Anlage mm Wiesbadener Tagblall.
. 836 . Adend-Ausgabr.
MontttK, den 22. Inli.
49. Jahrgang. 19V1.
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Als Hoffnung, als Genuß und als Erinnerung naht Das Glück sich Dir und legt den Kranz ans Deinen Pfad,
Doch wahrhaft Glück ist nur ein seeligcs Entzücken,
Was als Erinnerung noch die Seele kann beglücke».
E. Rtttershans.
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( 9 . Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Mutterliebe.
Von H>hocins.
Ans dem Holländischen von K. Htten.
/,Aber er liebt sie doch so sehr und sie ist auch so lieb, so sympathisch, so gutmüthig, so."
Onkel Fritz pfiff leise vor sich hin.
„Davon ist gar keine Rede! Keine Spur!" rief er
dann aus, „sie ist charmant, ganz allerliebst!.
wenn ich sie gesehen hätte, als ich noch jung war!.
aber sie paßt nicht zu ihm und er nicht zu ihr!.
er ist ein administrativer Kops, genau so, wie sein Pater!"
„Und ich habe immer gefunden, daß er mir viel ähnlicher ist", sagte sie, während eine tief empfundene Enttäuschung iir ihrer Stimme zitterte.
„Unsinn! .... Er ist ein Buchhalter! .... Ein
echter Buchhalter!.Er muß ein ganz siniples
spießbürgerliches Mädchen heirathen — wenn er absolut heirathen will! — Und Margarethe muß sehen, daß sie einen reichen Mann bekommt — : und das wird ihr auch glücken!"
Sie starrte schweigend vor sich hin, in schmerzliches Brüten versunken.
Wieder pfiff er leise durch die Zähne.
Endlich begann sie wieder: „Er wird sie nie, niemals anfgeben; er hat sie so unendlich, so unbeschreiblich lieb! . . ."
Er zuckte nur flüchtig die Achseln und pfiff weiter.
„Und sie ihn! ... das ist nicht anders möglich!" sagte sie nun wieder mit sanft-wehmüthigem Lächeln.
Fritz lachte kurz auf, spöttisch und zuckte wiederum die Achseln.
„Glaubst Du's nicht?" fragte sie ängstlich, „glaubst nicht, daß sie ihn sehr, sehr lieb hat?"
„Ich weiß es nicht", antwortete er ungeduldig, „ich weiß es nicht, aber — und er stand ans und nahm feinen Hut — wie gesagt, liebe Schwester, er wird zwischen mir und ihr zu wählen haben ... ich kann keinen Prokuristen brauchen, der Schulden macht, das ist zu gefährlich!"
„Zu gefährlich? . . . glaubst Du denn etwa? . . . begann sie zornig werdend.
„Ich glaube gar nichts! . . . frage mich nicht so viel! . . . Ihr Frauen habt keinen Begriff von Geld, auch nicht im Geringsten! . . . und nun Adieu, ich muß fort ... ich nncß einen Schriftsteller besuchen! . . . Adieu! . . ." Und er reichte ihr wieder nur die Spitzen seiner behandschuhten Finger und ging fort.
Und wieder gillg Frau Ruprecht nach den: Essen in das Zimmer ihres Sohnes. Er bürstete eben seinen Hut, er wollte wieder nnt Margarethe ausgehen. Und sie erzählte ihm hastig, nervös — man merkte ihr an, wie schwer ihr das Sprechen wurde— Alles, was Onkel Fritz gesagt hatte. Sie erzählte es ihm in abgebrochenen Sätzen, besoilders starke Ausdrücke absichtlich nlildernd und doch fortwährend ängstlich zu ihm anfschauend. Wieder hörte er ihr, den Blick abgewandt, schweigend zu,
und erst, als sie Alles gesagt hatte, wandte er sich lang- sain um. Er war bleich und biß sich nervös auf die Lippen.'
So! . . ." sagte er anscheinend ruhig, mit dumpfer, heiserer Stimme, „so; hat er das Alles gesagt? ... so, so! sic taugt nicht für mich, sie paßt nicht zu mir? . . ." Und dann plötzlich in rasende Wuth ausbrechend, schrie er, während er mit seinen knochigen Fäusten auf den Tisch hieb: „Also das will er auch noch! . . . Arbeiten soll ich den ganzen Tag und auch noch die Nacht, daniit er faulenzen kann den lieben, langen Tag, — aber das ist noch nicht genug! Nein! Das Mädchen muß auch noch fort, dainit ich noch mehr Zeit habe für sein Geschäft, damit ich nur für ihn lebe und für seine Interessen — und für nichts Anderes — der Egoist! Der denkt nur all sich, hat irur sich selbst lieb, er mißhandelt uns Alle, er tritt uns mit Füßen, seine Frau, mich und seine anderen Untergebenen. Zum Compagnon wollte er mich machen! Ja wohl! Einen Antheil am Geschäft wollte ich haben, ja, am Gewinn, der nicht besteht, der nie bestehen wird, so lange er darauf beharrt, seine verrückten Pläne ausführen zu lassen — aber ich thu's picht länger! . . . Ich kann mein Vröd auch auf eine andere Art verdienen! — ich thu's nicht länger, ich thu's nicht! . . ."
Zu Tode erschrocken, leichenblaß und am ganzen Körper zitternd war seine Mutter auf einen Stuhl gesunken. So hatte sie Walter noch nie gesehen! Oh Gott, was füllte sie nun thun, oh Gott, oh Gott!
„Walter!" sagte sie einmal über das andere, „Walter!" Allein er hörte es nicht.
„Ich kündige ihm!" schrie er, in seinem Zimmer hin- nnd herlaufend, „ich gehe fort, morgen noch! — Da wird er aber schöne Augen niachen! — Aber daran liegt mir nichts! — Grethchen! Natürlich! Grethchen taugt nicht für mich! — weil sie lebenslustig ist, weil sie gern schöne Sachen hat, weil das ein wenig Geld kostet! ......
Aber ich verdiene es doch! Ich arbeite doch dafür den ganzen Tag und — die ganze Nacht!"
„Die ganze Nacht?" wiederholte sie dumpf.
Er blickte sie flüchtig an. „Ja, Mutter", sagte er nun weicher, während Thränen seine Stimme fast erstickten, „ich hatte es Dir nie sagen wollen, weil ich wußte, wie furchtbar Du es finden wirst. Ja! Ich habe viele Nächte gearbeitet, oben in meiner Stube •— ich habe versucht, mir noch einell kleinen Nebenverdienst zu verschaffen durch Uebersetzimgen. Du hast es nie gemerkt, denn ich zog mir immer die Stiefel aus und machte Alles so leise wie möglich."
Das Mitleid mit sich selbst übermannte ihn. Er sank auf einen Stuhl und brach in Thränen aus.
Seine Mutter trat zu ihm.
In demselben Augenblicke ward an die Thür geklopft. Die Mutter ging Nachsehen, öffnete sie halb und frug: „Nun, was giebt's?" Es war Anna: „Mama, was ist denn nur los? Papa ist aufgewacht durch den Lärm und
fragt nun, was es giebt." und darauf leiser:
„Sag mir doch, Mamachen, was geschehen ist, hat er sich mit Grethchen gezankt?"
„Nein, nein, still! Geh' nur herunter, Annchen, und sei ruhig und sage Papa, daß es Nichts ist. Walter hat sich mit Onkel gezankt, aber das wird sich schon wieder geben."
„Nein, es wird sich nicht geben.ich kündige
ihm!" fchrie Walter, nun doppelt wüthend, weil ihn sein Schluchzen am Sprechen hinderte.
„Walter", sagte seine Mutter beschwichtigend, und dumpfe Verzweiflung sprach aus ihrer Stimme.
Anna ging fort. Die Mutter schloß die Thür wieder und trat an seine Seite. Er schluchzte, den Arm auf die Lehne seines Stuhles und den Kopf auf dm Arm gestutzt. Sie streichelte ihn nur leise und sanft über das leichtge- wcllte Haar und sagte einmal über das andere: „Armer Junge, armer, armer Junge!" Und als er dann aufblickte, küßte sie ihn auf die Stirn.
Und dann begann er wieder, nun nicht mehr wüthend, sondern sanft und weich gestimmt:
„Margarethe aufgeben! Meine liebe, süße Braut, meinen Liebling, mein Alles! . . . Nun ja, ich weiß wohl, daß sie in Geldangelegenheiten nicht sehr vernünftig ist, sie verlangt zu viel . . . Aber sie ist auch so lebenslustig, so fröhlich und vergnügt, und sie ist ja auch noch so jung! Ich weiß wohl, daß ich schwach bin, elend schwach oft, daß ich zu viel ansgebe! Aber ich kann ,hr
nichts abschlagen.ich kann es nicht!" Und wieder
begann er zu -schluchzen, den Kopf auf den Arm gestützt.
„Aber Walter, mein lieber, guter Walter, das muß doch sein", sagte sic, ihm immerfort sanft über das Haar streichelnd, „das mußt Du doch einsehen, sie hat Dich ja so lieb .... Wenn Du ihr nun sagst, daß Du es nicht bezahlen kannst, dann wird sie doch gewiß nicht voir Dir
verlangen." _ , „
„Ihr sagen!. Ach, Mutter, Du kennst sie
^Öh, lvie gut wußte sie das selbst, die arme Mutter. Sie kannte Margarethe nicht, sie wußte nicht, wer sie war, ihr war jene große Lebenslust, jmes wohllüstige Genießen so fremd, ein Räthsel fast.
„Aber es muß doch sein!" sagte sie dann wieder Verzweifelt, „es muß sein!" r o ..
„Ja!" schuchzte er, „ich weiß, daß es muß! . . - - Es ist ivahr. Du hast Recht! .... Aber — oh Gott — oh Gott! ... Oh Mütterchen, Du weißt nicht, was für Sorge mir das Alles macht!" ..
„Soll ich mit ihr sprechen?" brachte sie nun schüchtern,, zögernd hervor.
„Nein, Mutter!" sagte er, nun nnt einem Male energischer und sich die verweinteil Augen trockiieiid. „Nein, nein! Ich werde es selbst thun! Es mutz sein! Aber wie spät ist es denn eigentlich? Schon V28 ? Und ich sollte sie abholen, wir sind eingeladen heute
„So sage doch ab", sagte sie, „sage, daß Dil plötzlich verhindert bist und schreibe ihr auch ein paar Worte!"
„Nein, nein! Das geht nicht! Ich werde mich em wmig waschen, ich sehe gewiß furchtbar aus? Geh' Du nun einstweilen herunter, Mutter, und beruhige die Anderen ein wenig, ich — ich will dann unbemerkt fortgeh en^"
Und schweigend ging sie fort, gebückt unter der schweren Last ihres Krimmers, beklemmt durch ein entsetz- lich quälendes Aiigstgefühl. Eine Viertelstunde späterhörte sie, wie die Hausthür zugeworfen wurde. Sie erschrak, die Anderen sahen sie an und schwiegen.
Später sagte dann der Vater, zwischen zwei Zügen, aus seiner Pfeife: „Wenn es Walter bei Fritz nicht gefällt, dann muß er lieber was Anderes suchen, ein Junge wie er kann überall ankommen! Es giebt Stellen genug!"
Er bekam keine Antwort.
Und so rauchte er dann ruhig seine Pfeife weiter uild brütete über der Zeitung und sah viel Worte, deren Sinn er nicht verstaiid: Unabhängigkeit — Ehrgeiz — Leidenschaft.
(Fortsetzung folgt.)
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