1. Beilage junt Mesbllüener Tagblntt
Uo. 323. Morgen-Ausgakr.
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(3. Fortsetzuiig.) (Nachdruck ücvbotcu.)
Dunkle Wege.
Noma» von Yciiihold Grtmann.
Mit einem Seufzer nahm Eva das Blatt wieder auf und fuhr fort:
„Wie sollen Sie denn auch dazu kommen, die pietätvollen Gefühle für mich zu hegen, an die Sie mich glauben machen wollen? Wir haben einander nie gesehen, und auch zwischen Ihrem verstorbenen Manne und mir haben niemals innige Beziehungen bestanden. Wenn ich jetzt einfach Ihren Wunsch erfüllte, so würden Sie ja vielleicht vorübergehend etwas wie Dankbarkeit , empfinden; aber diese Empfindung würde sich bei der ersten Gelegenheit, wo ich Ihnen die unausbleibliche weitere Bitte abfchlagen müßte, in einen desto tieferen Groll verwandeln. Darum, werthe Frau, lassen Sie mich aufrichtig und ohne Umschweife reden."
„Nun, ich meine, er wäre bis dahin schon aufrichtig genug gewesen", sagte Frau Martorel mit einem höhnischen Auflachen. „Ist es denn noch viel, was er mir ohne Umschweife zu sagen hat?"
„Noch niehr als zwei Seiten, Mama! Und ich bitte Dich von Herzen —"
„Nein, nein, ich will es erfahren. Und auch für Dich kann es nur lehrreich sein. Vielleicht wirst Du die edle Handlungsweise Deines Verlobten besser zu würdigen Küssen, ivenn Du siehst, wie sich unser nächster Blutsverwandter gegen uns beniinmt."
Gehorsam senkte Eva aufs Neue das Köpfchen.
„Ich glaube nicht an Ihre Freundschaft; aber dieser Zweifel schließt keineswegs die Möglichkeit aus, daß wir noch recht gute Freunde werden können."
„Ha ha! Wir sind, wie mir scheint, auf dem besten Wege dazu, mein tverthec Herr Satzenhoven!"
„Ich übersende Ihnen einliegend eine Anweisung auf tausend Dollars, aber-"
Mit einem Aufschrei riß die Schauspielerin ihrer Tochter das Blatt aus der Hand.
„Wo — wo steht das? Und wo ist die Anweisung? Mein Gott — das Blatt, das vorhin herausfiel! Da ist es. Wahrhaftig — ein Check — tausend Dollars —- zahlbar an Frau Martorel. O, mir schwindelt! Und von diesem Manne konnte Dein Vater als von einem hartherzigen Geizhals reden."
Leuchtend hingen ihre schönen dunklen Augen an dem inhaltsschweren, länglichen Papierstreiscn. Und plötzlich drückte sie ihn zärtlich an die Lippen. Eva aber wurde roth, als hätte sie etwas gesehen, das ihr Schamgefühl verletzte, und mit bebender Stimme sagte sie:
„Möchtest Du den Brief nicht erst zu Ende hören, Mama? Noch wissen wir ja gar nicht, welche Bewandt- niß es mit diesem Gelde hat."
„O, welche Bewandtniß es auch damit haben mag, jedenfalls ist es mein. Und ich verzeihe dem wunderlichen alten Hern: im Voraus alle Unhöslichkeiten, die er rnir etwa noch zu sagen hat. Aber wenn es Dir Vergnügen nracht, so lies meinetwegen zu Ende."
„-aber ich knüpfe daran eine Bedingung, in
dem Vertrauen, daß Sie ehrenhaft genug sein werden,
Dienstag» den 16. Juli.
das Geld nicht zu erheben, wenn es Ihnen aus irgend einem Grunde unmöglich scheint, diese Bedingung zu erfüllen."
„Was ist das? — Was um des Himmelswillen kann er von mir verlangen?"
, „Ein Theil der übersandtenSumme mag dazu dienen, Sic aus Ihren Schulden und sonstigen Widerwärtigkeiten zu befreien. Der Rest aber soll für Sie und Ihre Tochter die Reisekosten nach Deutschland bestreiten. Denn meine Bedingung besteht darin, daß Sie unverzüglich hierher kommen, ohne jeden Aufenthalt und mit der ersten Schisfsgelegeuheit, die sich Ihnen bietet. ----- Ich habe meinen Wohnsitz vor Kurzen: von Friedland hierher verlegt und biete Ihnen unter gewissen Voraussetzungen, über die lvir uns indessen nur mündlich verständigen könnten, ein dauerndes Heim in den: schönen geräumigen Landhause, dessen Eigenthümer und alleiniger Bewohner ich bin. Finden lvir Gefallen an einander, und sind Sie bereit, aus meine besonderen Wünsche einzugehen, so kann ich Ihnen auch noch mehr als die bloße Gewährung einer Gastfreundschaft in Aussicht stellen, denn ich bin'wohlhabend und ein bejahrter, kränklicher Mann. Derjenigen aber, die sich mir im Leben angenehm und nützlich gemacht haben, lverde ich natürlich in meinen letztwilligen Verfügungen vor allen Anderen gedenken."
„Er wird uns zu Universal-Erbinnen einsetzen, Eva! Wir werden reich sein — reich! O, endlich ein'Sonnenstrahl des Glücks nach dieser langen Trübsal! — Ist der Brief noch nicht aus?"
„Gleich, Mama! — „Was ich verlange, ist wenig. Wenn es Sie nicht schreckt, ein stilles, zurückgezogenes Leben zu führen und einem armen Kranken liebevolle Pflegerin zu sein, werden Sie und Ihre Tochter sich hier recht behaglich fühlen können. Gehen Sie also mit sich zu Rathc und theilen Sie mir, wenn Sie meine Bedingungen erfüllen wollen, telegraphisch den voraussichtlichen Zeitpunkt Ihrer Ankunft mit. Im anderen Falle erwarte ich die Rücksendung des bei gefügten Checks. Mit freundlichem Gruße Martin Satzenhoven."
Frau Martorel sah auf die Uhr.
„Glaubst Du, daß die Office der Dampfschiffs- Gesellschaft schon geschlossen ist, Eva? Wir könnten uns dann gleich nach der besten Fahrgelegenheit erkundigen und unserem Wohlthäter noch heute telegraphiren."
„Aber Mama! Du denkst doch nicht im Ernst daran, diese Einladung anzunehmen?"
„Ja, ivas denn sonst? — Hast Du etwa erwartet, daß ich sie ausschlageu würde?"
„lind Gabor, der uns nach Ablauf einer Woche in Denver envartet?"
„O, er niuß sich in daS Unabänderliche finden. Dieser Brief unseres Verwandten hat eine Situation geschaffen, auf die wir unmöglich gefaßt sein konnten, als wir den Antrag dieses Herrn Kerenyi annahmen. — Um der mehr als bescheidenen Zukunft willen, die er Dir zu bieten hat, können wir doch unmöglich unser sicheres Glück verscherzen."
„Du meinst also, daß wir uns einfach aus dein Staube machen sollen wie zwei Betrügerinnen. Nein, Mama! Dazu gebe ich meine Einwilligung nicht."
„Wie? Und noch vor einer Stunde wolltest Du
49. Jahrgaua. 1901.
lieber sterben als die Frau dieses armseligen Musikanten werden? Scheint er Dir jetzt, wo Du von ihm befreit werden sollst, mit einem mal so über die Maßen liebens- werth?"
„Nein, gewiß nicht! Aber eine solche Flucht wäre feige und unwürdig. Gabor würde uns mit Recht verachten, >venn wir das thäten."
„Nun, so mag er doch! Seine Verachtung wird uns nicht umbringcn. Und im Grunde hätte er dazu nicht einmal das mindeste Recht. Er hat unsere Nothlage ausgenutzt, um sich Deinen Besitz zu sichern, wahrscheinlich in der Hoffnung, durch Deine Stimme später tausendfach schadlos gehalten zu werden. Es war ein Wuchergeschäft •— ein richtiges Wuchergeschäft. Und huudertinal schon habe ich bitter bereut, daß ich in einer schwachen Stunde meine Zustimmung dazu gegeben."
Immer tveiter hakten sich in grenzenlosem Erstaunen die Augen des jungen Mädchen geöffnet.
„Aber Mama! So hast Du bisher niemals über mein Verlöbnis; mit Gabor gesprochen."
„Durfte ich es denn, mein Kind? Durfte ich Dich aufS Neue dem Elend oder vielleicht noch Schlimmerem preisgeben, indem ich Deine Illusion zerstörte und Dich dadurch gleichsam zwang, dieses unnatürliche Bündnih zu lösen? Gott allein weiß, wie viel heiße Thränen ich in meinen schlaflosen Nächten darüber geweint habe! Und nun, da uns der Himmel selbst den rettenden Ausweg zeigt — nun sollten wir uns auch nur einen Augenblick bedenken, ihn zu gehen?"
Eva war noch keineswegs überzeugt, aber die emphatische Beredsamkeit ihrer Mutter fand eine so wirksame Unterstützung in dem heißen Freiheitsverlangen ihres eigenen, während dieser schrecklichen letzten Wochen fast zu Tode geängstigten Herzens, daß ihr Widerspruch immer schwächer und zaghafter wurde.
Immerhin kam es an diesen: Abend noch zu keiner Entscheidung, und während Frau Martorel sehr bald, nachdem sie ihre Lagerstätte ausgesucht hatte, in jenen sanften und festen Schlummer siel, der bisher all ihren thränenvollen Nächten eigenthümlich gewesen tvar, kämpfte das arme, noch halb kindliche Geschöpf, das sich da vor eine so schwere Entscheidung gestellt sah, bis gegen den grauenden Morgen hin einen verzweifelten Kamps, dessen Ausgang bei ihrem unüberwindlichen Grauen vor Gabor Kerenyi freilich von Anfang an nicht zweifelhaft sein konnte.
Als an: nächsten Morgen ihre Mutter die Reise nach Deutschland wie etwas ganz Selbstverständliches und un-' widerruflich Beschlossenes behandelte, erhob Eva keine Einwendungen mehr. Aber sie saß stundenlang an dem wackeligen, schlecht beleuchteten Tisch des Wohnzimmers, um den Brief zu vollenden, der Gabor Kerenyi von der Vereitelung seiner Hoffnungen in .Kenntnis; setzen sollte. Sie suchte in diesem Briefe nicht nach Ausflüchten und sie belog ihren Verlobten nicht. Ihr ganzes Herz schüttete sie vor ihm aus und verschwieg nichts von den grausamer: Kämpfen und Leiden ihres freudlosen Brautstandes. Ihr Geständniß war ein rührender Appell an seine Großmuth und seine Ritterlichkeit ein kindlick inniges Flehen um seine Verzeihung.
(Fortsetzung folgt.)
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