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j. Mlnp Mi Wieslmüener Cnglilntt.

Uo. 833. Morgen-Ausgabe.

Sonntag, den 21. Juli.

49. Jahrgang. 1901.

(8. Fortsetzung.)

(Nachdruck verboten.)

Dunkle Wege.

Noinan von Aeinhold Hrlman«.

Diitttt dann", der Sanitätsrath hatte sich init beiden Händen ans die Tischplatte gestützt; sein Unter­kiefer zitterte vor Erregung, und er suchte vergebens nach dem rechten Wort für das, was er sagen wollte. Da trat Margarethe, die bis dahin schweigend abseits gestanden hatte, zu ihm heran und legte ihre Hand ans seine

Schulter. , , r . _ e r

Wenn Hartwig sein Wort gegeben hat, lieber Onkel, mutz er es doch wohl halten, llnd er wutzte ja auch noch nichts von diesen Frauen da drübeil im Landhause, als

er es versprach." ^ . T .

Sie hatte es ohne alle Wanne gesagt, mit derselben kühlen Gelassenheit, die jeder ihrer Aeutzerungen eigen war. Aber ihre tveichc Stimme schien dennoch sänftigend auf den Zorn des Sanitätsraths zu wirken. Er athmete tief auf und ließ sich nieder in seinen «tuhl fallen, um gleichzeitig nach der vorhin bei Seite gelegten Zeitschrift zu greifen.

Er thue, was ihm beliebt", stietz er hervor, ohne Hartwig noch einen Blick zu gönnen.Du hörst ja, daß ich dein Herrn Doktor nichts mehr zu befehlen oder zn verbieten habe."

Hartwig zauderte noch. Die Vorstellung, seinen Vater an diesem ersten Abend, den er wieder im Elternhause zubrachte, in offenem Unfrieden zu verlassen, bereitete ihm eine Empfindung aufrichtigen Schmerzes. Und es drängte ihn, noch ein freundliches Wort zu sprechen, be­vor er sich entfernte. Da kehrte Margarethe ihm abermals ihr Weihes, ruhiges Antlitz zu. Und diesmal verstand er die stumme Mahnung in ihren ernsten Augen. Es .war eine Aufforderung, sich rasch und still zu entfernen - eine unverkennbar sehr dringende Bitte, llnd Hart­wig würde sich für undankbar gehalten haben, wenn er gezögert hätte, ihrem Verlangen zu willfahren.

Vielleicht lvar es ja auch in der That am besten, wenn sein Vater Zeit fand, sich zu beruhigen, bevor etwas Weiteres über diese Angelegenheit zwischen ihnen ge­sprochen wurde.

So verlieh er mit einem herzlichen:Auf baldiges Wiedersehen also!" das Zimmer, machte sich innerhalb weniger Sekunden zum Ausgehen fertig und kehrte zu dem in unverändert demüthiger Haltung auf der Diele tvartend«r Boten zurück.

Sie sehen, ich bin bereit machen wir uns ans den Weg!" ~ -

- . ,V.

Es war ein mondloser Abend, und beinahe voll­ständige Dunkelheit herrschte in den stillen, winkligen Stratzen des anscheinend schon im tiefsten Schlummer liegenden Städtchens. Hier und da nur blinkten freund­lich ein paar erhellte Fenster, llnd vor diesen, oder jenem Hausthor standen oder saßen ein Paar ehrsame Bürger in ernsthaftem nachbarlichem Gespräch. Ver­wundert blickten sie zumeist den beiden Vorübergehenden .nach. SSerut sie kannten wohl den Mann aus den, Land­hause, tvenn auch Niemand einen Grus; mit ihm tauschte; doch Keiner erkannte seinen jugendlichen Begleiter.

Ich bin seit mehreren Jahren heute zum ersten Mal wieder in Neustadt", brach nach einer geraumen Weile Dr. Hartwig Nüdinger das Schlveigen, das so lange zwischen ihm und seinen, Führer geherrscht hatte.Und tvenn ich mich auch des Landhauses am Mühlenweg recht gut erinnere, so weiß ich doch nicht das Mindeste von seinen Bewohner». Es stand, falls ich mich recht entsinne, dainals leer, und der aus der Stadt verzogene Besitzer suchte vergebens einen Käufer."

Ja, das kann wohl richtig sein", sagte der Mann, llnd der llmstand, das; er nichts Weiteres hinzufügte, ließ deutlich genug erkennen, wie wenig mittheilsa», er ge­stimmt war. Hartwig aber hegte nach der Scene mit seinem.Vater denn doch den sehr begreiflichen Wunsch, ein wenig über die Leute orientirt zu werden, von denen der Sanitätsrath mit so ingrimmiger Verachtung ge­sprochen hatte, und er ließ sich deshalb durch die Wort­kargheit seines Begleiters nicht beirren.

Sie sind in dem Landhause bedienstet nicht wahr? llnd welches ist der Name Ihrer Herrschaft?"

Seitden, Herr Satzenhoven tobt ist, der die Villa ge­kauft hatte, gehört sie der Frau Martorel oder viel­leicht auch dem Fräulein. Ich weis; darüber nichts Be­stimmtes, und ich kümmere mich auch nicht darum. Denn ich wohne im Gärtnerhäuschen und habe mit den beiden Damen beinahe gar nichts zu thun."

So? Sie sind also der Gärtner? llnd Sie waren schon bei dem' vorigen Besitzer beschäftigt. Aber Sie stammen Ihren, Dialekt nach jedenfalls nicht aus dieser Gegend?"

Nein. Meine Frau und ich, wir sind vor ungefähr zwei Jahren zusammen mit Herrn Satzenhoven nach Neu­stadt gekommen."

Die Antworten würden zögernd und mit sichtlichem Widerstreben gegeben. Die letzten Worte verloren sich zumeist in ein kaum noch verständliches Gemurmel. Hart­wig erkannte, daß es ihm kaum gelingen würde, eine brauchbare Auskunft von dem sonderbaren, verschlossenen Menschen zu erhalten, llnd da sie jetzt, nachdem sie di- letzten Häuser des Städtchens hinter sich gelassen, be­reits in den unbebauten, allmählich bergan führenden Mühlenweg cingcbogcn waren, gab^er alle weiteren Ver­suche auf. ' Nur ein paar hundert Schritte noch, und sie standen vor dem eisernen Gitterthor, das eine lang hingc- streckte, mehr als mannshohe Mauer unterbrach. Eine undurchdringliche, pechschwarze Wand von dicht belaubten Baumwipseln, die sich jenseits der Mauer emporreckte, machte es völlig unmöglich, irgend etwas von dem ziem­lich weit zurückliegenden Hause zu erspähen. Man befand sich hier ungefähr ans der halben Höhe des sogenannten Schloßberges, eines waldigen Hügels, an dessen Fuße die Stadt recht malerisch hingelagert war. Hartwig hatte sich oft genug der hübschen Aussicht erfreut, die man von hier genoß. ' Und sicherlich waren es diese Aussicht und verlockende Nähe des schönen, alten Laubwaldes gewesen, die den Erbauer des Landhauses bestimmt hatten gerade diesen Platz für seine Niederlassung zu wählen.

Jetzt war es hier ringsumher beinahe unheimlich still und düster. Von den Bewohnern der Stadt verirrte sich um solche Stunde gewiß Niemand mehr bis zu der cin- sainen Villa hinauf, llnd tvenn es wie Hartwig aus allen bisher vernommenen Aeußertmgen schließen inußte

zwei alleinstehende Damen waren, die das Landhaus bewohnten, so mußten sie sich hier oben wahrscheinlich manchmal verlassen und weltabgeschieden genug fühlen.

Mit einem auö der Tasche gezogenen Schlüssel hatte der Gärtner das Gitterthor geöffnet; aber er hatte gleich­zeitig zweimal den Griff des am Mauerpfeiler ange­brachten Klingelzuges in Bewegung gesetzt, wie um seine Ankunft zu melden.

Ich werde vorausgchen", sagte er.Der Herr Doktor fänden sich sonst vielleicht nicht zurecht."

In der That bedurfte es noch einer minutenlangen Wanderung auf den gewundenen Kieswegen eines richtigen Waldparkes, ehe sie das Haus erreicht hatten, ein mäßig großes, zweistöckiges Gebäude in ziemlich ge­schmacklosen, Villenstil. Es lag in der tiefsten Dunkel­heit vor ihnen, da offenbar sänuntliche Fensterläden ge­schlossen waren. Nur aus der Eingangsthür, zu der eine kleine Rampenanlage emporführte, fiel ein Lichtschimmer, llnd die Umrisse einer weiblichen Gestalt hoben sich von dem beleuchteten Hintergrund ab.

Bist Du's, Clemens?" fragte eine Stimme,lind hast "Du den Arzt niitgebracht?" ^ ri . _ ,

Noch ehe der Gärtner antworten konnte, stand Hart- wig vor der Fragenden.

'Ich bin der Doktor Nüdinger! Wo finde ick den

Patienten?" , . r .. r .

Die magere, ältliche Frau, die wie eine Harwhalternr gekleidet war, und deren verkniffenes, spitznasiges Gesicht einen keineswegs angenehmen Eindruck auf Hartwig machte, trat ein wenig zur Seite, um ilM einzulassen, und erwiderte in unterwürfig freundlichem Tone:

Wollen der Herr Doktor die Güte haben, mir zu folgen! Die gnädige Frau waren eben herabgekommen, uni zu fragen, ob denn der Arzt immer noch nicht da wäre. Wir befinden uns ja ^ feit einer Stunde tn so großer Aufregung und Sorge." ;

Sie hatte die letzte der vier Thnren geofsner, die aus den mit' Kokosmatten belegten Vorplatz ausmundeten, und forderte Hartwig durch eine höfliche Hlindbewcgung zum Eintreten auf. Er sah sich in einem hübsch einge­richteten Vorzinnner uiid eine Sekunde spater m einem größeren, hell erleuchteten Gemach, das seiner eleganten, fast prächtigen Ausstattung nach ohne Zweifel der Enipfangssalon des Hauses war. .. ,

In duukelrothein, spitzenbesetztem Schlafrock mit lang nachwalleiider Schleppe trat ihm raschen Schritte» eine hochgewachsenc, stattliche Dame entgegen, in der er nach Allen, was er bisher gehört hatte, nur die Besitzern, der Villa vermuthen konnte. Unwillkürlich mutzte er an die geringschätzige Aeußerung seine» Vaters denken, der von dem Landhause am Mühlenweg als von demKomoc,. antennest" gesprochen hatte. Denn diese etwa vierzig­jährige Frau mit dem kunstvoll frisirten, an Stirn und Schläfen zu tvirren Löckchen germgelten Haar, dem stmk- gepuderten Gesicht und der gesuchten Anmuth der Be- wegungen lies; gleichsam auf den ersten Bück d,e ehe­malige Bühnenkünstlerin errathen Eine Wolke von Veilchendust schivebte um sie her, und die tvohlgevflegten, rundlichen Hände, die sie wie u, lebhafter Gcmnths- beivegunq dein jungen Arzt entgegenstreckte, funkelten von Brillanten und farbigen Edelsteinen.

(Fortsetzung folgt.)

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