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Mv. 329. Redaktions-Fernsprecher No. 52.

Morgen-Ausgabe.

' Brite und Bure.

Unser Londoner n.-Korrespondent schreibt uns:

Seitdein Reuters südasrikanisck-er Korrespondent in feinem Eifer, die Sensationslust daheim zu befriedigen, die schaurige Geschichte von dem Gefechte von Vlakfontein nach London telegraphirte, die sich jedoch als erfunden herausstellte, hat man sich rastlos bemüht, den Buren doch noch allerhand bei jener Gelegenheit verübte lin- menschlichkcitcn zur Last zri legen. Geschähe so etwas jetzt znm ersten Male, so könnte man fast meinen, es gälte nur den guten Namen des Neuter'schen Korrespon­denten wieder herzustellen. Es machte sich aber seit An­fang des Krieges bereits, oder richtiger gesagt, von den: Augenblick an, wo die Engländer die ersten Schläge bc- konnnen hatten, llnter diesen das Bestreben bemerklich. die Gegner als eine Art Barbaren hinzustellen, denen gegenüber die Regeln sogenannter civilisirtcr Kriegs- führnng nicht beobachtet zu lvcrden brauchen. Zur Ehre der hohen englischen Offiziere sei es jedoch gesagt daß sie die ihnen auf solche Weise angebotene enrtv blanche zurückwiesen, und Buller. Methuen wie Lord Roberts haben dem Gegner wiederholt das Zengniß höchster Ritterlichkeit irnd Humanität ausgestellt, lieber die Blakfonteingeschichte scheint man sich im Publikum wie in der Presse nun gar nicht beruhigen zu können. Die Zeitungen bringen täglich Briefe von Soldateil, in denen Äese zwar nicht die Reuter'sche Geschichte bestätigen, lmmerhirr aber erzählen, daß die Buren auf dem Schlacht­felde die Verwundeten tödteten. Aber auch Schilderungen vor: Verwundeten wurden bereits veröffentlicht, die nur voll menschenfreundlichen Handlungen des Kindes auf dem Schlachtfelde sprechen. Es scheint aber, als ob man jetzt in der imperialistischen oder Kriegspartei einzn- sehen begänne, daß der Welt durch jene Hetzereien mit Hülfe lügnerischer Erfindungen ein recht jämmerliches Schauspiel geliefert wird, llnter Anderen! geht das aus einem Briefe des bekannten Dr. Conan Doyle hervor, den dieser soeben an die „Times" richtete. An einer Stelle in demselben heißt es: „Unter großen Massen

voir Männern muß sich immer ein gewisser Prozentsatz Bestien befinden. Laßt uns diese herausgreifen und be­strafen. nimmermehr aber sollten sie die Ursache der Verdammung einer ganzen Nation und gesteigerten Rassenhasses sein." — Mehrere der leitenden Londoner Zeitungen sprechen indeß noch immer der Anwendung besonderer Maßregeln" gegen die Buren das Wort. Da wird empfohlen, die Gefangenen einfach zu erschießen, oder sie denr Feuer ihrer noch im Felde stehenden Kameraden auszusetzen u. dergl. m. Es ist das dieselbe Presse, die zu Anfang des Krieges sich ini überschwcng-

Fenilleton.

V (Nachdruck verboten.)

Karl Künrock.

ßum 23-jährigen Todestage (18. Juli).

Von Paul Pasig.

Zu den nicht allzu zahlreichen Gelehrten, die cs vor­trefflich verstanden haben, von den Höhen der Wissen­schaft herabzusteigcn in die breite Oeffentlichkeit und sich so in gewissem Sinne volksthüinlich zu machen, gehört zweifellos der ausgezeichnete Germanist Karl Simrock. Sein „Nibelungenlied" kennt Jeder, der sich eimnal in die Schätze unserer mittelalterlichen Dichtung vertiefte, und ieine köstliche „Warnung von dem Rhein",- „An den Rhein, an den Rhein,

zieh' nicht an den Rhein!

Mein Sohn, ich rathe Dir gut!

Da geht Dir das Leben zu lieblich ein,

Da blüht Dir zu freudig der Muth", geh ört zu den Perlen unserer Rheinpoesie, deren einzig­artigen Werth wohl Jeder zu schätzen weiß. Hierin liegt auch die doppelte Bedeutung Sinirocks, den mir sowohl als vortrefflichen Sprachforscher, namentlich auf dem weiten, fruchtbaren Gebiete unserer deutschen Mutter­sprache. als auch als hochbegabten Dichter selbst sclstitzcn.

Karl Joseph Simrock wurde am 28. August 1802 in der schönen Rheinstadt Bonn geboren, und ein Sohn der rheinischen Tiefebene blieb er sein Lebcnlang. In feiner Geburtsstadt widmete er sich zunächst dem Studium der Rechtsgelehrsamkeit (1818), das er im Jahre 1822 in Berlin fortsetzte und zum Abschluß brachte. Daneben hatte der strebsame Jüngling aber auch nicht verabsäumt, sich eingehend rnit dein Studium unserer Muttersprache zu beschäftigen, woil er von der leider noch lange nicht ge­nügend gewürdigten Ansicht ausging, daß eine tiefere Kenntnis; unserer Sprachschätze für jeden Beruf, jede LebenLitelluna nötliig und vortbeilbaft sei. Das sollte

Doimerstag, den 18. Juli.

lichen Lobe des Heeres und grenzenlosen Vertrauen in die Fähigkeit seiner Führer gefiel. Als beide dann die Erwartungen nicht erfüllten, begannen die betreffenden Blätter zuerst, aus Rücksicht auf die Popularität der Generale zögernd und dann immer energischer Rath­schläge wie die erwähnten zu ertheilen. In den letzten Monaten aber gaben sie vollends alle Zurückhaltung auf. namentlich seit Mr. Chamberlains überraschendem und bedanerlichein Angriff auf Lord Kitchener, durch den er dessen Bemühungen. Frieden zu schließen, ein jähes Ende bereitete. Seit jener Zeit ist Kitchener unerkennbar in der allgemeinen Gunst gefallen, und in der Presse nahmen die Angriffe auf ihn um so mehr zu. als er in neuerer Zeit eine Campagne gegen die Fabrikation und Ver­breitung sensationeller Nachrichten begann. Ein Mann, der es wagt, die wunderbaren Schlachtberichte der Londoner Zeitungen als fürchterlich übertriebene Schilderungen unwesentlicher Scharmützel zu kenn­zeichnen. und es ablehnt, auf die Rathschläge der eng­lischen Leitartikclschreiber einzugehen, giebt selbstredend zedes Anrecht auf Popularität auf.

Ans Stadt und Land.

Wiesbaden, 18. Juli.

Handwerkskammer. Der Vorstand hat sich in seiner letzten Sitzung u. A. mit folgenden Angelegenheiten beschäftigt: Vow dem Erlaß des Herrn Ministers für Handel und Gewerbe, betreffend die Meisterprüfungen, sowie von der durch den Sekretär vorgeschlagenen Abgrenzung der Bezirke der Prüfungskommission für die Meisterprüfungen wurde Kenntniß genommen, die Abgrenzung im Einzelnen durchberathen und mit einigen Aendcrungen genehmigt. — Sodann berichtet der Sekretär über den Schriftcnwechscl und die Thätigkeit der Ge­schäftsstelle seit der letzten Sitzung. Daraus ist Folgendes zu erwähnen: a) In Erledigung des Beschlusses der jüngsten Voll­versammlung ist bei dem Bundesrath« beantragt worden, die Unfallversicherung auf das g c s a m m t e H a u d - werk auszudehnen, b) Der Sekretär hat Ermittelungen bei anderen Kammern angestellt bezüglich der Errichtung von M e i st e r k u r s e n, deren Nothwendigkeit angesichts der Meisterprüfungen mehr denn je anzuerkennen ist. Der Vorstand erklärt sich im Prinzip mit deren Errichtung einverstanden und ersucht die Geschäftsstelle, Material dafür zu sammeln. — Mehrere Handwerker in R ü d e s h e i m haben Klage darüber geführt, daß der Lokal-Gewerbeverein den Zeichenunterricht vom Sonntag auf Mittwoch und Donnerstag verlegt hat. Die Ge­schäftsstelle ist mit dem Lokal-Gewerbeverein in Verbindung ge­treten, um die Rückverlegung des Zeichenunterrichtes auf die gottesdienstfreie Zeit des Sonntags zu erwirken. — In Lim­burg sind zwischen dem Lokal-Gewerbeverein und dem Hand­werkerverein Differenzen entstanden wegen Ausdehnung des Unterrichtes der gewerblichen Fortbildungsschule auf den Sommer und Einführung des Schulzwanges für den Besuch des Zeichenunterrichtes. Der Vorstand hält letzteres, da auch der

der junge Jurist sehr bald an sich selbst erfahren. Im Jahre 1823 trat Simrock in den preußischen Staats­dienst. in dem er zunächst Auskultator wurde; drei Jahre später (1826) rückte er zum Referendar auf. Aber wieder drei Jahre — und der junge Rechtsgelehrte, der zu den schönsten Hoffnungen berechtigte, sah sich ge- nöthigt, den /Staatsdienst zu — verlassen! Warum? Nun, er hatte im Jahre 1830 ein Gedicht verfaßt, be­titelt „Die drei Farben", in dem er freimüthig seine An­schauung über die damaligen, keineswegs erfreulichen politischen Zustände aussprach, und das. man geradezu als sein politisches Glaubensbekenntnis; bezeichnen kann. Dasselbe hatte aber nach oben Anstoß erregt, und so ivar das Schicksal des jungen Rechtsgelehrten besiegelt. Aber Simrock verzweifelte nicht! Hatten schon auf der Uui- versität gernianistische Studien zu seinen Lieblingsbe­schäftigungen gehört, so lvarf er sich jetzt, da es sich uni seine Existenz handelte, mit verdoppeltem Eifer auf die­selben. angespornt durch die unerwarteten Erfolge, die seine seitherigen Veröffelltlichnngen — seine meisterhafte llebertragung unseres großen Nationalepos „Das Nibelungenlied" ivar 1827 erschienen — gehabt hatten. Seinem unermüdlichen Eifer gelang es. in schneller Auf­einanderfolge die herrlichsten dichterischen Erzeugnisse des deutschen Mittelalters in vortrefflichen Bearbeitungen und llebersetzungen dem deutschen Volke im weitesten Sinne zugänglich zu machen, sodaß wir neben dem ^er­wähnten Epos auch das „Gudrunlied", die bedeutendsten höfischen Epiker und Lyriker oder Minnesänger (n. a. Hartmann von Aue. Wolfram von Eschcnbach, Walther von der Vogelweide. Gottfried von Straßburg). ferner „Die ältere und jüngere Edda", sodann mustergültige Arbeiten über die englische Litteratur. besonders Shake­speare. und vor Allem bis auf diesen Tag hochgeschätzte Darstellungen und Neubearbeitungen der deutschenSagcn von ihm besitzen. Es ist hier nicht der Ort und würde den Rahmen dieser Skizze weit überschreiten, wollten wir des Näheren auf diese von der Wissenschaft längst zur Geuüae aelvürdigten Verdienste des Svrachforichers

Verlags-Fernsprecher No. 2266. 1901+

Handwerkcrverein eine Zeichenschule unterhält, für unrichtig, billigt dagegen den Sommcrunterricht. — Auf Antrag der ver­einigten Handwerker-Innung in Montabaur beschließt der Vor­stand, 8 gewerbliche Arbeiter dortselbst für langjährige treue Dienste durch Zuerkennung eines Diploms zu ehren. — Der Vorstand beschließt den Beitritt der Kammer zur Wittwen- und Waisenkaffe für die Kommunalbeamtcn des Regierungsbezirke Wiesbaden.

o. Das Restaurant „Waldcck", welches Herr Stadtrath Ch. Thon dicht am Eingang des am Ende der Walkmühlstraß> beginnenden lieblichen Waldthales, des Adamsthales, errichtet hat, muh als eine schätzbare Bereicherung der in der Nähe un­serer Stadt belegenen Sommerfrischen bezeichnet werden. Als solche hat es seine eigenen Vorzüge. Wo könnte es z. B. Jemand, der zwar Bedürfniß nach Ruhe und Erholung hat, aber aus ge­schäftlichen Gründen die völlige Verbindung mit der Stadt nicht abbrechen kann oder auf deren Abwechslung und Unterhaltung nicht ganz verzichten möchte, bequemer haben wie hier, wo er sich in der Nähe der Stadt befindet, ja, mittelst der „Elektrischen" in wenigen Minuten in das Centrum derselben gelangen kann, und doch wieder, wenn er nur den Fuß vor die Thürc setzt, sich mitten im frischen, grünen Wald befindet und die Schönheiten desselben, wie die erquickende Luft in vollen Zügen genießen kann. Der Betrieb des „Waldcck" ist seit etwa 10 Tagen eröffnet und alle die zahlreichen Gäste, welche bereits Einkehr gehalten, haben sich dort wohl gefühlt und werden sicher gern wieder hingehen. Das ganze Anwesen macht einen ebenso stattlichen, wie freund­lichen Eindruck. Die Entwürfe dazu rühren von Herrn Architekten Karl Dormann her, der es vortrefflich verstanden hat, mit den gegebenen Verhältnissen zu rechnen und scheinbare Nachtheile, welche das abschüssige Gelände zu bereiten schien, in Vortheile umzukehren. Das Ganze baut sich vom Thal aus bis zur Aar­straße hinauf terrassenförmig auf, zuerst der Nestaurationsgarten dem ein auf dem Grundstück vorhanden gewesener alter Baum­bestand sehr zum Vortheil gereicht und darüber eine hohe, breite Terrasse, deren unteren Räume für ein Gartenbllsfet und Wirih- schaftszwecke praktische Verwendung gefunden haben. Das Ge­bäude selbst zeigt gefällige architektonische Formen und hebt sich in seinem Hellen Grundton, seinen zierlichen Giebelaufbauten und dem hohen schlanken Aussichtsthurm wie ein Schlößchen von dem grünen Hintergrund ab. Die Hauptfassade, welche in ihrem bildnerischen Schmuck und der mäßigen Verwendung von Färber sich besonders anziehend präsentirt, ist der Aarstraße zugekehü Hier befinden sich auch, völlig voneinander getrennt, die Zugänge zum Hotel und Restaurant. Durch den letzteren betritt man zuerst den sehr geräumigen und luftigen Restauraiionssaal, der in Bezug auf Wandbekleidung und Decke sehr reich ausgestattet ist. An denselben schließen sich verschiedene Nebenräume, u. A. das Weinzimmer mit entsprechender Malerei und ein Herren­zimmer, an. Das Hotel umfaßt 18 gut ausgestattete Fremden­zimmer, von denen eine größere Anzahl bereits bezogen ist. Im Souterrain befinden sich die Wirthschaftsräume und mehrere Vadezellen. Wie bereits erwähnt, wird das Haus von einem Aussichtsthurm bekrönt, der in schlanken Formen aus dem Dach herauswächst und eine herrliche Fernsicht gewährt, einerseits nach den mächtigen Taunuswäldern, andererseits Uber die Stadt und in die weite Rheinebene hinein. Schöne Ausblicke gewähren

Simrock entgehen. Nur soviel sei cnr dieser Stelle er­wähnt, daß Simrocks llebersetzungen sich nicht nur.durch eine geistvolle Auffassung der alten Dichtwerke, sondern auch durch eine derartig gewandte Behandlung .. der sprachlichen Form auszeichnen, daß inan wähnen möchte, eigene Erzeugnisse des Ilebersetzers vor sich zu haben. Und dazu kommt noch eins. Weil Simrock von älteren Wendungen und Ausdrücken nur gerade soviel beibehält, als ihin nöthig erscheint, um dem Geist und der Ent­stehungszeit der Dichtung gerecht zu werden, im klebrigen aber durchaus dein modernen Geschmack huldigt, so ge­winnen seine Uebertragungen jene alterthümliche Färbung, die den Leser ganz besonders anheimelt. In' seinen Bearbeitungen der deutschen Sagen („Deutsche Sagen". „Wieland der Schmied. Heldengedicht". „Martha die Spinnerin". „Handbuch der deutschen Mythologie". „Rheinsagen" u. A. m.) zeigt sich Simrock als überaus gewandter Erzähler, der durch anschauliche Darstellung und poetische, theilweise durch gesunden Humor gewürzte Durchführung den Hörer zu fesseln weiß.

Dasselbe gilt aiich von Simrocks eigenen dichterischen Erzeugnissen. In feinen Liedern tönt warme Innigkeit und tiefes Gefühl für alles Hohe und Erhabene in Natur und Menschenleben, und wenn er die Schönheit der herr­lichen Gotteswelt („Schweizerreise") preist, dann er­klingen die Saiten seiner vielstimmigen Harfe wie irn höheren Chor. So reiht sich Simrock ebenbürtig jenen Dichtern an. von denen es bei Ilhland heißt:

„Sie singen von Lenz und Liebe, von. seliger, goldener Zeit,

Von Freiheit, Männerwürde,

von Treu und. Heiligkeit;

Sie singen von allem Süßen,

was Menschenbrust durchbebl Sie singen von allem Hohen,

was Menschenherz erhebt."

«nt Ecwllschaftsliede ist der Dichter geradezu unübeo troffencr Meister („Bonner Faschingslieder" u. A.). Hier