1. Seil llge zu in Mesbaüener Tn ablaN.
49. Jahrgang. 1901.
. (7. Fortsetzung.) !(Nacbdruck verboten.)
Dunkle Wege.
Roma» von Jteinhofd Hrtmann.
. Sebald Riidinger legte sogleich Messer und Gabel NEder und löste die in den Kragen gesteckte Serviette. In feinem ärztlichen Berufe kannte er, wie es schien, noch immer nur ein einziges Gebot — das Gebot bedingungsloser Pflichterfüllung.
„Ich habe Ihnen schoir oft genug gesagt, Albertine, daß Sie mir nicht mit so unbestimmten Meldungen kommen sollen! Jemand — wer ist Jemand! Ein Patient?"
„Nein, ich glaube nicht, Herr Sanitätsrath!" sagte die verschüchterte Kleine, die immer nur mit scheuem Seitenblick zu deni strengen Hausherrn aufzublicken wagte. „Es ist Jemand — ich meine, es ist ein Mann, der den Herrn Sanitätsrath bitten wollte, so schnell als möglich zu einem Kranken 31 t kommen."
„link Sie haben nicht einmal gefragt, zu wem? Gehen Sie auf der Stelle, sich danach zu — ■—"
Aber Margarethe, die geräuschlos aufgestanden war, kam dem bestürzt dreinschauenden Mädchen zu Hülfe.
„Wenn Du erlaubst, werde ich selbst mit dem Manne sprechen, lieber Onkel! Albertine ist in solcheii Dingeir noch etwas unerfahren!"
Sie gab der Dienerin einen Wink, ihr zn folgen, und beide verließen das Gemach.
„Bist Du noch immer so stark in Anspruch genomnien, Vater?" fragte Hartwig. „Und meinst Du nicht, daß es für Dich nachgerade an der Zeit wäre. Dir etwas Ruhe zu gönnen?"
^ -Ruhe? Sehe ich denn wirklich schon aus wie ein Eüvalide oder wie ein hinfälliger Greis? Nein, meine beiden verehrten Kollegen werden sich noch ein wenig gedulden müssen, ehe ihnen die Erbschaft des Doktors Rudinger zufällt. Vorläufig fühle ich mich vollkommen stark genug, nach wie vor meine Schuldigkeit zu thun."
„Du sprichst von zwei Kollegen? — Es hat sich also neuerdings noch ein dritter Arzt in Neustadt niedergelassen?"
„Ja, ein Doktor Krüger, ein blutsunqes Bürschchen, an- dem Du wahrscheinlich Deine Helle Freude haben würdest. Denn er gehört natürlich zur allerneuesten Schule — zu den Unfehlbaren, die sich an den Brüsten der alma mater mit Weisheit vollgesogen haben bis zum Bersten. Schade nur, daß er mit all seiner Weisheit den fhörichten Leutei, das Sterben ebenso wenig abgewöhnen kann, wie ich in meiner altmodischen Einfalt!"
Der Aerger aus der eben abgebrochenen Unterhaltung wirkte offenbar noch in ihm nach. Er war aufgestanden und machte ein paar ungeduldige Schritte durch das Zimmer, ersichtlich ganz darauf vorbereitet, dem Rufe, der da an ihn ergangen war, unverzüglich Folge zn leisten.
„Nun?" fragte er, als Margarethe wieder auf der Schwelle erschien. „Ist es in der That so dringend?"
„Ja, es scheint so, Onkel, obwohl der Mann nicht mit der Sprache heraus will, um was es sich handelt. Es ist der Gärtner oder Hausmeister aus dem Landhause cm, Müblenweg."
„He?!'
Wie ein Ruck war es durch Sebald Rüdingers riesige Gestalt gegangen, und sein Gesicht wurde mit einen. Mal so hart, wie es Hartwig aus den bängsten Stunden seiner Knabenzeit kannte.
„Aus den, Komödiantennest? Und Du hast ihn nicht ohne Weiteres sortgeschickt, Margarethe?"
„Wie hätte ich aus eigener Machtvollkommenheit etwas Derartiges wagen dürfen! Er sagte, daß er schon bei den beiden anderen Aerzten gewesen sei, weil er Dich nicht habe belästigen wollen. Aber er hat weder den vr. Hellwig, noch den Dr. Krüger angetroffen, und —"
„Was künmiert das mich! — Sie werden ja nicht aus der Welt sein, und er soll gehen, sie suchen. Mich aber soll er in Frieden lassen. Für die Gauklerinnen, die da oben ihr lichtscheues Wesen treiben, bin ich nicht zu haben."
Als wollte er seiner Erklärung dadurch noch arößeren Nachdruck geben, hatte er sich bei den letzten'Worten wieder an den Tisch gesetzt und mit vor Aufregung zitternden Händen nach seinein Besteck gegriffen. Margarethe schien in der That gesonnen, seinen Auftrag auszurichten, denn sie wandte sich ohne jede Erwiderung zum Gehen. Ein Zuruf des jungen Arztes aber hielt sie zurück.
. „Bleib noch, ich bitte Dich! Willst Du denn im Ernst Deinen Beistand verweigern,. lieber Vater, nur weil Du, wie es scheint, einen persönlichen Groll gegen die Leute hast, die Deiner bedürfen?"
„Einen persönlichen Groll? Nein, bei Gott, den habe ich nicht. Personen, die gesellschaftlich und moralisch so tief unter mir stehen, wie diese hergelaufenen Gank- lerinnen, kann ich wohl verachten, aber ich kann ihnen nicht grollen. Ich wünsche eben nur, mich nicht durch eine Berührung mit ihnen zu beschmutzen. Und damit wären, wie ich denke, an dieser Sache nun nachgerade genug Worte verschwendet."
„Aber was es auch mit den Bewohnern des Landhauses auf sich haben mag. Du kannst einen Kranken doch nicht ohne Hülfe lassen. Willst Du mir erlauben, mit dem Boten zu sprechen?"
„Ich habe Dir keine Vorschriften mehr zu machen. Und wenn Du es nach dem, ivas ich soeben erklärt habe, noch für angemessen hältst-"
Das Ende des in sehr greiztem Tone begonnenen Satzes hatte Hartwigs Ohr nicht mehr erreicht, denn er war schon aus dem Zimmer und näherte sich raschen Schrittes dem in bescheidener Haltung und mit dein Hute in der Hand am Fuße der Wendeltreppe wartenden Boten, einem einfach gekleideten Manne von vielleicht fünfzig Jahren.
„Ich bin der praktische Arzt Riidinger, der Sohn des Sanitätsraths. Wollen Sie mir mittheilen, um was es sich handelt?"
Der Mann drehte seinen Hut zwischen ben Fingern und heftete den Blick auf die Dielen.
„Das kann ich leider nicht, Herr Doktor! Denn ich weiß es selbst nicht. Frau Martorel sagte mir nur, ich solle schleunigst einen Arzt zur Stelle schaffen und solle ihm sagen, daß er zu einem Schwerkranken, wenn nicht zu einem Sterbenden gerufen werde."
„Aber Sie werden doch wenigstens wissen, wer dieser Kranke ist?"
„Nein. Frau Martorel hat es mir nicht gesagt. Und sie ließ mir auch nicht Zeit zn fragen. Vielleicht —" seine ohnedies sehr leise und schüchtern? Stimme wurde noch unsicherer — „vielleicht ist es das Fräulein."
„Auch über die Natur der Krankheit können Sie mir also keine Auskunft geben? Es wäre das doch sehr wünschenswert!) für den Fall, daß es irgend welcher Instrumente oder sofort anzuwendender Arzneien bedarf."
„Ich weiß nichts, Herr Doktor. Aber wenn etwas Derartiges nöthig wäre, hätte es mir Frau Martorel doch wohl gesagt."
Es schien außer Zweifel, daß etwas Weiteres aus dem Manne nicht heraus zn bringen sein würde. Und Hart- wig verzichtete deshalb auf fernere Fragen.
„Warten Sie noch einen Augenblick", sagte er. „Mein Vater oder ich — einer von uns wird jedenfalls sogleich mit Ihnen gehen."
Er kehrte in das Eßzimmer zurück, von einem finsteren, fast drohenden Blick des Sanitätsraths em- pfangen, während sich gleichzeitig auch Margarethens Augen mit den, Ausdruck einer Bitte auf ihn richteten, die er nicht verstand.
„Von deni Voten ist nichts zu erfahren", sagte er, ohne erst ei.ne Frage abzuwarten. „Er weiß weder, wer der Patient ist, noch kennt er die Natur seiner Krankheit. Aber es scheint, daß es schleimiger Hülfe bedarf, zumal der Mann mit seinem vergeblichen Vemüheii wohl schon eine beträchtliche Zeit verloren hat. Möchtest Du Dich nicht doch cntschließeii, lieber Vater, mit ihm zn gehen?"
„Nein."
„So gestattest Du wohl, daß ich es an Deiner Stelle thue. Man soll doch nicht sagen dürfen, daß es in Neu- stadt einem Schwerkranken oder Sterbendeir unmöglich gewesen sei, ärztlichen Beistand zu erlangen."
Der Sanitätsrath, der — wenn auch nur zum Schein — noch immer mit Messer und Gabel hantirt hatte, lehnte sich niit einer ungestümen Bewegung des Oberkörpers in seinen Stuhl zurück, und sein schon vorher stark geröthetes Antlitz färbte sich noch dunkler.
„Was man über die Neustädter Aerzte sagen wird, sollte Dich, wie ich meine, wenig kümmern, da doch wohl am Ende jeder von ihnen Mannes genug ist, seine Sache selbst zu führe,,. Mit meiner Vertretung aber wartest Du wohl gefälligst, bis ich Dich darum ersuche."
„Nicht wenn es sich um das Leben eines Mitmenschen handelt, Vater! Hier gilt es einfach, eine unabweisbare Pflicht zn erfüllen."
„Willst Du mich lehren, ivas meine Pflicht ist, Du mich!"
„Ich spreche nicht von Deinen Pflichten, sondern von den nichtige,,. Du hast ohne Ziveifel die triftigsten Gründe, Deine Hülfe zu versagen. Ich aber habe keine, llnd darum werde ich gehen."
Sebald Riidinger richtete sich zu seiner ganzen Größe auf, und seine Augen sprühten.
„Das wirst Du nicht! Ich verbiete es Dir — ich — Dein Vater!"
„Ich aber bin nicht nur Dein Sohn, sondern ich bin auch Arzt. Und ich habe überdies dem Boten bereits mein Wort gegeben, daß einer von uns ihn begleiten werde."
(Fortsetzung folgt.)
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