Wiesbailkm TsMt.
«o. Jahrgang.
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Ml». 327. Redaktions-Fernsprecher N». 52.
Morgen-Ausgabe.
Arbeitslöhne und Wanrenschlruder.
Es giebt einen unlauteren Wettbelverb, der gesetzlich bisher nicht zu fassen ist, obgleich er social viel un> günstiger wirkt, als manche geschäftliche Gepflogenheiten, die seit einigen Jahren strafbar sind und die der ehrenhafte Kaufmann verschmäht. Der unlautere Wettbewerb, der W a a r e n s ch l e u d e r a u s K o st e n der Arbeiterlöhne ist eines der schlimmsten socialen Uebel. Dasselbe fordert namentlich in der heutigen Zeit des getzhästlichen Niederganges die Aufmerksamkeit heraus. Obgleich die Krise noch immer ihren Höhepunkt nicht erreicht hat, so niacht sich in einzelnen Industriezweigen doch schon jetzt ein Waarenschleuder bemerkbar, der sich in der Hauptsache nur auf Kosten der Arbeiterhöhne durchsetzen läßt.
In bei: vergangenen Jahren, in denen ein breiter Goldstrom durch manche deutsche Jndustriebezirke geflossen ist, sind die meisten Unternehmer zur erheblichen Vergrößerung ihrer Betriebe gezwungen gewesen. Die Leistungsfähigkeit ist also heute fast überall eine erheblich umfangreichere als vor etwa zehn Jahren. Aber auch die Schuldenlast ist bei vielen Unternehmern größer. Denn zur Ausdehnung des Betriebes waren natürlich auch solche Fabrikanten gezwungen, die nicht stark bemittelt waren und für Neubauten, Maschinen rc. einen erheblichen Kredit in Anspruch nehmen mußten. Vielfach konnte durch die verzögerte Lieferung der Maschinen und durch andereSchwierigkeiten, vielleicht auch durch eine irrige Schätzung der Dauer des günstigen Geschäftsganges die theuere Neueinrichtung der Fabrik erst in einer Zeit stattfinden, in der sich bereits die Zeichen des geschäftlichen Niederganges bemerkbar machten. Die Aufträge wurden knapp, aber die großen finanziellen Verpflichtungen, die auf Grund einer optiinistischenSchätzung der Jndustrielage eingegangen waren, blieben und niußten erfüllt werden. Die unbezahlten Maschinen können nicht stillstehen, sie müssen verdienen. Das kann jedoch nur geschehen, wenn reichlich Aufträge vorhanden find, die einen Gewinn übrig lassen. In der gegenwärtigen Zeit sind aber in vielen Industriezweigen umfangreiche Aufträge meistens nur zu erlangen, wenn man den Mitbewerb in den Preisen unterbietet. Je mehr die Krise sich verschärft, umso größeren Umfang pflegen diese Unterbietungen anzunehmen. Zwar bewirkt der zurückgehende Preis der Rohstoffe bereits eine Verbilligung der Maare. Aber damit ist den nothleidenden Fabrikanten nicht geholfen, da der Rohstoffmarkt auch die Prerse seiner Mitbewerber ganz allgemein beeinflußt. Besondere und günstigere Bedingungen werden ihm uinso weniger gewährt, da er oft nicht zu den guten Zahlern gehört und die Rohstoffverbände meistens einheitliche Verkaufsbedingungen befolgen. Will er den Mitbewerb unterbieten, um große Aufträge an sich zu reißen, so kann er das mit leichtesten auf Kosten der Arbeitslöhne. Das geschieht auch gegenwärtig und einige der augenblicklich schwebenden Streiks sind auf den Versuch, die Löhne zu Gunsten des Waarenschleuders herabzudrücken. Zurück-
Feuilleton.
(Nachdruck verboten.)
Wandernde Städte.
Wenn wir es im Allgemeinen nicht zugesteyen wollen und puch in der That nicht zuzugeben brauchen, daß die Bewohner der neuen Welt die der alten überflügelt haben, da dieselben im Gegentheil in gar mancher Hinsicht noch viel von uns lernen können, so kann es doch anderseits keinem Zweifel unterliegen, daß sie auch Einiges vor uns voraus haben. Vor Allem ist ihnen rin Wagemuth eigen, den wir lange im gleichen Maße nicht besitzen, sie haben eben noch die Kühnheit der Jugend gegen uns, die rin wenig zaghaft gewordenen Erben einer älteren Kultur.
So sind es denn auch zuerst die Aankees gewesen, die einerseits mit großer Vorliebe für wechselnde Bilder und Umgebung begabt, anderseits, ihrer anglo-sächsischen Abstammung gemäß, am Heim sehr hängend, auf den Gedanken kamen, dasselbe mit sich zu nehmen. Als das erste Mal aus den Vereinigten Staaten di« Kunde zu uns hinüber drang, daß Jemand, der sich in einer anderen Gegend anzusiedeln, sein altes Haus jedoch beizubehalten wünschte, dasselbe von seinen Fundamenten heben und mitgehen ließ, haben wir dies für eins der vielen Märchen gehalten, die "*>n die Vorgänge im neuen Erdtheil, und vor Allem in Norden. '.ka, zu uns gelangen. Erst ganz eingehenden Berichten aus authentischer Quelle schenkte man Glauben und hat dann später das Kunststück mit Erfolg hin und wieder auch bei uns versucht. In Amerika ist es nach und nach, wenn auch vielleicht noch nicht etwas Alltägliches, so doch ein so häufiges Vorkommniß geworden, daß es kaum noch große Beachtung erregt.
Mit einigem Erstaunen wurde es aber selbst dort ausgenommen. daß ein Umzug stattgefunden, durch welchen nicht nur
Mittwoch» de» 17. Juli.
zuführen. Wo starke Arbeiterorganisationen mit ins Spiel kommen oder andere günstige Umstände obwalten, tvird vielleicht selbst in Krisenzeiten ein ernster Widerstand geleistet. Meistens sind jedoch die Versuche einzelner Fabrikanten, die Arbeitslöhne noch unter die in einem Erwerbszweige zur Zeit gültige allgemeine Linie hinabzudrücken, erfolgreich. Es währt nicht lange nnd auch jene allgemeine Linie sinkt. Denn die auf Kosten der Arbeitslöhne ihre Waare plötzlich billiger verkaufenden Fabrikanten drücken auch den allgemeinen Preis sür eine bestimmte Waare. Humane und nach anständigen socialen Gesichtspunkten verfahrendellnternehmer mögen sich noch so energisch sträuben, schließlich müssen sie dem Waaren- schleuderer doch folgen, wenn sie Aufträge erhalten wollen oder sie müssen zu Gunsten der Arbeitslöhne mit Verlust arbeiten. Vor einer Reihe von Jahren traten diese Verhältnisse in der sächsischen Wirkwaarenindustrie sehr scharf hervor. Namentlich zahlreiche kleine Fabrikanten hatten sich einem Waarenschleuder ergeben, der nur durch eine erbarmungslose Herabdrückung der Arbeiterlöhnc möglich war. Es handelte sich dabei um gänzlich unorganisirte und auf das Dürftigste vou der Hand in den Mund lebende Strumpfwirker. Die großen Unternehmer der sächsischen Wirkerei sträubten sich damals lange Zeit, die Waarenpreise auf Kosten der Arbeitslöhne herabzusetzen. Sie trugen selbst erheblick)e Verluste. Aber schließlich mußten auch sie Verkürzungen der Löhne vornehmen, uin ihre Waare billiger verkaufen zu können und durch die skrupellosen Schleuderer nicht aus dem Geschäft gedrängt zu werden. Damals hat die halbe Kulturwelt airßer- ordentlich billige Strumpfwaaren auf Kosten der Lebenshaltung sächsischer Textilarbeiter getragen.
Wo ein derartiger Waarenschleuder einreißt, da findet er schwer eine Grenze. Uni sich Aufträge zu verschaffen, geht der gewissenlose Unternehmer mit seinen Preisen immer tiefer als seine Mitbewerber. Er drückt mit jeder neuen Preisvergünstigung die Arbeitslöhne entsprechend herab. So schneidet er skrupellos in lebendes Menschenfleisch hinein und opfert dabei auch die wichtigsten Interessen seines Ertverbszweiges. Denn es ist eine alte Erfahrung, daß stark gesunkene Waarenpreise selbst in günstiger Zeit sich nur sehr schwer wieder steigern lassen. Der Waarenschleuder in schlechter Zeit wirkt daher während einer Periode geschäftliche»: Aufschwungs noch auf Jahre hinaus preis- und lohndrückend fort.
Ein ausreichendes Mittel zur Bekämpfung des Waarenschleuders auf Kosten der Arbeitslöhne und der Arbeitergesundheit giebt es zur Zeit nicht. Gesetzlich wird man schwerlich dagegen einschreiten können, wenn man für die einzelnen Erwerbszwcige nicht einen M i n d e st l o h n festsetzen will. Daran ist jedoch vorläufig umso weniger zu denken, da über die Möglichkeit und Zweckmäßigkeit derartiger Lohnbestimmungen die Anschauungen in der Wissenschaft wie in der geschäftlichen Praxis noch weit auseinandergehen.
Sehr kräftig würden starke Arbeitervereinigungen einem derartigen Waarenschleuder entgegenwirken können. Sie würden damit zugleich im Interesse aller einsichtigen und geschäftlich nach ehrenhaften Grundsätzeir verfahrenden Unternehmer handeln. Aber in Zeiten der Krise reicht oft selbst der Einfluß der stärksten Arbeiterorganisation nicht aus, ein auf Kosten der Arbeitslöhne
ein oder mehrere Gebäude, nein drei Städte cm. eine andere Stelle transportirt worden sind. Es wurde nämlich eine neue Eisenbahn angelegt und die Orte Edgertan, Castello und Platte zweifelten keinen Augenblick, daß dieselbe sie berühren würde. Groß war daher die Bestürzung, als sich zeigte, daß die betreffende Gesellschaft, in echt amerikanischer Rücksichtslosigkeit, sich absolut nicht darum gekümmert hatte, ob ein Theil der Bürger durch die neue Strecke Nutzen ziehen, resp. durch dieselbe Schaden erleiden könne, sondern, da ihr dies am praktischsten erschienen, einfach die gerade Linie genommen hatte. Man erfuhr sogar, daß sie die Absicht hege, an der Bahn, zwei neue bedeutende Städte zu errichten, was sür die drei kleinen Plätze den Ruin bedeutet hätte.
Bei uns wären große Klagen losgelasien, an den Landrath, an den Minister petitionirt worden. Nichts dergleichen geschah dort. Die Stadtväter traten zusammen, und es wurde der Beschluß gefaßt, die gesammten Häuser an di« Stelle zu versetzen, wo die neuen Städte entstehen.sollten. Der Entschluß wurde umgehend zur Ausführung gebracht und während eines Monats sah man auf allen Wegen, die nach der neuen Bahnstrecke führten, Häuser in allen möglichen Größen sich langsam über die Felder hinbewegen. Hier begegnete man ihnen einzeln, dort in Gruppen, eine ganze Prozession von Häusern, die sich gegenseitig stützten. Was die Schwierigkeit erheblich vergrößerte, war, daß ein Bach überschritten werden mußte, der Platte Creek. Auch diese wurde indeß siegreich überwunden. Die Gebäude befanden sich auf sehr starken Bohlen, die man durch eine große Anzahl Pferde vorwärts bewegen ließ, bei den größeren Häusern hatte man Thüren und Fenster ausgehoben, um das Gewicht zu erleichtern. Trotzdem war die Last manchmal so groß, daß das Gebälk sich zu entzünden drohte. Ein Wagen, der nur Waffer und Fett mit sich führte, ging also immer mit und so konnte diese Gefahr im Keime erstickt werd-ou
Berlags-Ferusprechcr No. 2266. 1901.
den Mitbewerb unterbietendes Geschäft zu sperren. Die Noth treibt die Arbeiter in solchen Zeiten dazu, ihre Kraft um jeden Preis zu verkaufen. Selbst die mächtigste,: englischen Getverkvereine haben in dieser Beziehung traurige Erfahrungen hinter sich.
Es ist sicher bemerkenswerth, daß diese Umstände auch deutschen llnternehmerkreisen den Gedanken nahelegen, man müsse aufhören, die menschliche Arbeitskraft als eine Waare zu betrachten. In einer sich gegen die Preisdrückerei auf Kosten der Arbeitslöhne wendenden Bittschrift an die sächsische Regierung spricht der „Arbeitgeberverband für das Baugewerbe in Dresden" diese Ueberzeugung aus und fügt hinzu, nicht Angebot und Nachfrage, sondern das B e d ü r f n i ß der A r b e i t en d e n müsse den Lohn bestimmen. Der Verband ist der Meinung, daß man auch in Zeiten wirth- schaftlichen Niedergangs den Lohn nur dann herabsetzen soll, wenn er in guten Zeiten Übermäßig in die Höhe getrieben wurde. Dieser Unternehmerverbänd will also, daß der Lohn des Arbeiters jeder Zeit zu einer verständigen Lebensführung ausreichen soll. Er nennt das den Lohn auf eine feste Grundlage stellen. Es verdient Beachtung, daß der Verband zu dieser Ueberzeugung gekommen ist, nachden: er wiederholt Kämpfe um den Arbeitsvertrag mit einer ziemlich kräftigen Arbeiterorganisation und mit wechselnden: Erfolg durchgefochten hat. Der den Arbeitern wohlwollende Socialpolitiker kann mit den hier ausgesprochenen Grundsätzen einverstanden sein. Der unlautere Wettbewerb auf Kosten der Arbeitslöhne trifft Unternehmer und Arbeiter gleich empfindlich. Es würde also durchaus zweckentsprechend sein, wenn beide mit vereinten fl'räften diesem socialen Hebel entgegentreten wollten. c.
Deutsches Keich.
* Fürst Hohenlohe und die Presse. Die „Köln. Zig" theilt eine Aeußerung des Fürsten Chlodwig Hohenlohe über die Presse mit, welche festgehalten zu werden verdient, „Hch glaube im Allgemeinen", sagte der Fürst, „nicht sehr an die mensch. liche Dankbarkeit, aber eine Ausnahme habe ich immer bei der Presse beobachtet. Ich habe mir stets Mühe gegeben, die Presse anständig zu behandeln, und bin mit ihr fast immer in sehr guten Beziehungen geblieben. Am charakteristischsten zeigte sich das nicht dann, wenn mich die Presse unterstützte, sondern dann, wenn sie mich bekämpfte. Ich habe dann immer gesehen, mit welchem Widerstreben sie zu Angriffen gegen mich und mein« Politik vorging, wie sie mich immer persönlich aus dem Streite herauszuhalten suchte, und wie es ihr offenbar im Innern schmerzlich und peinlich war, ihrer Ueberzeugung folgend, gegen mich auftreten zu müssen. Diese Art der Kampfführung habe ich ihr höher angerechnet, als wenn sie mich und meine Politik mit Lob bedeckte. Ich habe das bei Blättern aller Richtungen gesehen, und daraus ist mir die Ueberzeugung geworden, daß die Presse in Bezug auf Dankbarkeit und Zuverlässigkeit eine Ausnahmestellung einnimmt."
* Ostelbisches. Die jüngst erschienene Bearbeitung der deutschen Kriminalstatistik für die Jahre 1897 bis 1898 enthält eine Sondertabelle, die nach kleineren Verwaltungsbezirken fcst- stellt, wie viel von je zehntausend strafmündigen Civilpersonen im Durchschnitt der Jahre 1883 bis 1897 jährlich wegen Diebstahls vernrtheilt wurden. Im ganzen Reiche wurden in der ge-
Fast einen Monat hat, wie bemerkt, der Transport in Anspruch genommen, und ca. 70 Pferde mußten denselben bewerkstelligen. Nach Ablauf dieser Zeit befanden sich die drei Städte 12 bi's 13 Kilometer von ihrem ehemaligen Standort entfernt und bildeten längs der neuen Linie die ersten Straßen einer Stadt, die mit der Zeit eine größere Bedeutung erhalten dürfte. Schon jetzt ist der Platz voll Leben und Bewegung, gedeiht nach Wunsch, und die Bewohner der drei kleinen Städte bedauern es garnicht mehr, daß die Elsenbahnstrecke diese Richtung genommen, da sie sich nun zu einem größeren Gemeinwesen vereinigt haben und jede Chance vorhanden ist, daß ihr Besitz mit der Zeit einen weit höheren Werth erhalten wird, als dies wohl sonst je der Fall gewesen wäre.
Ob man in Europa je auf ein derartiges Auskunftsmittel verfallen wäre? Ja, ob es, nun uns das Beispiel Seitens der Vereinigten Staaten gegeben, je zur Anwendung kommen dürfte?
Im Allgemeinen kann sich ein derartiger Fall bei uns wohl kaum ereignen, weil die Regierung, wenn sie die Konzession zur Anlage einer neuen Bahnstrecke giebt, resp. wenn, wie dies in Deutschland ja nun fast ausschließlich der Fall, der Staat eine solche plant, er natürlich in erster Linie das Gesammt- intercsse im Auge hat und eine Linie, die den Ruin bestehender Orte herbeiführen könnte, nie gestatten, resp. errichten würde. In Amerika walten derartige Rücksichten nicht vor. Jeder kennt da eigentlich nur das eigene Interesse, das er, ohne rückwärts oder neben sich zu schauen, verfolgt, und dies ist zum L.heil der Grund der Riesenerfolge, die dort erzielt werden. Daß wir dies zum Muster nehmen sollten, kann wohl kaum Jemand wünschen, ab«r, ohne so weit zu gehen, wie die Uankees, können wir von ihrer Kühnheit, ihrem Wagemuth etwas lernen, wenn wir sie dann auch in etwas gemäßigterer Weise zur Anwenduna bringen.
