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} (Nachdruck Verbote«.)

Slavische Leidenschaft.

Roman von Janiek <Lesue»r.

Autoriklrte llebersetzung aus dem FrumumiDen von Malafie Ztümefin.

- Heirathen würde sie billig daran geben, weil

fle der Ansicht ist, daß der Verkehr der beiden Geschlechter untereinander durch die Unterschrift eines Priestes oder em^ Standesbeamten weder sittlicher noch unsittlicher werden kann. Da aber die Heirath in Amerika nur eine, wenn auch eingeschriebene, so doch völlig freie Vereinigung rst, will Fräulein Kavetchine geruhen, diesen Fortschritt anzuerkennen, indem sie von ihm Gebrauch macht.

Niemand, der sie ihre freien Ansichten erörtern hört, wird re glauben, daß sie nicht die Geliebte Krilovskys auch nie war. Herr von Bränaz war uner- fchutterlich davon überzeugt, und doch ist nichts daran. Noch smd diese sonderbaren Verlobten nur ein Braut- paar. Soiria Kavetchine, die zwei Jahre lang die tiefsten Tiefen der europäischen Gesellschaft stridirt und zwei wertere ^zahre in der moralischen Hölle der sibirischen Staatsbergwerke mit Sträflingen zusammen gearbeitet ftitt m die Ehe so rein und keusch wie ein junges Mädchen, das an der Schwelle des Brautgemaches zum ersten Mal von der Mutter allein gelassen wird. Die Kraft ihres Geistes und die Wärrne ihrer Nächstenliebe Haben sie vor den Gefahren derEinbildungskraft bewahrt «• Ar Stolz und ihre Schamhaftigkeit haben sie vor den Versuchungen des Fleisches geschützt. Sergius Kri- lovsky hat sie hochgehalten, weil er das ganze Weib in ihr liebt, das kluge und keusche Weib, in dem er kein Genuß- mittel erblickt dessen mißachtete Seele unter den Lieb­kosungen des Mannes verdirbt oder sich gegen dieselben eniport.

Weder Sergius noch Sonia halten sich für besondere Helden. Rußland kommen derartige Verbindungen häufig vor. Die Studenten und Studentinnen leben in Petersburg m den nämlichen Stadtvierteln, in den näm- uchen Hausern, ja fast in den nämlichen Stuben als gute Kameraden zusammen, ohne daß irgend eine Unzuträg- uchkert dadurch entsteht.

Diese jungen Slaven mit ihren feurigen Gedanken und ihrem ruhigen Blut legen inehr Werth auf Verstand l und Charakter, als auf die Geschlechtlichkeit. Sie sind keine verfallende, sondern eine werdende Rasse: bei ihnen hat das Fleisch die Seele noch nicht geknechtet. Sergius Krilovskys pflegt häufig zu sagen: „Es ist besser, man hat ein ^deal — und wäre es das düstere Ideal eines Revolutionärs —, als daß man sich nur in sein „Ich" versenkt und seine Thätigkeit im Leber: darauf beschränkt, sich neue Genüsse zu verschaffen.

'9. !

w • Jahre sind seit dem Tod von Nikolaus Feodoro- witsch verflossen.

Nur einige Wochen sind es her, daß die Hochzeit der

Gräfin Miranoff mit dem Marquis von Brdnaz gefeiert worden ,st. In einer kleinen byzantinischen Kirche iin Regierungsbezirk Woronesch — in einer kleinen Kirche mit schwerem Bogengewölbe und verblichenen Goldnialereien — hatte die Trauung stattgefunden. Auf den von der Zeit geschwärzten Vetschemeln haben einst die Ahnen Nadjas gekniet; als kleines Mädcher: hat sie selbst auf dieser Holzbank gesessen und sich währerrd des langen Gottesdienstes mit Weiser Miene und auf das ewige Licht gerichteten Blicken in die Wunderwelt kindlicher Träume versenkt, und sich alle möglichen, entzückenden Zukunfts- bilder vorgegaukelt, wie sie bei zehnjährigen Kindern durch zweideutige, ihnen unverständliche Worte hervor- gerufen werden. Der Pope, der Nadjas zweiten Ehebund einsegnete, ist noch derselbe, der sie vor dreiundzwanzig Jahren getauft hat.

Als die schlichte Feier zu Ende war, begab sich das Neuvermählte Paar ins Schloß zurück. Wie oft hatte sie von emer solchen Stunde geträumt ohne zu hoffen, daß sie ;e kommen würde!

Heute berauschte sie ihr Glück, indem sie jene theuren Träume bis in die kleinste Einzelheit zu verwirklichen suchte. Als sich der Nachmittag zu Ende neigte und die ersten Schatten den Park zu verdunkeln begannen, wollte ste Hubert auf den nämlichen Wegen an den Teich führen, m denen sie damals in ihrer Einblidung mit ihm ge­wandelt war.

Er folgte ihr willig und ließ sich an der Hand fuhren j die Landschaft war ihm gleichgültig; er hatte nur Smn für die Augen und das Lächeln dieser Frau, der er sich nun endlich mit seinem ganzen Wesen, nüt Sinnen, Herz und Verstand hingeben konnte, ohne die Ueberraschungen und die Leiden des vergeblichen Be- gehrens scheuen zu müssen. Der Kampf mit sich selbst war nun zu Ende und er fühlte sich mit Wonne bezwungen von seiner siegreichen Leidenschaft. Kaum vermochte er es über sich, die Nacht, diese bräutliche Nacht herauf­kommen zu lassen, die ihre Schleier mit so grausamer Langsamkeit auszubreiten begann! . . .

Als Nadja, auf ihren Gatten gelehnt, am Ufer des Teiches stand, wurden sie von weichem Dämmerlicht um- hüllt, das sie in ihren Träumen gesehen hatte. Sie be­trachtete die blassen, ineinander fließenden Farben des Abendhiinmels, die unbeweglichen Umrisse der Bäume und das metallische Blinken des theilweise mit grau­grünen Pflanzen bedeckten Wasserspiegels.

Thränen des Glückes sttegen ihr vom Herzen zu den Augen enrpor, als sie flüsterte: „Es ist ganz so."

Nun beugte sich Hubert zu ihr nieder und sagte ihr ins Ohr: „Ich liebe Dich sehr, Nadja . . . Laß uns hmeingehen!"

Sie lächelte erröthend, schlug ihre großen, feuchten Augen zu ihm auf und erwiderte: „Noch nicht! Gieb mir zuerst Deine Hand!"

„Da hast Du sie."

„Nein, nicht die rechte Hand ... die linke!"

„Hier", sagte er belusügt, denn er erwartete irgend eine verliebte Kinderei.

,Sieh", sagte Nadja, daneben Dein Giftring! ich nicht dulden!"

.hier ist Dein Ehering und dicht Eine solche Nachbarschaft kann;

„Dann stecke ich den Ring an die rechte Hand."

„O nein, wenn Du nüch liebst, brauchst Du ihn nie mehr. Behalte ihn nicht! Ich fürchte mich vor ihm!"

„Ich werde ja thun, tvas Du willst, Nadja. Aber sch lege Werth auf diesen Ring und lege Werth darauft: ihn zu tragen. Er ist nie von meiner Hand gekommen, seit ich ihn in dieser Weise habe fassen lassen."

Nadja lächelte schelmisch. ^

„Wirklich? . . . Niemals?"

„Nur einige Tage lang, während ich im Delirium lag. Der Arzt fürchtete irgend eine im Fieber begangene Un­vorsichtigkeit und zog ihn mir vom Finger."

„Der Arzt?" wiederholte Nadja.

„Ja, der Doktor Berger-Ricard."

Nadja sah ihren Gatten an. Sie hatte ihm ihren Besuch an seinem Krankenbett, im Hause des Park-Auf- sehers, wo sie geglaubt hatte, für immer von ihm Abschied zu nehmen, noch nie eingestanden . .' . Ach, jener schreck- liche Augenblick! . . . Die Erinnerung daran schmerzte und ergriff sie so tief, daß ihre Heiterkeit erstarb. Zstternd warf sie sich an Huberts Brust.

„Was hast Du, mein Liebling?" •

Nun schilderte sie ihm die trüben, an jenem Schneetag verlebten Stunden, und wie er so blaß in seinen Kissen gelegen, und was für entsetzliche Worte er gesprochen hatte . . . Sie stöhnte bei dem bloßen Gedanken daran ... Sie flüsterte mit vor Angst fast erstickter Stimme. Leidenschaftlich drückte er sie an sich: „Ach, wenn ich das gewußt, wenn ich Dich erkannt hätte!"

Als er erfuhr, daß sie, Nadja, es gewesen war, oie ihm den Ring abgenommen hatte, zog er ihn vom Finger und legte ihn in ihre Hand.

„Bist Du nun zufrieden? Mache mit ihm, was Du willst!"

„Wirklich? . . ." fragte sie.

Getröstet und wieder fröhlich trat sie einige Schritte zurück. Schön und geheimnißvoll hob sie sich in ihrem weißen Kleid von dem rosig und golden schimmernden Wasser ab; den Ring hielt sie gleich einem Symbol hoch empor.

„Du schenkst mir diesen Ring? Er gehört also mir?" In Bewunderung versunken, neigte er nur das Haupt.

Nadja wandte sich ein wenig um und schleuderte mit den: Aufgebot ihrer Kräfte den vergifteten Ring so weit als möglich hinaus in den Teich.

Einen Augenblick noch sah man den goldenen Ring m letzten Widerschein der untergehenden Sonne funkeln und dann in der leuchtenden Wasserfläche versinken. Schwarze Kreise zogen sich auf der erbleichenden, spiegeln­den Fläche zusammen und verloren sich in den langen Weiden am Ufer . . .

Nun wandten sich Hubert und Nadja nach dem Hause zurück.

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