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Wiesba-kner Tmblstt.

40. Lahrgang.

Erscheint in zwei Ausgabe». Bezugs-Preis: durch den Verlag KO Psg. monatlich, durch die Post S Mk. 50 Psg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

Berlag: Langgaste 27.

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MH. Redaktions-Fernsprecher N°. 52. _ Diettstttg» d-N 23. I«U. Berlags-Fernsprecher No. 2266. 1901.

Deutsches Mch

Der Zolltarif.

Es bestätigt sich, daß die Zolltarifvorschläge in einiger Zeit veröffentlicht werden sollen. Sofort, wie es ange­kündigt worden war, kann das wegen der nothwendigen Rücksprache mit den Vtindesregierungen nicht geschehen. Jedensalls aber wird man in verhältnismäßig kurzer Frist erfahren, ob die von,Stuttgarter Beobachter" mit- getheilten Zollsätze richtig sind. Bon Müncheir ans lvird diese Richtigkeit letzt bestritten, wobei jedoch nicht ersicht­lich ist, ob das nur mit der Absicht einer vorläufigen Be­schwichtigung geschieht. Irgend etwas aber schemt bei der Veröffentlichung des süddeutschen Blattes nicht m Ordnung zu sein. Dieselben, an der Vorbereitung des Zolltarifs betheiligt gewesenen Jndustriekreise, tue vor einigen Wochen den Verzicht auf den Doppeltarif be­hauptet hatten, äußern ihr Erstaunen darüber, daß cs Nim. doch zu einem Doppeltarif gekommen sein soll. Dies Befremden lvird nicht in der Form eurer Ableugnung ausgesprochen, soiidern rnan merkt den Kundgebungen an,- daß diese sonst unterrichteten Personeii ebensowenig wie andere Lerrte zurStunde wissen, was denn ,iun eigmt- lich geschehen ist oder geschehen soll. Aufmerksame Beob­achter haben den Eindruck, daß die Agrarier vielleicht doch noch die Getäuschten sein dürften. Es ist bezeichnend für die Stinimung beispielsweise der bayerischen Regierung, daß ein offiziöses Münchener Blatt den dortigen leitenden Stellen zumuthen kann, sie würden sehr befriedigt sein, wenn Industrie und Handel einen machtvollen Vorstoß regen die agrarischen Forderungen organisiren und namentlich den Doppeltarif bekäinpfen würden. Ver­schiedentlich scheint man auch im bündlerischen Lager zu prawöhnen, daßderDoppcltarifvielleicht nurvorgeschlagen worden sein könnte, um im Bundesrathe abgelehnt zu werden, lvorauf alsdann die Berliner Centralstelle darauf verweisen könnte, daß sie den besten Willen gehabt habe, nur- leider ohne Erfolg. Jetzt endlich haben auch die Bündler die Sprache wiedergefunden. Darauf konnte man ja bereits vorbereitet sein, daß dieDeutsche Tages- lertmng" keinen Triumphgesang ob der mitgetheilten Zollsätze anstimmen werde. Aber ein so schnödes Ab- jprechen über die doch wirklich außerordentlichen Zuge­ständnisse, eine so höhnische Zurückweisung der agrarier- freundlichen Absichten der Regierung konnte man nicht erwarten. DieDeutsche Tagesztg." thut förmlich ent­setzt über die Geringfügigkeit der Zugeständnisse. Sw kann nicht glauben, daß die Versprechungen der Regierung so mangelhaft erfüllt worden sein sollen. Wenn das nicht Demagogie ist, dann weiß man nicht, welche politische EwtcMng solchen Namen verdient.

* B erlitt, 23. Juli. DenBerliner Neuesten Nachrichten" zufolge ist mit Rücksicht auf die Bundesregierungen eine baldige Veröffentlichung des Zolltarif-Entwurfes ausgeschloffen, da die Zustimmung derselben hierzu erforderlich ist. ' Es schweben aber gegenwärtig Erwägungen, die möglicher Weise zu dem Ergcbniß führen werden, den Tarifentwurf mit Zustimmung der Bundesregierungen der Oeffentlichkeit zu über­geben.

* In der rcichslcindischen Minister-Krisis ist, wie das Berliner Tageblatt" aus Straß bürg meldet, noch keine Lösung erfolgt. Der Nachfolger des Herrn v. Puttkamer wird wahrscheinlich erst nach der Rückkehr des Kaisers ernannt werden. Wie man annimmt, haben lange Zeit schon zwischen dem Statt­halter Fürsten Hohenlohe und Herrn v. Puttkamer tiefere Diffe­renzen bestanden. Uebrigens tauchen wieder Gerüchte von dem Rücktritt des Fürsten Hohenlohe auf, die aber wenig Glauben finden. _ DieStraßb. Post" giebt eine, auch von uns erwähnt-, Meldung wieder, wonach zu denjenigen Kandidaten, die für die Nachfolge des Staatssekretärs v. Puttkamer genannt werden, der Oberpräsident v. Köller gehöre. Das genannte Blatt bezeichnet diese Meldung als Voranzeige der Ernennung Köllers zum reichsländischen Staatssekretär und betont, die Ernennung Köllers, der als Träger einer Gewaltpolitik, als rücksichtsloser Vertreter des Junkerthums gelte, wie solches für ein freiheitlich empfindendes süddeutsches Volk nicht paffe, werde in Elsaß- Lothringen mit starken Gefühlen des Unbehagens ausgenommen werden. In dieser Beurtheilung mischten sich indes zutreffende und unzutreffende Elemente. Thatsache sei es jedoch, daß seine ganze Art und Weise in Elsaß-Lothringen angestoßen und ver-. letzt habe. Dem Kaiser, ivelcher mit der Entwickelung in Elsaß- Lothringen durchweg zufrieden sein sollte, liege es ferne, einen Systemwechsel eintreten zu lassen. Die Ersetzung Puttkamers durch Köller bedeute nur einen Personalwechsel.

* Nachklänge zum Elberfeld er Militär-BefreiungS- prozest. In Ergänzung meiner früheren Meldung über den Vortrag des Justizministers beim Kaiser in Sachen des jüngsten Elberfelder Militär-Befreiungsprozeffes kann ich, so schreibt man derFranks. Ztg." aus Köln, bestätigen, daß that- sächlich der Justizminister erschüttert gewesen ist. Der Kaiser ließ sich ausführlich über den Ursprung, den Verlauf und das Ende des Prozeßes berichten, auch über die Person des Unter­suchungsrichters Spieß, über den der Justizminister äußerte, daß er ihn nur aus den Akten kenne. Der Kaiser ordnete an, daß ihm nochmals über jene Affaire Vortrag gehalten wird, und zwar erschöpfender als das erste Mal. Die Position weiterer höherer Justizbeamter gilt nach wie vor für erschüttert. Der General, der den Düffeldorfer Oberstabsarzt Schimmel in Untersuchungshaft abführen ließ, soll um seinen Abschied ein­gekommen sein, der, wie es heißt, bereits bewilligt wurde.

* Rundschau im Reiche. Nach derBerliner Montags- Zeitung" finden zur Zeit in Gumbinnen auf Veranlaffung des Oberkriegsgerichtsraths Meyer umfaffende Vernehmungen statt, die angeblich darauf schließen laffen, daß im Krosigk- Prozeß eine neue Spur verfolgt wird. Wie derselben Zeitung aus M e m e l telegraphirt wird, werden bei der Reichs­tags-Stichwahl im Wahlkreise Memel-Heydekrug die Frei­sinnigen zum größten Theil für den Socialdemokraten eintreten. obwohl das liberale Wahlcomits es Jedem überlaffen will, nach

freier Ueberzeugung zu handeln. Wie dieMünchener Zeitung" aus zuverlässiger Quelle erfährt, macht man keinen Hehl daraus, daß Bayern unbedingt mit einer mäßigen Zollerhöhung rechnen muß. Ucber Einiges gewannen die Konferenz-Theilnehmer die Ueberzeugung, daß der Doppeltarif bei der Regierung unbeliebt ist und die Regierung es nicht un­gern sehe, wenn Handel und Industrie durch eine machtvolle Agitation gegen die agrarischen Bünde es ihr erleichtern würde, gegen den agrarischen Wunschzettel aufzutreten.

Ansland.

* Oesterreich-Ungarn. Von informirter Seite wird ver­sichert, daß bei den Konferenzen zwischen dem österreichischen Ministerpräsidenten v. Körber und dem ungarischen Minister­präsidenten v. Szell bezüglich des österreichisch-ungarischen Aus­gleichs in allen Hauptpunkten eine Verständigung erzielt worden sei. Allseitig wird bestätigt, daß der Minister Rezek als Be­werber um das Neu-Bistritzer Landtags-Mandat auftritt. Einem Jungtschcchenfllhrer gegenüber gab der Ministerpräsident von Körber die Versicherung ab, daß die Organe der Regierung strengsten Auftrag erhalten haben, sich bei jeder böhmischen Landtagswahl strengster Passivität zu befleißigen.

* Italic»:. Die gestrigen Blätter melden, Crispi liege in den letzten Zügen.

* Schweiz. Nach dem Wortlaut eines Basler Festspiels, welches unter Anderem historische Ereignisse aus dem 18. Jahr­hundert zur Darstellung brachte, springt ein Schweizer Krieger mit der österreichischen Fahne wenig glimpflich um, indem er sie mit dem Rufin den Dreck damit" in den Koth wirft und mit Füßen tritt. Nach der Aufführung des Festspiels beschwerte sich hierüber die österreichische Kolonie in Basel beim öster­reichischen Gesandten in Bern. Die Meldung eines Schweizer Blattes, der österreichische Gesandte habe sich beim Bundes- . Präsidenten beschwert und der deutsche Gesandte v. Bülow habe zwischen der Schweiz und Oesterreich vermittelt, bestätigt sich in­dessen nicht.

* Frankreich. In einer Besprechung des Ausfalls der Generalrathswahlen gesteht derTemps" zu, daß es unmöglich ist, irgend welche Schlüffe für oder gegen die Regierung zu ziehen. Während in einzelnen Wahlkreisen Gegner der Regierung unter­lagen, siegten sie in anderen, und es bestätigt sich, daß lokale und persönliche Erwägungen durchweg mehr Einfluß ausllbten, als die allgemeine politische Parteikonstellation. Das gemäßigte Journal des Dsbats", das zu den Gegnern der Regierung ge­hört, äußert sich in ähnlichem Sinne, daß alle Parteien zufrieden sein könnten, da keine einzige wesentliche Erfolge aufzuweisen habe.

* Spanien. Der Erzbischof von Toledo, Kardinal Sancha, hat, wie man aus Madrid schreibt, unter dem TitelEl Kulturkampf international" eine Schrift der Oeffentlichkeit über­geben, welche im Hinblick auf die Stellung des Autors wie auf die Aktualität der behandelten, die lateinischen Länder gegen­wärtig bewegenden Frage ungemein lebhaftes Interesse wachruft. In einem Abschnitte wird die These vertheidigt, daß der Papst für kein Land eine auswärtige Macht darstellt.

KemUeton.

(Nachdruck verboten.)

als KranMer und MM.

i>. Freiburg i. Br., 22. Juli. ssgv der Strafkammer in Freiburg. i. Br. ist am Scmrstag über ejne Anklage verhandelt worden, die mit erschreckender ÄWPchkeit gezeigt hat, wie die Folgen einer Migc lchöiiMärtig wachsen und sür eine Reihe von Menschen verherMch werden könnet». Angeklagt tvaren zwei EymnasiastM, der 1886 in Konstanz geborene Karl

f , nno der Jl 88S ist Freiburg geborene Eugen V. Ihr aupivcrgeben Wjeht in einer B r a n d st i f t u n g im F r ö i b u Etz M G.Y mnasiu m. G. war austerdein wegen Bedrohung, Beleidigung mehrerer Lehrer, Fälsch­ung bon Urkunden,. Diebstahls rc. angeklagt. Die Ver­nehmung dieses Angeklagten ergab etwa Folgendes: G.'s Jahreszeugniß für 1900 war schlecht. Nach Beendigung der Ferien hat G. dara»» gedacht, die Schule überhaupt nicht mehr zu besuchen. Am Tage vor der Ausnahme­prüfung (ain 11. September) unternahmen G. und V. einet! Spaziergang. G. äußerte, es wäre vielleicht a»u besten, wenn das Gymnasiurn abbrennte, und V. ant­wortete, auch ihm würde das recht sei,».Dann zünden wix's einfach an!" war die Entgegnilng G.'s. Itin yA Uhr gingen beide Schüler nach dem Gymnasium. V. ging zuerst hinein, während sein Genosse draußen Wache hielt. V. zündete im Musiksaale Papier an. Da in den folgenden Stunde»» kein Feuerlärm zu hören war, gingen Beide um %7 Uhr abermals nach dem Gebäude und sahen aus einem geöffneten Fenster nur leichten Rauch dringen. Auf Vorschlag G.'s »vurde »n»n bei Knopf eine Kanne gekauft und mit 1 Liter Petroleum gefüllt. G. stieg durch das Fenster in das Musikzimmer, da V. vorher eine Thür von innen verriegelt hatte. Da kein Feuer mehr zu sehen ivar, lvurde das Petroleum an mehrere

Stellen gegossen und in der Nähe des Notenschranks Feuer angelegt. So entstand ein Schaden von etwa 1000 Mark. t r r

Als die Brandstifter später verhaftet wurden, beschul­digten sie einen der Sache ganz fernstehenden Schüler (M.). G. sagte diesem sogar ins Gesicht, er sei schuldig.

Beide Angeklagten erklärten in der Verhandlung, sie hätten viele Jndianergeschichten »c. (auch aus Biblio­theken holten sie diese) gelesen. Der Vorsitzende des Ge­richtshofes stellte die Frage: Auch wohl Geschichten von Karl May? Ja! erklärten die Jungen.

Den Aussagen des Direktors des Gymnasiums, Herrn Geh. Hofrath Bender, war zu entnehmen, daß V. bis zu seiner Verhaftung die Schule besucht hat. G. da­gegen war nach Schluß des Schuljahrs sortgeblieben; »m Anfang des Schuljahrs sei dann genaue Kontrolle schlecht »nöglich. Falls sich G. abgemeldet hätte, wäre dem Vater Mittheilung geinacht worden. G. will zwar gerade bei Eröffnung des Schuljahrs seinen Austritt an­gezeigt haben, doch hat Herr Geh. Hofrath Bender keine

Erinnerung daran. ^

Nach der Brandstiftung erhielt Herr B. verschiedene Karten und Briese mit Beleidigungen und Drohungen, durch die sich die Familie des Adressaten beunruhigt fühlte. In der einen Karte werden längere Herbstferien verlangt, da sonstdas ganze Schiff in die Luft fliegen werde". Das. sei, heißt es dann weiter, keine leere Droh­ung, sondern es werde Ernst gemacht. Das Pulver sei bereits am Ort.Wir und die Brandstifter sind e»ns. Sie müssen Denjenigen, der bei Knopf die Kanne holte, nicht strafen: er ist unschuldig". In einer späteren Karte wird sogar mit einer Kugel gedroht, falls nicht mehr Weihnachtsferien gegeben würden

Ehe die Brandstiftung geschah, hatte der Angeklagte G. verschiedene der bereits erwähnten Strafthaten ins Werk gesetzt: Er that zu Hause, als ob er die Schule noch besuchte; in Wirklichkeit bummelte er. Das schlecht aus­gefallene Jahreszeugniß fälschte er. wie er schon früher

in einigen Fällen zu Fälschungen seine Zuflucht genom- men hatte. Echte Censuren unterschrieb er mit dem Namen seines Vaters und zeigte sie bei der Kontrolle in der Schule; gefälschte Zeugnisse unterschrieb er mit dem Na,neu des Klassenlehrers und zeigte sie zu Hanse Nach- dem er die Schule überhaupt nicht »»ehr bcsiichte (von September bis Mai) fälschte er die Zeugnisse ganz, um sie dem Vater zeigen zu können und ihn vom Besuch der Schule zu überzeugen. (Zeugnißformulare hatte sich G. i,l Laubers Buchdruckerei, angeblich im Namen eines Lehrers, Herstellen lassen.) Damit die Eltern nicht er­führen, daß G. die Schule schwänzte, fälschte er auch eine Schillgeldguittnng und ließ sich dann neue Forniutare driicken. Die Bestellung bei der Druckerei gab er schrift­lich im Namen eines Hausbesitzers aus. Auch einen Stempel für diese Quittinigen ließ G. vom Graveur an- fertigen. G.'s erste Fälschung eines Zeugnisses geschah unmittelbar vor einer monatelangen Krankheit. Der Vater hatte ihm gesagt, tvenn er ein schlechtes Zeugnih nach Hause bringe, werde er ivieder die Volksschille be­suchen ,mitten. Der Angeklagte erklärt, er habe sehr an seiner Miltter gehangen, und um ihr nicht Schmerz zu bereiten, die Fälschung bewirkt. Er habe dann geglaubt, er werde später das Examen sür die Tertia bestehen und damit werde das Frühere vergessen sein.

Die Drohungen in den anonymen Schriftstücken tviit G. nicht ernst gemeint haben. Er habe allerdings vor der Brandstiftung einmal mit V. über Dynamit und Sprengung gesprochen und erörtert, wie man »n solcl^m Falle den Direktor der Schule ,ind den Schuldrener schützen könnte. Ein Versuch, Dynamit oder Pulver zu erhalten, sei aber.überhaupt nicht gemacht worden.

Die Herbstferien hätte G. durch die e»ne der ano­nymen Karten gerne erreicht, um von seiner Mutter die Erlaubnitz zu einer Reise erbitten zu können.

Auch der Diebstahl G.'s hat eme romanhafte Ver­brämung erhalten. In der Zeit, als er die Schule Nicht besuchte, stahl er einer Hausgenossin 11 Maler, von