasse 27
ZV,ZOO AKormeritett.
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A»»cigcn-A„«ahme - M, di.
Do. 337. Redaktions-Fernsprecher R». 52. Dienstag, den 23. Attlr.
Worgen-flusgabe.
Verlags-Fernsprecher No. 2266.
1901.
Nom Kttnstigen ZolllorLs.
Wie war es möglich, daß sich alle Welt über die Wahrheit in Bezug auf den neuen Zolltarif, vielmehr in Bezug auf die Bülow'scheir Vorschläge in einem so ver- hangmßvollen Jrrthum befinden konnte? Es ist sonst mcht angenehm, zugestehen zu müssen, daß man sich ge- tauscht hat. Es ist selbstverständlich diesnial erst recht nicht angenehm, wo so gewichtige Interessen der Volks- Wohlfahrt auf deni Spiele stehen und mit einer unerhörten Vergewaltigiing bedroht sind. Aber während in anderen Fällen das Bekenntniß, sich geirrt zu haben, gleichbedeutend ist mit dem Eingeständniß, sich nicht'sorgfältig genug unterrichtet zu haben, liegt es diesmal völlig anders. Die Wahrheit ist, daß ein mit wenig rühmlicher Geschicklichkeit durchgefllhrtes System absichtlicher Täuschung an der: Stellen beliebt worden ist, derei: politische wie Anstandspflicht es gewesen wäre, solche Schleichwege lmks liegen zu lassen. Wollte man nicht vorzeitig bekanntgeben, wohin die Reise gehen sollte, so mußte man rben schweigen. Dies aber ist nicht geschehen, sondern « halben Andeutungen und mit ganzen Bestimmtheiten st bald durch diesen und bald diirch jenen Kanal die Meinung verbreitet worden, daß die agrarischen Forde- rungen im Wesentlichen unerfüllt bleiben würden. Zwar was die Höhe der künftigen Zollsätze anlangte, ist^nicht gerade eine bestimmte Grenze angegeben worden, aber in Bezug ans die Kernfrage der Einführung oder Nicht- emfuhrung des Doppeltarifs hat man es für gut beluden, d,e öffentliche Meinung in die Irre gehen zu . Ein Opfer dieser Täuschung geworden zu sein, setzt Keinen herab. Man braucht sich iiiir ein wenig in den Preßäußerungen der letzten Wochen umznsehen. 'um bestätigt zu finden, daß mit anstößigeii Mitteln operirt worden ist. So meldete ein Blatt des Centralverbandes Deutscher Industrieller, daß seit dem Rücktritt des Herrn v. Miguel die Doppeltarifbestrebungen bei den inaßgebenden Stellen in den Hintergrund getreten seien - man verspreche sich davon nicht mehr die Vortheile, die inan frul^r. zu erreichen glaubte, und iin Gegensatz hierzu sei die Neigung zum Einheitstarif stark gewachsen Auch der „Hamburgische Korrespondent" nahm Mitte Juni im Einverständnis; mit einem Berliner Artikel der , Süd- dnltschen Reichskorrespondenz" an, daß der Doppeltarif- Sedanke „eine gefallene Größe" sei. Unmittelbar iiach der Berlmer Zollkonferenz vom 4. Juni gingen nach allen Theilen des Reichs die beschwichtigenden Artikel, die es so darzustellen wußten, als hätten die eingeladenen Staaten dem Grafen Bülow die gewünschte Rückendeckung gegen die übermäßigen Ansprüche des Bündlerthums gewährt. Freilich fehlte es schon dnmals nicht an Warnungen vor
Feuilleton.
einein vielleicht verhängnißvollen Vertrauen, und es mußte auch stutzig machen, daß die Vündlerpresse so gar- nicht in Erregung kommen wollte, sondern die Nachrichten, die den Freunden der Handelsvertragspolitik gefallen durften, mit vollkoriimener Gleichgültigkeit auf- nahm. Erinnert man sich jener Zeit, so bekommt so Manches ein anderes Gesicht. An einer wenig beachteten Preßstelle Begegnete uns damals ein nirgends sonst wiedergegebener Artikel, worin es hieß: Graf Bülow habe nach oben hin mit Schwierigkeiten darum zu kämpfen, weil der Kaiser eine wirksame Durchführung der sogenannten Weltpolitik bedroht erachte durch einseitige Begünstigung der landwirthschaftlichen Forderungen, und der Reichskanzler, der höhere Getreidezölle durchsetzen wolle, bemühe sich deshalb, die süddeutschen Regierungen auf seine Seite zu bringen, damit der Kaiser einer stärkeren Macht gegenüberstehe. Jene Mittheilungen Paßten so wenig in die Situation, daß sie von den Paar- Leuten, die überhaupt von ihnen Kenntniß nahmen, achtlos beiseite gethan wurde,:. Heute scheint es, als habe da entweder ein blindes Huhn ein Korn gefunden gehabt, oder als sei eine wahlberechtigte Warnung an leider verkehrter Stelle veröffentlicht worden. Genug, die An- Hänger langfristiger Tarifverträge müssen mit schwerster Sorge in die Zukunft blicken, das Bündlerthuin aber darf hoffen. Ob der Zolltarif den bindenden Mindesttarif enthalten wird, oder ob sonstwie die Fiktion eines Ein- heitstarifs aufrecht erhalten, die Bindung nach unten aber nebenbei doch ausgesprochen werden wird, das ist nur eine Formfrage. Die Hauptsache bleibt, daß Graf Bulow unter einen Roggenzoll von 5 Mark und unter einen Weizenzoll von 5V 2 Mark nicht herabzngehen willens ist. Gleichwohl erwartet er, namentlich mit Rußland einen Handelsvertrag abschließen zu können Er inuß es erivarten, wenn er nicht die deutschen Ausfuhr- intcressen preisgeben will, und das von ihm voraussetzen hieße, ihn beleidigen. Nun braucht man die bekannten Witte'schen Drohungen, wonach jede Erhöhung der deutschen Getreidezölle die Nichterneuerung des geltenden Tarifvertrages bedeuten müßte, nicht gleich als das letzte Wort der Situation zu betrachten, aber es ist doch keine Frage, daß die Stellung Rußlands günstiger als die uuserige ist. Rußland kann seine Jndustrieartikel auch aus anderen Ländern beziehen, wir aber sind auf den russischen Roggen angewiesen, sodaß Getreidekampfzölle gegenüber Rußland den dortigen Absatz schwerlich in neimenswerthem Grade Herabdrücken würden. Graf Bülow treibt ein gefährliches Spiel. Wenn Sturmzeichen ihn belehren könnten, so müßte er aus der Wahl in Memel-Heydekrug reichlich lernen können. Dies Wahl- ergebniß ist ein Protest gegen die Zolltarifpolitik die jetzt beginnen soll, und kaum eine Wählerschaft kann in den Fragen, die das deutsch-russische Wirthschaftsverhältniß betreffen, als so kompetent gelten wie gerade die Wähler in jenem gefährdeten Nordostwinkel des Reichs.
Ans Stadt nnb Land.
Wiesbaden, 23. Juli.
... -7 Walhalla-Theater. Der veröffentlichte Spielplan für diese Woche bringt in wünschenswerther Abwechselung di- zugkraftigsten der seither von HerrnDirektor Heinrich ins Treffen geführten Operetten. Bereits die anders und entsprechender besetzte zweite „Geisha"-Auffllhrung lieferte den Beweis, daß das Ensemble sich während seiner vierwöchigen Abwesenheit vortrefflich eingespielt hat, und die gleiche Wahrnehmung konnte man bei der Wiederholung von „Wie man Männer fesselt" machen. Das reizende und pikante Werk gefiel denn auch wieder außerordentlich, und so darf man erwarten, daß die wenigen noch möglichen Wiederholungen ein zahlreiches Publikum finden werden. In Vorbereitung befindet sich der unverwüstliche Schwank „Mamselle Tourbillvn" von Kraatz und Stobitzer Herr Kurt Kraatz wohnt den Proben selbst bei. Als wichtigster weiter in Aussicht genommenen Novitäten sei das reizende Zugftülk „Die Puppe genannt, zu dem die Proden auch tn diesen Tagen beginnen und auf dessen Ausstattung ganz besonderer Werth gelegt wird. Die Vorstellungen beginnen wieder regelmäßig um 8 Uhr. Spielplan: Dienstag: Wie
man Männer fesselt", Mittwoch: „Geisha", Donnerstag: „Vogel- Händler', Freitag: „Wie man Männer fesselt", Samstag: „Mamselle Tourbillow'.
— Sängerbesuch. Der M änn erg esa ng -V erei n „Germania" von Cassel besuchte in einer Stärke von 85 Mann am Sonntag unsere Stadt. Der Verein besichtigte die Hauptsehenswürdigkciten Wiesbadens und setzte dann feine Reise rheinabwärts nach Rüdesheim zum Niederwald fort. Di« Heimreise erfolgte über Koblenz.
Schützenfest. Bei dem Vogelschießen des „Bürger- schützen-Corp s", das, wie bei dem günstigen Wetter nicht anders zu erwarten, vorgestern außerordentlich zahlreich besucht war, wurden die Trophäen wie folgt geschossen: Die
linke Krone von Herrn Karl Heylmann, die rechte Krone von Herrn Hcrm. Trog, der linke Flügel von Herrn W. H a r man n, der rechte Flügel von Herrn Lorenz W e l k a m e r, das Scepter von demselben, der Reichsapfel ebenfalls von demselben, der linke Hals von Herrn Karl Heylmann und der rechte Hals von Herrn Gust. Noelker, das linke Bein von Herrn Louis Z i m m e r m a n n hier.
uc. Die Hundstage umschließen die Zeit vom 23. Juli bis 23. August. Den auffallenden Namen haben sie vom Hundsstern, d. i. der im Süden hellstrahlende Sirius, der auch im südlichen Europa am 23. Juli erscheint, daß man geglaubt hat, er sei der Bringer der heißesten Zeit. Sein Aufgang «M übrigens auch mit dem Eintritt der Sonne in das Zeichen'des Löwen, des thierischen Herrschers der heißen Zone, zusammen, weshalb auch unsere Landleute sagen: „Wenn die Sonne in den Löwen gehet, die große Hitze im Jahr anfährt." Schon Hippo- krates im alten Griechenland gedenkt der Hundstage als der unerträglich heißen Zeit, die besonders viel Gallenkrankheiten erzeugt; die Richtigkeit dieser Beobachtung beweist auch dieselbe Erscheinung bei Nordländern, welche in heiße Gegenden übersiedeln.
(Nachdruck verboten.)
Berliner Stimmungsbilder.
Von Paul Linbenbcrg.
Die Hitze. — Vertheilung der goldenen Medaillen für Kunst. - Man ist zufrieden! — Die Künstler und ihre Werke. — Die Architektur-Ausstellung der Stadt Berlin. — O, Jammer über die Entwürfe des Richard - Wagner - Denkmals. — Von der deutschen Südpolar-Expedition.
Berlin, 2v. Jun.
, ".® ^ °in.e knuffige Hitze! seufzen die Berliner und wischen sich die perlenden Schweißtropfen von der Stirn. Der Sommer meint's diesmal brav mit uns. die Sonne versendet brennenden Brand, und während der Mittagsgluth ist's mcht gut sein auf den Straßen, deren Asphaltpflaster hin und herwuppt unter den Schritten und die Fußeindrücke bewahrt, -Is gelte es späteren Geschlechtern zu zeigen, daß die Berlinerin unserer Zeit auf großem Fuße gelebt. Immer wieder richten sich die Blicke nach dem Himmel, ob sich nicht endlich Regenwolken an ihm zusammenziehen, und immer wieder hört man «e Frage:_ „Giebt's denn noch kein Gewitter?" ohne daß die ersehnte beiahende Antwort erfolgt. Selbst die Jöhren, die die Herren der Gasse sind, haben die u « b »Kutscher", abgesetzt und mimen pichst lebenswahr „Hrtzschlag . und „Eismann", indem einer der ^üengelZ ploßtich ZUjainmenönchi unp nach pem pekkeöken 33er- lmer Ausdruck „wie'ne dodte Padde daliegt", der Andere aber mittels eines extra zu diesem Zwecke gemausten Stückes Eises' d,e erfrischende Hülfe bringt. Natürlich, um einem dringenden Bedursniß abzuhelfen, haben sich auch die Postkartenhersteller die sommerliche Berliner Schwüle nicht entgehen lassen: Gruß aus unserer Sommerfrische" lautet die Aufschrift' einer Karte, und das Bild zeigt, wie Vater, Mutter und Tochter aus einer Berliner Bodenluke gucken, freudig einen „Happen" frischer Luft (oder was man hier so nennt!) genießend, mit der Erläuterung: „Familie Luftschnappers klimatischer Höhenkurort — 50Q0 Centimrter über dem Meeresspiegel.
Doppelt heiße Tage waren es in dieser Woche für u n s e r e Künstler, die sich an unserer Großen Kunst-Ausstellung betheiligt, wußte man doch, daß die goldenen Medaillen herauskommen sollten, und da geht's ja nie ohne tüchtige Erregung ab, denn die „Goldene" zu haben, es bedeutet doch das Siegel unter dem Meisterbrief und hat daneben auch praktischen Werth, da sich die Werke jener Künstler, welche ihrem Namen bei öffentlichen Ausstellungen den güldenen Stern hinzufügen können, weit leichter verkaufen, als die der weniger Bevorzugten. Dann aber hatte ja auch bekanntlich zu wiederholten Malen die Vertheilung der Medaillen, die. auf Vorschlag der Jury, voin Kaiser vollzogen wird, vielerlei erregte Erörterungen hervor- g-rufen, und man war nicht gewiß, ob cs nicht auch diesmal wieder ähnlich sein würde. Nun, das traf glücklicher Weise nicht zu, und selbst der zur schärfsten Kritik neigende Künstler — und sie haben Alle eine merkwürdige Befähigung dazu, die oft stärker ausgeprägt ist, wie ihr künstlerisches Talent! — wird sich mit der diesjährigen Verleihung im Großen und Ganzen einverstanden erklären, selbstverständlich mit der Ausnahme, daß er der Würdigste dazu gewesen und man ihn schändlicher Weise wieder übergangen.
Die große goldene Medaille erhielten von den Bildhauern Robert Dietz in Dresden und Professor Fritz Sch aper in Berlin, elfterer für seine wundervolle Brunnengrupps „Sturm", ein herrliches Kunstwerk voll packender Wucht, das schon auf der Pariser Welt-Ausstellung die Begeisterung Aller erregte, letzterer für seine in Marmor ausgeführte, lieblich und vornehm wirkende Gestalt der Königin Luise mit dem lockigen Prinzen Wilhelm auf dem Arme, ein Denkmal, ebenso kunstreich wie schlicht. Die kleine goldene Medaille ward von Bildhauern Ernst Wenck in Berlin, der ein ungemein anmuthiges trinkendesMädchen ausgestellt, und W i l h e l m H a v e r k a m p in Friedenau-Berlin zu Theil, diesem für seinen markigen Großen Kurfürsten, welcher vor Kurzem in Bronzeguß in Kiel wie in Minden aufgestellt ward. Von Malern bekamen die kleine goldene Medaille A. A u b l e t in Neuilly-Paris für ein „Herbst" benanntes Bild, ein entblößtes junges Mädchen, an einen Baumstamm gelehnt darstellend, der zarte, weiße Körper sich prachtvoll von dem Waldesgrün abhebend, in welchem .Sonnenlichter funkeln, die auch das rötbliche Haar der Schönen
durchleuchten, ferner Adolf Hiröny-Hirschl in Rom für sein figurenreiches, von glücklicher Begabung zeugendes Gemälde: „Die Seelen am Acheron", und zwar wie sie ibr?" Führer Hermes anflehen, sie zurückkehren zu lassen, ehe der vom jenseitigen Ufer abstoßende Charon mit seinem Nachen naht, ein ergreifendes und auch technisch vollendetes Werk, und schließlich auch noch Hans Bohr dt in Friedenau-Berlin für sein Marinebild: „Sieg der Lübecker in der Seeschlacht bei Gothland am 31. Mai 1564", die, Entscheidung darstellend wie der Lübeck'sche Admiral Knevel und der Schiffer Frage mit ihren kleinen Koggen das schwedische Admiralschiff „Mageloes" erobern, das Ganze ein buntes Wirrwarr, gut für den Schmuck eines Saales, in welchem langweilige Rathsversammlungen abgehalten werden.
Wenn je Einer, so hat die Goldene unser Stadibaurath Ludwig Hoffmann verdient, der diesmal leider nur die kleine erhalten. Es ist wahrhaft erstaunlich und bewunderns- werth, was dieser eine Mann während der wenigen Jahre, die er in Berlin weilt, für das äußere Bild der Stadt gethan hat, welch einen frischen, genialen Zug er in das sehr vernachlässigt gewesene bauliche Gebiet Berlins gebracht, welch wichtige Aufgaben er fast im Umsehen und mit spielender Leichtigkeit erledigt. Einen klaren Ueberblick gewährt die mit der Kunstausstellung verbundene und in einem besonderen Gebäude nicht weniger wie zweiundzwanzig Räume füllende „Architektur-Ausstellung der Stadt Berlin", die in einer großen Zahl von Modellen nahe an fünfzig Baulichkeiten — Schulen, Krankenhäuser, Volksbadeanstalten, Kinderasyle, Turnhallen, Museen, Feuerwachen, Standesämter, Brücken rc. — und Denkmäler (in Gestalt von Brunnen) zeigt, mit denen Berlin in jüngster Zeit geschmückt wurde, beziehentlich demnächst geschmückt werden soll. Ein großer Wurf zeichnet Alles aus, monumentale Eigenart wurde mit den praktischen Zwecken der Bauten auf das Ueberraschendste verbunden, von echter Künstler- fchaft zeugen all die Einzelheiten der Ausschmückungen, das Beiwerk, auf welches man früher hier gar keinen Werth legte, und das jetzt auf das Vollendetste in die Erscheinung tritt, gelegentlich mit gefälliger Berücksichtigung des Berliner Wesens und Witzes, beispielsweise bei einer Ausfüllung, die einen Bären zeigt, der einem jungen Berliner A-B-C-Schützen daS
