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Viksbs-kner Tsgblsü.

*o. Jahrgang.

Erscheint in zwei Ausgabe». BczugS-Prc:S: durch den Verlag SO Pkg. monatlich, durch die Bost S Mk. SO Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

Verlag: Langgaffe 27.

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333. gtedaktiouS-Fernsprecher No. 52.

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Mo rgen-Ausgabe.

Politische Uebersicht.

Dcis alte VexirbildWo ist die Katz'?" ist mäuniglich bekannt; es hat seitdeni in tausendfachen Variationen neue Auflagen erlebt und erlebt noch fortwährend neue. Auf dern Gebiete der Politik gicbt es auch seit 2 Jahren solch ein schönes Vexirbild; es lautet:Wie ist der Zolltarif?" Die Frage beschäftigt Jedermann, aber die Antwort darauf ist bisher nicht gefunden worden. Wiederholt haben einzelne Blätterabsolut authentische Informationen" über deir neuen Zolltarif gebracht, aber da diesen alsbald nochauthentischere Informationen" folgten, so ist man allgenlach gegen diese Informationen mißtrauisch geworden. Auch in dieser Woche ist eine solche Information veröffentlicht worden, die entweder richtig ist - oder nicht. Aber die Heftigkeit, mit der schon jetzt um den unbekannten Zolltarif gestritten lvird, läßt einen Schluß auf die Heftigkeit des Kampfes zu, der uns erwartet, wenn erst der Erisapfel deS neuen Zoll­tarifs unter die Parteien geworfen sein wird.

Ein kauin minder heftiger Kampf hat sich neuerdings zwischen dem C e n t r u m und dem B u n d d e r L a n d- wirthe entspannen. Der Bund der Landwirthe hat seit einiger Zeit eine Pürscl^e in die rheinischen und west­fälischen Jagdreviere des Centrunrs unternommen und das hat das Centruin zugleich mit Entrüstung und mit Sorge erfüllt. Aus dichem Anlaß hat sich zwischen den Blättern der beiden Parteien eine Preßfehde entspannen, welche etwas Leben in die politische Sonnnerstille ge­bracht hat, die zwar diesmal später als sonst, aber doch endlich eingetreten ist.

In nmnchen Ländern freilich scheint diese Sonimer- ssiüe ganz nnszubkeiben. So vergeht in Spanien keine Woche, in der nicht von neuen Unruhen und Zu­sammenstöße:: gemeldet wird. So ist es in dieser Woche in Saragossa zu einem Zusammenstoß zwischen den Klerikalen und den Antiklerikalen ge- konimen, der einen neuen Beweis für die Schärfe er­brachte, welche die antiklerikale Bewegung in Spanien angenoinmen hat.

In D ä n e m a r k ist es sogar zu einer in dieser hoch­sommerlichen Hitze doch durchaus unangebrachten M i - nisterkrisis gekommen. Das konservative Kabinet Sehested, das bei den letzten Wahlen eine schwere Nieder­lage erlitten hatte, hat seine Demission eingereicht und der greise König Christian hat dieselbe angenommen. Da die Konservativen ihre Majorität in der Kammer ver­loren habe::, wird entweder der Versuch mit einem Kon- zenrrationskabinet aus einem Theil der Rechte,: und der Linken oder mit einem reinen Kabinet der Linken ge- macht werden müssen.

Auch in Belgien hat das parlamentarische Leben noch nicht pausirt. Die harte Nuß, mit deren Knacken die belgische Volksvertretung sich zur Zeit beschäftigt, ist die K o n g o v o r l a g e , der zufolge Belgien denKongo- staat übernehmen soll, nicht wenn es dem belgischen Staate, sondern wenn es dein König Leopold von Bel­gien Paßt. Der starke Widerspruch, der in Belgien gegen

Samstag» den 20. Juli.

die Annahme der so gestalteten Vorlage laut wurde, ist nach und nach zur Ruhe gebracht worden, sodaß die Re- präsentantenkanuner am Mittwoch mit 71 gegen 31 Stiminen der Vorlage zugestimmt hat.

In Frankreich, diesem unruhigste,: allerLänder, wo die Politik fast nie pausirt, ist es zwar auch allmählich ruhiger geworden, und sogar das am letzte,: Sonntag in Paris mit großen: Pomp begangene Natioualfest ist mit verhältnißmüßig weuigRuhestöruugen vorübergegangen, aber an Zwischenfällen hat es in dieser Woche doch nicht gefehlt. Die neuesteSensation" war diesmal das Attentat, das eine allein Anschein nach mehr oder weniger überspannte Frau auf de,: Arbeits-

m i n i st e r B a u d i u ausgeführt hat. Erfreulicher­weise ist das Attentat, das eigentlich dem Minister des Aeußeren galt, unblutig ausgegangen.

Recht alarnsircnde Nachrichten sind in dieser Woche auch aus C h i n a gekommen, aber da alle diese Alarm- nachrichten aus englischer Quelle stanuneu, so werden sie nachgerade mit skeptischen: Mißtrauen ausgenommen. Von einem berühmte,: französischenDiplomaten ist, als er starb, gesagt worden: Welchen Zweck verfolgte er damit? So muß man auch nachgerade an die englischen Alarm­nachrichten, denen zufolge sich dem Abschluß der Ver­handlungen in China neue Hindernisse entgegenstellen, die Frage knüpfen: Welchen Zweck verfolgen die Eng­länder mit dieser phantasiereichen Berichterstattung?

Noch größeres Mißtrauen wird mit Fug und Recht der englischen Berichterstattung über die Vorgänge in Südafrika entgegengebracht. Den Berichten über die englischenSiege" ist schon zu oft dasdicke Ende" nachgefolgt, daß sie entweder überhaupt nicht oder wenig­stens nicht von den Engländern erfochten waren. Auch bei der niit so viel Begeisterung gemeldetenGefangen­nahme der Regierung des Oranje-Freistaats" spielt ein gut Stück Optiinismus mit, dem: die Häupter der Freistaatburen sind in erster Reihe Steijn.und Dewet, und diese sollen noch gefangen werden! In Ermangelung kriegerischer Erfolge befleißige,: sich die Engländer, de,: Buren allerlei angebliche Barbareien anzuhängen. Aber ein solches Unterfange,: nimmt sich bei den Engländern, die doch wahrlich im Glashause sitzen, sonderbar genug aus!

Aus Stadt und Kand.

Wiesbaden, 20. Jull.

Westlicher Bezirksverein. Das im Restaurant Waldeck" am Mittwoch stattgehabte Sommerfest des Westlichen Bezirksvereins" nahm einen außerordentlich günstigen Verlauf. Die Theilnahme der Bürger, welche zumeist mit Familie erschienen waren, war eine ungemein große. Bei den im Verlauf der Veranstaltung in verschiedenen Abtheilungen aus­geführten Wettlaufen für Kinder, Topfschlagen rc. wurden 60 Preise ausgetheilt. Die nun folgende Kinder-Polonaise war eine recht stattliche. Während über 100 Teilnehmer derselben kleine Fahnen trugen, schritten die andern Kinder mit Fackeln, bunten Laternen und Lampions im Zuge dahin. Diesem farben­prächtigen, sehr anziehenden Bilde folgte ein recht gelungenes Feuerwerk mit bengalischer Beleuchtung. Von den gewechselten Reden ist vor Allem die Festrede des Vorsitzenden, Herrn Höfer, hervorzuheben, der, ausgehend von der Größe und Bedeutung

Verlags-Fernsprecher No. 2266. lfMfl.

des Vereinsgebietes, die Entstehung und Entwickelung, dh Sorgen und Erfolge, sowie die jährlichen Feste des Vereins Revue passiren ließ und mit einem Hoch auf die gemeinnützigen Bestrebungen desselben schloß. Seine trefflichen, durchaus sach­lichen Ausführungen fanden mit Recht den lebhaftesten Beifall, wie denn auch Herr I. Schröder, welcher die Verdienste deS Comitss um das Gelingen der Veranstaltung, sowie die Ver­dienste des früheren und des derzeitigen Vorstandes in objek­tiver Weise feierte, Alcklang fand. Ein Toast auf die Damen, wie auch schließlich in uachmitternächtiger Stunde ein fröh­liches Tanzvergnügen, durfte der herrschenden animirten Stim­mung natürlich zuguterletzt auch nicht fehlen. Gegen Tages­anbruch fand das idyllischeWaldeck" erst seine Ruhe wieder.

o. Bestimmungen für Waarcnhänser. Der Herr Re­gierungspräsident veröffentlicht in der neuesten Nummer des Regierungs-Amts-Blattes" die von den Ministern der öffent­lichen Arbeiten und des Innern erlaffenen Bestimmungen für Gebäude, welche ganz oder theilweise zur Aufbewahrung einer größeren Menge brennbarer Stoffe bestimmt sind (Waaren- häuser, Geschäftshäuser). Diese Verordnung bezweckt vor Allem die Sicherheit des Verkehrs des Publikums in den großen Ge­schäftshäusern zu erhöhen und enthält daher genaue Vorschriften sowohl für die bauliche, feuersichere Einrichtung solcher Häuser, wie für den Betrieb der Geschäfte. Unter Anderem dürfen die Kellertreppen nirgends in unmittelbarerVerbindung mit anderen Treppen des Gebäudes stehen. Die einzelnen Abtheilungen des Kellergeschosses dürfen in der Regel nicht mehr als 500 Quadrat­meter Grundfläche erhalten. Eiserne Konstruktionstheile sind gluthsicher einzuhüllen. Besonderes Gewicht legt die Verord­nung auf die Vorkehrungen zur raschen Entleerung solcher Häuser, durch die Anlage der nothwendigen Treppen und deren feuersicheren Verbindung mit der Straße. Von jedem Punkte des Gebäudes aus muß eine Treppe auf höchstens 25 Meter Entfernung erreichbar sein. Die Treppenhäuser sind mit Vor­richtungen zu versehen, welche eine wirksame Entlüftung stcher- stellen und vom Erdgeschoß aus bedient werden können. Petro­leum darf in den Verkaufsräumen zur Beleuchtung überhaupt nicht verwendet werden. Alle zur Entleerung bestimmten Thüren und Ausgänge müssen mit Nothbcleuchtung versehen sein. Schaufenster dürfen nur von der Straße oder in der Art beleuchtet werden, daß sich z w i s ch c n de m Schaufenster und den Beleuchtungskörpern nebst Leitungen eine starke Glasscheibe befindet. Leitungen oder Beleuchtungskörper im Innern der Schaufenster sind unzulässig. Zur Heizung sind eiserne Oefen nur ausnahmsweise zulässig. Die Feuerungsanlagen sind alljähr? lich vor Beginn der Heizperiode einer Besichtigung durch einen Sachverständigen zu unterziehen. Zum Schlüsse enthält die Ver­ordnung noch Sicherheits-, Lösch- und Rettungsvorschriften. Darnach ist u. A. das Rauchen in den Verlaufs- und Be­triebsräumen verboten, was durch Anschläge deutlich kennt­lich zu niachen ist. F e u e r l ö s ch e i u r i ch t u n g e n und be­sondere Angriffs- und Rettungswege sind nach näherer An­weisung auszuführen, auch ist auf Erfordern ein Feuermelder anzulegen und bei sehr ausgedehnten Betrieben eine geeignete Alarm-Vorrichtung herzustellen. Die Angestellten müssen über die Sicherheitsmaßregcln unterrichtet gehalten werden. Endlich ist Vorsorge zu treffen, daß eine U e b e r f ü l l u n g der Ver­kaufsräume nicht stattfindet.

Schnelkzugsvcrkehr nach der Schweiz. Bis ein­schließlich 15. September l. I. verkehrt ein sehr rasch fahrendes Schnellzugspaar zwischen Frankfurt a. M. und der Schweiz. (Zur Zeit bestehende schnellste Verbindung.) Frankfurt ab 12 Uhr 30 Min. Mittags, Bern an 9 Uhr 12 Min.

Feuilleton.

Aew-Uorker Slraßentnlder vei 100 Grad Fahrenheit.*)

Der New-Uorker Korrespondent desNeuen Wiener Tage­blatts" giebt folgend« Schilderung von der dortigen furchtbaren Hitze:

In der Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika wird der heurige Sommer ein Blatt für sich beanspruchen keine einzige Elementar-Katastrophe der letzten Zeit hat über die Staaten des Sternenbanners so viel Jammer und Ent­ssetzen gehäuft, wie diese Reihe von höllischen Hitztagen, an denen in den großen Verkehrscentren die Menschen zu Tausenden wie die Fliegen dahinsanken und auf offener Straße verschmachteten, ohne daß man ihnen Hülse bringen konnte. Der Telegraph hat von den schrecklichen Scenen, die sich in New-Uork in den Gluthtagen abgespielt, und von den massenhaften Todesfällen infolge der Hitze Kunde bis in die entferntesten Orte getragen. Heute selbst, wo das Schrecklichste bereits überwunden scheint und Handel und Wandel wieder in normale Bahnen gelenkt sind, läßt sich noch nicht all das Unheil übersehen und ab­schätzen, das diese tropische Hitze dem Volkswohlstand zuge- sügt hat.

Das Verhalten der Bevölkerung New-Dorks war an diesen unglücklichen Tagen so kopflos und unvernünftig wie nur mög­lich. Die Bewohner dieser Riesenstadt, an Disziplin und Selbst­sucht ohnehin nicht sehr gewöhnt, streckten vor dieser neuen Elementargewalt die Waffen, ergaben sich der Sonne auf Gnade

*) 80 Grad Reaumur 100 Grad Celsius 212 G--.it> Kahrenbeit.

und Ungnade, und thaten Alles, um sich selbst zu morden. Die Leute gaben es völlig willenlos auf, gegen die Temperatur oder gegen das Schwächegefühl, von welchem sie übermannt wurden, anzukämpfen, jedes Gefühl für Hygieine, ja, jedes Ge­fühl für Anstand, Schicklichkeit und Pflicht ging ihnen ver­loren. Durch die weitgeöfsueten Fenster der Wohnungsviertel, und zwar keineswegs nur der ärmeren Bevölkerung, sah man gänzlich unbekleidete Männer- und Frauengestalten; auf den Treppenstufen, die vom Trottoir zur Hausthür führen, aber schien Abends das Hemd und nichts weiter als Empfangs­und Straßenkostüm zu gelten. Im Geschäftsviertel sind tags­über zu dem letztgenannten Kleidungsstück nur noch Beinkleider de rigueur, Kragen, Weste oder gar Rock aber überflüssig, und auf jedem hochrothen pustenden und triefenden Gesicht steht nur ein Gedanke geschrieben:Welche mörderische Hitze!" Diese ist das Schreckgespenst, das Jedermann blinde Furcht ein- flöst. Kein Wunder, daß sie Umfallen wie Fliegen, selbst Leute, denen jeder Komfort zur Verfügung steht, die also nicht zu leiden brauchen. Waren doch unter den Opfern des gestrigen Tages auch zwei Millionäre! Statt sich, wie in den Tropen, gegen die Hitze mit kalten Wannenbädern zu wappnen, denen man Eisstücke zusetzt, reißen sich die Leute die Kleider vom Leibe und trinken sich mit dem nationalen Eiswasser Leib­schmerzen an.

New-Uork glich an manchen Tagen dem Schauplatz eines Straßenkampfs. Etwa auf je 100 Meter lag der Kadaver eines Pferdes in den Hauptverkehrsstraßen, und für die Säuberung der Straßen fehlte es an Leuten. Unaufhörlich raffelten die Leichenwagen, welche die Leichen der an Hitzschlag verstorbenen Menschen auflasen, durch die Straßen. Jeder dieser Wagen brachte zwei bis drei Leichen nach der Morgue.

Am schrecklichsten sah es in jenem Stadtviertel der Ostseiie aus, das ausschließlich von Einwanderern bewohnt ist. Solch

menschenunwürdiges Elend, wie es hier ist, kennt weder Paris noch Berlin, ja selbst London nicht. Zu beiden Seiten der engen Straßen stehen thurmhohe, schmutzige Ziegelbautcn, deren Mauern die siebentägige Hitze aufgesaugt hatten und nun auf das unsaubere, staubige Trottoir zurückwarfen. Der Bienen­schwarm geplagter zweifüßiger Lebewesen, aus FamilieNj Schlafburschen, Bettlern, Krüppeln und dem Auswurf männ­licher wie weiblicher Menschheit bestehend, der diese Mieths- kasernen schon bei kalter Temperatur bis zum Ersticken füllt,, war von der Höllengluth drinnen ins Freie getrieben worden. Ein großer Lastwagen bahnte mühsam sich seinen Weg, und vor den schweren Hufen seiner Pferde flüchteten die Kinder erst im letzten Augenblick. Es war ein Eiswagen! Wenige Glückliche fanden in der Tasche den Nickel, der das köstliche Labsal kauft, das dann in die Zinnkanne mit lauwarmem Wasser wanderte. Gierig tranken Vater und Mutter, während die Kinder ihre Aermel zupften, noch ungewiß, ob auch ihnen ihr Eiswasser werden würde. Schließlich gab man es ihnen und steckte auch dem Kleinsten an der Mutterbrust den kleinen Rest des schnell geschmolzenen Klumpens zwischen die bleichen Lippen. Sein Wimmern hörte auf, aber die rothe aufgcbrochene Haut zeigte, wie er duldete, der kleine Kandidat für das Todtenhaus. Größer ist die Zahl der weniger glücklichen Familien, deren Mitglieder mit den: irr-gierigen Blick Verschmachtender nur zur Zinnkanne mit dem eklen lauwarmen Wasser greifen können. Höchstens glückt es den Kindern, ein winziges Stück Eis zu er­haschen, sie prügeln sich um die Splitter, die von dem großen Block abspringen, von dem der Verkäufer seine Waare abhackt. Ihrer Zwei setzten sich mit der erhaschten Beute auf den ge­schwollenen Kadaver eines Pferdes. Ein alter Mann schlief, auf den Hals desselben gelehnt, und Fliegen umschwirrten sein blasses, feuchtes Gesicht. In der nächsten Straße wohnten glück­lichere Menschem Jemand hatte M des Hydranten bemächtigt