i Beilage Min Wiesda-ener Tagdlatt.
No. ^27. Morgen-Ausgabe.
(4. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Dnulrle Wege.
Noma» vou Weintzokd Hrtman».
Wahrscheinlich würde sie ihm auch das Ziel der beabsichtigten Reise nicht verschwiegen haben, ivenn nicht die Mntter ihr ans das Entschiedenste verboten hätte, es zu nennen.
„Wir hätten ihn möglicher Weise sogleich aus den Fersen", erklärte sie, „diesem rabiaten Menschen ist ja am Ende Alles zuzutrauen. — Öcifr es also meine Sorge sein, ihm darüber mitzutheilen, >vas ihm zu wissen gut ist."
Diese Mittheilung aber bestand darin, daß sie ihm schrieb, ein in Rußland lebender Verwandter habe sie und ihre Tochter in den dringlichsten Worten an sein Krankenlager gerufen.
• „Das Czarenreich ist ja so groß", dachte sie, .und bis er sich darin mnde gesucht hat, wird seineLeidenschast wohl hinlänglich abgekühlt sein, um uns in Ruhe zu lassen."
Die für Evas Aussteuer bestimmt gewesenen vier- bundertDollars fügte sie, wenn auch mit schwerem Herzen, dem Briefe bei. Auf die Post aber trug sie ihn erst am Morgen des Tages, der der letzte ihres Aufenthalts in Amerika sein sollte. Denn sie hielt es für rathsam, daß eine möglichst große Entfernung zwischeir ihr und Gabor Kerenyi lag, wenn er die unerwartete Absage erhielt.
III.
Respektvoll begrüßte der Bahnhofsvorsteher zu Nen- stadt deii hochgewachseneii alten Herrn, der beiui ersten Anschlägen des Signaltelegraphen aus dem Wartesaal des Stationsgebäudes auf den Bahnsteig hinausgetreten
war.
, „Gehorsamer Diener, Herr Sanitätsrath! Der junge Herr Doktor konmit also wirklich heute zurück?"
Bejahend neigte der Gefragte das weiße Hauvt, dessen bartloses, lebhaft geröthetes Antlitz man für das eines Geistlichen hätte halten können, wenn nicht die strengen, beinahe harte,: Züge um Mund und Augen solcher Ber- rnuthung widersprochen hätten.
„Auch Sie haben es schon gehört? — Es ist seltsam, wie schnell sich Alles herumspricht in so einer kleinen Stadt. . Ja, er konunt zurück, um hier ein paar Wochen der Erholung zu verleben."
„Die er sicherlich rechtschaffen verdient hat. Es muß doch eine große Freude für Sie sein, Herr Sanitätsrath, Ihren Sohn lebendig und gesund wieder zu sehen. Sie haben sich in diesen letzten Jahren gewiß oft genug um ihn geängstigt."
„Geängstigt? Waruni? — Der Beruf eines Arztes, mein werther Herr Messerschmidt, ist an den, eilten Ort genau so gefährlich wie an deiil anderen. Ob er hier in Neiistadt einen Thphnskranken behandelt oder im Krankenhause zu Bombay die Cholera studirt, kommt so ziemlich auf eins heraus. Man macht nur niehr Aufhebens von den Leuten, die auf dergleichen Abenteuer Ausziehen, lind unter den strebsamen jungen Medizinern ist es ja so eine Art von Sport geworden heutziitage."
Es war fast wie ein Klang von Gereiztheit in seiner trockenen, harten Stinune. Er selbst, der seit beinahe vierzig Jahren in Neustadt praktizirte, hatte sich allerdings niemals auf derartige Abenteuer eingelassen. Und er meinte, der Menschheit darum doch nicht minder Werth- volle Dienste geleistet zu haben, als jene strebsamen Mediziner, von denen er mit einem merklichen Anfluge von Sarkasmus gesprochen.
„Ja, ja, die jungen Leute wollen von sich reden macheil", stimmte der gefällige. Stationsvorsteher zu. „Und schließlich ist es ja auch ganz hübsch, seinen Ramm
Mittwoch» de« 17. Juli.
"ls den eines heldenmüthigen Forschers in den Zeitungen zu lesen, während man eigentlich nur auf Staatskosten eine interessante Reise geniacht und sich ein schönes Stück Welt angesehen hat. Wie lange ist denn der Herr Doktor Rüdinger nun so int Ganzen fortgewesen?"
„Es sind genau drei Jahre, daß ich ihn nach seinem letzten kurzen Besuche hierher aus den Bahnhof begleitete. Cr konnte damals nicht darauf rechnen, mich bei seiner Rückkehr noch, am Leben zu finden."
„O, Herr Sanitätsrath — bei Ihrer Rüstigkeit und jugendlichen Frische! — Aber die Frau Räthin ist allerdings inzwischen hinüber gegangen. Das jährt sich nun wohl schon, wenn ich nicht irre."
„Meine Frau starb vor achtzehn Monaten. Aber da kommt der Zug. Schicken Sic mir doch, bitte, den Gepäckträger, damit wir keinen unnützen Aufenthalt haben."
Leicht mif seinen Stock gestützt und in ettvas gebeugter Haltung inachte er zwei oder drei Schritte gegen den nahenden Zug. Dann aber richtete ec sich ftraff empor und blieb unbeweglich sieben, mit seiner hohe,,/ breitschulterige!,. Gestalt noch immer ein Bild ungebrochener Kraft. Seine scharfen Augen glitten spähend über die Fenster der langsam vorüberrollenden Wagen hin. Aber in seinenl strengen Antlitz veränderte sich keine Linie, als er m einer schon halb geöffneten Coupöthür den nach so langer Trennung Heimkehrenden erblickte. Er ging ihm auch nicht entgegen, sondern stand lvie aus Stein gehauen, auf seinem Platze. Nur die Hand, die die Elfenbeinkrücke des Stockes umfaßt hielt, zitterte ein wenig, und ein tiefer Atheinzug hob seine mächtige Brust.
„Vater, lieber Vater!"
Eine frische, volltönende Männerstimme hatte es mit dem Klange hellster Herzensfreude über das Fauchen der Lokomotive und das Knirschen der Räder hinweg gerufen. In elastischem Sprunge hatte der junge Passagier den Wagen verlassen, und mit ausgestreckten Händen eilte er auf den Sanitätsrath zu.
„Da hast Du mich, Vater! Ach, tvie ich mich freue, Euch wiederznsehen — Dich und die Heiniath!"
Er hatte wohl die Absicht gehabt, den alten Hern, zu umarmen; der aber kam ihm zuvor, indein er ihm seine Rechte zu ruhigerer Begrüßung entgegen hielt.
„Willkommen, Hartwig! Ist Dein Handgepäck noch im Wagen?"
_ Er hätte nicht gelassener sprechen können, wenn sein Sohn nach einer Abwesenheit von wenig Tagen heiinge- kehrt wäre, lind für einen Moment spiegelte sich's wie Betroffenheit auf dem blondbärtigen, sonnengebräuuten, etwas schnialwangigen Antlitz des Ankömmlings. Aber der Ausdruck der Enttäuschung blieb nicht länger als für einen einzigen flüchtigen Augenblick in seinen Zügen. Dann sagte er frisch und heiter tvie zuvor:
„Wahrhaftig, das hätte ich in der Aufregung fast vergessen, lind es sind doch so kostbare Dinge in dem kleinen Koffer. Ich eile schon, ihn zu holen."
„Gieb mir den Gepäckschein, damit ich das klebrige besorge! Das Verweilen auf dem zugigen Bahnsteig ist nicht zuträglich für Deine Gesundheit."
„O, ich bin kerngesund, Vater! Das bischen Fieber ist längst überwunden."
„klm so besser — obwohl Du nicht danach aussiehst. Vor den, Stationsgebäude hält Ouielitz mit dem Wagen. Da treffen wir uns wieder." —
Als Doktor Hartwig Rüdinger, mit Plaidtasche und Handkoffer beladen, an die altmodische Kutsche herantrat, griff der grauhaarigeMann auf den, Bock an seinen Hut.
„Guten Tag, Ouielitz! Ich freue mich, daß Sie auch da sind, mich heimzuholen."
„Na, wer sollt' es denn anders thun, Herr Hartlvig.
49. Jahrgang. 1901.
Es fährt ja doch den Herrn Sanitätsrath tveiter keiner
als ich."
Der Mann war offenbar verwundert über den Klang von Herzlichkeit in der Begrüßung des Doktors! Er mochte in den zwanzig Jahren seiner Dienstzeit bei Sebald Rüdinger dergleichen nicht allzu oft gehört haben. Hartwig aber sagte nichts weiter, sondern machte eine Miene, seinem Vater beim Einsteigen behülslich zu sein. Beinahe rauh tvehrtc der Sanitätsrath ab.
„Was kommt Dir in den Sinn! Muß ich nicht täglich oft genug aus- und einsteigen, ohne das; mir Jemand hilft? Gieb Deinen Handkoffer auf den Bock zu denk klebrigen. Und dann vorwärts, Ouielitz."
Der Angernfene knallte mit der Peitsche, und die Räder knirschten durch den Sand. Eine Minute lallg blieb es still im Wagen, daun brach der junge Arzt das Schweigen.
„Sage mir vor Allem, lieber Vater, wie geht es Dir — mit der Gesundheit, meine ich. Du hast mir in der langen Zeit nicht ein einziges Mal darüber geschrieben."
„Was hätte ich Dir denn auch schreiben sollen? Du siehst ja, ich befinde mich ausgezeichnet. Jünger bin ich. inzwischen natürlich nicht geworden."
„Und Margarethe? Ich habe vergebens gehofft, sie zu nieinem Einpfang auf dem Bahnhof zu sehen. Sie ist doch nicht krank?"
„Durchaus nicht! Sie ist nicht eine Stunde krank gewesen in diesen drei Jahren. Aber sie hielt es nicht für schicklich, mich zu begleiten, lind ich konnte ihr darin nur Leistimmen. Du siehst sie im Hause ja früh genug."
Hartwig ließ das geschlossene Wagenfenster zu seiner Linken nieder und beugte sich vor, mn die von der herein-, gebrochenen Dämmerung schon in trübe, graue Schleier, eingehüllten Straßen des alten Städtchens besser zu sehen. Denn sie hatten den kurzen Weg bis zu den ersten Häusern von Neustadt zurückgelegt, und die Braunen griffen schneller aus, sobald sie das wohlbekannte holprige Pflaster unter ihren Hufen spürten.
„Das liebe alte Nest! Wie oft habe ich mich unter dein Himniel Kleinasiens und Indiens nach ihm gesehnt! Ach, wenn ich doch noch Alles wiederfinden dürfte, was ich damals verließ!"
„Du findest Alles — bis auf Deine Mutter. Sie hat allerdings nicht auf Deine Rückkehr warten können. Du bliebst ihr zu lange. Aber sterben ist Menschenloos. Und es ist gut so. Denn wir schwerfälligen Alten sind Euch hirnmeistürmenden Feuerköpfen schließlich ja doch nur überall im Wege."
„Die Mutter wäre mir wohl niemals im Wege gewesen, Vater", erwiderte der junge Mann, un5 eine tiefe Bewegung zitterte in seiner Stimme. „Ich werde nie den trostlos traurigen Tag vergessen, an dem ich die Nachricht von ihrem Tode erhielt. Damals haßte ich mich selbst, weil ich es übers Herz gebracht hatte, so weit von ihr hinweg zu gehen, daß ich nicht einmal an ihr Sterbelager eilen konnte."
„Ich hatte Dich bei Deiner Abreise darauf vorbereitet, wenn ich mich recht entsinne."
Hartwig antwortete nicht, und sie legten den kurzen Rest ihres Weges in tiefem Schweigm zurück. Um die fröhliche Stimmung des jungen Arztes aber schien es vorläufig geschehen. Denn als der Wagen vor dem düsteren, spitzgiebligen Hanse am Markt hielt, das er während der schweren, an Mühsal und Gefahren überreichen Jahre im Wachen wie im Träumen so oft als einen Gegenstand innigster Sehnsucht vor sich gesehen, war sein Gesicht tiefernst, und langsam, wie mit ungewissem Zaudern, verließ er nach seinem Vater das Gefährt.
(Fortsetzung folgt.)
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