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Nr. 126.

d Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts. >»—

Mittwoch» 2. Juni.

lylö.

lS. Fortsetzung.)

Um die veute.

Kriminalroman von Reinhold Ortmann.

'(Nachdruck verboten.)

Herbert Lyncker aber hatte gar nicht den Versuch ge­rnacht, sie zu unterbrechen. Er hatte sich in seinen Stuhl zurückgelehnt und war mit jeder Sekunde mehr in sich zusammengesunken wie jemand, der unter der Last eines unerwartet über ihn hereingebrochenen Schicksals erliegt. Seine schlanken Finger spielten mechanisch mit einer Troddel des Sessels, und sein Blick .war starr ins Leere gerichtet. Vielleicht hatte er kaum die Hälfte dessen verstanden, was Martha gesagt hatte, denn als sie jetzt verstummte, fuhr er zusammen, als hätte inan ihn aus einem TramNe .geweckt. Wie ein aus dem Schlafe Erwachender auch strich er sich über Augen und Strrn.

Dann aber raffte er sich mit einem Ruck zusammen, und seine sonst so sanfte und schmeichelnde Stimme hatte einen seltsam rauhen und fremden Klang, als er ßrgte: „Es hätte aller dieser Erklärungen nicht bedurft, mein verehrtes Fräulein; denn es ist selbstverständlich, daß ich Ihnen die kleine Summe mit Freuden zur Ver­fügung stelle. Bis wann müßten Sie sich haben?"

„Bis morgen abend, Herr Lyncker. — Aber mir wird mit einem Male so bang vor meinem eigenen Beginnen. Vielleicht habe ich doch ein großes Unrecht getan, und Sie werden mich von nun an verachten."

„Verachten? Ich — Sie? Nein, bei Gott, das ist eine grundlose Sorge. Ich bin glücklich, daß Sie mich Ihres Vertrauens gewürdigt haben, und ich wollte — doch weshalb sollten wir viele Worte- darüber machen? Sie gestatten mir also, Ihnen morgen nach­mittag das Geld zu bringen?"

„Vielleicht ist es besser, .wenn ich den Gatten meiner Base benachrichtige, daß er es bei Ihnen in Empfang nehmen kann. Es müßte dabei doch auch allerlei Ge­schäftliches erledigt werden. Von diesen Dingen ver­stehe ich leider nicht das geringste."

„Nein — nein", wehrte er hastig ab, „die einzige Bedingung, die ich an die Erfüllung Ihres Wunsches knüpfe, ist, daß die Sache ein Geheimnis bleibt zwischen Ihnen und mir. Sie dürfen keinem Menschen sagen, daß Sie das Geld von mir erhielten, Ihrer Base oder ihrem Manne ebensowenig als dam Herrn Oberst­leutnant oder sonst einem Menschen. Es bedarf ja durchaus keiner geschäftlichen Abmachung. An dem Tage, wo der Empfänger das Geld wieder entbchren kann, werden Sie es mir einfach zurückgeben. Es ist ganz gleichgültig, ob dieser Dag innerhalb eines Jahres oder eines Jahrzehnts erscheint."

Mit einem Blick der höchsten Bewunderung schlug sie ihre in Tränen sckwimmenden Augen zu ihm auf. Wieviel Vertrauen sie auch auf Grund ihrer kurzen Be- kanntschaft in sein« Herzensgüte gesetzt hatte, diese Großmut ging doch weit Mer alle ihre Erwartungen hinaus. Ihr Herz war so voll von heißer Dankbarkeit, daß sie nicht sogleich Worte fand, die reich genug ge- wssen wären, auszudrücken, was sie fühlte.

Herbert Lyncker aber wünschte sie offenbar an jeder Dankesäußerung zu verhindern, da er ihr sogleich mit

der Frage zuvorkam, wann und wo sie morgen daS Gold von ihm in Empfang zu nehmen wünsche.

Martha überlegte ein wenig, dann sagte sie: „Viel­leicht wäre es am besten, wenn Sie es mlir zwischen fünf und sechs Uhr nachmittags bringen wollten. Um diese Zeit ist mein Vater bei seiner Schachpartie im Kaffeehaus, und niemand würde etwas bemerken."

„Gut also — ich werde um fünf Uhr kommen. Ihr« Base wird das Geld erhalten, Sie können mit Sicher­heit darauf rechnen."

Er war aufgestanden, um sich zu verabschieden. Martha hielt rhn nicht zurück. Sie onrpfand es viel­leicht als einen neuen Beweis seines Zartgefühls, daß er sie jetzt verließ, denn der Schritt, zu dem sie sich da um Magdälenens willen entschlossen hatte, erschien ihr nun, nachdem sie ihn getan, viel ungeheuerlicher uoch als zuvor. Sie würde in Herbert Lynckers Gegenwart die peinliche Beklemmung nicht mehr los geworden sein, die, wie eine erstickende Last auf ihrer Seele lag, seitdem sie seine Zusage enipfangen.

Auch jetzt fand sie das Dankeswort noch nicht, zu doin ihr Herz sie doch ungestüm drängte. Aber als Herbert sich herabbeugte, um ihre Hand zu küssen, fühlte er einen langen warmen Druck der kindlich schlanken und doch kraftvollen Finger, die er in seiner Rechten hiolt.

Dann stürzte er fort und lief durch die abenddunk­len Straßen seiner weitab gelegenen Wohnung zu.

In dem kleinen, dürftigen Zimmer, wo er statt deS reichen hanfeatlschen Patriziersohnes wieder nur der einfache, schlechtbezahlte Kommis Paul Grevenberg war, rannte er in größter Erregung auf und nieder.

Ohne sich bewußt zu werden, daß die Worte laut und vernehmlich von seinen Lippen kainen, wiederholt« er immer aufs neue: „Ick muß wahnsinnig gewesen

sein — geradezu wahnsinnig!"

Drittes Kapitel.

Wie an jedem Samstag wurde das Bankhaus Henning u. Co. auch heute schon einige Stunden früher !geschlossen als an den übrigen Wochentagen.

Von allen Angestellten war der Kassierer Paul GreveMerg der letzte, der seinen Arbeitsplatz in öem kleinen, von hohen Schränken umgebenen Verschlage neben dem mächtigen Tresor verließ. Nachdem er die Bücher fortgestellt und die noch auf seinem Pult liegen­den Papiere mit peinlichster Sorgfalt geordnet und verwahrt hatte, schloß er die starke Eisentür des in die Wand eingemauerten Schrankes, zog die Schlüssel ab und begab sich in das anstoßende Privabkabinett, wo Herr Henning, einer der Chefs der Firma, noch an seinem Schreibtisch saß. ,

„Ich bringe die Geldschrankschlüssel, Herr Hennmg . sagte er in jenem bescheidenen Tone, der ihm im Ver­kehr mit seinem Prinzipal von jeher eigen gewesen war. „Haben Sie mir noch eine Anweisung für Montag früh zu erteilen?"