I. Mlirgr Mm Wiesbnüener Tuglilntt.
Wo. 323. Worgett-Ansgabr.
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{2. Fortsetzuna.) (Nachdruck verboten.)
Dunkle Wege.
Nomau von Aeintzokd Grtmann.
Tödtlich erschrocken, als ob er ihr etivas Entsetzliches vngekündigt hätte, sah sie zu ihm ans.
„Aber wir — wir haben doch noch gar keine Vorbereitungen treffen können, Gabor!"
„Dazu bleibt noch Zeit genug, auch wenn wir uns schon in vier Wochen trauen lassen, statt in drei oder vier Monaten, wie es verabredet war. . Ich fahre noch heute nach Denver, um uns da ein trauliches Nest herzurichten. Und Deine Mutter besorgt inzwischen hier, was ihr für die Aussteuer erforderlich scheint. Viel braucht es ja nicht zu sein, denn wir sind glücklicherweise keine Vander- bilts oder Goulds. Kn einer Woche, denke ich, könnt Ihr mir folgen."
Eva erwiderte nichts-mehr; aber Frau Martorcl erklärte sich statt ihrer mit Allem einverstanden, was kkerenyi beschließen würde. Ihren aufmerksamen Augen warmicht entgangen, daß der Musiker in einem Monient, wö^er sicher war, von Eva nicht gesehen zu werden, einen Briefumschlag unter das auf der Komode stehende Nähkörbchen geschoben hatte. Es war das seit Wochen der Weg, auf dem er ihr seine Geldgeschenke zukomnien ließ. Und da er von der Besorgung einer Aussteuer gesprochen hatte, zweifelte sie nicht daran, daß es sich diesmal um eine größere Summe handelte. Ihr Benehmen gegen den zukünftigen Schtviegersohn wurde dadurch keineswegs ungünstig beeinflußt/ und sie ivnßte ihn in eine so lebhafte Unterhaltung über die Erfordernisse des zu begründenden Hausstairdes zu verwickeln, daß Evas Schweigsamkeit ihm vielleicht weniger auffiel, als es Wohl unter anderen Umständen der Fall gewesen wäre. Als er sich Plötzlich erinnerte, daß er noch eine Menge von Vorbereitungen für seine Reise zu treffen habe, war es so spät geworden, daß der Abschied schon aus diesem Grunde ein sehr eiliger sein mußte. Frau Martorel versprach, daß sie zur Abfahrtszeit des,Zuges mit Eva auf dem Bahnhofe sein werde, und das' junge Mädchen stuldete wie vorhin mit der widerstandslosen Hingebung eines Opferlammes seinen feurigen Scheidekuß.
V II.
„Ein registrirtcr Brief für Frau Martorel!" sagte der Postbote, der fast unmittelbar hinter den beiden vom Bahnhof zurückkehrenden Damen die Treppe des Logir- hauses hinanfgeskiegen war. «Wollen Sie dicGüte haben, die Empfangsbescheinigung zu unterschreiben?"
Mit einer nicht sehr geläufigen Handschrift leistete die Schauspielerin der Aufforderung Folge, und neugierig musterte sie daun den mit Stempeln und kleinen Zetteln reichlich ausgestatteten Brief.
„Aus Deutschland", sagte sie, „und mit den: Aufgabestempel Neustadt? Von wem kann das kommen? Jedenfalls weder von einen: Theaterdirektor noch von einem Agenten. Nun, etwas Gutes wird schwerlich darin sein — wahrscheinlich eine vergessene Rechnung oder dergleichen."
Sie warf den Brief uneröffnet auf den Tisch, und
Sonntag» Ken 14. Juli.
nachdem sie Hut und Jucket abgelegt, hatte sie ihn augenscheinlich bereits vergessen.
„Ehrlich gesprochen, liebe Eva", sagte sie, „ich habe eben auf dem Bahnhof Deinen Verlobten aufrichtig bewundert. Es fehlte ja nicht viel, daß Du Dich vor allen Leuten geweigert hättest, ihn zum 'Abschied zu küssen."
„Ich wollte nicht unfreundlich gegen ihn sein, Mama! Aber manchmal ist eö mir wirklich ganz unmöglich, seine Zärtlichkeit zu ertrage»."
„Ein Mann, der Dich weniger liebte als er. 'würde solche Behandlung kaum so geduldig hinnehmen, llnd einige Betrübniß über die Trennung hättest Tu ihm wohl auch zeigen können. Schließlich ist es doch eine sehr weite Reise, und man kann nienials wissen, was auf diesen tollen amerikanischen Eisenbahnen geschieht."
„Mein Gott, ist es denn noch immer nicht genug der Hcuckielei und der Lüge? Tu würdest mich.wahrscheinlich nicht obendrein mit Vorwürfen peinigen, meint Du wüßtest, wie ich unter diesen ewigen Unwahrheiten und Verstellungen leide!"
„Am liebsten wäre Tir's natürlich gewesen, wenn es ein Abschied gewesen wäre auf Nimmerwiedersehen. Und ich glaube fast,' Gabor hat Deine Empfindungen ziemlich richtig errathen. Er sah so finster und traurig aus, der arme Mensch, als er uns zum letzten Mal aus dein Wagenfenster zuwinktc. Und doch hat er's wahrhaftig nicht um Dich verdient. Ich habe wohl unrecht daran ge- than, Dir nicht vor diesem Abschied zu sagen, wie groß- müthig und freigebig er sich heute wieder gezeigt hat. Vierhundert Dollars für Deine Aussteuer — das ist bei seinen bescheidenen Verhältnissen wirklich eine recht anständige Summe."
„Geld und immer nur Geld! Mein Leben lang werde ich die schreckliche Empfindung haben, daß er mich gekauft hat."
Sie hatte schon wieder das Taschentuch an den Augen. Ungeduldig zuckte Frau Martorel mit den Achseln. _ lind da ihr Blick zufällig auf den eingeschriebenen Brief auS Deutschland fiel, griff sie rasch danach in der Hoffnung, daß er ihr wenigstens einen Anlaß gewähren werde, das Gespräch auf andere Dinge zu lenken. Ohne viele llm- stände riß sie den Umschlag herab. Als sie das darin liegende, eng beschriebene Blatt entfaltete, flatterte ein kleiner Zettel zu Boden. Aber es ivar ihr zunächst nicht einmal der Mühe werth, sich danach zu bücken, vermuth- lich, iveil sie ihn für die Rechnung hielt, die sie nach zahllosen Erfahrungen in jedem eingeschriebenen Briefe argwöhnte.
- Ihr.erster Blick galt der Unterschrift. Aber als sie die verschnörkelten Züge entziffert hatte, kam. ein Ausruf ungekünstelter Ueberraschung von ihren Lippen.
„Martin Satzenhoven! Ter Oheim Deines Vaters, Eva! Er läßt sich also doch noch herbei, mir zu antworten! Wahrhaftig, darauf hatte ich nicht mehr gerechnet!"
„Ja, hattest Du ihm denn überhaupt geichrieben, Mama?"
„Natürlich! Als unser einziger Verwandter hatte er doch vor Allem die Pflicht gehabt, uns in unserer Bedrängnis; beizustchen. O, ich habe sie ihm beweglich genug geschildert, um ein Herz von Stein zu rühren."
49. Jahrgang. 1901.
„Aber wir kennen ihn doch gar nicht. Und ich erinnere mich recht gut, daß Papa stets in Ausdrücken der Abneigung und der Geringschätzung voll ihm gesprochen."
„Ich lveiß nicht, ob er wirklich eine so triftige Ursache dazu hatte.' Jedenfalls wäre es klüger und praktischer gewesen, wenn er sich mit diesen: Verwandten auf einen guten Fuß gestellt lzätte^ Denn nach Allen«, was ich gehört habe, ist Martin Satzenhoven ein reicher Man«:. Aber Dein Vater war eben in manchen Diitgen sein Leben lang wie ein eigensinniges Kind."
Eva schwieg und ihre Mutter niachtc sich daran, der Brief zu lesen. Aber sie fand sich mit der altmodische» und zitterigen Schrift nicht zurecht.
„Lies Du, mein Kind!" sagte sie. „Laut natürlich -- denn ich bi» doch nieugierig, nnt welchen Ausflüchten dei alte Filz es entschuldigen will, daß er uns so schmählich im Stich gelassen."
Und Eva trat in den Lichtkreis der Lampe, um dein Befehl ihrer Mutter zu gehorchen. Mit ihrer lieblichen, weichen Stimme, die seit dem Tage ihres Verlöbnisses mit Gabor Kereuhi immer einen so merkwürdig müden Klang hatte, las sie:
Wcrsthe Frau Martorel!
Ihr Schreiben erreichte mich heute mit sehr erheblicher Verspätung, denn es war nach Friedland, meinen: früheren Wohnort, adressirt, und da ich mich in der letzten Zeit meist auf Reisen befunden habe, gelangte es erst vor einigen Tagen nach mancherlei Irrfahrten in meinen Besitz. Ich habe mit Bedauern gelesen, daß Sie sich iir Noth befinden, kann aber nicht umhin, zu bemerken, daß ich Ihren: verstorbenen Manne, meinen: Neffen, dieses Schicksal seiner Familie schon bei seiner etwas^ leichtfertigen Verheirathnng vorausgesagt hatte. — Soll ich wirklich noch weiter lesen, Mama?"
„Ter Unverschämte!" fuhr Frau Martorel auf. „Er vertveigert seine Hülfe und schreibst nur obendrein noch Grobheiten. Aber nur iveiter! Ich möchte doch wissen, ob es in derselben Tonart bis zu Ende fortgeht!"
„Er schlug damals meine Warnungen in den Wind, lind ich habe in den achtzehn Jahren, die seitdem vergangen find, nichts weiter von ihm gehört, als d:e. Nachricht von seinem Tode. Bei der Weitläufigkeit unserer so- genannten Verwandtschaft werden Sie mir ohne Weiteres zugeben, werthe Frau, daß vo«: einer rechtlichen oder moralischen Verpflichtung, Sie zu unterstütze«:, für mich nicht die Rede sein kann. Und die Erfahrungen eines langen Lebens haben mich gelehrt, die Versicherungen freundschaftlicher Empfindungen, sobald sie mit einer Bitte um Geld verknüpft sind, einigermaßen misstrauisch zu betrachten."
„Was für ein Grobian!" fiel d:e beleidigte '«chau- spielerin ein. „Wahrhaftig, Dein Vater hatte Recht, «nit Verachtung von ihn: zil sprechen." ,
So laß uns den Brief verbrennen, Mama, oh«:e ihn erst zuEnde zu lesen. Weshalb willst Dil die Demüthigung bis zun: Grunde ailskosten?"
£i, es hört's ja Niemand außer ni:s beiden. Um- wenn ich ihm, wie es doch selbstverständlich ist, in einer aepfefferten Antwort gründlich meine Meinung sagen soll, muß ich doch zmrächst Alles wissen, ivas er sich zu Mu-eilie» erdreistet." (Fortsetzung folgt.)
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