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4». Jahrgang.

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332. Redaktions-Fernsprecher No. 52.

Abend>Ausgabe.

Dom KnlKan.

Die nervösen Zuckungen, die in den Balkanstaaten -md in deren Beziehungen zur Pforte eigentlich niemals aufhören, sind in der jüngsten Zeit häufiger bemerkbar gewesen und machen neuerdings den Eindruck, als feien sie keine spontanen Erscheinungen, sondern als wären sie von bestimmten politischen Stellen aus mit weit­blickender Planmäßigkeit absichtlich hervorgerufen. Zwischen Bulgarien und der Pforte giebt es immer wieder Grenzkonflikte, Macedonien wird anscheinend von Bulgarien her revolutionirt, und die Ueberfälle der Albanesen auf die südserbischen Dörfer, wie die ver­schärften Reibungen zwischen Albanesen und Montene­grinern beginnen die Aufmerksamkeit auf sich zri lenken, zumal sich bisher iticht deutlich hat erkennen lassen, wer hier der Angreifer ist. Man erinnert sich, daß die letzte Delegationsrede des Grafen Goluchowski das Vor­handensein von nicht ungefährlickM Zündflächen in den Balkanländern mit besonderem Nachdruck betont hatte, und wenn unmittelbar darauf versichert wurde, daß die Beziehungen zwischen Wien und Petersburg so vortreff­lich wie nur je seien, so weiß man aus Erfahrung, lvie lveuig zuweilen derartige Betheuerungen Werth sind, wenn sie an thatsächliche Feststellungen des Gegentheils anknüpfen. Soeben wieder wird aus Konstantinopel gemeldet, daß Rußland den serbischen Protest gegen Uebergriffe der Albanesen energisch unterstützen werde. So harmlos die Mittheilung klingt, so viel zweideutige Heimlichkeit könnte in ihr stecken. Mau ist es gewohnt, daß die geschickt arbeitende russischePolitik erst Schwierig­keiten schafft, um mit dem Versuche ihrer Beseitigung erst recht die Gelegenheit zu neuen Vorstößen zu erhaschen. Die mancherlei Gährungen und Reibungen im Südosten würden nun aber nicht so viel Mißtrauen Hervorrufen, ivie sie neuerdings thatsächlich hervorgerufeu haben, lvenn nicht bemerkenswerthe Anzeichen dafür vorlägen, daß ge­wisse Petersburger Machenschaften von Paris aus mit erkennbarer dreibundfeindlicherSpitze unterstützt würden. Man hat es bei alledem anscheinend weniger mit einer Mtion zu thun, bei der die Kabinette offiziell betheiligt sind, als vielmehr mit der Thätigkeit von Personen, die sich unter Umständen würden ableugnen lassen, falls das nöthig wäre. Besonders auffallend ist es, daß gerade die „Germania", die sonst nicht als Organ für die In­timitäten der Orientpolitik zu gelten pflegt, plötzlich höchst ausgetüftelte Einzelheiten über russische Pläne auf dem Balkan veröffentlichen kann, Pläne, bei denen man sich nicht länger aufzuhalten braucht, da in keiner Weise erkennbar ist, ob und wie hier Wahrheit und Dichtung ineinandergehen. Es ist unter Anderem die Vermuthung geäußert worden, daß die „Germania" mit ihren be-

Freitag, den 19. I«li.

treffenden Mittheilungen aus Konstantinopel (!) die Ab­lagerungsstätte für eine Leistung des katholischen Preß- büreaus geworden sein könnte, das vor Kurzem feine Thätigkeit von Frankreich nach Deutschland ausgedehnt haben soll. Wie es damit aber auch stehen mag, in den Balkanländern selbst geht offenbar Vielerlei vor, lvas anscheinend vor: mißen her dirigirt wird. Diese Dinge brauchen nicht weiter aufregend zu wirken, denn in Sachen des eiiropäischen Südostens ist immer dafür ge­sorgt, daß ein Schachzug durch einen Gegenzug aus- geglichen zu werden Pflegt; immerhin ist es am Platze, das Augenmerk auf jenen Wetterwinkel zu richten.

hd. Berlin, 19. Juli. Aus Belgrad wird ein neuer Zwischenfall telegraphirt: Die türkischen Zollbehörden hielten an der Grenze den serbischen Kurier Milovanovitsch an, obwohl er mit einem vollgültigen, vom türkischen Gesandten in Belgrad visirten Passirschein versehen war. Er trug geheime Instruk­tionen der serbischen Regierung für die Konsuln in Alt-Serbien bei sich. Diese Papiere wollten die türkischen Zollbehörden an sich nehmen. Milovanovitsch verweigerte ihre Auslieferung und kehrte nach Belgrad zurück. Der serbische Ministerpräsident be­auftragte den serbischen Gesandten in Konstantinopel, gegen dieses Vorgehen Protest zu erheben und zugleich der Pforte zu bedeuten, daß, wenn Serbien auch künftig behindert werde, seine amtliche Korrespondenz in die Türkei regelrecht zu besorgen, es nicht anstehen werde, Repressalien anzuwenden.

Deutsches Deich.

* Berlin, 19. Juli. Ein gemeinsamer Runderlaß der Minister des Innern und der Finanzen macht, nach der „Köln. Volksztg.", es den Vorständen der städtischen Gemeinden zur Pflicht, bei der Veranlagung der Gemeinde-Ein­kommensteuer die etwaigen Mitwirkungsrechte anderer Gemeinden sorgfältig zu prüfen und gegebenenfalls vor der Heranziehung des Censiten mit den betheiligten Gemeinden ins Benehmen zu treten, den Censiten auch bei zweifelhafter Sach­lage und Rechtslage nicht mit voller Strenge des Gesetzes ent­gegenzutreten, sondern nach Möglichkeit Stundungen zu ge­währen. Veranlaßt ist der Erlaß durch die übermäßige Aus­dehnung, welche die Anträge auf Vertheilung der gemeindesteuer­pflichtigen Einkommen unter mehrere steuerberechtigte Gemeinden wegen Ueberschätzung der staatseinkommenpflichtigen Gesammt- einkommen genommen haben.

* Niedrigere Kohleupreise in Sicht? Wie aus Essen verlautet, sollen jetzt die Zechenbesitzer des rheinisch-westfälischen Kohlenreviers in ihrer Mehrzahl einer mäßigen Herabsetzung der nächstjährigen Kohlenpreise nicht abgeneigt sein. Nament­lich soll es sich um Feinkohlen handeln, deren Preise allerdings ganz außerordentlich hoch gehalten worden waren. Ganz frei­willig geschieht die Herabfetzung natürlich nicht; der „Frankfurter Zeitung" wird gerade jetzt aus Essen gemeldet, daß aus dem ganzen westlichen Kohlengebiet des rheinisch - westfälischen Jndustriebezirks Nachrichten über die Einlegung von Feier­schichten eintreffen. Grund sei Absatzmangel und die hohe Ein-

Verlags-Fcrusprecher No. 2266. 1991.

schränkung des KohlcnshndilatS. Das Rheinisch-Westfälische Kohlensyndikat weiß recht gut, daß es schwieriger ist, einmal ermäßigte Preise wieder hinaufzusctzen, als sic höchzuhalten. Es will deshalb zunächst die Entwickelung des Herbstgeschäfts ab- warten und dann erst an die Preisfrage herantreten, und auch in den Kreisen der Zechenbcsitzer soll man diesen Weg für den allein richtigen halten. Es heißt also jedenfalls: Abwarten!

* Sächsisches Webcrclend» Seit 18 Wochen streiken die Weber in C u n e w a l d e. Sie wehren sich gegen angedrohte L o h n r e d u k t i o n e n von 10 bis 18 pCt. Daß diese bisher ganz unorganisirten Arbeiter mit solcher Ausdauer im Kampfe verharren, wird sehr begreiflich, wenn man ihre Löhne sich an­sieht. Nach Angaben des Streikcomitas verdienten von den jetzt noch ausständigen 250 Leuten kaum ein Dutzend über 2 Mk. täglich, 26 verdienten 1 Mk. 76 Pf. bis 2 Mk., 23 verdienten 1 Mk. 66 Pf. bis 1 Mk. 78 Pf., 21 verdienten 1 Mk. 60 Pf. bis 1 Mk. 65 Pf.. 33 verdienten 1 Mk. 60 Pf. bis 1 Mk. 58 Pf., 35 verdienten 1 Mk. 41 Pf. bis 1 Mk. 49 Pf., 20 verdienten 1 Mk. 30 Pf. bis 1 Mk. 40 Pf., 27 verdienten 1 Mk. 20 Pf. bis 1 Mk. 29 Pf., 21 verdienten 1 Mk. 10 Pf. bis 1 Mk. 19 Pf., 22 verdienten 1 Mk. bis 1 Mk. 10 Pf. täglich, 7 verdienten 90 bis 99 Pf. täglich, 8 verdienten 82 bis 89 Pf. täglich, und je eine Weberin 73 Pf., 71 Pf., 67 Pf. und sogar 41 Pf. Tagelohn. „Weberelend!" In einer in Sachsen einzig dastehenden Weise bemühten sich Amtshauptmann und Gewerbe-Inspektor, die Unternehmer zum Nachgeben zu bringen. Alles hatte gegen die Fabrikanten Partei ergriffen, aber nur mit einem der vier in Frage kommenden Arbeitgeber ist ein Abkommen bereits ge­schlossen. Gegen die Anderen soll, wie die „Franks. Ztg." mit­theilt, weiter gekämpft werden; auch deshalb, weil befürchtet wird, daß die Lohnreduktion auf sämmtliche Lausitzer Weber, 10,000 an der Zahl, ausgedehnt würde. Indessen sind die Streikenden, meist Frauen und Mädchen, ganz mittellos und bitten in Arbeiterblättern um Hülfe.

Ausland.

Belgien. Wie das Blatt „Metropole" aus Neu- Antwerpen im Kongostaat erfährt, haben die B u d j a s den Truppen des Kongo st aates eine schwere Niederlage Leigebracht. 250 Kongo-Soldaten sollen getödtet worden sein. Unter den gefallenen Offizieren soll sich kein Weißer befinden. In einem späteren Gefecht sollen die Kongotruppen die Gegner in die Flucht geschlagen haben.

* Frankreich. Mit Rücksicht auf den ungünstigen Gesund­heitszustand Jules GuLrins, welcher vom Staatsgerichtshof seinerzeit wegen der Vorgänge in der Rue Chabrol zu 10 Jahren Gefängniß verurtheilt war und seine Strafe im Gefängniß von Clairvaux bereits angetreten hat, ist die Gefängnißstrafe in Ver­bannung abgeändert worden. Guorin wurde am 16. Juli, Nachmittags, an die schweizerische Grenze gebracht.

* Türkei. Der „Verl. L.-Anz." meldet aus Konstant i- n o p e l: In der Türkei macht sich eine allgemeine Gährung bemerkbar. Die Bevölkerung glaubt, alle an den Sultan ge­richteten Beschwerden und Bittschriften werden von den Beamten des Nüdiz-Kiosk unterschlagen, weil diese Gesuche schon seit langer Zeit ohne Antwort bleiben.

Femüeton.

(Nachdruck verboten.)

Aus dem Sonnenaufgangs-Fande.

Von Wilh. F. Brand.

I.

Wunderliche Gegensätze. — Ervffnnng des Landes. — „Nicht die Ausländer, sondern wir sind die Barbaren". —- Nippon. — Acltcste Dynastie der Welt. — Kaiserin Jingn Kogo. — Die Schognnc. — Frühere Ver­bindungen mit der Außenwelt. — Deutscher Einfluß. — Moderne Staatsvcrfassuug.

Das „Land dar aufgehenden Sonne" zieht in täglich erhöhtem Mäße die Aufmerksamkeit des Westens auf sich, in Sachen der Politik nicht minder, als in Bezug auf Handel und Industrie, ganz vornehmlich aber' auch als das begehrliche Ziel des Vergnügungsreiscnden und Forschers.

llnd ist das Land nun wirklich so wunderschön? Sind feine Bewohner so ungewöhnlich anziehend? Ich kann Beides nur bejahend beantworten, wenn ich auch nicht umhin kann, hinzuzufügen: Es wäre doch wohl besser gewesen, lvenn die schwärmerische Verhimmelung, welche Japan von mancher Seite erfahren, sich in etwas engeren Grenzen gehalten hätte!

Allein was wir auch hier und da mögen auszusetzen haben, das interessanteste Land bleibt es für den euro­päischen Reisenden wohl immerhin, dieses von der Natur so reich gesegnete Land zweier gleichzeitig nebeneinander und im Kampfe miteinander einherziehenden ver­schiedenen Culturepochen und der daraus immerfort uns' entgegenstarrenden Gegensätze, wo der Fernsprecher be­reits in so vielen Häusern angelegt, deren Fensterscheiben lwch aus Papier sind, wo längst der allgemeine Schul- imterricht eingeführt und Tempel mit den erschreckendsten Götzenbildern an allen Ecke:: sich uns darbieten, wo das

Rauchen allgemein — auch für Damen — als durchaus schicklich erachtet wird, jegliches Küssen aber für unan­ständig gilt, wo man aus Reinlichkeitsrücksichtcn beim Eintritt ins Haus die Schuhe ablegt und die Speisen mit Holzstäbchen zum Munde führt, wo eine konstitutionelle Negierung eingesetzt und die Eltern ihre kaum zur Jung­frau herangereiften Töchter in die — Joschiwara ver­kaufen, wo —• ja, wo Nacht und Tag neben einander herrschen, das Land, wo die Sonne aufgehen mag, ja schon aufgegangen ist, aber nur erst auf die Höhen ihre Strahleli entsendet, lvo in den Niederungen aber noch eine wunderliche Dämmerung herrscht.

Freilich ist es noch früh am Morgen. Es ist noch nicht ein halbes Jahrhundert, daß die Sonne — die Sonne einer neue:: Cultiir — und zwar gleichfalls von Osten her sich zeigte, aber dann vom fernen Westen ihre be­sonders nährenden und erwärmenden Strahlen aus­sandte. Erst 1854 erzwang eine amerikanische Flotte die Eröffnung des Landes für die Außenlvelt, und nun be­eilten sich auch die europäischen Staaten, sich Eingang in das Land zu verschaffen. Diese beinahe gänzliche Abge­schlossenheit von der Welt erscheint um so befremdender, als doch dort auch bis dahin eine gewisse, in mancher Hin­sicht sogar ziemlich entwickelte Kultur geherrscht hat, wenn auch die noch 1865 nach Europa geschickte Gesandtschaft selbst mit dem offenen Urtheil zurückkam: „Nicht die

Ausländer, sondern wir sind die Barbaren."

Das Wort Japan, das von dem chinesischen Tschipon abzuleiten ist, und in der Sprache des Landes Nippon heißt, bedeutet „Reich des Ursprungs der Sonne". Vom chinesischen Standpunkte aus lag ja diese Auffassung auch nahe genug, und aus dieser hat sich wieder die japanische Sage hergeleitet, daß von Amaterasu, der Göttin der Sonne, das Haus des Mikado abstamme, das, von Jimmo Tenno 660 v. Ehr. begründet, in. ununter­brochener R'eihenfolge bis auf den heutigen Tag den Thron des Landes innegehabt hat, demnach also die älteste Dynastie der Welt lväre.

Doch kommt dabei zunächst in Betracht, daß der Mikado neben der einen Hauptgemahlin auch noch ein Dutzend Gattinnen — und auch dabei wird wohl nicht genau gezählt — nebenher haben kann, deren Kinder im Falle der Kinderlosigkeit der Hauptgemahlin auch erb­folgeberechtigt sind. Ferner überliefern uns die japa­nischen Historiker solche eigenartige Geschichten, wie die von der heldenmüthigen Kaiserin Jingu Kogo, deren Ge­mahl einen fkriegszug gegen Korea ausrüstete, vor dem Ausmarsch aber starb. Nun übernahm die Kaiserin in der Rüstung ihres Gatten selbst den Oberbefehl. Sie fühlte sich indessen auch Mutter. Das war nun für die Erb­folge ja recht erfreulich, aber in einem Augenblick, wo es galt, über das Meer in den Krieg zu ziehen, doch etwas lästig. Ta kam ihr die Ahnmutter des Hauses, die Sonnengöttin Amaterasu, zu Hülfe, übergab ihr ein Wunder wirkendes Steinchen und gebot ihr, dasselbe in ihren Gürtel zu thun und diesen eng um den Leib zu schnüren. Auf diese Weise gelang es, die Geburt des Kindes bis nach ihrer siegreichen Rückkehr aus Korea zu verschieben, und volle drei Jahre nach dem Tode ihres Gatten gebar sie einen Sohn. Der Stein wird noch heute gezeigt, aber wohl nicht mehr benutzt. Mit Hülfe solcher Mittel lassen sich allerdings unschwer Dynastieen aufrecht erhalten.

Neben der Gewaltherrschaft des Mikado entwickelte sich im Laufe der Zeit ein stark ausgeprägter Feudalis­mus, und gegen Ende des XII. Jahrhunderts hatte einer der Großen des Landes, Aoritomo, thatsächlich alle Ge­walt an sich gerissen und regierte das Land unter dem Titel Schogun, während der Mikado, „vor lauter Heilig­keit zur Puppe herabgesunken", in einer „goldenen Ge­fangenschaft" gehalten wurde, viel zu heilig, als daß er sich um Regiernngsgeschäfte kümmern durfte. Das Schogunat erbte vom Vater auf den Sohn fort und wurde dann im Laufe der Zeit von verschiedenen anderen Familien usurvirt; und dieses Dualsystein der Regierung dauerte bis 1868 fort, wo das Schogunat. durch inner«.